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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Noah Sow

„Sich ins 21. Jahrhundert zu begeben, wie soll das Nachteile haben?“

Für Noah Sow ist es an der Zeit, dass die Massenmedien das eigene „weißdeutsch-dominante Narrativ“ aufbrechen. „Wenn hier Veränderung weiterhin verpasst wird, wird die Kluft zwischen Medien und der Gesellschaft weiter wachsen“, sagt sie im Gespräch mit MiGAZIN.

VONVan Hove / Graser

Johnny Van Hove, geb. in Brüssel, promoviert in der Amerikanistik/Geschichte am International Graduate Center for the Study of Culture an der Universität Gießen. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigern. Darüber hinaus ist er Co-Autor des Belgischen Indymedia-Readers Media en Racisme und veröffentlichte zahlreiche Artikel für Belgische und Amerikanische Grassrootsmedien, wie DeWereldMorgen, Rekto:Verso und The Dissident Voice.

Lena Graser studiert den Master Komplexes Entscheiden an der Universität Bremen. Sie ist seit mehreren Jahren in der anti-rassistischen Jugendarbeit tätig und engagiert sich in der Hochschulpolitik. Ihre Schwerpunktthemen sind Critical Whiteness, Nationalismus in der Türkei und kritische Wissenschaft. Sie ist die Mitorganisatorin des 'festival contre le racisme', das 2011 das erste in Bremen Mal stattfand.

DATUM28. Februar 2012

KOMMENTARE23

RESSORTInterview, Leitartikel

SCHLAGWÖRTER , ,

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Johnny Van Hove: Das Medienmagazin ZAPP der ARD zeigte vor einigen Wochen, wie Schwarze Deutsche Schauspieler_innen hauptsächlich für exotische, migrantische oder kriminelle Rollen in öffentlichen Fernsehserien gecastet werden. Ist der Umgang der Medien mit Ihnen ähnlich stereotyp und kolonialistisch geprägt?

Noah Sow: Der Umgang der Dominanzgesellschaft mit People of Color (PoC) ist ganz grundsätzlich davon geprägt, wie diese gelernt hat, uns wahrzunehmen. Nämlich als Vertreter_innen eines Kollektivs, gefährlich, übersexualisiert, fremd, als zu betrachtende oder zu bevormundende Objekte und so weiter. Das schlägt sich in Begegnungen mit den meisten Menschen nieder, selbstverständlich auch mit denjenigen, die in den Medien arbeiten.

Wie schätzen Sie den ZAPP-Beitrag im Allgemeinen ein? Too little, too late? Oder als ein positives Zeichen für eine gesteigerte Sensibilität in Bezug auf dominante Diskurse innerhalb der öffentlichen Sender?

Sow: Ich finde es positiv, dass der ZAPP-Beitrag entstanden ist und gesendet wurde, und denke, dass die politische und soziale Bildungsarbeit der letzten Jahrzehnte wohl auch nicht an hundert Prozent der Medienschaffenden spurlos vorübergegangen ist. Aber nach wie vor werden Themen aus dem Diskriminierungsspektrum Rassismus medial noch oft als „Probleme“ der „Betroffenen“ verhandelt. Betroffen sind in einem System der Ungleichbehandlung jedoch immer alle, nicht nur die Benachteiligten. Und insbesondere die, denen daraus Vorteile entstehen, gewollt oder ungewollt. Ich habe den Eindruck, dass diese Tatsache ganz langsam zunehmend in solchen Beiträgen anklingt, zumindest gesagt werden kann ohne komplett herausgeschnitten zu werden. Mir zeigt das, dass wir uns möglicherweise als Gesellschaft entwickeln: weg vom „wir Weißen gegen die Schwarzen“ hin zu einem „wir Leute, die wir alle keine Lust auf Diskriminierung haben und gemeinsam etwas verbessern wollen – gegen die unsympathischen Besitzstandswahrenden“. Das hoffe ich zumindest. Ich bin im Grunde Romantikerin.

PoC sind äußerst unterrepräsentiert an relevanten Positionen in den Redaktionen. Wer sind denn eigentlich die dominanten Gruppen in den Medien?

