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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Brückenbauer

Mitfahrgelegenheit

„Reisen veredelt wunderbar den Geist und räumt mit all unseren Vorurteilen auf.“ So abgedroschen solche Aphorismen – wie dieser von Oscar Wilde – auch sein mögen, sie beschreiben manchmal doch ganz alltägliche Situationen, wie eine Mitfahrgelegenheit von Köln nach Neukölln.

VONRoman Lietz

 Mitfahrgelegenheit
Der Autor ist Projektorganisator für Integrationsprojekte und Interkultureller Trainer. Er lebt und arbeitet in Berlin. Seit Ende 2011 engagiert er sich im Forum der Brückenbauer.

DATUM19. Januar 2012

KOMMENTARE28

RESSORTAktuell, Meinung

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Köln, Messe-Deutz. Jonas, für die nächsten 6 Stunden mein Chauffeur, räumt meine Tasche in den Kofferraum seines weißen VW Polo. Währenddessen mache ich mich mit dem zweiten Mitfahrer, Pascal, bekannt. Die Fahrt beginnt und mit ihr ein typisches Gespräch über Integration. Ängste und Vorurteile zu bekämpfen, für sechs Stunden gefangen auf vier Quadratmetern, das ist eine besondere Herausforderung.

Kreuz Köln-Nord: Jonas ist 26, Architektur-Student, besuchte am vergangenen Wochenende seine Freundin in Köln, fühlt sich in Berlin so mittelmäßig wohl, aber man hat ihm gesagt, das komme erst noch. Pascal ist 24, war bei der Hochzeit seiner Schwester, studiert Event-Management, jobbt abends in einer Cocktail-Bar, er meint „Berlin rockt“. Das Abschnuppern ist vorbei. Also können wir in die Materie einsteigen:

Jonas: „Also krass, Du wohnst in Neukölln. Das ist aber ein heißes Pflaster.“

Pascal: Ja, erzähl mal! Obwohl Neukölln eigentlich nicht so schlimm ist, oder? Ich hab´s in den drei Jahren, die ich in Berlin wohne, noch nicht geschafft dorthin zu fahren, aber die Freundin eines Kollegen wohnt dort und sie sagt, Neukölln wäre eigentlich ganz okay, wenn da nicht fast nur Türken rumlaufen würden.“

Also gut, los geht´s. Wer sich beruflich mit Integration beschäftigt, hat nur selten Feierabend. Ich sortiere meine Gedanken. Wie tief soll ich schürfen. Wissen Jonas und Pascal, dass die Mehrheit der Neuköllner (60 %) nicht einmal Migrationshintergrund haben? Der Ausländeranteil liegt bei rund 22%, einen türkischen Pass haben tatsächlich nur knapp 9 % der 300.000 Neuköllner. Betitelungen von „Ausländern“ im Allgemeinen bzw. von „Türken“ als pars pro toto, das geht öfter mal durcheinander. Aber mir ist schon klar, dass es hier nicht nur um die Auseinandersetzung mit Definitionen geht, sondern um die Auseinandersetzung mit Ängsten und Emotionen. Deshalb:

Ich: „Und was genau stört dich denn am Vorhandensein von Personen mit Migrationshintergrund? Sicherlich nicht, dass es in Teilen Neuköllns ohne sie kaum dienstleistende Infrastruktur und weniger Arbeitsplätze geben würde, oder?
Wisst ihr, dass die Existenzgründer-Quote bei Personen mit Migrationshintergrund höher ist als bei autochthonen Deutschen?

Jonas: „Okay, wenn sie hier arbeiten ist das ja auch in Ordnung. Da kann man nichts gegen haben.“

Pascal: „Ich hab´ ja auch nichts gegen Migranten, aber nur mal rein ökonomisch gesehen, wäre es für die Wirtschaft nicht doch besser, wenn sie wieder in ihre Heimat zurückgehen würden?“

Soll ich darauf eingehen, dass die Aufforderung „zurückzugehen“ unlogisch ist, wenn man in Deutschland geboren ist? Ich entscheide mich jedoch, auf dem Terrain der Ökonomie zu bleiben.

