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Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Gewalt in Ägypten

„Es wird wieder auf Menschen geschossen“

Vor knapp einem Jahr erlebte Ägypten eine Revolution und Husni Mubarak wurde gestürzt. Das Land kommt jedoch nicht zur Ruhe. Der in Deutschland lebende Ägypter Raef El-Ghamri blickt mit Sorge auf die Gewalttaten in seinem Heimatland und versucht zu helfen.

VONJosef Thaurer

Der Autor studiert Ressortjournalismus an der Fachhochschule Ansbach. Er ist außerdem Chefredakteur des Hochschulmagazins „Kaspar“. Dieses Interview ist im Rahmen eines Workshops zum Thema Onlinejournalismus entstanden. Weitere Arbeiten aus dem Workshop werden im Laufe der kommenden Wochen auf MiGAZIN veröffentlicht.

DATUM18. Januar 2012

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RESSORTAktuell, Interview

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Migazin: Herr El-Ghamri, beschreiben Sie uns, wie Sie sich gefühlt haben, als Ihr Heimatland von Mubarak und dessen Regime befreit wurde.

Raef El-Ghamri: Ich war überglücklich. Das war so ein großer Schritt, den die Demonstranten da erreicht haben. Die Freude war wirklich überall riesig, und alle hatten große Hoffnung.

Haben Sie und Ihre Freunde in Ägypten immer noch diese Hoffnung?

El-Ghamri: Nein. Die Hoffnung verflog schnell. Denn die Zustände sind nach wie vor sehr schlecht. Es gibt noch so viel Gewalt und es muss immer noch für ein freies Ägypten gekämpft und demonstriert werden.

Was berichten Ihnen ihre Verwandten und Bekannten aus Ägypten über die momentane Lage?

El-Ghamri: Die Lage ist katastrophal. In den letzten Tagen wurden wieder dutzende Menschen getötet. Frauen werden brutal geschlagen. Es wird wieder auf Menschen geschossen, die gar nicht politisch motiviert sind. Giftgas kommt zum Einsatz und das alles unter dem Militärrat.

Das sind schwere Vorwürfe. Sind Sie sich sicher?

Raef El-Ghamri lebt seit 1986 in Deutschland. Aufgewachsen ist er in Ägypten und wollte mit 19 Jahren sein Glück in Europa versuchen. Der heute 45-jährige Autohändler kann sich nur schwer vorstellen, wieder nach Ägypten zurück zu gehen. Dazu habe er sich in der langen Zeit in Westeuropa zu sehr von der Mentalität seiner Landsleute entfernt. Seine Heimat und andere arabische Länder will er weiterhin unterstützen.

El-Ghamri: Ja, absolut. Es gibt eindeutige Videobänder und Fotos von solchen Taten und unzählige Augenzeugenberichte. Natürlich ist es schwierig durchzublicken, bei so vielen Gruppierungen, die alle entweder mehr oder weniger stark mit dem Militärrat verbündet sind oder eben nicht. Gruppen, die den Militärrat nicht unterstützen, werden drangsaliert, wie etwa die „freien Offiziere“. Viele von ihnen wurden verhaftet oder verschleppt und einfach als wahnsinnig hingestellt. Von drei verschiedenen Leuten habe ich gehört, dass Ende November unzählige Leichen von Demonstranten heimlich abtransportiert und irgendwo verscharrt oder in Flüssen versenkt wurden.

So groß, wie am Anfang die Hoffnung war, ist jetzt die Enttäuschung über die Entwicklungen?

El-Ghamri: Ja. Der Machtwechsel hat auch leider nur formell stattgefunden, wie sich nach und nach herausstellte. Es sitzen noch viel zu viele alte Köpfe in wichtigen Ämtern. Aber die Demonstranten wollen nicht aufgeben. Schon so viel wurde erreicht, aber noch lange nicht genug.

Was muss sich in Ägypten augenblicklich ändern?

El-Ghamri: Der Militärrat muss von einer Übergangsregierung abgelöst werden. Aber ohne Weiteres passiert das nicht. Es gab ja Wahlen, aber das gewählte Parlament hat nichts zu sagen.

