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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

ARD-Döner-TV

Öffentlich-rechtlicher Rassismus zur besten Sendezeit

Donnerstagabend. 20:15 Uhr. ARD. Fastnachtsendung: „Frankfurt: Helau“. Inhalt: Vorurteile und Klischees über Türken – verpackt als Witz und in gebrochenem Deutsch. Landesausländerbeirat fordert Entschuldigung. ARD und der HR nehmen Angebot aus dem Internet.

DATUM10. Februar 2012

KOMMENTARE74

RESSORTAktuell, Feuilleton

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Würden Sie Geld dafür zahlen, um öffentlich lächerlich gemacht zu werden? Millionen Türken und Muslime tun das. Nicht weil sie zu viel Geld oder einen überdurchschnittlichen Sinn für Humor haben, sondern weil sie gezwungen werden, über ihre GEZahlten Rundfunkgebühren Fastnachtsendungen wie „Frankfurt Hellau“ mitzufinanzieren, die am 2. Februar 2012 zur besten Sendezeit (Uhr 20:15) im Abendprogramm im ARD ausgestrahlt wurde.

„Döner TV“ hieß die Büttenrede. Die Moderatorin trug ein Dirndl mit passendem Kopftuch in „Türk“is und machte in bewusst gebrochenem Deutsch plumpe Witze über „Eiche“ und „Achmed“. Die eine arbeitet als „Butzfrau“, der andere in der „geschlossenen Sendeanstalt“ – ausgestattet mit einem 10-jahres-Arbeitsvertrag ohne Bewährung. Der Saal jubelt.

Geschmacklosigkeit
Der Zuschauer vor dem Fernseher aber staunt über die Geschmacklosigkeit. So auch Corrado Di Benedetto, Vorsitzender des Landesausländerbeirats in Hessen (agah): „Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Hier ist uns aber das Lachen im Halse stecken geblieben. Die karnevalistische Freiheit ist ein hohes Gut. Und: Satire darf alles, nur nicht herabsetzend sein. Hier wurden aber alle Regeln des Anstandes verletzt.“

Die Büttenrednerin hat als „Türkin Eiche“ fast alle, gegenüber Türken bestehenden Vorurteile wie z.B. Kriminalität, Gewalt oder Klischees von der Unterdrückung der Frau und schlechter Bildung bedient, beklagt Di Benedetto. Der Beitrag sei eine Aneinanderreihung negativer Assoziationen gegenüber Türken und habe mit forschen Mitteln nichts als Abgrenzung praktiziert. Ein anderer Hintersinn sei bei bestem Wohlwollen nicht erkennbar. Die Büttenrede über Integration habe die Grenze der „Narrenfreiheit“ deutlich überschritten und sei eine öffentlich‐rechtliche Zurschaustellung von rassistischen Vorurteilen und im Ergebnis eine einzige Erniedrigung einer ganzen Bevölkerungsgruppe.

Angebot gelöscht
Der Hessische Landesausländerbeirat hat beim Hessischen Rundfunk gegen die Ausstrahlung Protest eingelegt und eine Entschuldigung des Senders gefordert.

Dieser Forderung kam man bisher nicht nach. Nüchtern und im Lichte dieser Vorwürfe betrachtet, scheint die Sendung den Verantwortlichen aber doch peinlich geworden zu sein. Sowohl im Mediathek des Onlineangebots der ARD noch auf den Internetseiten des Hessischen Rundfunks findet man mittlerweile Informationen zur Sendung. „Leider konnte die gewünschte Seite nicht gefunden werden“, heißt es jetzt, wenn nach einem Suchlauf auf den entsprechenden Link geklickt wird. (bk)

Uptdate:
Einer Meldung der Frankfurter Rundschau zufolge will der Hessische Rundfunk die umstrittene Büttenrede, rotz des Vorwurfs, die Sendung bediene billige Klischees über Türken und türkisch stämmige Menschen, erneut ausstrahlen. „Das gehört zur sprichwörtlichen Narrenfreiheit“, verteidigt HR-Pressesprecher Tobias Häuser.

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74 Kommentare
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  1. M. Petersen sagt:

    Typisch für den Humor in der BRD ist, das besonders Witze ziehen oder gefeatured werden, die reale oder vermeintliche MInderheiten lächerlich machen. Der Anti-Frauen-Humor eines Mario Barth füllt sogar ganze Stadien.

    Wirklich aufwendig oder mutig ist das aber nie: Es werden einfach nur ohnehin vorherrschende Ressentiments massiv bedient.

    Welche Comedians und welche Sender trauen sich denn hier wirklich mal als Teil der Mehrheitsgesellschaftz sich über sich selbst (und damit ja auch über eben diese Mehrheitsgesellschaft) lustig zu machen?

    Da helfen wohl vorerst nur Seinfeld, BBC, 30 Rock oder sonstiges. Vielleicht mal sowas zentral im öffentlich-rechtlichen Abendprogramm. Der Sturm der Entrüstung der Mehrheitsdeutschen ist dann gewiss, denn Humor ist hier immer nur wenn man über andere lacht, aber keinesfalls über sich selbst (geschweige denn über die Ressentiments).

  2. delphin sagt:

    „Es wurden Partys für mich veranstaltet, wo ich selber quasi nix zu beisteuern musste, einfach nur, weil ich es geschafft hatte. “

    Ist dir das besonders wichtig? Empfindest du das als ein Zeichen tiefer Freundschaft?

    „Asoziales, unwissendes und moralisch krankes Volk“

    Krass, stell dir mal vor, man sagt so was über Türken. Krasseren Rassismus gibt es nicht. Optimist, du bist ein Rassist. Sorry. Du hast es nicht verdient, hier zu sein.