Ich: „Okay, dann eben rein ökonomisch: Es ist extrem kostspielig, jahrelang in die Bildung eines Kindes zu investieren und sobald es das Alter erreicht, um zum Bruttoinlandsprodukt beizutragen, geht es mit seinem Humankapital ins Ausland. Ist euch übrigens bewusst, dass 2009 deutlich mehr Personen in die Türkei abgewandert sind als aus der Türkei zugewandert? Das schadet der Wirtschaft.“

Das Gespräch nimmt seinen thematischen Lauf: Von türkischen Emigranten kommen wir auf Mesut Özil, spanischen Fußball, Auslandssemester, Studentenleben, Guttenberg, Abwanderung und dann doch wieder:

Pascal: „Sag nochmal wegen vorhin: Vom Gefühl her hätte ich jetzt gesagt, dass hier sehr viele Ausländer reinkommen. Allein schon die Asylbewerber…“

Okay, also öffnen wir das Fass „Asyl“. Auch hier liegen Vermutungen und Tatsachen oft auseinander.

Ich: „Was schätzt du denn, wie viele Menschen in Deutschland Asylberechtigung haben?“

Es sind überraschend wenige: Rund 115.000 Asylberechtigte bzw. anerkannte Flüchtlinge leben in ganz Deutschland. Hinzu kommen 50.000 Asylbewerber, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen sind. Das macht einen Bevölkerungsanteil von etwas mehr als 0,15%, europäisches Mittelfeld. 0,15 %, das fällt in etwa so sehr ins Gewicht wie der Stimmenanteil der Violetten bei der letzten Bundestagswahl. Abgesehen davon frage ich mich, ob Pascal weiß, warum wir überhaupt ein Asylrecht einräumen? Bis zur Verabschiedung der Genfer Flüchtlingskonvention vor genau 60 Jahren gab es keine völkerrechtlichen Asylregelungen, ein Umstand der während des Dritten Reichs vielen Juden und anderen Verfolgten das Leben gekostet hat. Mittlerweile räumen Deutschland und andere Staaten ein Recht auf Asyl ein, allerdings im Regelfall nur, wenn die Einreise nicht aus einem „sicheren Drittstaat“ erfolgt ist. Alle Nachbarländer Deutschlands sind im Übrigen sichere Drittstaaten.

Jonas: „Ja okay, das mit dem Asyl hat eben mit unserer Geschichte und der Verfolgung der Juden zu tun. Wenn heute die meisten Einwanderer Juden wären, wäre das ein eher kleines Problem, schließlich haben wir hier eine christlich-jüdische Wertetradition.“

Ich blicke aus dem Fenster, sehe Bielefeld vorbeifliegen. Mittlerweile habe ich keine Scheu mehr, mich durch Erwiderungen bei meinen Gefährten unbeliebt zu machen.

Ich: „Sind es denn wirklich christliche Werte, die der Maßstab für unsere Gesellschaft sind, und für deren Schutz du dich stark machst? Oder sind es nicht eher Werte wie Toleranz, Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit, Recht auf Beteiligung, Schutz vor Gewalt und Schutz der Privatsphäre, also Werte des Humanismus und der Aufklärung?“

Pascal: „Ja, stimmt schon. Aber egal ob das nun christliche oder humanistisch-aufklärerische Werte sind. Es bleibt doch so, dass der Islam nicht mit unseren Grundwerten vereinbar ist. Muslime wollen sich nicht integrieren.“

Ein häufig vernommenes Totschlagargument, geäußert von denjenigen, die den Islam nur vom Hörensagen kennen. Genau wie Pascal und Jonas bin auch ich weit davon entfernt Islamwissenschaftler zu sein und habe mich auch noch nicht an einer eigenen Koraninterpretation versucht. Ich weiß nur, dass die Studie Muslimisches Leben in Deutschland unlängst die Heterogenität der rund 4 Millionen Muslime gezeigt hat. Sie verdeutlicht, dass Muslime – wenig überraschend – sehr unterschiedliche Lebensweisen führen. Angesichts dessen wird Religion als Faktor für Integration und Partizipation überbewertet. In der Praxis sehe ich in Deutschland jede Menge Muslime (und übrigens auch Christen und Juden), die ohne Gesetzeskonflikt ihre Religion leben. Es muss also wohl doch möglich sein, Wertsysteme miteinander zu vereinbaren.

