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Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Sarrazin Buch

Deutschland tut sich schwer, „es“ abzuschaffen!

60.000 Exemplare von Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ wollte der tschechische Künstler Martin Zet sammeln, ausstellen und recyclen. Bisher kamen fünf Sarrazin-Bücher und ein Koran zusammen. Für Çiçek Bacık ist das ein eindeutiges Zeichen.

Im Vorfeld der 7. Berlin Biennale, die vom polnischen Künstler Artur Żmijewski kuratiert wird, hatte der tschechische Künstler Martin Zet in der zweiten Januarwoche die deutsche Bevölkerung dazu aufgerufen, Ihr Exemplar von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ an einer der zahlreichen Sammelstellen abzugeben. Martin Zets Aktion „Deutschland schafft es ab“ beabsichtigt, aus den eingereichten Büchern eine Installation zu machen, die auf den rassistischen Inhalt aufmerksam macht. Für eine ordentliche Installation rechnete der Künstler ursprünglich mit 60.000 Büchern. Nach der Installation hatte der Künstler die Intention, die Bücher „für einen guten Zweck“ zu recyclen.

Rasch geriet die Aktion Martin Zets in die Schusslinie der Kritik. Statt sich mit der eigentlichen Intention der Aktion auseinanderzusetzen, reagierten die Medien auf Signalwörter wie „Sammelstelle“ und „recyclen“. Anscheinend hatte der Künstler damit tief schlummernde Ängste der deutschen Nation entfacht. Das Wort „recyclen“ wurde prompt mit „Bücherverbrennung“ im Dritten Reich in Verbindung gebracht. Dem Künstler wurde vorgeworfen, die Meinungsfreiheit beschneiden zu wollen. Als Hüter der Meinungsfreiheit getarnt, demonstrierten Sympathisanten eines Onlineportals, das als rechtspopulistisch und anti-islamisch eingestuft wird, auf dem Bebelplatz gegen die vermeintlich geplante Bücherverbrennung. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Debatte über ganz Deutschland. Zahlreiche erboste Bürger wandten sich an die Organisatoren der Berlin Biennale, das KW Institute for Contemporary Art, um ihre Entrüstung zum Ausdruck zu bringen.

Am 20. Februar 2012 hat Krytyka Polityczna, der Medienpartner der 7. Berlin Biennale, eine öffentliche Debatte anlässlich Martin Zets Aktion durchgeführt.

Die assoziierte Kuratorin Joanna Warsza schilderte, aus welchen Erwägungen die Kuratoren Martin Zet zur Berlin Biennale eingeladen haben. Nachdem 2010 das Buch von Sarrazin auf dem Markt gekommen war und die Bevölkerung zu spalten begann, wurde Martin Zet angesprochen, ob er eine Installation beitragen könne. Martin Zet ist seit Längerem professionell im Buchgeschäft. Er produziert selbst Bücher und hatte bereits mehrere Installationen aus Büchern realisiert. Das Buch von Sarrazin war auch in der Tschechischen Republik in dem renommierten Verlag „Academia“ unter dem Titel „Deutschland begeht Selbstmord“ erschienen. Mit diesem Aufruf hatte der Künstler gehofft, dass mindestens fünf Prozent der Käufer von 1.3 Millionen verkauften Exemplaren sich von dem Inhalt des Buches lösen und ihr Exemplar für die Installation spenden würden. Warsza erwähnte in diesem Zusammenhang, wie sich in der Vergangenheit norwegische Leser wegen des faschistischen Inhalts von Knut Hamsuns Büchern abgewandt hatten. „Mit diesem Aufruf wollten wir aus der passiven Rolle des Beobachters ausbrechen und dadurch eine substanzielle Veränderung bewirken!“ so Artur Żmijewski.

Was nun daraus geworden sei? „Die Medien stürzten sich auf diese Aktion und erzeugten eine Welle von hysterischen Flammen. Da waren diese Assoziationen mit der Bücherverbrennung durch Nazis.“ Statt die rationale Aufforderung der Bücherspende zu verfolgen, hätten die Menschen angefangen zu fantasieren. Martin Zets Idee dahinter sei nicht Zensur gewesen. Nach Żmijewski habe der Künstler Martin Zet die Rolle eines „Sozialtherapisten“ übernommen.

