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Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Brückenbauer

Gedankenschnipsel à la Gonca

Gonca Mucuk glaubte, die Türkin in ihr besiegt zu haben – sie kam nie mehr zu spät. Doch dann wurde sie rückfällig. Wie es dazu kam, schreibt sie in ihrer Brückenbauer-Kolumne.

VONGonca Mucuk

 Gedankenschnipsel à la Gonca
Die Autorin ist 1976 in Korbach geboren und im Alter von sechs Monaten mit ihrer Familie nach Köln gezogen. Aus diesem Grund und der Tatsache, dass ihre Eltern aus den unterschied- lichsten Ecken der Türkei stammen, bezeichnet sie sich selbst als Kölnerin mit doppeltem Migrationshinter- grund. Als direkt gewähltes Mitglied des Kölner Integrationsrates (2004-2009) begann sie sich politisch mit dem Thema Integration auseinander- zusetzen. Seit den Kommunalwahlen 2009 führt sie dies als Integrationspo- litische Sprecherin der SPD-Fraktion im Kölner Stadtrat fort und sitzt zudem im Jugendhilfeausschuss und bis vor kurzem im Ausschuss für Schule und Weiterbildung. Die alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen befindet sich beruflich im Aufbau ihrer Agentur Namens codeswitcher | Büro für interkulturelle Kommunikation. Sie schreibt für das Forum der Brückenbauer, ein multieth- nisches und multikonfessio- nelles Netzwerk von Führungskräften aus Migrantenverbänden, die sich in vielen Kommunen, auf Länder- und Bundese- bene für Integration engagieren. Hervorgegang- en ist das Forum aus dem Teilnehmerkreis des Leadership-Programms der Bertelsmann Stiftung für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen. Das Forum versteht sich als visionärer, multiperspekti- vischer Impulsgeber zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der allen Menschen klar ist: „Es geht um die eine Gesellschaft, in der wir alle leben! Es geht um unsere gemeinsame Zukunft!“

DATUM19. April 2012

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Ich bin dran mit dem Schreiben. Und wie immer bin ich zu spät… Diesmal mit der Abgabe dieser Kolumne… Dabei hasse ich es, zu spät zu sein, doch passiert mir dies in letzter Zeit wieder häufiger. Ich sage „wieder“, da ich mir durch jahrelanges Training das Zu-Spät-Kommen und Fristen-Nicht-Einhalten fast abgewöhnt hatte. Ich hatte es tatsächlich geschafft, diesbezüglich „die Türkin“ in mir zu besiegen… Doch manchmal wird man rückfällig. Es gibt Umstände im Leben, die längst abgelegte Gewohnheiten wieder aufblühen lassen, oder aber ganz neue ungeahnte Seiten und Verhaltensweisen in Einem ans Tageslicht befördern.

Nun denn, einer der Gründe für die Verspätung ist die Freiheit, selbst entscheiden zu können, worüber ich schreiben darf. Ich meine es gibt so unendlich viele Themen, die mich interessieren, zu denen ich gerne meine Meinung äußern würde oder aber fachkundig bin. Wie soll ich mich da entscheiden und zu Potte kommen? Ja, die Freiheit ist ein kostbares aber auch verantwortungsforderndes Gut.

Ursprünglich hatte ich einige Themenvorschläge eingereicht, doch das Brückenbauer-Redaktionsteam überließ den AutorInnen selbst die Themenwahl. Und eigentlich hatte ich vor einigen Wochen schon mit dem Schreiben angefangen… Eigentlich..
Ein Sammelsurium an Presse-Headlines und Vorurteilen, alles im Bezug auf „unser Kernthema“, der Integration. Thematisch ist da ja eine große Vielfalt geboten! Die Medienberichte, die Politik, aber auch der schlichte Alltag als BürgerIn mit Migrationshintergrund bietet uns jeden Tag etlichen neuen Stoff. Ob es die aktuelle und im Höchstmaß fragwürdige Gratis-Koran-Verteilung in unseren Städten ist oder aber die Tatsache, dass für die Opfer der NSU-Morde nun Gedenktafeln aufgestellt werden sollen und die erste Tafel für die getötete Polizistin -die rein zufällig Deutsche war – aufgestellt wurde. Aber auch die nicht mehr enden wollende Debatte über die integrationsunwilligen Muslime oder das Buch des Herren S. nicht zu vergessen, die massenhaft zwangsverheirateten Frauen oder gar Mädchen und natürlich auch die steigende Kriminalität durch Migranten-Jugendliche. Ein weiteres immer wiederkehrendes und beliebtes Thema ist, der Zwang für bestimmte Personengruppen Deutsch zu lernen, beispielsweise die türkisch- oder arabischsprachigen. Die Englischsprachigen müssen nicht… Ach ja, zu guter Letzt der permanente Trugschluss, dass Integration nur durch Bildung möglich wäre und dann aber auch gesichert sei… ts ts ts…