Wir fahren fort und kommen von der Leitkultur zur Wetten-Dass-Nachfolge, Privatfernsehen, YouTube und Soziale Netzwerke, arabischer Frühling, Iran, China, Sushi, High Society. Und wie war das vorhin nochmal mit dem Nicht-Integrieren-Wollen der Muslime:

Ich: „Eine repräsentative Befragung hat herausgefunden, dass 95 Prozent der Türkeistämmigen in Nordrhein-Westfalen Kontakte zu Deutschen pflegen und nur zwei Prozent geben an, dass sie bewusst keine Kontakte suchen. Das spricht doch eher für eine interkulturelle Gesellschaft und nicht für Parallelgesellschaften.“

Jonas: „Aber der Trend ist doch negativ, oder? Die Muslime werden immer religiöser und grenzen sich dadurch von unserer Gesellschaft aus. Zumindest hab ich den Eindruck, dass man immer mehr Frauen mit Kopftuch auf der Straße sieht.“

Ich: „Das mag dein Eindruck sein, Jonas, aber erstens würde ich nicht vorschnell vom Tragen eines Kopftuchs auf die Verweigerung zur Partizipation schließen und zweitens stimmt deine These nicht, denn bei muslimischen Familien ist der Trend genauso wie bei christlichen Familien: Die Kinder-Generation ist durchschnittlich weniger religiös als die Eltern-Generation. Jede vierte muslimische Einwandererin trägt ein Kopftuch, bei der zweiten Generation nur noch jede sechste.“

Auf unserem Weg passieren wir Hannover, Braunschweig, Magdeburg: Weihnachten, Konfirmanden-Unterricht, Freundschaft, Fernbeziehung, eigene Wohnung, Versicherungen, Altersvorsorge, Demografischer Wandel und erneut Integration:

Pascal: „Wenn das alles stimmt was du sagst – wir können das ja in den Quellen nachlesen – warum ist das Bild von den Muslimen in Deutschland dann so negativ?“
Jonas: „Wahrscheinlich wegen der islamistischen Terrorgefahr, unter der wir in Europa seit dem 11. September 2001 leiden?“

Ich: „Dann erlaubt mir noch eine letzte Studie anzuführen: Im Jahr 2010 gab es laut Europol 249 Terroranschläge in der EU. Davon hatten drei einen islamistischen Hintergrund. An einer tatsächlichen Terrorbedrohung können die Ängste vor Muslimen wohl nicht liegen. Es liegt wohl eher an gefühlten Wahrheiten, tatsächlicher Unkenntnis und mangelnden Kontakten.“

Jonas: „Im Grunde genommen lebt man miteinander und weiß echt zu wenig voneinander.“

Pascal: „Ja, deine ganzen Zahlen sind interessant zu wissen. Ängste und Vorbehalte sind aber wohl nur durch eigene Erfahrung heilbar.“

Ich: „Hey, was haltet ihr davon, wenn wir uns nächstes Wochenende mal in ´nem Café in Neukölln treffen, dann macht ihr euch selbst ein Bild vom „heißen Pflaster“?“

Wir haben unser Ziel erreicht. Ich nehme meine Tasche und danke Pascal und Jonas für eine sichere und unterhaltsame Fahrt, die hoffentlich nicht nur mich angeregt hat, meinen Horizont zu erweitern.

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28 Kommentare
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  1. ICon sagt:

    Vielen Dank für den Bericht! Sehr erhellend. Und im Übrigen empfehle ich den Deutschen Mitbürgern auch öfter mal „türkische“ Cafes aufzusuchen. Die meisten Türken-Kritiker kennen eigentlich gar keine Türken, sie haben auch keinen türk. Bekannten oder Freund. Mal eine schlechte Erfahrung gemacht zu haben zählt nicht als „Ich kenn die Türke, die sind alle…“ Genauso wenig auch bei den Türken „Ich kenn die Daitsche, die sind alle…“.
    Wenn wir uns besser kennen lernen würden, gäbe es auch keine Vorurteile mehr und wir würden alle glücklich und zufrieden leben 🙂

  2. Zensus sagt:

    Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen…

  3. Pepe sagt:

    Was sind Daitsche?

