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Viel Lärm um nichts?

Koran-Verteilung in deutschen Innenstädten

Die Schlagzeilen über die geplante Aktion, bei der Gratisexemplare einer deutschen Koran-Übersetzung an Passanten verteilt werden sollten, erwiesen sich am Samstag nicht nur in Norddeutschland als viel Lärm um nichts. Flop oder genialer PR-Coup?

VONKatharina Pfannkuch

 Koran-Verteilung in deutschen Innenstädten
Die Autorin hat in Kiel Islamwissenschaft (B.A.) sowie in Leipzig Arabistik (M.A.) studiert und Berufserfahrung u.a. in einer internationalen Kanzlei in Dubai/VAE gesammelt. Seit 2008 arbeitet sie als freie Mitarbeiterin für Zeitschriften wie die afrikapost, Africa Positive und Arab Forum (v.a. zum Thema Islamic Finance) und hat während ihrer Zeit in Leipzig in der Redaktion der Zeitschrift des Orientalischen Instituts, al-Ain, mitgearbeitet. Momentan promoviert sie zum Thema Islamische Versicherungen im deutschen Rechtsraum.

DATUM16. April 2012

KOMMENTARE6

RESSORTGesellschaft, Leitartikel

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So leidenschaftlich und zumeist oberflächlich die öffentliche Debatte war, die sich an den Schlagzeilen über die geplante Verteilung von deutschsprachigen Koranausgaben entzündete, so ernüchternd war am Samstag die Realität in vielen Fußgängerzonen – und deren Darstellung in den Medien. In über 30 Städten beabsichtigten Anhänger der Salafiya, den Koran an Passanten zu verteilen, hieß es vorab in der Berichterstattung. Die von Ibrahim Abou-Nagie geplante Aktion führte zu hitzigen und bisweilen hysterischen Diskussionen, an denen sich nicht nur offizielle und selbsternannte Verfassungsschützer, Politiker, Islamwissenschaftler und solche, die sich für Islamexperten halten, beteiligten. Die üblichen Verdächtigen verhalfen durch ihren öffentlich geäußerten Argwohn dem Initiator und seiner Aktion zu bundesweiter Beachtung. Vertreter katholischer Jugendorganisationen tauschten sich in sozialen Netzwerken darüber aus, dass den Koran-Verteilern in spe bereits vor der eigentlichen Aktion ein gigantischer PR-Coup gelungen sei, der unbedingt nachgeahmt werden solle, um mit der Bevölkerung in Kontakt treten zu können und um mediale Aufmerksamkeit zu generieren.

Diese mediale Aufmerksamkeit wurde der Aktion und den Salafisten durchaus in hohem Maße zuteil – der Kontakt zu Bevölkerung und die eigentliche Aktion, der Verteilung von Koran-Exemplaren, blieben jedoch in vielen Städten im Norden Deutschlands aus: Weder in Hamburg noch in Bremen oder Kiel wurden Koran-Übersetzungen verteilt. In Hamburg und Kiel waren eine derartige Aktion oder ein Infostand gar nicht erst angemeldet worden, wie die dortigen Polizeistellen am Samstag angaben. Die BILD-Zeitung meldete am Nachmittag, dass auch in Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, Mainz und Wiesbaden keine Aktionen stattfanden. Dennoch war im Radioprogramm des Norddeutschen Rundfunks, NDR Info, am Samstagabend die Rede von Infoständen in „rund drei Dutzend deutschen Städten“, an denen Koran-Ausgaben verteilt worden seien – dass in drei der wichtigsten Städte des Sendegebiets weit und breit keine Anhänger der Salafiya zu sehen waren, wurde vornehm unterschlagen. Stattdessen wurde aus der Fußgängerzone Hannovers berichtet, wo mehr als 800 Exemplare der Gratis-Ausgabe des Koran an Passanten verteilt worden seien.

