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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Medien

Wenn Sarrazin tanzt und Wulff wankt

Es rauscht im Blätterwald. Zwei Persönlichkeiten halten derzeit die deutsche Öffentlichkeit in Atem – der eine unfreiwillig, der andere aus Kalkül. Der eine kämpft um sein Ansehen, der andere hat es bewusst aufs Spiel gesetzt.

VONKatharina Pfannkuch

 Wenn Sarrazin tanzt und Wulff wankt
Die Autorin hat in Kiel Islamwissenschaft (B.A.) sowie in Leipzig Arabistik (M.A.) studiert. Seit 2008 arbeitet sie als freie Mitarbeiterin für Zeitschriften wie die afrikapost, Africa Positive und Arab Forum (v.a. zum Thema Islamic Finance) und hat während ihrer Zeit in Leipzig in der Redaktion der Zeitschrift des Orientalischen Instituts, al-Ain, mitgearbeitet. Momentan promoviert sie zum Thema Islamische Versicherungen im deutschen Rechtsraum.

DATUM16. Januar 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Christian Wulff hat es momentan nicht leicht: Jeder Schritt, jede noch so kleine Geste des amtierenden Bundespräsidenten wird seit Bekanntwerden der so genannten „Kreditaffäre“ sowie der – neutral ausgedrückt – ungeschickten Nachricht auf der Mailbox eines der mächtigsten Chefredakteure Deutschlands genau beobachtet. Ob es nun der in vorangegangenen Jahren nur am Rande erwähnte Besuch der Sternensinger am Schloss Bellevue ist, der plötzlich im Blitzlichtgewitter der aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten Journalisten erstrahlt oder ob die Körpersprache und Mimik Wulffs während seines Interviews mit ARD und ZDF analysiert werden – die Presse schaut genau hin und präsentiert der Öffentlichkeit mit einer Hartnäckigkeit vermeintlich neue Details, die ihresgleichen sucht. Und das Publikum? Will es das alles überhaupt noch sehen und hören? Sicher, kaum jemand wird bestreiten, einen Blick auf mindestens eine der in atemberaubendem Tempo aus dem Boden schießenden Websites riskiert zu haben, auf denen Wortschöpfungen wie „Leidwulff“ und „wulffen“ gesammelt oder die kreativsten Filmtitel zur „Wulff-Affäre“, unter anderem „Demission: Impossible“, gekürt wurden. Auch zahlreiche bisher erfolglose Stimmenimitatoren nutzten die Gunst der Stunde. Doch es scheint langweilig zu werden. Zu aufgeblasen erscheint selbst dem den Medien sehr zugetanen Leser diese „Affäre“, zu kleinlich erscheint das Gefeilsche um die Anzahl von Antworten, die der Bundespräsident auf teilweise identische Fragen zu geben habe.

Vom überraschend einhelligen Gleichschritt der Medien über die Grenzen der Verlagshäuser hinweg ist bei Kritikern und Verteidigern Wulffs die Rede, und es wird viel über die Beweggründe für diese „Hetzjagd“ spekuliert: Missfiel die öffentlich getätigte Aussage, auch der Islam sei mittlerweile ein Teil Deutschlands, insbesondere der Springer-Presse so sehr, dass sie beschloss, den Bundespräsidenten zu stürzen? Gerade Menschen mit Migrationshintergrund ließen mehrfach wissen, dass sie Wulff gerade aufgrund dieser – eigentlich so selbstverständlichen, im aktuellen Klima jedoch leider als mutig zu bezeichnenden – Aussage schätzten. Oder lag es an der im vergangenen August öffentlich geäußerten Kritik Wulffs am Krisenmanagement der europäischen Politiker und der Europäischen Zentralbank und der Sorge darum, dass er den ESM-Gesetzen womöglich seine Unterschrift verweigern wollte? Man wird es vermutlich nie erfahren, und es ist wohl davon auszugehen, dass die Affäre, die maßgeblich von den Medien vorangetrieben wurde und die vom nicht gerade eloquenten Auftreten des Protagonisten noch zusätzlichen Auftrieb erfuhr, aus mangelndem Interesse der Öffentlichkeit langsam abebben wird.

Und da kommt es wie gerufen, dass sich just in dem Moment, in dem sich die erste Langeweile breitmacht, ein alter Bekannter zu Wort meldet: Rechtzeitig zur Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe von „Deutschland schafft sich ab“ katapultierte sich Thilo Sarrazin mit dem so abstrusen wie durchschaubaren Versuch, seine „Thesen“ anhand des Vergleichs von Menschen mit Ackergäulen und Lippizanerpferden zu veranschaulichen, ganz nach oben in die Schlagzeilen. Tiere sind immer gut, da denkt man gleich an Rassen, und so sind der empörte Aufschrei im einen Teil der Öffentlichkeit und das mittlerweile gar nicht mehr klammheimliche, zustimmende Zuprosten vom Stammtisch der „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Fraktion gleichermaßen garantiert. Die Medien wissen das und wiederholen den misslungenen Vergleich vermutlich nicht ohne den Blick auf die eigenen Auflagen und Klickzahlen ihrer Online-Ausgaben unermüdlich. Und im ersten Moment meint man, einen ähnlichen, wenn auch nicht ganz so vehementen Gleichschritt der Presse gegen den Protagonisten zu erkennen wie im Falle Wulffs.