Ich könnte noch zig Beispiele und die dazugehörigen Gegenargumente liefern, könnte unendlich darüber debattieren und mache dies auch immer wieder. Nicht gern, aber eben immer wieder…

Ich will es aber in diesem Kontext sein lassen. Denn die MiGAZIN-LeserInnen und meine KollegInnen von den Brückenbauern kennen die gesamte Debatte in und auswendig und den meisten hängt es auch schon zum Halse raus. Der Begriff Integration und dessen inflationärer Einsatz ist kaum noch zu ertragen. Aber auch, dass Integration meistens mit Migration gleichgestellt wird und Vielfalt sich überwiegend auf die ethnische oder religiöse Vielfalt bezieht und die Vielfalt an sich innerhalb unserer Gesellschaft völlig außer Acht gelassen wird, ist für mich unverständlich und nervt mich zunehmend. Es gibt in unserer Gesellschaft eben nicht DEN Deutschen oder DEN Migranten oder DEN Schwulen oder DEN Behinderten oder oder oder… Die Lebensformen und -realitäten sind so vielfältig wie Menschen nun mal sind, unabhängig vom Geschlecht, der sexuellen Orientierung, der ethnischen und auch der sozialen Herkunft. So einfach ist das.

Allerdings muss ich hier darauf hinweisen, dass dies auch eine Art Luxus-Diskussion ist, die wir führen. Ja, es gibt nämlich tatsächlich weitaus wichtigere Dinge im Leben als über die gelungene oder misslungene Integration zu debattieren. Beispielsweise das Sichern der eigenen Existenz. In Zeiten in denen die Armut in unserem eigentlich so reichen Land immer größer wird und vor allem Kinder und alleinerziehende Frauen und RentnerInnen davon betroffen sind, gibt es keinen oder kaum Platz für solche Gedankengänge.

Da geht es vielmehr darum, wie man es schafft, die nächste Miete zu begleichen, oder am Monatsende Lebensmittel einzukaufen, oder aber die Klassenfahrt für das Kind zu bezahlen und so weiter und so fort… Um es in einem Satz zu sagen: Es geht ums Überleben.

Ein weiterer Grund für die verspätete Abgabe der Kolumne ist der Erfolgsdruck, den ich mir gemacht habe. Was schreibst Du? Wie schreibst Du? Wirst Du auf ein politisches Thema eingehen? Wirst Du Deinen Artikel mit vielen vielen Fremdwörtern schmücken, um möglichst intellektuell rüber zu kommen? Wird man Dich überhaupt lesen und wenn ja wird es den LeserInnen gefallen? Fragen über Fragen, die natürlich dazu verleiten, sich noch weitere Gedanken um den Inhalt und die Form der Kolumne zu machen. Schließlich möchte man -nein ich- möchte ja nicht schlecht wegkommen… Aber darf man diese Bedenken überhaupt so formulieren und veröffentlichen? Letztendlich habe ich mich entschlossen, das was ich schreiben wollte und so wie ich es schreiben wollte und zwar ganz aus meiner Laune heraus zu schreiben und hoffe, dass es gelesen wird.

Und der letzte aber nicht unerheblichste Grund ist schlichter Zeitmangel. Als Alleinerziehende mit zwei Kindern, die sich mitten im Aufbau ihrer Agentur befindet und dann noch ein politisches –wohlgemerkt ehrenamtliches- Mandat ausführt, ist das kostbarste Gut die Zeit. 24 Stunden für einen Tag sind einfach zu wenig.

Die Rahmenbedingungen für die Vereinbarung von Familie und Beruf sind schlecht in unserem Land. Rahmenbedingungen für die Vereinbarung von Alleinerziehenden und dem Beruf und dann noch einem politischem Ehrenamt sind schlichtweg nicht mal gegeben. Ohne meine Familie und Freunde, also meine persönlichen Netzwerke, könnte ich das gar nicht bewerkstelligen. Und dennoch gibt es Tage, an denen es nicht so wie geplant läuft, dann verschieben sich eben auch Zeitpläne für die Abgabe von Kolumnen.

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21 Kommentare
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  1. Sugus sagt:

    @ Ralleff
    „dass die Zahl der positiven Integrationsbeispiele (darüber wird nur selten berichtet) die der negativen (darüber wird wesentlich häufiger berichtet) deutlich überwiegt. Das ist aber so, wie die steigenden Zahlen türkischer Gymnasiasten und Studierender belegen.“
    Damit ist nichts über die Loyalität ausgesagt, die für die Integration viel wichtiger ist als Bildung. Es werden 1930 auch mehr Inder in Großbritannien studiert haben als 1870.


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