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Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Günter Grass' Gedicht

Was gesagt werden muss!

Was mehr Entrüstung in Deutschland auslöst als Fluglärm in Frankfurt oder die Beleidigung des Islam, ist allgemein gesehen jedwede Kritik an Israel. Dies hat nun auch der Nobelpreisträger Günter Grass zu spüren bekommen.

VONHakan Demir

 Was gesagt werden muss!
Ist seit Februar 2011 Redakteur beim MiGAZIN. Er studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Trier.

DATUM5. April 2012

KOMMENTARE32

RESSORTAktuell, Meinung

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Schriftsteller sind schon eine Klasse für sich. Sie reihen für gewöhnlich in zusammengegeizten Stunden Schattenstrich für Schattenstrich aneinander und formen ein gutes oder minder gutes Werk. Die meisten von ihnen bleiben allenfalls wenige Jahre bekannt und liegen alsbald ganz unten in den Bücherregalen.

Charakter eines Schriftstellers
Doch die ganz wenigen unter ihnen, deren Anliegen es ist, die gegenwärtigen Gesellschaftszustände zu kritisieren, werden zum Teil mit Ruhm und Ehre bedacht und auch nach ihrem Ableben womöglich von vielen Generationen weiterhin gelesen. Günter Grass gehört zu den Letzteren: Der Nobelpreisträger hat in seiner Karriere selten ein Blatt vor den Mund genommen, wie es sich auch für einen Schriftsteller und Dichter gehört, der nach Wahrheit strebt.

Wenn er immer das gesagt hätte, was die Gesellschaft dachte, oder die Schreiberlinge der großen überregionalen Zeitungen, so wäre er wohl kaum ein ausgezeichneter Schriftsteller geworden. Er muss daher auf eine unangenehme Art angenehm bleiben. Dass er auch in einigen Aspekten falsch liegen kann, gehört hier zum Berufsrisiko.

Vor diesem Hintergrund ist sein neuestes Gedicht „Was gesagt werden muss“ — an diesem Mittwoch erschienen — zu bewerten. Darin bezeichnet er Israel als Gefahr für den Weltfrieden und das iranische Volk mehr oder minder als Opfer der israelischen Aggression. Dafür wurde er von allen namhaften Politikern der Bundesrepublik – ganz gleich welcher politischen Richtung – gerügt.

„Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.“

Atomkonflikt
Das Gedicht ist natürlich eine Verklärung der Tatsachen. Im Hinblick auf den Iran kann man mutmaßlich davon ausgehen, dass das Land nach Atombomben strebt und nicht allein als Opfer zu verstehen ist. Allerdings ist aus machtpolitischen Gründen das Streben nach einer Atomwaffe durch den Iran sogar verständlich, da auch Israel völkerrechtswidrig Atombomben besitzt (im Übrigen käme hier niemand auf den Gedanken, Inspekteure der Internationalen Atomenergiebehörde in das Land zu schicken, um dies zu prüfen).

Denn jedes Land strebt nach Existenzsicherheit und fühlt sich bald bedroht durch einen unmittelbaren Nachbarn, der Atomwaffen besitzt. Auch der Iran, der starken Rhetorik zum Trotz, ist ein Staat, der sich durch Israel bedroht fühlt und auf eine Machtbalance hinarbeitet, die schlimme Folgen haben kann, wenn Israel angreift.

Nur ein Weltverbesserer
Denn ein Krieg würde eine massive Destabilisierung des ohnehin angeschlagenen Nahen und Mittleren Osten bedeuten. Dennoch kündigte Israels Premier Benjamin Netanjahu bereits einen baldigen Militärschlag für den Fall an, dass Verhandlungen mit dem Iran zu keinen Ergebnissen führen.