Noah Sow (1974) ist Autorin, Musiker- in, Aktivistin, Medi- en kritikerin, Produ- zentin und Künstler- in, die sich intensiv in unterschiedlichen Projekten der Anti- rassismus-Arbeit engagiert. 1990 bis 2007 war sie als Moderatorin, Produ- zentin, Redakteurin im Radio und TV tätig. 2001 war sie Mitglied der Jury in der Casting-Show Popstars, stieg aller- dings während der Staffel aus, weil sie den von einem ihrer Ansicht nach „un- möglichen Mensch- enbild“ geprägten Umgang mit den Kandidaten nicht mittragen wollte. Sie ist Gründerin und Vorsitzende des media-watch-Vereins der braune mob. 2008 veröffentlichte sie das Buch: „Deutschland Schwarz Weiss“

Sow: Die dominanten Gruppen sind überall dieselben. Für jede Rolle, jede Wohnung, jeden Arbeitsplatz, die eine PoC aus rassistisch motivierten Gründen nicht bekommt, wird letztlich eine weiße Person bevorzugt. Vor allem mit Blick auf Institutionen ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein, unter anderem auch, damit ein Grundverständnis von „Rassismus“ überhaupt erst entwickelt werden kann. Der ist nämlich entgegen landläufiger Meinung keine „Einstellung“ oder bösartige Handlung, sondern ein System, in dem die Gruppe der PoC konsequent und automatisch benachteiligt und die Gruppe der weißen Deutschen ebenso systematisch bevorzugt wird. Da dies momentan noch der Status Quo in der BRD ist, durchzieht er auch alle möglichen Systeme, Einrichtungen und Institutionen. Sogar die meisten „Antirassismusbeauftragten“, jedenfalls die, die Geld dafür bekommen, sind weiß.

Warum sollten dominante Gruppen sich überhaupt für Gleichberechtigung interessieren? Lohnen tut sich das ja ganz offensichtlich nicht für sie.

Sow: Es gibt vielfältige positive Anreize, auch für Angehörige der Dominanzkultur, Gleichberechtigung und Gleichbehandlung anzustreben. Vorteile sind zum Beispiel, dass die eigene Würde dadurch wiedergewonnen wird, da das Erreichte sich nicht auf Ungleichbehandlung stützt. Andere Vorteile: Eine unvorbelastete Interaktion wird möglich, die Selbstwahrnehmung wird weniger fremdgesteuert, der eigene Horizont wird immer mehr erweitert, Schuldgefühle werden weniger, und Energie, die zuvor in Abwehr gesteckt wurde, wird frei, z.B. für Kreativität. Erreicht werden kann das durch das bewusste Aufgeben von Privilegien. Zum Beispiel: nicht zwanghaft immer und überall das letzte Wort zu allen interkulturellen Themen haben zu wollen, oder sich nicht trotz mangelnder dekolonialer Bildung als allwissend zu imaginieren.

Unparteilichkeit und Objektivität bleiben bei vielen Journalist_innen – zumindest in der Rhetorik – ein zentrales Anliegen. Warum, denken Sie, beharren so viele Medienschaffenden auf ihre vermeintliche Neutralität?

Sow: Die Objektivitäts- und Neutralitätsmythen sind wichtige Bausteine von white Supremacy. Wenn ich mich hinter einer solchen Position, die ja immer auch als übergeordnet gilt, verstecken kann, kann ich Menschen oder Geschehen einordnen, ohne dass das Ganze auf mich zurückfällt. Natürlich gibt aber in Wirklichkeit kein Mensch die eigene Sozialisierung und das bisweilen stark eurozentrisch geprägte Weltbild an der Redaktionstüre ab.

Viele Journalist_innen tun und glauben trotzdem, dass ausgerechnet ihnen dieses Zauberstück gelingen könnte…

Sow: Ich glaube eigentlich, dass niemand sich wirklich einbildet, objektiv zu sein, sondern dass vielmehr gelernt wurde, dass es als Schutzbehauptung, als Abwehr, als Rechtfertigungsformel funktionieren kann. Auf dem anderen Ende der Wippe werden Ge-anderte üblicherweise als befangen, betroffen, nicht-objektiv empfunden. Ihre Positionen im Diskurs können dementsprechend abgetan oder zumindest als etwas eingestuft werden, was unbedingt nur eine „persönliche Meinung“ sei. Da bei Ungleichheit, wie ich eben schon erwähnte, immer alle betroffen sind, können wir die Denkfehler „Neutralität“ „Unparteilichkeit“ und „Objektivität“ jetzt aber ruhig langsam streichen.