Das Plakat zur Aktion "Deutschland schafft es ab"

Das Plakat zur Aktion "Deutschland schafft es ab"

Nach der anfänglichen Medienhysterie um diese Kunstaktion hatten einige Kultureinrichtungen wie das Haus der Kulturen der Welt und die Ifa-Galerie die Zusammenarbeit mit der Berlin Biennale gekündigt. Als im letzten Jahr das Haus der Kulturen der Welt Sarrazin als Redner zu einer Veranstaltung eingeladen hatte, hagelte es Kritik, sodass Sarrazin daraufhin ausgeladen wurde. Als ich das Haus der Kulturen der Welt als eines der Kooperationspartner im Rahmen dieses Projekts erblickt hatte, freute es mich, dass diese Einrichtung den Mut hat, sich endlich öffentlich gegenüber Sarrazin zu positionieren. Jedoch war es dann doch vor dem Druck der Medien eingeknickt. Zahlreiche andere Partner unterstützen aus Solidarität mit der Berlin Biennale weiterhin die Aktion, so der Kunstraum Kreuzberg. Der dortige Kurator, Stéphane Bauer, kritisierte die ablehnende Haltung Christoph Tannerts, des Geschäftsführers des Künstlerhauses Bethanien, der diese Aktion mit der Zensur in der DDR verglich, als ein „idiotisches Argument“.

Als Vertreter der Medien war der Kunstkritiker Ingo Arend von der taz eingeladen, der diese Aktion zuvor als hilflose Antirassismus-Kampagne mit heikler Symbolik kritisiert hatte. In Deutschland werde bereits seit zwei Jahren eine intellektuelle Diskussion um Sarrazin geführt und es sei nicht angebracht, die Meinungsfreiheit der Menschen einzuschränken. Diese Kunstaktion sei nicht in der Lage, sich der intellektuellen Debatte zu stellen. Diesem Projekt mangele es an ästhetischen, symbolischen und politischen Strategien, so Arend weiter.

Der Referent für Migration in der Rosa-Luxemburg-Stiftung Koray Yılmaz-Günay unterstrich daraufhin, dass die Sarrazin-Debatte in Deutschland großen Schaden angerichtet und einen gravierenden Einfluss auf das soziale Leben habe. Da nur etwa drei Prozent der Journalisten in Deutschland einen Migrationshintergrund vorweisen, sei die Debatte in den Medien vor allem aus der Perspektive der Mehrheitsbevölkerung geführt worden; die ethnische und religiöse Vielfalt im Land sei dort kaum abgebildet worden. Nach den Vorveröffentlichungen in SPIEGEL und BILD sei Sarrazin vielmehr von Talkshow zu Talkshow gereicht worden, wo er seine rassistischen Thesen ungestört verbreiten konnte.

Yılmaz-Günay lehnte die Forderung Arends nach mehr intellektueller Debatte um Sarrazin ab, da dieser nicht an die Ratio appelliere. Das Deutschland, das sich angeblich abschaffe, sei eine überkommene Vorstellung von einer blutsverwandten deutschen Bevölkerung, es gehe aber darum, endlich gleiche Rechte für alle zu verwirklichen – auch für Migranten, Menschen mit Migrationshintergrund und People of Color, die auch ohne Migrationshintergrund rassistische Diskriminierung erleben. „Wir sind die Objekte dieser Debatte – und Sarrazin ist immer noch Mitglied bei einer sogenannten demokratischen Partei, da läuft was schief!“ Mit der Sarrazin-Debatte seien die Ethnisierungstendenzen in Deutschland noch stärker geworden, die verbale und physische Gewalt im Alltag habe zugenommen.