Und genau diese Möglichkeit eines Krieges will Günter Grass mit seinem Gedicht verhindern. Er will mahnen, dichterisch und doch mit der Härte eines jeden Wortes. Antisemit ist er darum noch lange nicht, genauso wenig wie er ein bekennender Freund des Iran oder gar des Islam ist. Er ist lediglich ein Weltverbesserer und -kritiker, der seine Sprache nutzt zum Trotz aller vermeintlichen Konventionen.

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32 Kommentare
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  1. Antonia sagt:

    Es ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist, wie Nietzsche über das Ressentiment sagte, ein Dokument der „imaginären Rache“ einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation. Gern hätte er, dass jetzt die Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel denn kritisieren dürfe. Die Debatte aber müsste darum geführt werden, ob es gerechtfertigt ist, die ganze Welt zum Opfer Israels zu machen, nur damit ein fünfundachtzigjähriger Mann seinen Frieden mit der eigenen Biographie machen kann.

    [http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/eine-erlaeuterung-was-grass-uns-sagen-will-11708120.html]

  2. Was gesagt werden muss! sagt:

    Wer irgendetwas gegen Israel sagt, ist ein Nazi dieses Volk hat aus seiner eigenen Vergangenheit in der NS Zeit nicht gelernt sie sperren die Palästinenser ein sie bombardieren in den siebziger Jahren eine Atomkraft Werk im Irak. Über all wo sie hinkommen müssen sie erstmal über ihre schlimme Vergangenheit weinen. Seit dieser Start Israel besteht, ist in dieser Region kaum Frieden möglich. Drüber sollten sie mal nachdenken. Dieses Jammerland Israel. Was sie eventuell verkehrt machen.

  3. SchuPo sagt:

    „Was mehr Entrüstung in Deutschland auslöst als Fluglärm in Frankfurt oder die Beleidigung des Islam, ist allgemein gesehen jedwede Kritik an Israel. Dies hat nun auch der Nobelpreisträger Günter Grass zu spüren bekommen. “

    Lügen in die Welt zu setzen hat mit Kritik nichts zu tun, Herr Demir.

  4. zarus sagt:

    Sonst wird sich hier über jedwede Kritik an muslimischen Communities als rassistisch gebrandmarkt.

    Wenn ein ehemaliger SS-Mann ein zutiefst antisemitisches „Gedicht“ schreibt ist das „Israelkritik“. Ein sehr, sehr selektive Wahrnehmung.

    Zum Inhalt des Gedichtes:

    Besonders dieser Teil seiner Polemik finde ich zutiefst widerwärtig:

    „Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
    dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
    empfinde ich als belastende Lüge
    und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
    sobald er mißachtet wird;
    das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.“

    Welches „allgemeine Verschweigen“? KEINE (o,oooo%) Regierung der Welt hat Israel Unterstützung bei einem Präventivschlag versprochen, noch einen solchen gutgeheißen und in den deutschen Massenmedien gibt es vielleicht eine Handvoll Journalisten, die einen solchen befürworten.

    Was aber noch viel abartiger ist, ist die Aufopferungsattitüde, die sich Günther Grass selbst zuteilt. Man der traut sich was, der traut sich Israel zu kritisieren und das trotz der horrenden Gefahr als Antisemit zu gelten, „man wird jawohl noch sagen dürfen..“.

    Als wenn die Darstellung des 8-Millionen-Stattes Israel als größte Bedrohung des Weltfriedens, nicht längst Mainstream wäre und als wenn er durch seine „kritischen“ Äußerungen irgendwelche Konsequenzen zu befürchten hätte!

    Welche denn? Welche Konsequenzen sollen das sein? Befürchtet GraSS, dass jüdische Extremisten Rache nehmen könnten? Fürchtet er sich vor den jüdischen Mobs, die durch die Straßen ziehen und vermeintliche Antisemiten umbringen? Oder vielleicht auch nur eine jüdische Verschwörung, dass Herr Wiesenthal ihm den Altenheimplatz streitig machen könnte?