Sie plädieren für das Offenbar-machen der eigenen Position in der journalistischen Arbeit. Was sind die Vor- und Nachteile für die Medienmacher_innen und Mediennutzer_innen?

Sow: Eine Positionierung ist wichtig, vor allem ausgehend von Angehörigen der Dominanzkultur, eben weil sie dadurch die Chance haben, das Privileg aufzugeben, sich hinter einer imaginierten „Neutralität“ zu verstecken. Nebenbei kommunizieren sie dadurch dann auch, dass sie die Zuhörenden oder Lesenden mit Marginalisierungshintergrund als Rezipierende mitdenken, was leider noch selten der Fall ist. In dem Moment, in dem die Sprechenden und Schreibenden ehrlich zugeben, dass sie ebenfalls eine Perspektive haben – z.B. eine männliche, heterosexuelle, weiße und so weiter – fällt der Claim weg, allwissend zu sein und wird die Positioniertheit, die sowieso besteht, hör- und sichtbar. Somit kann das Ganze dann auch als zugewandte Geste verstanden werden: „Ich beharre nicht darauf, dass ich alles einschätzen kann und über alle denkbaren Perspektiven verfüge. Ich erkenne an, dass das nicht die einzige Sicht der Dinge ist, dass ich über bestimmte Erfahrungen nicht verfüge, sondern eben nur über meine.“

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23 Kommentare
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  1. Pepe sagt:

    Echt fremdschämend, dass Menschen „Afrika“ als Staat betrachten und nicht als vielfältiges Kontinent…

  2. Phoenix sagt:

    Ich bin dankbar fuer dieses interview und die informationen, ideen und (gar nicht so) neue paradigmen. Ich lebe seit einigen jahren in den USA wo weisser aktiver anti rassismus und das „verlernen“ des institutionalisierten dominanzdenken von weissen schon etwas mehr verbreitet ist. Dies ist ehrlichgesagt der erste deutsche artikel den ich in die haende bekomme. (sicherlich weil ich nicht so viel Zusang zu dt. Medien mehr habe) aber definitiv freue ich mich darueber, dass es vorangeht… (hoff)

  3. saggse sagt:

    PoC – Plural oder Singular ? geht ja wohl weder gendermäßig oder antisexistisch überhaupt nicht. Aber – Willkommen in der Euphemismus-Tretmühle ! Oder mal Paul Watzlawick lesen.

  4. Alpay sagt:

    saggse werd mal konkret

  5. Freedom sagt:

    @saggse:
    PeopleOfColor (kurz PoC) ist englisch und hat absolut nichts mit (anti-)sexistischen Positionen zu tun.
    „eine selbstbestimmte Bezeichnung von und für Menschen, die nicht weiß sind. Mit dem Konzept ‚People of Color‘ setzt man erstmals voraus, dass Menschen, die nicht weiß sind, über einen gemeinsamen Erfahrungshorizont in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft verfügen. Anders als etwa ‚coloured‘ (‚farbig’/’Farbiger‘), das eine von Weißen gewählte Zuschreibung ist, sind People of Color in erster Linie ‚people‘, also ‚Menschen‘.“

  6. Alpay sagt:

    @Freedom: haha, wenn das nix mit Sexismus zu tun hat, dann werd ich zum Malcolm X der Szene.

  7. […] Noah Sow in einem Interview über die Diskriminierung Schwarzer Menschen in den Medien. Aber nach wie vor werden Themen aus dem Diskriminierungsspektrum Rassismus medial noch oft als „Probleme“ der „Betroffenen“ verhandelt. […]