Doch liegt man mit dieser Einschätzung richtig? Nicht ganz. Denn wenn man genau hinsieht, erkennt man: Die Kritik an Wulff trifft den Kritisierten, sie beeinträchtigt ihn bei der Ausübung seines Amtes und sie erschwert seine Arbeit. Man mag vom Krisenmanagement des Bundespräsidenten halten, was man will, man mag seine Verfehlungen für gravierend genug halten, als dass sie eine Rücktrittsforderung rechtfertigen oder auch nicht. Aber die Medienlandschaft hat ihm einen Platz in den Schlagzeilen eingerichtet, der nicht gerade bequem sein dürfte. Sarrazin hingegen hat mittlerweile einen Logenplatz reserviert, wann immer es sein Ego oder die Absatzzahlen seines Buches erfordern, nimmt er Platz und wirft dem Publikum im Parkett gefällig einige Bissen seiner verbissenen Tabubrüche zu. Dieses dankt es ihm, und damit auch der letzte Zuschauer auf dem hintersten Stehplatz vom neuerlichen Vorstoß des alten Herren erfährt, verteilen die Medien jeden letzten Krumen seiner kruden Thesen und lassen darüber diskutieren und streiten. Sarrazin wusste, was er tat, als er sein Buch veröffentlichte, er musste sich angesichts seines sowieso bevorstehenden Ruhestands keine Sorgen um sein zukünftiges Ansehen und seine Integrität als Inhaber eines öffentlichen Amtes machen, als er in einer gesteuerten Kampagne, die von einigen Akteuren auch noch unbeabsichtigt angeheizt wurde, der Öffentlichkeit seine Ansichten kundtat. Hier werden sich die Bälle fröhlich tänzelnd zugespielt.

Wulff hingegen wird darum kämpfen müssen, wieder auf dem glatten Parkett der Medienlandschaft tanzen zu dürfen – und auch, wenn sein Auftreten in den letzten Wochen und Monaten nicht immer von der Besonnenheit gezeugt hat, die man sich von einem Bundespräsidenten wünscht: Was dieser zu Fragen der Integration und zur Zugehörigkeit der islamischen Religion zu Deutschland zu sagen hat, verdient allemal mehr mediale Aufmerksamkeit als waghalsige Gedankenspiele über Pferdezucht.

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5 Kommentare
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  1. Helli sagt:

    Die These ist doch lächerlich: Springer demontiert Wulff, nachdem dieser den Islam als Teil Deutschlands bezeichnet hat. Heisst dann der Umkehrschluss etwas, dass einen guten Poltitker Islamfreundlichkeit ausmacht, egal was er sich sonst zu Schulden kommen lassen hat?
    Zu Sarzzin fällt mir auch nichts mehr ein. Traurig ist, dass seine Hasstiraden bei einer breite Öffentlichkeit auf Gegenliebe treffen.

  2. Die_Emotionale sagt:

    „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ war lange Zeit tatsächlich ein Tabu Helli, denn wegen des Political correctness galten viele Informationen, welche die Migration speziell von Orientalen betraf, als „verboten“. An Sarrazin mag ich auch nicht alles, aber dass jetzt in der Öffentlichkeit vehemment über die Probleme der Migration und deren Auswirkungen in Deutschland aber auch in Europa diskutiert wird, finde ich sehr gut.

  3. Leopoldy sagt:

    Für mich war Herr Wulff im Amt des Bundespräsidenten schlicht überfordert. Er hat in seinen nur 598 Tagen Präsidentschaft nie den Bogen zu den Bürgern hinbekommen. Dazu wirkte er auf mich auch immer sehr selbstverliebt. Einzig sein Satz am Tag der deutschen Einheit, wird hängen bleiben……obwohl, die Wiedervereinigung haben die Bürger Deutschlands auch ohne Islam hinbekommen.

  4. aloo masala sagt:

    @Die_Emotionale

    Es wurde auch schon jahrelang vor Sarrazin vehement über die integrationsbockigen und defizitären Migranten hergezogen. Sarrazin hat da keine neue Debatte entfacht und auch inhaltlich nichts neues hervorgebracht.

    Neu war lediglich, dass ein gestandener Politiker aus der Mitte sich verächtlich und geringschätzig über ganze Bevölkerungsgruppen äußerte. Das gefiel den Leuten. So fängt man aber keine sachliche Debatte an.

  5. aloo masala sagt:

    @Helli

    Welche These wäre denn Ihrer Meinung nach plausibel. Was ist der Grund, dass BILD entschieden hatte, dass Wulff gehen muss, nachdem sie ihn und seine Betty hochgeschrieben hatten?

    Guttenberg wurde ebenfalls von BILD hochgeschrieben. Er war ein Hochstapler und dreister Plagiator. BILD stört das nicht sonderlich. Sarrazins Aussagen sind laut UNO rassistisch. BILD setzte sich lautstark für Klartext Thilo ein, wegen der Meinungsfreiheit und so.

    Was störte BILD an Wulff? Was gefällt BILD am rassistischen Klartext Thilo?



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