Und was sollte sich auf längere Sicht verbessern?

El-Ghamri: Ich hoffe, dass alle Posten für Minister und Beamte von zivilen Personen besetzt werden, von jungen und klugen Köpfen. Die Jugend sollte an die Macht. Denn sie haben ja auch die Revolution angeführt. Dann muss die Verfassung geändert werden, damit sich niemand mehr einfach so an der Macht halten kann.

Sie haben im vergangenen Winter und Frühling Solidaritätsdemonstrationen in Nürnberg organisiert, um Ihren Freunden in der Heimat Beistand zu vermitteln. Wie setzen Sie sich jetzt für Ihre Heimat ein?

El-Ghamri: Wir organisieren medizinische Hilfspakete. Im November haben wir etliche Koffer mit Medikamenten und Blutkonserven privat nach Ägypten geschickt. Ein Arzt aus Holland hat das begleitet. Normalerweise wird sowas am Flughafen vom Militär beschlagnahmt, aber wir konnten es als privates Gepäck getarnt an Krankenhäuser liefern. Außerdem versuche ich, in Deutschland darauf aufmerksam zu machen, was in Ägypten immer noch alles falsch läuft. In die westlichen Länder dringt fast nichts von den grausamen Taten, die jeden Tag passieren. Das ist wohl das größte Problem. Alle Beweise für solche Vergehen werden unterdrückt. Drei verschiedene Internet-TV-Kanäle wurden vor Kurzem überfallen, alle Aufnahmen und das Equipment gestohlen. Ich versuche, die Videos und Bilder, die es aus dem Land schaffen, zu veröffentlichen.

Wie kann Deutschland helfen, dass sich Ägypten zu einem fortschrittlichen Land entwickelt?

„Deutschland und der Westen unternehmen nichts gegen solche Unterdrückungen. Am Ende unterstützen sie den, der an der Macht ist und verkaufen wieder Waffen.“

El-Ghamri: Deutschland und der Westen unternehmen nichts gegen solche Unterdrückungen. Am Ende unterstützen sie den, der an der Macht ist und verkaufen wieder Waffen. Ich verlange nicht, dass sie sich einmischen, aber ehrliche Stellungnahmen müssen von den Regierungen kommen, die ihre Haltung widerspiegeln. Westerwelle hat bis jetzt nur ein Mal die Aktionen vom neuen Militärrat in Ägypten verurteilt.

Wie werden ägyptische Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen?

El-Ghamri: Aus Ägypten kommen gar nicht so viele Leute nach Deutschland. Sie demonstrieren zu Hause für ein besseres Land. Bei mir war das anders. Ich hatte hier schon einige Bekannte, als ich nach Deutschland kam. Ich war zuvor schon öfter hier, da meine Mutter ursprünglich aus Deutschland kam. Darum war für mich die Integration nicht so schwierig. Aber es gibt viele Ägypter, die im Moment Hilfe nötig hätten.

Wie kann man diesen Hilfsbedürftigen Ihrer Meinung nach konkret helfen?

El-Ghamri: Diese Ägypter, die Hilfe brauchen, weil sie verletzt sind oder verfolgt werden, schaffen es meist nicht nach Europa. Und die Staaten unternehmen auch nicht viel, um solche Leute zu unterstützen. Da muss mehr geleistet werden. Ähnlich ist es mit Syrern. Dabei ist die Lage in Syrien dermaßen katastrophal.

Stimmt. Dort haben die Demonstranten noch keinen Erfolg mit ihren Protesten, im Gegenteil. Über 5.000 Demonstranten wurden laut den Vereinten Nationen getötet und noch mehr verschleppt und gefoltert. Wie muss dort geholfen werden?

