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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Studie zu jungen Muslimen

Balsam für die deutsche Seele

Die Studie kommt zu einer Zeit, da Deutschland sich erneut mit dem Rechtsradikalismus auseinandersetzen muss und das Vertrauen der muslimischen Minderheit in den Staat zerrüttet ist. Sie lenkt damit von den echten Problemen ab.

VONHakan Demir

 Balsam für die deutsche Seele
Ist seit Februar 2011 Redakteur beim MiGAZIN. Er studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Trier.

DATUM2. März 2012

KOMMENTARE7

RESSORTAktuell, Meinung

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Größere Erfolge der Polizei, wie die gestrige Großrazzia in Bayern und im Raum Trier im rechten Milieu, wo 200 Schusswaffen und mehrere tausend Schuss Munition sichergestellt wurden, bauen bei den Muslimen wieder Vertrauen in den Staat auf. Dieses wird jedoch wieder leichtfertig verspielt.

80 Prozent der Muslime befürworten Integration
Denn auf 764 ebenso minutiös wie selbstvergessenen Seiten steht die Studie zu Lebenswelten junger Muslime in Deutschland. Diese hat ausgerechnet das Innenministerium, deren Chef Hans-Peter Friedrich ist, in Auftrag gegeben. Einer, der den Islam nicht zu Deutschland zählen will und damit ganz zu Anfang seiner Amtzeit über vier Millionen Muslime düpierte.

Die Studie zielt ausschließlich darauf ab, Radikalisierung und „extrem islamistische“ Verhaltensmuster von Muslimen aufzudecken. Man unterstellt also Radikalisierung und Islamisierung und siehe da: am Ende der Studie kommt man zu den Ergebnissen, die diese Begriffe auf die ein oder andere Art bestätigen.

Download: Die 760-Seiten-Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ kann auf www.bmi.bund.de kostenlos heruntergeladen werden. Eine Analyse des Berliner Forscherteams HEYMAT zur Studie stellt das MiGAZIN zur Verfügung.

Laut dieser Studie befürworten insgesamt fast 80 Prozent der befragten deutschen Muslime (alle Altersgruppen) die Integration in Deutschland, dagegen lehnen nur eine kleine Zahl von 20 Prozent sie ganz klar ab und betonen ihre „Herkunftskultur“. Als „streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz“ gelten dagegen 24 Prozent der nicht-deutschen Muslime.

„Deutsche Zustände“ sind besorgniserregender
Alles vielleicht soweit wahr. Aber was ist der Grund hierfür? Die Studie nennt „gruppenbezogene Diskriminierung“ als eines von vielen Erklärungsmustern. Das Ausmaß von Vorurteilen stellt das Forschungsprojekt „Deutsche Zustände“ des Soziologen Wilhelm Heitmeyer in den Vordergrund. Hiernach sind fast die Hälfte (47,1 Prozent) der Deutschen der Meinung, dass in Deutschland „zu viele Ausländer“ lebten. 19 Prozent der Bevölkerung stimmen sogar dem Satz zu: „Wenn sich andere bei uns breitmachen, muss man ihnen unter Umständen unter Anwendung von Gewalt zeigen, wer Herr im Hause ist.“

Das Forschungsprojekt zeigt überdies, dass ein Drittel der Befragten von „natürlichen Unterschieden“ zwischen weißen und schwarzen Menschen ausging.

Vor diesem Hintergrund kommt die Studie von Innenminister Friedrich ganz gelegen, gleichsam wie Balsam legt sie sich auf die deutsche Seele. Man kann nun wieder mit dem Finger auf die ewig „Fremden“ zeigen und damit von der eigenen „bürgerlichen Verrohung“ ablenken. Doch es hilft nichts; die hohen Wogen glätten sich nimmermehr.

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7 Kommentare
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  1. Lutheros sagt:

    Sehr geehrter Herr Demir,

    Eine Studie ist für Sie schon allein deshalb unseriös, weil Sie den Auftraggeber für vorurteilsbehaftet halten? Diese Studie wurde unter Beteiligung von 3 Universitäten erstellt, darunter die nicht gerade als deutschnational bekannte Uni Bremen sowie die nichtdeutsche Universität Linz.

