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Migration und Integration in Deutschland

Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Islamische Landesverbände

„Bundesinnenminister Friedrich ist fehl am Platz“

Gleich neuen islamische Landesverbände bescheinigen Bundesinnenminister Friedrich „fehl am Platz“ zu sein. Sie hätten es auch satt, immer nur „Sicherheitspartner“ zu sein. Auslöser ist die Debatte um die Studie „Lebenswelten junger Muslime“.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) dürfte mit der Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ es endgültig geschafft haben, mit den Islamischen Religionsgemeinschaften zu brechen. In einer am Samstag (10.3.2012) in Offenbach veröffentlichten gemeinsamen Erklärung bescheinigt die „Konferenz Islamischer Landesverbände“ (KILV) dem Bundesinnenminister, „fehl am Platz“ zu sein.

Mit der Art und Weise der Veröffentlichung der Studie habe Friedrich „erneut gezeigt, dass er als Innenminister eine Fehlbesetzung ist“. Vor allem kritisiert KILV, ein Zusammenschluss von neun islamischen Landesverbänden, dass Friedrich die Ergebnisse auf Demokratiefeindlichkeit reduziert hat. Wenn Friedrich „aus einer derart umfangreichen Studie solch eine undifferenzierte und plumpe Schlussfolgerung in einer drohenden Weise zieht, dann ist es schade um die Mühe der Autoren und die Steuergelder, die die Erstellung gekostet hat. Er hätte gut daran getan, die Studie mit seinen Fachleuten zunächst selbst gründlich zu lesen und erst dann öffentlich aufzutreten“, so die KILV.

Billiger Populismus
Friedrich hatte dem Boulevardblatt Bild vor der offiziellen Veröffentlichung der Studie exklusiv erklärt, dass Deutschland die Herkunft und kulturelle Identität seiner Zuwanderer achtet. Friedrich weiter: „Aber wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiösfanatischer Ansichten. Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben – dies klarzumachen, ist die Aufgabe eines jeden.“

Dies erste Stellungnahme des Bundesinnenministers zeige eindeutig, dass er den „eigentlichen Inhalt der Studie gar nicht verstanden hat oder nicht verstehen wollte“. Es scheine, als wollte Friedrich sich der Studie, ohne inhaltliche Zusammenhänge zu beachten, als Stichwortgeber für billigen Populismus und Stimmungsmache gegen den Islam und die Muslime bedienen.

Restvertrauen beschädigt
Damit habe Friedrich das Restvertrauen zwischen ihm und den Muslimen sowie den islamischen Verbänden beschädigt. Weiter heißt es in der Erklärung: „Wir sind enttäuscht und zum Teil fassungslos über das Vorgehen des Ministers […] Wäre es ihm um den Dialog, die Integration und die Partizipation gegangen, hätte er die Studie zum Beispiel bei der Islamkonferenz gemeinsam mit den Wissenschaftlern und den islamischen Verbänden bewerten und Schlussfolgerungen ziehen können. Nach unserer Überzeugung ist ein solcher Minister, für den Integration nur eine medienwirksame Worthülse ist, der Vorurteile und Ängste schürt und die Gesellschaft spaltet, in einer verantwortungsvollen Position gänzlich ungeeignet.“

KILV: Islamische Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg, Schura Niedersachsen, Islamische Föderation Berlin, Schura Bremen, Schura Hamburg, Schura Schleswig-Holstein, Bund der Muslime Thüringen, Islamische Religionsgemeinschaft Hessen/IRH, Koordinierungsrat Mecklenburg-Vorpommern

Die KILV selbst begrüße die Studie grundsätzlich: „Wie die Autoren in ihrer Studie zurecht feststellen, verpflichtet Integration sowohl die sog. Migranten als auch die deutsche Mehrheitsgesellschaft dazu, ein neues Verständnis für die eigene und die gemeinsame Identität zu entwickeln und so kulturellen und sozialen Veränderungen auf beiden Seiten besser begegnen zu können.“ Dabei gehe es um die Notwendigkeit, die ständig stattfindenden kulturellen und sozialen Veränderungen als bereichernd anzuerkennen.