  3. delphin sagt:

    Shanelle, und Sie meinen nicht, dass in einer Diktatur sowas von oben gesteuert ist? Sind wohl hier im goldenen Westen geboren? […]

  4. egal sagt:

    durch sowas dummes wird rassismus salonfähig gemacht ..und nicht einen aus dem publikum scheint diese geschmacklosigkeit bewusst, im gegenteil! als hätten sie alle nur darauf gewartet. kein wunder, dass vor nicht allzu langer zeit – mit solchen mitteln! – das schrecklichste überhaupt seinen lauf nahm. das ganze auch noch unter dem titel – sarkasmus- rechtfertigen zu wollen (siehe kommentare) ist noch erschreckender. traurig, dass es in diesem land noch zu viele menschen gibt, deren denkweise im tiefbraunen sumpf steckt.

  5. Mathis sagt:

    Der entscheidende Fehlgriff ist die Büttenrednerin.Ihr kann keine Selbstironie unterstellt werden, was ihre Darbietung einfach nur „platt“ macht.Kaya Yanar wird zwar bei einigen Zuschauern auch keine Lachsalven hervorrufen, Rassismus wird ihm aber niemand vorwerfen.

  6. Yasemin sagt:

    Ich habe mir den Videoausschnitt angesehen. Ist nicht lustig, sondern einfach nur flach. Diese ausgelutschten Witze mit Döner und Ü. Darüber haben wir in den 90ern gelacht. Mir bleibt nicht mal ein Lachen im Hals stecken- das hätte wenigstens etwas. Sie kann ja auch nicht mal den türkischen Akzent … Totaaal laaaangweilig, niveaulos und unkreativ. Das ist das eigentlich ärgerliche. Aus meiner Sicht fehlt hier ganz eindeutig Qualität (der Humor, der dort erkennbar ist, hat was von Mario Barth und diversen anderen niveaulosen Comedy-Trashsendungen z.B.“Die dreisten Drei“-die ich wohl als den typisch deutschen Humor bezeichnen würde )
    Ich bin ja auch in diesem Fall versucht zu sagen „typisch deutsch“… aber in diesem Fall ist wohl treffender „typisch Karneval“ oder „typischer Humor der deutschen Parallelgesellschaft (also diejenigen, die den „Türken“ lediglich aus dem Fernsehen oder vom Dönerimbiss kennen)“…

  7. boy_george sagt:

    „Wie sensibel die Gesellschaft selbst im humorigen Karneval sein kann, hat auch der Westdeutsche Rundfunk schon mehrfach erkannt. In der Vergangenheit hat er immer wieder Szenen aus Sitzungen verbannt, damit sie nicht im Fernsehen gezeigt werden. Aktuelles Beispiel: Ein Teil der Kölner Stunksitzung. Darin fährt Jesus auf einem Segway-Stehroller zur Kreuzigung vor. Der Fernsehzuschauer wird das nicht zu sehen bekommen. Die Szene sei gestrichen worden, weil sie mit dem Grundsatz, die religiöse Überzeugung der Bevölkerung zu achten, nicht vereinbar sei, sagt der Sender.“

    http://www.derwesten.de/panorama/aerger-um-tuerken-witze-in-der-buett-id6337548.html

    wenn sie wollen, dann können sie! aber wenn es „kümmel-türken“ betrifft, lacht das schweineherz gerne.

  8. boy_george sagt:

    plötzlich soll all jenes lustig sein, was früher heimlich an stammtischen über türken-ausländer schwadroniert wurde. das billige nachäffen mit dem schlecht immitierten akzent, dient doch nur der politisch korrekten in zuge solcher veranstaltungen um narrenfrei gegenüber anderen volksgruppen ressintements zu schürren. ich weiss nicht, was die motivation der „rednerin“ war, sei es persönliche abneigung gegenüber türken, oder die geschundene deutsche seele mit solchen reden zu erheitern, keine ahnung. ich weiss, aber das diese freche anmutung, dass wir uns alles gefallen lassen sollten, langsam reicht!

    gerade in anbetracht meines vorherigen beitrags, dass eben sehr wohl geachtet wird, was gesendet werden darf und was nicht. also an alle hans und fritz, es gibt keine uneingeschränkte narrenfreiheit!

  9. Caspar sagt:

    Ich bitte jeden Leser, hier der Büttenrednerin seine Meinung zu schreiben:
    http://www.dr-lowin.de/sites/kontakt.php

  10. Rasti sagt:

    Jetzt habe ich mir das Ding mal auf youtube angesehen, und, ehrlich gesagt, ich kann die Aufregung nicht nachvollziehen.

    Es handelt sich nicht m. E. um Satire, sondern um harmlosen Klamauk (ein bisschen wie Otto). Eine Absicht, jemanden herabzuwürdigen, kann ich beim besten Willen nicht sehen, außer man unterstellt, bereits die Verwendung der Begriffe „Burka“ und „Döner“ in einem humoristischen Zusammenhang wäre eine Herabwürdigung. Die Sache mit der Putzfrau und der Sendeanstalt – naja, das ergibt sich einfach aus der Notwendigkeit der Pointenfindung: „Ich habe schließlich jahrelang beim ZDF gearbeitet … als Putzfrau.“ Das ist aber auch das Einzige, was man eventuell kritisieren könnte.

    Übrigens, ich bin gläubiger Christ und kann trotzdem über „Das Leben des Brian“ lachen – vielleicht fehlt mir einfach das notwendige Maß an Verklemmtheit, um hier das Negative zu sehen.



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