    Nein, wahrscheinlich wird er noch Preise kriegen, wie viele linke Menschenhasser, die sich von ihren braunen Kameraden nur dadurch unterscheiden, dass sie ihren Antisemitismus und Hass nicht offen aussprechen, sondern ihn in intellektuell anmutende „Gedichte“ verpacken.

    Wie Grass über Menschen denkt, die wirklich ihr Leben für Meinungsfreiheit aufs Spiel setzen, lässt sich übrigens hier nachlesen:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/karikaturenstreit-grass-kritisiert-karikaturen-als-gezielte-provokation-1305672.html

    Ich schließe mit einem Zitat ab:

    „Ich bin immer noch links, die sind nicht mehr links. Die Linke ist autoritär und totalitär geworden. Es ist kein Zufall, dass in Ostdeutschland viele NPD-Sympathisanten die Linkspartei wählen, weil sie ihre autoritären Inhalte in der Linken wiederfinden und wissen, die Stimme ist nicht verschenkt – während Stimmen für die NPD im Gully landen. Es gibt keine Linke mehr in Deutschland. Wenn Sigmar Gabriel oder Gesine Lötzsch, links sein sollen, dann möchte ich mit denen noch nicht einmal im selben Intercity sitzen. Ich bin links, die nicht.“

    ———

    Von Josef Joffe und Broder ( ja ich weiß nicht gerade der sachlichste Journalist) gibt es gute Artikel zu dem Thema

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israel

    http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article106152894/Guenter-Grass-Nicht-ganz-dicht-aber-ein-Dichter.html

    Auch zu dem Thema ganz interessant ist der Artikel „Die Endlösung der Israelfrage“

    http://www.welt.de/politik/ausland/article13903849/Die-Endloesung-der-Israel-Frage.html

    „Da die palästinensischen Terroristen aufgrund gewisser Bildungsdefizite nicht imstande waren, Juden von Nichtjuden anhand der Namen in den Pässen zu unterscheiden, übernahm der deutsche Terrorist Wilfried Böse – nomen est omen – diese Aufgabe. Als ihm einer der jüdischen Passagiere seine auf den Unterarm eintätowierte KZ-Nummer zeigte, soll Böse gesagt haben, er sei kein Nazi, sondern ein „Idealist“.“

  5. Thomas sagt:

    Es ist meiner Meinung nach ein Unterschied ob man sich verteidigen will/muss um zu überleben(Israel) oder ob man Waffen einsetzt um zu vernichten und einem Jüdischen Staat die Daseinsberechtigung abspricht. (Iran) Ich glaube nicht, dass Israel eine Gefahr für den Iran ist. Es würde nie den Iran angreifen wenn es sich nicht durch die Worte und Absichten der dortigen Regierung bedroht fühlte.

  6. Cengiz K sagt:

    ..Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
    weil ich der Heuchelei des Westens
    überdrüssig bin..

  7. Glaubwürdigkeitsproblem sagt:

    GraSS hat leider ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn er über Israel herschwadroniert. Es stimmt, viele Deutsche können „den Juden Auschwitz nie verzeihen“, und gerade GraSS, der zu lange geschwiegen hat (über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS, bis er sich den Nobelpreis endlich erschlichen hatte, den er sonst sicher nicht mehr bekommen hätte), versucht hier nur, seine eigene Geschichte wohlfeil reinzuwaschen, indem er die Opfer von damals – und es waren damit ja auch SEINE Opfer – zu den Tätern von heute hochjazzt. Die Probleme Israels mit all seinen Nachbarn sind hochkomplex, zu viele der Akteure in den Eliten auf beden Seiten spielen ihr eigenes Spiel, als dass das klassische schwarz-weiß-Bild von Opfern hier und Tätern noch funktionieren könnte – bis auf die unbeteiligte Zivilbevölkerung hüben wie drüben, die noch in jedem Krieg schon immer der Verlierer war (und da macht dieser singuläre Konflikt dann eben doch keine Ausnahmen…). Und dann kommt ein selbst ernannter „gutmeinender Dichter“ und liefert eine derart eindimensionale „Analyse“ (welch Hohn), dass man sich dafür nur noch fremdschämt, nicht einmal mehr moralisch (den Bankrott hat GraSS selbst erklärt…), sondern rein intellektuell ob der Armseligkeit seines Diskurses im Gewand eines erhobenen Zeigefingergedichtes.