Satt, immer nur Sicherheitspartner zu sein
„Wir Muslime sind Teil der kulturellen Vielfalt und der pluralistischen Gesellschaft in Deutschland. In diesem Sinne sehen wir uns und handeln als Mitbestimmer und Mitgestalter dieser kulturellen Vielfalt und der pluralistischen Gesellschaft. Deshalb wollen wir von den Mitgliedern der Mehrheitskultur und dem Staat nicht als Objekte, über die Entscheidungen getroffen und Beschlüsse gefasst werden, wahrgenommen und behandelt werden“, so die Landesverbände. In diesem Zusammenhang lehnen sie in ihrer Erklärung auch strikt ab, „dass der Islam und die Muslime vom Bund und den Ländern ständig im Rahmen der Sicherheitspolitik und wir als islamische Verbände nur als Sicherheitspartner behandelt werden.“

Gemeint sind die mittlerweile zahlreichen Initiativen auf Bundes- und Landesebene. Im März 2011 hatte Friedrich kurz nach seinem Amtsantrtitt angekündigt, mit den islamischen Religionsgemeinschaften eine sog. Sicherheitspartnerschaft einzugehen, an der unter anderem die Ditib, VIKZ und ZMD teilnehmen – letzterer entgegen der anfänglichen Ankündigung, an einer solchen Partnerschaft nicht interessiert zu sein. Auf Landesebene stellte Niedersachsesens Innenmininister Uwe Schünemann (CDU) erst kürzlich sein umstrittenes Sicherheitskonzept vor und kassierte von den zwei größten Landesverbänden eine deutlich Absage.

Der Vorsitzende des Landesintegrationsrates Nordrhein-Westfalen, Tayfun Keltek, ging noch einen Schritt weiter und stellte „in Anbetracht dieser Situation“ die Frage, ob es überhaupt noch „Sinn macht“, dass islamische Organisationen am Islamgipfel teilnehmen. (eb)

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29 Kommentare
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  1. M-A-N sagt:

    Br.Tayfun Keltek hat Recht , es macht keinen Sinn mehr am islamgipfel teilzunehmen !
    -> Solange wir Muslime ständig verunglimpft , im Alltag benachteiligt , und unter Generalverdacht stehen , hat es wirklich keinen Sinn da noch mit zu machen. „Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber“ wusste schon B.Brecht und der Islamgipfel verkommt immer mehr zur Schlachtbank unserer Ideale und unseres Glaubens.
    Solange sich diese Regierung im Namen eines hysterischen Krieges gegen den Terror vor den antiislamischen Karren spannen läßt, spielt sie das Spiel Washingtons und sitzt obendrein einer verlogenen Kreuzzugsrethorik auf , die niemandem weiterhilft ausser den wirklichen Radikalen aller Lager !!!
    Diese Regierung , die sich christlich nennt und unchristlich gegen andere ist sollte sich den Ausspruch von Ali ibn Abi Talib (Adoptiv- und Schwiegersohn unseres Propheten) Friede sei mit Ihnen – zu Herzen nehmen : „… man hasst was man nicht kennt – also müssen wir einander kennenlernen , um nicht hassen zu müssen !“

  2. s. Braun sagt:

    Falsch ! Herr Freidrichs ist exakt der RICHTIGE ! Er spricht nämlich die Probleme an, die wir hier definitiv haben ! Auch wenn Sie das nicht wahrhaben, – oder besser gesagt – vertuschen wollen !

    SR

  3. Misti sagt:

    Friedrich idt schlichtweg Fehlamplatz!

    Was heißt das nebulöse …
    „Er spricht nämlich die Probleme an, die wir hier definitiv haben ! “

    Welche konkreten Probleme meint der Verfasser hier und wie kommt er darauf, dass durch die Mittel und die Art wie die Themen um Migration und Migranten bisher angegangen worden sind und leider immer noch werden, diese „abstellen“ könnten?!

  4. Lynx sagt:

    Nachdem nun auch die „Konferenz Islamischer Landesverbände“ (KILV) erkannt hat, daß Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich fehl am Platz ist, müßte man eigentlich die Frage stellen, wer ihn an diesen seinen Platz gestellt hat, und ob diejenige Person – oder die Personen – dies seiner Fehlplazierung wohl wissend oder unwissentlich getan hat. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hatte die „Deutsche Islam-Konferenz“ (DIK) eingerichtet und anscheinend aus seiner Teilnahme daran hinzu gelernt, doch dann wurde er durch Thomas de Maizière ersetzt, der die Muslime wieder bei Null anfangen ließ. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, wurde letzterer durch den derzeitigen Bundesinnenminister Friedrich ersetzt, der die DIK zu einer Sicherheitskonferenz umfunktioniert hat und die Muslime ständig durch seine inakzeptablen Äußerungen vor den Kopf stößt. Das mutet wie die Steigerung einer Politik der Vereitelung der Integration der Muslime an. Ist das alles so beabsichtigt oder nur das Ergebnis der Dummheit und Unfähigkeit der führenden Politiker/-innen?