  8. Frank sagt:

    Ein sehr kluges Interview, finde ich. Ich bemerke das auch, dass ich oft einen statischen Begriff von „Deutsch-sein“ habe.
    Im Übrigen: Ich für mich habe beschlossen, meinen Mund zu halten. Ich kann ohnehin nicht einschätzen, wie man in Deutschland lebt, wenn man als „fremd“ abgestempelt wird. Vermutlich ist das umgekehrt ähnlich: Wenn man zwei oder mehrere Heimaten hat, kann man nicht wissen, wie es ist, wenn man nur die eine hat.
    Leider ist es mir bisher niemals gelungen, wirklich entsprechende Kontakte zu knüpfen, obwohl ich Personen mit einem komplizierten Stammbaum faszinierend finde. Auch beruflich bin ich gescheitert, z.B. den Bereich Museum für bestimmte Gruppen interessant zu machen. Mein Fazit: Museum, Theater, Oper, Denkmalpflege sind mir zwar wichtig, aber ich kann als weißer Autochtoner rein gar nichts für deren Vermittlung an andere Gruppen tun (so lese ich auch aus dem Migazin heraus). Ich kenne deren Perspektive nicht, also lasse ich es. Vermutlich werden sich diese Institutionen sich verändern (im besten Fall) oder ganz verschwinden – was ich bedauere – aber auch nicht ändern kann. Gleiches gilt für die baulichen Spuren der Vergangenheit. Offenbar kann ich bestimmten bestimmten Gruppen nicht vermitteln, warum ich wichtig halte, sie zu erhalten. Vielleicht empfinden diese das sogar als rassistisch, oder chauvinistisch. Also lasse ich es. Viele empfinden es vielleicht als Befreiung von Ballast, wenn die Geschichte verschwindet und etwas Neues entstehen kann.
    Sicher beschäftige ich mich weiterhin mit meinen Interessensgebieten, aber hauptsächlich für mich und für die paar, die sich eben dafür interessieren.

  9. Die_Emotionale sagt:

    Beschwerdebrief an ein weiteres Sorgenkind Deutschlands:
    „Liebe Griechen!“

    Kennt Ihr das bei Euch auch, eine Tante, die einem die ganze Kindheit und Jugend hindurch das Sparschwein füttert? Beim ersten Fahrrad, dem ersten Radio, der ersten Urlaubsreise – immer gibt sie ein paar Scheine dazu. Und dafür verlangt sie nichts weiter als ab und zu mal ein freundliches Dankeschön.

    Liebe Freunde, dies ist ein Brief von Eurer Geldtante. Keine Angst, Ihr müsst nicht Danke sagen. Das Einzige, was wir uns wünschen, ist: Versetzt Euch mal in unsere Lage.

    Seit 1981, seit 29 Jahren, gehören wir zur selben Familie, zur EU. Kein anderes Familienmitglied hat in dieser Zeit so viel Geld in die Gemeinschaftskasse gesteckt wie wir, nämlich netto rund 200 Milliarden Euro. Und pro Nase hat kaum einer so viel bekommen wie Ihr, zusammen netto fast 100 Milliarden.

    Rund die Hälfte also von dem, was wir in den EUTopf gekippt haben, habt Ihr mit großer Kelle abgeschöpft. Oder anders ausgedrückt: Rein rechnerisch haben wir Deutschen mit den Jahren jedem von Euch Griechen, vom Säugling bis zum Greis, über 9000 Euro geschenkt. Einfach so. War doch nett, oder? Freiwillig hat wohl noch nie ein Volk ein anderes über einen so langen Zeitraum so großzügig unterstützt Ihr seid fürwahr unsere teuersten Freunde.

    Wie es uns dabei ging, in all den Jahren, das habt Ihr nie gefragt. Ich vermute, auch heute brennt Ihr nicht gerade darauf, etwas über unsere Sorgen zu erfahren.

    Ich erzähle es Euch trotzdem: Unsere Straßen sind so löchrig wie antike Bauwerke, weil uns das Geld für die Instandhaltung fehlt. Bibliotheken und Schwimmbäder werden geschlossen. Manche Städte schalten nachts jede zweite Straßenlaterne aus, weil sie die Stromrechnung nicht bezahlen können. Im Gegensatz zu Euren steigen unsere Löhne seit der Einführung des Euros praktisch gar nicht mehr.

    Und jetzt sollen wir auch noch Euch Griechen retten. Die Sorgen um Euch, die haben uns gerade noch gefehlt.

    Ihr habt Euch unser Misstrauen redlich verdient: Im Sommer fackelt Ihr regelmäßig dieses schöne Land ab, das Gott Euch geschenkt hat Und dann ruft Ihr nach unserer Feuerwehr, weil

    Ihr es nicht allein gelöscht kriegt. Ihr wollt alle in den öffentlichen Dienst, aber keiner will Steuern zahlen. Wenn auch nur ein Teil der Berichte stimmt, die wir in den vergangenen Wochen lesen mussten, dann seid Ihr offenbar nur bereit zu arbeiten, wenn Ihr dafür Schmiergeld bekommt. Vor allem Eure Ärzte und das Krankenhauspersonal langen kräftig zu.