    Wenn es gerade nicht der richtige Zeitpunkt für die Studie ist – was würden Sie meinen, wäre denn der „richtige“ Zeitpunkt?
    Das fast 20% der Bevölkerung gemäß der von Ihnen zitierten anderen Studie Gewalt für ein adäquates Mittel halten, ist grauenhaft. Aber ist das ein Argument, Fundamentalismus und Integrationsunwilligkeit zu leugnen und klein zu reden?
    Sie lehnen die Studie generell ab, ohne sich auch nur mit einer einzigen Aussage der Studie auseinanderzusetzen, und dass auch nur mit dem, wie ich finde, kindlichen Gehabe: „Guck mal, die anderen sind doch auch böse“. Heißt das also, es gibt keine Integrationsprobleme?

    Ich hätte von einer Plattform, die sich mit Integration beschäftigt, mehr erwartet als dieses mit dem Finger auf die anderen zeigen wollen. Im Grunde unterscheiden Sie sich doch keinen Hauch von denen, die sie gerade kritisieren. Ihr Fazit ist: die anderen sind die schuldigen. Um zu diesem Urteil zu kommen muss man also Politikwissenschaften, Philosophie und Betriebswirtschaft studieren. Gratulation.

  2. Per Lennart Aae sagt:

    Besorgniserregende Zustände?
    Deutschland ist in den letzten Jahrzehnten von einem ethnisch und kulturell ausgewogenen, harmonischen Nationalstaat zu einem Land transformiert worden, in dem in vielen Regionen, vor allem in den Metropolen, Zugewanderte aus fremden Ländern und Kulturkreisen das dominierende Bevölkerungselement stellen, zumal in den jüngeren Jahrgängen. Dabei ist das Land eher kleinräumig und überbevölkert als dünn besiedelt. Es steht jedem frei, in einer offenen Debatte diese Entwicklung als positiv zu beurteilen, politische Folgerungen daraus abzuleiten und für diese Meinung zu streiten. Aber es ist m.E. unzulässig, die Meinung von Deutschen, die laut einer Umfrage die besagte Entwicklung als eher negativ einschätzen, als „besorgniserregend“ und – unterschwellig – als Gefahr für den sozialen Frieden ausgrenzen zu wollen. Selbstverständlich haben die Deutschen das Recht, das wahre bzw. empfundene Ausmaß der ethnischen und kulturellen Überfremdung in ihrem Land zu kritisieren, zumal sie ja zur Einwanderungs- und Einsickerungspolitik nie demokratisch befragt. sondern eher systematisch getäuscht worden sind, zum Beispiel indem Zugewanderte, die von Anfang an eher Siedler als Gäste waren, als „Gastarbeiter“ bezeichnet wurden. Wer hier die Reaktion vieler Deutscher „besorgniserregend“ findet und gleichzeitig eine Studie, die auf Integrationsdefizite der Zugewanderten hinweist, also die „besorgniserregenden“ Meinungen bestätigt, als „Ablenkung“ von einer vermeintlichen „bürgerlichen Verrohung“ der Deutschen bezeichnet, macht sich m.E. unglaubwürdig.
    Daß es „natürliche Unterschiede“ zwischen schwarzen und weißen Menschen gibt, hat mit der Zuwanderungs- und Integrationsproblematik in Deutschland höchstens am Rande etwas zu tun und wurde wohl in der Studie von Wilhelm Heitmeyer hauptsächlich mit reingenommen, um zu zeigen, wie „vorurteilsvoll“ die Befragten doch seien. Dabei hat z.B. der renommierte Psychologe Hans Jürgen Eysenck auf solche Unterschiede hingewiesen und sie durch Reihenuntersuchungen belegt, siehe z.B. sein Buch „Rasse, Intelligenz und Bildung“. Auch hier steht es natürlich jedem frei, anderer Meinung zu sein, aber Menschen, deren Auffassung immerhin von einem der berühmtesten Psychologen unserer Zeit vertreten wurde, einfach besonders perfide Vorurteile zu unterstellen, weil dies nun mal heute von den meisten unbesehen geglaubt wird, also tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes ein Vorurteil ist, ist wahrlich kein guter Diskussionsstil.
    Per Lennart Aae

  3. derKommissar sagt:

    „Größere Erfolge der Polizei, wie die gestrige Großrazzia in Bayern und im Raum Trier im rechten Milieu,…“

    Bei der Razzia wurden „auch“ einige polizeibekannte Rechte hops genommen. Das macht allerdings noch kein „rechtes Milieu“. Denn wo 1%er und Rechte zusammenkommen geht es völlig unpolitisch zu und in der Regel auch nur um eines: nämlich das Geschäft .