Die enorme Wirkung der medialen Berichterstattung im Vorfeld war am Samstag auch in der Kieler Innenstadt zu spüren: Die suchenden Blicke der Passanten in der Fußgängerzone der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins, die sich ihren provinziellen Charakter seit Jahrhunderten liebevoll bewahrt, laufen ins Leere. „Nirgendwo Terroristen“ raunt ein älterer Herr seinem Gesprächspartner zu, die beiden wirken fast enttäuscht. Da im Mai in Schleswig-Holstein Landtagswahlen anstehen, ist die Stadt zwar reich mit Infoständen bestückt, aber es sind nur die Parteien, die um Aufmerksamkeit buhlen. Ein Mittvierzieger überreicht seiner Gattin stolz eine der gelben Rosen, die am Stand der FDP verteilt werden: „Ein Wahlkämpfer ist doch auch nur eine Art Missionar – aber diese hier verteilen wenigstens was Nützliches“, sagt er lächelnd. Die Kieler Nachrichten hatten ihren Lesern am Morgen noch empfohlen, wie mit einem Koran-Exemplar umzugehen sei, das einem angeboten werde: Dieses dürfe man keinesfalls in den nächsten Mülleimer werfen, da sich Muslime dadurch beleidigt fühlen können, vielmehr solle man das Exemplar in der nächstgelegenen Moschee abgeben. Der Gedanke, das Frei-Exemplar einfach abzulehnen, schien dem Redakteur offensichtlich ebenso abwegig wie jener, die Koran-Übersetzung zu lesen.

Auf welche diffusen Ängste und Stereotype die mediale Berichterstattung über islamistische Gruppierungen noch immer bei Teilen der „ur-deutschen“ Bevölkerung trifft, wird an den Reaktionen der Passanten auf einen Infostand am Rande des Geschehens deutlich: Eine Gruppe kurdisch-stämmiger Aktivisten verteilt Flugblätter, die über den Hungerstreik von Inhaftierten in der Türkei informieren. „Meinst du, das sind diese Extremisten, die den Koran verteilen?“ fragt eine Passantin ihre Begleitung, während sie auf die Aktivisten zeigt. Schwarze Haare, dunkler Teint, eine Frau trägt ein Kopftuch – und die Assoziation „Extremist“ steht im Raum? Dies ist eins der Resultate der so oft undifferenzierten und plakativen Berichterstattung, in der mit –ismen nur so um sich geworfen wird. Ein weiteres, in diesem Fall festzustellendes Resultat ist die erfolgreiche PR-Strategie von Ibrahim Abou-Nagie, dessen Name nun bundesweit bekannt ist. Auch das Für und Wider der kostenlosen Verteilung religiöser Schriften werden nun öffentlich diskutiert.

Am Rande der Fußgängerzone der Kieler Innenstadt stehen an diesem Samstag auch zwei Zeugen Jehovas, die den Wachtturm anbieten. Kaum einer der Passanten beachtet die beiden. Sie sehen nachdenklich aus – womöglich überlegen sie, mit welcher Aktion sie demnächst bundesweit Schlagzeilen machen könnten.

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6 Kommentare
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  1. MoBo sagt:

    Mein Vater war an dem Wochenende in Hannover und hat erzählt, dass Leute die nicht nach Salafisten aussahen, die Menschen gefilmt haben, welche zum Stand gingen, um sich einen Koran zu holen.

    Ganz schön beunruhigend.

  2. aloo masala sagt:

    Viel zitiert und insgesamt der CDU zugeschrieben werden die folgenden Worte des Fraktionsstellvertreter der Union Günter Krings :

    “Wo immer es möglich sei, müsse die aggressive Aktion gestoppt werden. Zwar sei gegen das Verbreiten religiöser Schriften prinzipiell kaum etwas einzuwenden, es komme aber auf den Absender an. Die radikale Gruppe der Salafisten stören mit ihrem “aggressiven” Vorgehen den religiösen Frieden in unserem Land.”

    Ich kenne mich mit Salafismus nicht aus. Was ich aber weiß ist, dass die Salafisten keine verbotene Organisation sind. Somit genießen die Salafisten die gleichen Rechte und Pflichten wie jede andere Organisation in Deutschland. Das ist ausgerechnet für diejenigen kaum auszuhalten, die das Grundgesetz am grellsten auf ihre Fahnen gepinselt haben und dieses regelmäßig mit oberlehrerhaften Gehabe von den Einwanderern einfordern.

    Ähnlich wie bei der NPD, die fragwürdige CDs an Schüler verteilt brechen die Sprachrohre der Nation wieder in die üblich gespielte Hysterie aus, um sich mit ihren aufgeblasenen Backen der Empörung bei den eigentlich Hysterischen dieses Landes anzubiedern. Das dabei ‚radikal‘ und mit ‚aggressiver‘ Rhetorik die Verletzung des Gleichheitsprinzips eingefordert wird ist nur nebensächlich. Denn allein der hehre Zweck das Grundgesetz vor dem Koran zu schützen gestattet es uns, es zu unterhöhlen. Es gehört nun einmal in einer Demokratie dazu, dass man die NPD als auch geschmacklose Mohammed Karikaturen erträgt. Nur Heuchler picken sich die Rosinen heraus und glauben, dass das Grundgesetz nur für Muslime aber nicht für einen selbst zu gelten hat.