    Ihr betrügt Euch also gegenseitig, wo Ihr nur könnt. Das kann uns egal sein. Doch Ihr betrügt auch uns. Seit vielen Jahren. Das ist uns nicht egal.

    Ihr kassiert für mehr Olivenbäume EU-Subventionen, als in Euer Land passen. Offenbar ersteht Ihr doch was von Buchführung, denn um die Stabilitätskriterien für den Euro zu erfüllen, habt Ihr Eure Bücher so systematisch und geschickt gefälscht, dass die Brüsseler nichts gemerkt haben. In Wahrheit habt Ihr den Euro nie verdient.

    Trotz Eurer erschwindelten Daten ist es Euch seit der Einführung des Euro noch nie gelungen, die Stabilitätskriterien zu erfüllen. Um Eure Wirtschaft größer erscheinen zu lassen, habt Ihr Euch 2006 einen hübschen Taschenspielertrick einfallen lassen und kurzerhand die Erlöse aus Geldwäsche, auschgifthandel und Schmuggel in die jährliche Wirtschaftsleistung Eurer stolzen Nation eingerechnet.

    Über Jahrzehnte mehr Geld ausgeben, als man sich erarbeitet, wie selbstverständlich auf Kosten von anderen zu leben, laufend betrügen und tricksen – das kann nicht ewig gut gehen.

    Irgendwann bricht das Kartenhaus zusammen. Irgendwann ist jetzt. Streng genommen seid Ihr pleite. Macht Euch keine Illusionen. Wenn Angela Merkel verspricht, „Griechenland wird nicht allein gelassen“, dann geht es unserer Kanzlerin und uns Deutschen nicht mehr um Euch Griechen.

    Unsere Sorge gilt allein unserer eigenen Zukunft Das Unglück ist nur: Wir sind auch an Euch gekettet. Wenn Ihr untergeht, zieht Ihr uns mit unter Wasser. Zum Beispiel durch die 300 Milliarden Schulden, die Ihr mit den Jahren aufgetürmt habt. Rund 30 Milliarden davon gehören den Sparern bei deutschen Banken, in Form von Staatsanleihen.

    Ob Ihr das jemals zurückzahlen werdet? Euretwegen geht der Euro in die Knie. Uns droht die Inflation. Das bedeutet: was deutsche Sparer auf dem Sparbuch oder in Lebensversicherungen für die Zukunft zurückgelegt haben, wird immer weniger wert. Wegen Euch. Solche Gedanken sind Euch natürlich fremd, denn sparen oder investieren ist nicht Euer Ding. Ihr haut die Euros lieber raus. In der EU seid Ihr Griechen das Volk, das von seinem Geld den größten Anteil für den Konsum verprasst.

    Die Regierungschefs der EU haben zwar beschlossen, dass Ihr keine direkten Finanzhilfen bekommen sollt. Erst mal. Doch Ihr braucht Hilfe. Und in der EU bedeutet Hilfe am Ende immer Geld, genauer: unser Geld.

    So langsam wird uns Deutschen klar: Zuerst mussten wir die Banken retten, jetzt müssen wir Euch Griechen retten und schließlich alle Länder mit einer Schweinewirtschaft -die „PIIGS“, Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien. Ein Staatsbankrott eines dieser Länder, darin sind sich die Experten ausnahmsweise einig, wäre eine Tragödie, die selbst die Bankenkrise wie ein Lustspiel erscheinen ließe.

    Kluge deutsche Staatsrechtler haben schon vor der Einführung des Euro gewarnt: Die Wirtschaftsunion kann ohne die politische Union nicht funktionieren. Sie hatten recht. Jetzt erkennen wir das dramatische Demokratie-Defizit. Wir Deutschen sind auch von den Entscheidungen der Regierung Griechenlands abhängig. Aber wir können sie nicht wählen.