  4. Jean-Pierre sagt:

    Autoritäre Einstellungen:
    dt. Nichtmuslime 13%, dt. Muslime 36%, nichtdt. Muslime 53% (S. 171)

    Da legt die soziologische Forschung aber eine tiefe Wahrheit über den Islam frei. Oder hat das gar nichts mit dem Islam zu tun? Ticken die nur so autoritär, weil sie so diskriminiert werden?

  5. Alpay sagt:

    „Eysencks Interpretation der Daten im Zusammenhang mit Intelligenzunterschieden der schwarzen und weißen US-Amerikaner in Race, Intelligence and Education (1971) haben ihm den Vorwurf des Rassismus eingebracht. Zugleich ging er Milieu-Theorien stark an. Andere haben später bewiesen, dass ein großer Teil der Daten von Burt (auf die Eysenck sich unter anderem berief) gefälscht worden ist.“ Und gleich kommen Sie mir mit Hellinger. Ist das jetzt Strafrechtspflege und/oder Volkskörperpflege. Ich versuche gerade in Ruhe einen Titel von W. Hellpach zu lesen: Strafrechtspflege und Okkultismus. Aber ich komm nicht dazu.

  6. Per Lennart Aae sagt:

    @Alpay:
    Das genannte Buch von Eysenck („Race, Intelligence and Education“) basiert auf Forschungsarbeiten, die der Verfasser zusammen mit dem US-amerikanischen Psychologieprofessor Arthur Jensen, Universität Berkeley, Kalifornien, durchführte. Dieser wird, wie Eysenck, zu den renommiertesten Psychologen unserer Zeit gezählt. Die Daten, auf denen beide ihre Aussagen basieren, stammen im wesentlichen von eigenen Untersuchungen. Dem in Ihrem Zitat erwähnten britischen Psychologen Cyril Burt wird zwar Datenfälschung vorgeworfen, aber nicht im Zusammenhang mit psychologischen Reihenuntersuchungen an Schwarzen und Weißen, sondern vielmehr im Bereich der Zwillingsforschung. Abgesehen davon, daß auch diese vermeintliche Datenfälschung keineswegs wirklich nachgewiesen ist, hat sie mit den Forschungsarbeiten von Eysenck und Jensen über Rassenunterschiede nichts zu tun.
    Mit meinem Hinweis auf Eysenck wollte ich aber nicht irgendwelche Behauptungen über vermeintliche Intelligenzunterschiede zwischen den Rassen aufstellen. Ich wollte nur zeigen, daß man nicht kritische Meinungen zur Zuwanderung diskreditieren kann, indem man aufzeigt, wie diejenigen, die sie vertreten, zum Teil auch von „natürlichen Unterschieden“ zwischen Schwarzen und Weißen ausgehen. Unsere Zugewanderten sind ja nicht im nennenswerten Umfang Schwarze, aber wenn es darum gehen sollte, eine tatsächliche Zuwanderung von Schwarzen politisch zu beurteilen, müßte es erlaubt sein, die Frage zu stellen, wie wir dadurch unsere in Jahrhunderten gewachsene genetische Vererbungsgemeinschaft verändern. Denn was wäre die Demokratie wert, wenn sie zwar die Diskussion über Präferenzen für die eine oder andere (ohnehin ziemlich gleichgeschaltete) politische Partei, aber nicht über substantielle Lebensgrundlagen unseres Gemeinwesens zulassen würde?
    Per Lennart Aae

  7. alpay sagt:

    Die substantielle Lebensgrundlage unseres Gemeinwesens finden Sie bedroht durch Migranten, die das Land mitgestalten wollen (denn das passiert ja hier), und nicht z.B. durch Umweltverschmutzung, Atommülllagrung, etc.
    Die globale Realität ist doch diese, es gibt mehr Weisse Einwanderer in Südamerika, Afrika, Nordamerika als umgekehrt. Das nennt man Globalisierung oder historische Bewegung, und genau dieser Progression stellen Sie sich entgegen. Und Sie leugnen, trotz kultureller Differenzen Astrid Lindgren eine der meistgelesenen Autorin der Welt ist (auch von Schwarzen). Und wenn Sie mich jetzt nach einem meistgelesenen schwarzen Autor fragen: Tony Morrison oder Arthur Haley. Und noch was ich beglückwünsche Sie zu der Aussage „unsere Zugewanderten“. Sehen Sie so einfach ist Kultur-Semiose.



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