  5. Paul sagt:

    Ich glaube das falscheste Wort des Jahruhunderts heisst Integration. Soviel wird da gelogen. Jedes Fussball spiel ist ein nationales Risko. Da laufen soviele gewaltbereit Deutsche rum. Friedrich sollte anfangen mit den Besitzern der Stadien Sicherheitspartnerschaften einzugehen, damit man betrunkene gewaltbereite Deutsche sofort der Doenerpolizei meldet

  6. krause sagt:

    „Dabei gehe es um die Notwendigkeit, die ständig stattfindenden kulturellen und sozialen Veränderungen als bereichernd anzuerkennen.“

    Nicht alle kulturellen und sozialen Veränderungen sind bereichernd. Und gerade im islamischen Kulturkreis gibt es sehr viele Aspekte die eher „entreichernd“ sind. Dies ist ja ein Grund, warum so viele Muslime die beste aller Gemeinschaften verlassen und lieber im Westen leben.

  7. SCC sagt:

    @ SR

    darf ich einmal erfahren in welchen Bundesland Sie den leben?

    Also ich hier in Oberbayern ( christlich gerägt…. ) sehe keine Probleme mit der Integration – ich verstehe nicht einmal WAS DAS SEIN SOLL und vorallem VORAN SICH DIES MESSEN SOLL ?

    Den Typischen „Gemüsehändler“ gibt es hier sicher nicht. Und wenn ich mal SBahn fahre sehe ich deutlich mehr „Ausländische“ (ganz egal welcher Religion sie so zugehören) die grad vom Gymnasium und Realschule nach Hause fahren als wie vor 15 Jahren.

    Kann es den nicht eher sein das der „Typische PI Konsument“ nicht eher davor angst hat – das evtl sein Kind beim Vorstellungsgespräch vor nen sogenannten „Musel“ sitzt um sich für die Stelle zu bewerben.

    Auf PI, Kybeline und den anderen Nazifreundlichen Seiten (welches ja so demokratiefreundlich sind das man aus Angst vom Staatsanwalt dann doch lieber das IMPRESSUM weglässt) werden ja desöfteren Märchen erzählt vom „bösen Ali“ der ja so gut Deutsch spricht. Sozusagen, je besser integriert – desto BÖSER.

    Und ja, jetzt kommt gleich die Fragen von Ihnen ob ich Migrant, Linker, Musel oder sonst was bin. Ich würde sagen ich bin „Südländer“ – da ich ja schliesslich aus München bin 😉

  8. GG sagt:

    @ s. Braun
    Wir wissen nicht, wer Herr Freidrichs ist?
    Jedenfalls sind die Wissenschaftler, welche die Studie herausgegeben haben entsetzt über die Sinnverzerrung der BILD und des Bundesinnenministers Herrn Friedrich..

  9. Björn Wagner sagt:

    Also, wenn gleich neun islamische Landesverbände meinen, Bundesinnenminister Friedrich sei „fehl am Platz“, muss er genau der Richtige sein.

    Und wer sich an einer absolut korrekten Aussage wie, „wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiösfanatischer Ansichten. Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben – dies klarzumachen, ist die Aufgabe eines jeden“ stört, der sollte sich wirklich Gedanken machen, ob er/sie in einem anderen Land nicht besser aufgehoben wäre.

    Genau das trifft doch des Pudels Kern – oder soll man in Deutschland etwa den Import autoritärer, antidemokratischer und religiösfanatischer Ansichten goutieren und wer Freiheit und Demokratie bekämpft auch noch den Pass hinterher schmeissen?

    Was soll diese Gezether, bitte?

  10. BiKer sagt:

    @ björn wagner,

    darum geht es doch gar nicht. natürlich möchte man keinen import solcher dinge genauso, wie man auch ganz viele andere dinge nicht möchte. hier regt man sich auf, weil diese aussage unterstellt/impliziert, als würden das junge muslime tun bzw. wollen. das aber steht gerade nicht in der studie und ist auch nicht gegenstand der untersuchung. die verbände wehren sich gegen diese unterstellung und nicht gegen den inhalt der aussage! dass die ebenfalls keine probleme importieren wollen, ist doch klar. ihr kommentar zeigt jedenfalls deutlich, zu welcher denke friedrichs aussage führt.


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