Sebastian Wehrhahn von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin verwies auf eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, nach der bis zu 50 Prozent der Deutschen die Beschneidung der Grundrechte von Muslimen befürworten, nach der letzten Studie von Wilhelm Heitmeyer zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit haben die anti-islamischen Tendenzen zugenommen. Es habe jenseits kreativer Demonstrationen im Umfeld der Veröffentlichung von „Deutschland schafft sich ab“ kaum einen künstlerischen Umgang mit dem Buch gegeben.

Der bereits zuvor durch seine provokante Kunst aufgefallene polnische Kurator Artur Żmijewski und der tschechische Künstler Martin Zet hatten es also gewagt, den Finger in die deutsche Wunde zu legen und den Rassismus in Deutschland anzuprangern. Es wurde viel Lärm um dieses Projekt gemacht. Und doch ist die reale Resonanz gering: Bisher wurden fünf Sarrazin-Bücher und ein Koran [!] für die Installation abgegeben. „Deutschland schafft es ab“ lautet der Name der Aktion. Jedoch tun sich die Deutschen offensichtlich schwer, „es“ abzuschaffen! Auch wenn bisher trotz großen Tumults nur wenige Bücher abgegeben wurden, ist das meines Erachtens ein eindeutiges Zeichen, dass der Künstler den Nerv der Zeit getroffen hat und damit aufzeigt, wie tief das Gift des Rassismus in die deutsche Alltagskultur eingesickert ist. Entgegen all der kritischen Stimmen zum Kunstwerk, die seine Qualität anzweifeln, ist Martin Zets Installation noch gar nicht entstanden. Es ist aber jetzt schon klar, dass die Installation das mangelnde Bewusstsein für Rassismus frappierend zum Ausdruck bringen wird.

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15 Kommentare
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  1. Fatih Koparan sagt:

    Kann es deutschland abschaffen?
    Ist die gesellschaft in der lage es abzuschaffen?
    Will es überhaupt abschaffen?
    Das sind die fragen die auf antworten und taten warten.

  2. MoBo sagt:

    Haha, ihr Mein Kampf haben unsere Großeltern damals ja auch nicht rausrücken wollen 😀

  3. gast sagt:

    Prof. Norbert Bolz:
    „Wir leben weit entfernt von Meinungsfreiheit, und ich halte es für den größten Witz der Diskussion, daß man immer wieder sagt ‘Wer hätte denn mehr Meinungsfreiheit als Sarrazin gehabt’. Das ist lächerlich. Zur Meinungsfreiheit gehört fundamental der Respekt vor Andersdenkenden. Und ich sehe nirgendwo auch nur den Ansatzpunkt von Respekt vor dem, was die, die nicht politisch korrekt denken, sagen und veröffentlichen. Und das fehlt unserer Diskussion dringend. Die Leute draußen merken das, und ich kann es ihnen voraussagen – es werden immer mehr. Ich bin fest davon überzeugt, daß dieses Buch eine Art Geschichtszeichen ist, nicht weil es so eine hohe Qualität hat, sondern weil es eine Auslöserfunktion hat. Die Leute lassen sich nicht länger für dumm verkaufen. Und sie lassen sich nicht länger zum Schweigen bringen. Das hat Sarrazin auf jeden Fall erreicht. Ob das geschickt war, ob das rassistisch war spielt keine Rolle. Das Entscheidende ist, daß die Leute nicht mehr bereit sind, sich von der politischen Klasse und von besonders arroganten neuen Jakobinern, auch in den Feuilletons, den Mund verbieten zu lassen. Und das ist ein riesengroßer Gewinn für unsere Gesellschaft.”

  4. Mentor sagt:

    Warum soll man ein Buch „abschaffen“, dass eine so hoher Auflage hatte und von vielen als sehr lesenswert empfohlen wurde? Wenn man Mehrheiten abschafft heißt das, dass man die Demokratie zerstört.

  5. alpay sagt:

    Lieber Gast, darum geht es. Die Mehrheitsgesellschaft (??) muss den Migranten klar machen, dass auf ihrem Rücken die politische Klasse angegriffen wird,nicht der Migrant selbst.