El-Ghamri: Ich bin immer gegen einen Angriff westlicher Staaten. Wir haben die Amerikaner in Afghanistan gesehen, wir haben die Amerikaner im Irak gesehen und am Ende ist es nie besser. In Syrien ist es auch deshalb so schlimm, weil die Demonstranten stark bewaffnet sind. Ich habe die syrischen Demonstranten bei Protesten in Deutschland unterstützt. Und vielleicht hätte ich als Syrer auch zu den Waffen gegriffen, da das Regime dort so grausam ist. Ich bin froh, dass die Revolution in Ägypten ein wenig friedlicher war, aber das kann man mit Syrien leider nicht vergleichen.

Mit welchem Gefühl blicken Sie im Hinblick auf den arabischen Frühling, auf das Jahr 2011 zurück?

El-Ghamri: Einerseits mit Stolz auf das Erreichte. Aber auf der anderen Seite bin ich traurig, dass sich alles so lange zieht. Der Militärrat hätte schon längst abtreten müssen. Der Weg ist noch lang und hart, aber es gibt Hoffnung.

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5 Kommentare
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  1. Klaus sagt:

    Und warum kommt davon nicht mehr in unseren Medien vor? Letztes Jahr gab es über Monate kein anderes Thema… Mehr davon bitte!

  2. u. h. sagt:

    Sehr geehrter Herr Al-Ghamri!

    Es war wohl Anfang April des letzten Jahres, da fand hier eine Diskussion zum Arabischen Frühling statt. Es waren mehrere Ägypter gekommen, die in Deutschland studierten oder studiert hatten.Es war eine Freude zu sehen, wie sie glücklich und froh waren über das bisher Erreichte. Und sie fragten, warum Deutschland sich nicht stärker für die menschlichen Frühlingsboten einsetze – ja, die Politik und ihre Bedenken. Ich sprach auch mit einigen von ihnen. Und im Hintergrund wühlte in mir die Angst, ob der Militärrat den Frühling okkupieren und in einen Winter verwandeln würde. Daher ist es gut, daß weiter dafür demonstriert wird, daß das Militär die Revolution nicht stiehlt, daß der Frühling kommt.

    Vor kurzer Zeit sprach hier eine in Deutschland aufgewachsene Ägypterin aus ihren aktuellsten Erfahrungen in Ägypten über die Lage dort – als ich in der Diskussion fragte, was denn der Unterschied zwischen Asad und Tantawi noch sei, fand sie keinen, und ich war traurig.

    Was hilft es, daß wir Deutsche innerlich auf Seiten der jungen Leute auf dem Tahrir-Platz sind, und unsere eigenen Politiker uns dann so enttäuschen. Mehr Druck auf sie von den Medien!!! Damit die vielen aus der Spaßgesellschaft aufwachen und mit Ernst handeln, wie auch Sie!

  3. raef el-ghamri sagt:

    @Klaus der Grund ist ganz einfach, da die Westliche Medien nur zum Vorteil der Westliche Politik ist, und das ist auf jeden fall das in Ägypten keine Demokratie herrschet
    @U.H. es hilft wenn wir für freiheit und gerechtigkeit sind und dafür auch kämpfen Politiker sind diener des Volk „sollte sein“

  4. Hassan El Masry sagt:

    Ich als Ägypter, der in Deutschland seit 6 Jahren lebt und mich sehr für die Lage in Ägypten interessiere und durch Facebook mich engagiere die Revolution am Leben zu behalten….Ich danke Ihnen viel Mals Herr El Ghamri ::: Sie haben die Lage in Ägypten punktgenau beschrieben.

    Es ist Wahr:: wir haben uns sehr gefreut aber leider zu früh gefreut ::::: Ein Sieg der Revolution ist es wenn die Menschen die ihr Leben auf dem Spiel gesetzt haben regieren und nicht einfach die Regierung zwischen die Army und die Muslimbrüder :::: die beiden die Demokratie hassen und gegen demokratie tag und nacht arbeiten.

    Die Revolution hat begonnen aber es wurde noch nicht beendet :::: mubarak war nur ein Spieler der die rote Karte sah aber es gibt noch viele spieler und auswechseler die auf uns warten

    Hassan

  5. raef el-ghamri sagt:

    genau mein freund aber unser grösstes problem ist das die spieler richter und trainer gegner der revolution nur die zuschauer ihr leben opfern



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