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Respekt und Qualität der Dienstleistung

Ein Berliner Schwimmbad. Frauenschwimmen. An der Eingangstür hängt ein handgemaltes Blatt Papier, auf dem ein Bikini illustrieren sein soll. Neben dem Bikini ein grünes Häkchen. Nebenan Shorts und Leggings mit einem fetten roten „X“. Sieht nach einem „Nein“ zu bedeckten und halbbedeckten Beinen aus. Kein „Bitte“ und kein „Danke“ dazu, so wie man es von anderen Dienstleistern kennt. Und auch nichts Schriftliches. Nur handgemalt und auf die Eingangstür geklebt – mal eben. Könnte von einem Kind sein.

Nicht ganz verständlich und auch nicht nachvollziehbar. Denn es gibt schicke Badeshorts und Badeleggings für Damen in Sportfachgeschäften, warum auch immer. Dafür ist die Botschaft an der Eingangstür eindeutig. Sie ist an muslimische Frauen gerichtet, die sich aus religiösen Gründen auch beim Frauenschwimmen bedecken.

Als eine ältere Dame mit einem Kopftuch reinkommt und wenig später in Badeanzug und Badeshorts am Schwimmbecken erscheint, spielt sich ein Szenario in James Bond Qualität ab: schneller als in einem Notfall springen die zwei Bademeisterinnen von ihren Stühlen auf, eilen im Rambo-Gang links und rechts am Becken vorbei zu der Dame und zögern nicht mit klaren Worten im bekannten Wir-sind-hier-in-Deutschland-Ton mit der Aufklärung: „Wenn Sie sowieso angezogen schwimmen, dann können wir die Frauenschwimmstunden gleich abschaffen.“

Abschaffen!

Haben die Bademeisterinnen ihren Beruf verfehlt – könnte Wasserpolizei sein – oder ist der Studiengang, das ihnen liegen würde, noch nicht aufgebaut? Diplomintegrologin. Zuständigkeitsgebiet: Integration der muslimischen Frauen in die Schwimmbäder. Spezialgebiet – Oberschenkelintegration. Absurd, genau wie die Schwimmvorschriften, das Schild an der Tür und der Ton.

Ortswechsel. Hamburg. Frauenschwimmstunden im St. Pauli Schwimmbad. Respekt! Schön locker, kein Stress. Jede badet, wie es ihr gefällt. Badeleggings – kein Problem. Shorts – willkommen. Bikinis – selbstverständlich auch. Vielfalt sichtbar, Toleranz liegt in der Luft. Die Bademeisterinnen konzentrieren sich auf ihr Kerngeschäft – nämlich dass keine ertrinkt. Spaß und gute Laune, wie es sich für eine gute Sport- und Freizeiteinrichtung gehört.

Diese Beispiele sollen auf keinem Fall verallgemeinern. Sie soll lediglich veranschaulichen, wie es in Deutschland um das Zusammenleben und das Thema Integration im Alltag steht. Wenn in einer Institution es selbstverständlich ist, Vielfalt zu respektieren, tut man sich woanders mit dem Respekt vorm Anderssein noch schwer.

Ein letzter Ortswechsel. Wieder zurück nach Berlin. Potsdamer Platz. An einem Frühlingssonntag prangt ein Aufkleber an einer Glastür, schön und groß, ästhetisch und in aller Pracht. Höflich, in höchster Qualität und in arabischer Schrift und Sprache werden Luxuswohnungen beworben, die neue Eigentümer suchen – am besten Araber mit dickem Geldbeutel, die vorzugsweise im eigenen Pool schwimmen.

Damit bleibt Integration undefiniert und Respekt käuflich. Es kommt ganz auf den Geldbeutel an, ob Menschen mit Migrationshintergrund entweder in einer Dienstleistungswüste oder -oase landen. 4 € Eintritt für das öffentliche Bad reichen für manche Muslima noch lange nicht, um sich als willkommene Kundinnen zu fühlen. In den 4 € Preis sind eben auch die provisorischen Dummie-Schilder, der Ton und die Umgangsart des Badepersonals mitenthalten, sowie die Botschaft dahinter: Viel Spaß beim Schwimmen, nächstes Mal bleiben Sie aber lieber zu Hause.

So freut man sich auf die nächste Studie des Bundesinnenministeriums: Immer mehr muslimische Frauen schotten sich ab, bilden Parallelgesellschaften und verweigern die Integration.

Respekt ist ein wichtiger Grundwert für eine Gesellschaft. Viel Wichtiger als das Freilassen oder das Bedecken der Beine. Respekt in Wort und Schrift! Aber vor allem in der Einstellung. Um aufzubauen, statt abzuschaffen.