    Ihr Griechen könnt sie wählen, aber Ihr habt ganz andere Interessen. Wir wollen, dass Euer

    Ministerpräsident Georgios Papandreou sein Sparprogramm durchzieht. Mindestens. Besser wär’s, wenn er beim Reformieren noch einen Zahn zulegte. Aber Ihr wollt das ganz offensichtlich nicht. Ihr macht, was Ihr immer macht: Ihr streikt. Letzte Woche der öffentliche Dienst, nächste Woche alle, Generalstreik. Liebe, teure Griechen, wenn Ihr nächste Woche auf die Straße geht, dann streikt, dann demonstriert, dann protestiert Ihr nicht gegen Eure Regierung, sondern gegen uns. Dem Zorro, der Euch stets gerettet hat und weiter retten soll, dem versetzt Ihr einen Tritt zwischen die Knie.

    Liebe griechische Finanzbeamte, geht nächste Woche bitte nicht streiken, sondern treibt endlich mal die Steuern Eurer Millionäre ein, von denen Ihr bislang fürs Wegschauen so fürstlich entlohnt werdet.

    Liebe griechische Ärzte, geht nächste Woche bitte nicht streiken, sondern behandelt Eure Patienten. Von jetzt an, ohne vorher um einen Geldumschlag zu bitten. Und dann versteuert einfach Euer Einkommen. Ja, dann könnt Ihr Euch den nächsten Porsche erst ein Jahr später bestellen. Ihr werdet es überleben.

    Liebe Rentner Griechenlands, wenn bei uns jemand sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, bekommt er nicht mal 40 Prozent seines durchschnittlichen Einkommens als Rente. Damit sind wir auf dem viertletzten Platz der OECD-Länder. Und wer ist auf Platz eins? Richtig: Ihr.

    Über 95 Prozent Eures durchschnittlichen Einkommens gönnt Ihr Euch als Rente. Um das hinzukriegen, greift Ihr wieder in die Trickkiste: Ihr bezieht einfach die Rentenhöhe nicht aufs ganze Leben, sondern nur auf die letzten drei bis fünf Arbeitsjahre. Darum ist es bei Euch üblich, dass der Arbeitgeber den Lohn am Ende noch mal kräftig erhöht Von dem Geld, mit dem wir Euch fast 30 Jahre lang gesponsert haben, gönnt Ihr Euch eine komfortablere Altersversorgung, als wir uns leisten können. Findet Ihr das gerecht?

    Also, liebe Rentner in Griechenland: Ihr seid die Generation, die diese Misere verursacht hat. Jetzt haltet mal die Füße still, geht nicht demonstrieren, und lasst Eure Regierung die Sparpläne durchziehen.

    Und, liebe Bürger Griechenlands, redet Euch nicht damit heraus, Eure Politiker seien allein schuld an der Katastrophe. Ihr habt doch die Demokratie erfunden und solltet wissen, dass Ihr, das Volk, regiert und damit verantwortlich seid. Niemand zwingt Euch, Steuern zu hinterziehen, Schmiergelder anzunehmen, gegen jede vernünftige Politik zu streiken und korrupte Politiker zu wählen. Politiker sind Populisten. Die machen genau, was Ihr wollt.

    Sicher werdet Ihr jetzt einwenden: Ihr Deutschen, Ihr seid doch auch nicht viel besser. Stimmt.

    Ein Rentensystem, dem kaum einer noch traut, Beamtenpensionen, von denen niemand weiß, wie sie in der Zukunft bezahlt werden sollen, ein Steuersystem, das so aussieht, als hätten erfahrene Hinterzieher es sich ausgedacht, und vor allem ein Schuldenberg, der irgendwann ins Rutschen gerät und alles unter sich begräbt -genau diese Probleme haben wir auch. Und Ihr seid uns auf diesem Pfad der Untugend nicht so weit voraus, wie viele glauben.

    Früher habt Ihr Griechen uns den Weg gewiesen, habt der Welt die Demokratie, die Philosophie und das erste Verständnis für Nationalökonomie beigebracht. Jetzt weist Ihr uns wieder den Weg. Nur ist es diesmal der Irrweg. Da, wo Ihr seid, geht’s nicht weiter.

  10. […] Bewußtsein von Journalist_innen zum eigenen Weißsein wünscht sich Noah Sow und fragt im Migazin: „Sich ins 21. Jahrhundert zu begeben, wie soll das […]


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