  6. MoBo sagt:

    @ Gast: Ich habe große Schwierigkeiten damit, einem Autor Respekt zu zollen, der selbst keinen Respekt gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, Studenten, Arbeitsuchenden etc. hat.

    Warum wird immer bei Reaktionären Thesen auf die Meinungsfreiheit gepocht, wenn die Unterstützer dieser Thesen selber im Endeffekt gar keinen freien Meinungsaustausch wollen sondern nur die Erlaubnis, ihre eigenen Ideen zu verbreiten.

    Ich habe schon von anderen Medienwissenschaftlern gehört, dass öffentlicher Rassismus zur Meinungsfreiheit gehört. Dann müssen aber auch Salafisten – so sehr ich diese Gruppe und ihre Publikationen ablehne – in Deutschland Bücher drucken dürfen, in denen erklärt wird, wie man Frauen am besten schlägt. Meinungsfreiheit. Alles andere wäre Heuchlerei.

  7. Optimist sagt:

    Ein echter wissenschaftlicher Gegenentwurf zu Sarrazins Pseudowissenschaft. Guckst du:

    http://www.scribd.com/doc/72371007/Sarrazin-Dossier-18-5-2011

  8. Vorname Nachname sagt:

    Ich habe schon von anderen Medienwissenschaftlern gehört, dass öffentlicher Rassismus zur Meinungsfreiheit gehört. Dann müssen aber auch Salafisten – so sehr ich diese Gruppe und ihre Publikationen ablehne – in Deutschland Bücher drucken dürfen, in denen erklärt wird, wie man Frauen am besten schlägt. Meinungsfreiheit. Alles andere wäre Heuchlerei.
    —-
    Der Vergleich geht daneben. Sarrazin hat meines Wissens nach nie zu Straftaten in seinem Buch oder auch sonst aufgerufen.
    Auch hat sich Sarrazin nie gegen die FDGO gewendet, im Gegensatz zu den Salafisten.

    Aber um beim Bsp zu bleiben. Den Salafisten wird doch erlaubt, Demos und Veranstaltungen abzuhalten, solange sie die Grenzen der Verfassung akzeptieren (bspw darf keine Geschlechtertrennung durchgesetzt werden).

    Salafisten wollen Demokratie und Menschenrechte abschaffen.

    Sarrazin ist, kritisch bis rassistisch (die Meinungen gehen ja sehr auseinander), fordert aber nicht, dass türk. oder arab. Migranten weniger Rechte als „Altdeutsche“ haben sollten. Er hat auch nie gesagt, man solle die Migranten aus Deutschland werfen oder in welcher Weise auch immer Leid antun.

    Da besteht dann doch ein gewisser Unterschied zwischen Sarrazin und Salafisten, oder nicht?

  9. conring sagt:

    @MoBo
    „Dann müssen aber auch Salafisten – so sehr ich diese Gruppe und ihre Publikationen ablehne – in Deutschland Bücher drucken dürfen, in denen erklärt wird, wie man Frauen am besten schlägt. Meinungsfreiheit.“
    Ist das Drucken derartiger Pamphlete hierzulande verboten? Wäre mir neu.

  10. MoBo sagt:

    @ Conring: Eine Veröffentlichung von denen ist tatsächlich beschlagnahmt worden, da hat es auch Hausdurchsuchungen usw. gegeben. Was ja auch bei Texten die zu Gewalttaten aufrufen rechtens ist.

    Sarrazin ruft zwar nicht direkt zu Gewalttaten auf, hat aber das zwischenmenschliche Klima in Deutschland vergiftet. Natürlich ist es legal, dass er so ein Buch schreibt, aber in deshalb als „mutig“ oder sonstwas zu bezeichnen ist einfach albern. Er ist ein Bürokrat mit privilegiertem Hintergrund der über unterprivilegierte Menschen, egal ob mit Migrationshintergrund oder z.B. arm, herzieht. Ich sehe es deshalb nicht ein, warum irgendwelche Medienwissenschaftler soetwas verbal unterstützen müssen, wenn doch seine Aussagen gar nicht verboten sind und auch niemand Zensur gefordert hat.


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