  3. MoBo sagt:

    @ Aloo Masala: Der Vergleich mit der NPD und den fragwürdigen CDs würde eher passen, wenn die NPD zum Beispiel Wagner CDs oder patriotische Texte verbreitet, also Medien die sie für ihre Ideologie missbrauchen aber die auch von vielen anderen unverdächtigen Bürgern geachtet werden.

  4. Socke sagt:

    und? Ob nun Rechtsextremisten oder Islamisten – beides sind verfassungsfeindliche Subjekte die eine überholte Ideologie in die Köpfe der Menschen bringen wollen. Beide haben in Deutschland gemordet.

    Wenn irgenwo ein NPD-Infostand ist wird doch auch sofort von Antifa, einem „breiten zivilem Bündins“ und sonstigem Schwachsinn eine Gegen-Demo/Veranstaltung ins Leben gerufen und „gestört“ (auch mit Gewalt) was geht.

    Ich akzeptiere weder die eine noch die andere Gruppe. Aber „ihren Quatsch verbreiten“ sollten beide dürfen. Ich fand schon die Verteilung von „Rock-Bibeln“ auf dem letzten Wacken-Open-Air etwas merkwürdig, es haben sich auch eine Menge Leute daran gestört aber prinzipiell ist das einfachste – ignorieren. Wenn mir einen einen Koran, eine Bibel oder eine andere Massenvernichtungswaffe in den Briefkasten oder die Tasche steckt, dann entsorge ich den einfach in der nächsten Rundablage.

  5. aloo masala sagt:

    @mobo

    ich wollte nicht die npd mit den salafisten vergleichen sondern die hysterie, die regelmäßig ausbricht, wenn eine gruppe am rand der gesellschaft es tatsächlich mal wagt hörbar zu rülpsen.

    ich denke man sollte sich da mal besser die BILD zeitung vorknöpfen, die anlässlich ihres 60-ten jahrestages eine ausgabe kostenlos an alle haushalte verteilen möchte. dieses schundblatt trägt mit „aggressiver“ rhetorik dazu bei, gruppen und personen für ein breites publikum in den abgründen menschlicher zu verankern (muslime, arbeitslose, hartz iv empfänger usw)

    @socke
    der kern der sache ist, dass jeder koran, bibel oder grundgesetz aber niemand verfassungsfeindliche pamphlete oder massenvernichtungswaffe verteilen darf. was aber nicht geht, dass einige auserwählte koran, bibel oder GG verteilen dürfen andere aber nicht gut genug dafür sind. diese willkür ist mit dem gleichheitsprinzip nicht vereinbar.

  6. Socke sagt:

    @aloo masale – für mich ist jede religilöse Schrift eine Masenvernichtungswaffe. IN jeder die ich gelesen habe (viele, die Thora nicht) ging es letzten Endes um Tod und Verderben und darum das eine bestimme GRuppe in den Himmel komme, eine ander nicht.
    Gleichzeitig wird besonders im Koran die „Erhabenheit“ des Gottes un der Gläubigen besonders in den Vordergrund gerückt, mit den vielen Hinweisen dass die Ungläubigen nichts wert sind und daher auhc vernichtet werden können. Ja, es gibt auhc Stellen wo etwas anderes steht, darum gehts aber nicht.

    In diesem Sinne wiedersprechen eigentliche alle Schriften unserer Verfassung, denn die sollte einzig auf RATIONALEN Gedanken und Sichtweisen fassen , und nicht einem wie auch immer geartetem „Überirdischem“ huldigen.

    Daher könnte man auch sagen weder Bibel noch Koran noch Wachturm, noch Scientology-Schriften sollten verteilt werden dürfen.
    ABER: Auch wenn es eine krude Sichtweise ist (Religion), so dürfen die die natürlich haben. Aber nur solange wie sich mich damit nicht belästigen oder versuchen an der bestehenden Ordnung etwas zu ändern. In diesem Fall sind Gesetze die die religion über etwas anderes stellen (Arbeitsrecht z.B.) eigentlich schon nicht akzeptabel. Wenn einer meint er muss Muslim sein darf er das, dann soll er sich aber nicht in einer Brauerei bewerben.
    Wenn einer meint er muss Christ sein darf er das – sollte sein Kreuz aber in der Schule ablegen oder „unter der Kleidung“ tragen.



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