  8. Sarah sagt:

    Welche Reaktion dürfte ich eigentlich von Ihnen an dieser Stelle (als Kommentator) erwarten, wenn Grass sich – wie Sarrazin – mit den Muslimen auf diese Art und Weise auseinandergesetzt hätte. Grass bedient sich ganz klar dem – zugegeben – sekundären Antisemitismus, gut verpackt und für den oberflächlichen Leser nicht sofort erkennbar. Großen Persönlichkeiten – zu denen Grass nun mal zählt, ob uns das als Einzelperson gefällt oder nicht – haben eine besondere Verantwortung und zu dieser gehört es eben nicht Wahrheiten so offensichtlich zu verdrehen.
    Der Iran strebt nicht wegen Israel nach einer nuklearen Bewaffnung – vermutlich hat Israel seit mehreren Jahrzenten ein nukleares Waffenarsenal, welches es übrigens noch nie genutzt hat um auch nur anzudrohen ‚das iranische Volk‘ oder irgendein anderes zu ‚vernichten. Auch haben es bisher andere Länder im Nahen Osten nicht für nötig gehalten sich nuklear aufzurüsten, weil Israel wohl nukleares Potenzial besitzt. Saudi Arabien sieht dies erst jetzt als wichtig an, wo der Iran nach der nuklearen Macht in der Region strebt – und es möchte wohl keiner Behaupten, dass Saudi Arabien ein Freund Israels sei.
    Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn alle Länder dem Nuklearwaffensperrvertrag beitreten würden. Aber Israel ist eines der wenigen Länder, die diesem Vertrag nie beigetreten sind – und entsprechend unterliegen sie völkerrechtlich auch nicht der IAEA und ihren Ispektoren. Moralisch wäre sicherlich wünschenswert, dass auch Israel der IAEA Zugang gewährt, aber rechtlich gibt es hierfür keinen Grund. Für den Iran trifft das Gegenteil zu. Der Iran hat rechtlich der IAEA Zugang zu gewähren und tut es nicht.
    Keine Frage, ein Krieg ist furchtbar und ich kann nur hoffen, dass es zu keinem Krieg kommt. Dennoch sollten wir bei den Fakten bleiben und sehen, wo der Kriegstreiber ist. Der iranischen Bevölkerung kann ich nur wünschen, dass es ihr gelingt sich von diesem von Günther Grass so niedlich bezeichneten ‚Maulhelden‘ gelingt zu befreien und in naher Zukunft wieder in einem Land leben zu können in denen eine andere Meinung nicht unterdrückt wird und den Einzelnen das Leben kosten kann. Nur zum Vergleich – in Israel gibt es sehr wohl einen Rechtsstaat und auch genügend Beispiele, dass er funktioniert und für alle Bürger gilt – und die freie Meinungsäußerung ist dort sehr wohl möglich (ach ja, und rassistische Äußerungen gegenüber arabischen Minderheiten/Mehrheiten werden sogar juristisch verfolgt)!

  9. AHA sagt:

    Bei Israel kann man bezüglich Atomwaffen wenigstens davon ausgehen das sie diese nicht mit einem gebrülltem Allahu akbar losschicken würden. Jeder vernünftige Mensch weiss das diese Waffe nur in die Selbstvernichtung führt. Es ist eine reine Abschreckungswaffe. Und wer wenn nicht Israel muss wenn es nicht vernichtet werden möchte auf Abschreckung setzen?

  10. Mathis sagt:

    „Was gesagt werden muss…“ Der Artikel ist ebenso selbsterklärend, wie Grass´“Gedicht“.


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