  4. Sugus sagt:

    „Soll ich darauf eingehen, dass die Aufforderung „zurückzugehen“ unlogisch ist, wenn man in Deutschland geboren ist?“
    Wieso unlogisch? Wenn ich als Kind deutscher Eltern in Peking geboren werde, mit deutscher Muttersprache aufwachse, Chinesisch nur als Zweitsprache nutze, überwiegend Freunde unter Deutschen habe, deutsche Medien konsumiere, oft deutsch esse, den deutschen Pass habe – dann bin ich Deutscher, und Deutschland ist mein Vaterland, obwohl ich nie seinen Boden betreten habe.

  5. Horst sagt:

    Grossartig! Vielen Dank. Liest sich hervorragend. Und bringt die Top 5 der deutschen Vorurteile auf den Punkt.

    @Sugus: Gelungener Vergleich, wenn er stimmen würde. Die Mehrheit der Deutschen mit Migrationshintergrund lebt eben nicht so, wie tatsächlich viele Deutsche im Ausland. Genau dass hat ja der Autor mit seinem Artikel verdeutlicht!

  6. saggse sagt:

    Sehr schöne Vortragsreise. Gab’s keinen Stau auf der A2 ?
    „Ich: „Okay, dann eben rein ökonomisch: Es ist extrem kostspielig, jahrelang in die Bildung eines Kindes zu investieren und sobald es das Alter erreicht, um zum Bruttoinlandsprodukt beizutragen, geht es mit seinem Humankapital ins Ausland.“ Humankapital war das Unwort des Jahres 2004.

  7. André sagt:

    Ein sehr starker Beitrag! Freue mich auf mehr.

  8. Hannes sagt:

    „Wisst ihr, dass die Existenzgründer-Quote bei Personen mit Migrationshintergrund höher ist als bei autochthonen Deutschen?“

    Wieviel Prozent am BIP machen diese von Menschen mit Migrationshintergrund geführten „Unternehmen“ aus? WAS sind das für Unternehmen? Ich vermute Imbissbuden, Dönerstände und Ramschwarenläden. Sicher, wenn man seine Familieangehörigen als un(ter)bezahltes „Humankapital“ hat, lässt sich leicht eine Bude eröffenen.

  9. Optimist sagt:

    @ Hannes

    „Wieviel Prozent am BIP machen diese von Menschen mit Migrationshintergrund geführten “Unternehmen” aus?“

    Soweit ich weiß, machen allein türkische Unternehmer einen jährlichen Umsatz von ca 40 Mrd Euro. Das ist soviel, wie alle Arbeistlosen in Deutschland zusammen jährlich beziehen. Darunter sind Unternehmen aller Art, auch Firmengründer und Inhaber. Und wenn die Familienangehörigen als un(ter)bezahltes “Humankapital” arbeiten, dann sicher nicht, weil sie mit der Peitsche dazu gezwungen werden, sondern weil vielen die Integration am Arbeitsmarkt verweigert wird und sie sonst keine Möglichkeit sehen, beruflichen Erfolg zu haben usw. Einfach mal mit den Menschen reden, warum ihr Unternehmen so aufgebaut ist, wie es ist, wird sicher für Interessierte bereichernd.

  10. Roman sagt:

    Hannes, ich freue mich ehrlich, dass Du meinen Beitrag gelesen hast.
    Worauf stützt sich denn deine Vermutung, dass Personen mit Migrationshintergrund vorwiegend Imbis, Döner und Ramschwaren anbieten? Kannst du die These belegen, oder sind es erstmal nur gefühlte Wahrheiten? Vllt. hast du ja Recht und machst dir die Mühe und recherchierst einen Beleg dafür, aber selbst dann frage ich mich, was an den Miniunternehmen schlecht sein soll? Die angesprochenen Unternehmer bieten Dienstleistungen an, fördern Konsum, zahlen Mieten und Steuern, arbeiten oft sehr hart ohne staatliche Transferleistungen zu kassieren. Im Sinne unserer Gesellschaft kann ich das wirklich nicht kritisieren.


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