Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar. Friedrich Landwehrmann Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

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Aphorismus

Denken in Deutschland

Was würde man alles sagen, wenn man ernsthaft der Frage nachgehen würde, welche „Wahrheiten“ es denn sind, die in Deutschland „endlich einmal ausgesprochen“ werden sollten? – Bülent Kaçan über das Denken in Deutschland.

VONBülent Kaçan

Der Autor, geb. am 18. Juli 1975 in Minden, studiert seit 2006 an der Universität Bielefeld Germanistik, Geschichtswissenschaften und Philosophie auf Lehramt, Sek. II. Er verfasst Aphorismen, Essays und Erzählungen und hat in zahlreichen Literaturzeitschriften und Magazinen Texte veröffentlicht. Kaçan ist zweifacher Familienvater und lebt in Bielefeld. „Die Literatur“, meint er, „ist eine fabelhafte Form, auf passivem Wege direkten Einfluss auf das zeitgenössische Geschehen auszuüben, erst in diesem Sinne - und nur in diesem - verwandelt sich Literatur in eine revolutionäre Kunstform mit ungeheurer Sprengkraft und Suggestiventfaltung.“

DATUM12. Januar 2012

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Für manche Zeitgenossen ist das Buch nicht
nur ein stellvertretendes Gedächtnis, es steht
auch stellvertretend für ihr Gewissen. – Bülent Kaçan

Auf dem Höhepunkt der Diskussionen um die Veröffentlichung des Buches „Deutschland schafft sich ab“, ging ein lautes Raunen durch die rechtskonservativen Kreise der Bundesrepublik. Es hieß ganz unverblümt: „Endlich einmal einer, der die ganze Wahrheit ausspricht!“. Mit „Wahrheit“ waren die kulturrassistischen Thesen eines Thilo Sarrazin gemeint, der ganz unverhohlen davon sprach, dass der soziale Status einer Person mit der Zugehörigkeit eben dieser Person zu einer spezifischen Ethnie korreliert; kurzum, sozialer Erfolg oder Misserfolg hingen, Sarrazins Thesen zufolge, ganz entschieden vom genetischen Erbgut des Individuums ab.

Ginge man dieser in breiten Schichten euphorisch erfolgten Akklamation nach, ginge man also ernsthaft der Frage nach, welche „Wahrheiten“ es denn sind, die „endlich einmal ausgesprochen werden sollten!“, so würden man auch hier ganz unverblümt von „den Juden“ sprechen, die im In- und Ausland alle Fäden der Macht in ihren Händen halten oder man würde ganz unverhohlen davon sprechen, dass man diese „korrupten Banker und asozialen Manager“ gleich reihenweise am nächsten Laternenpfahl aufknüpfen sollte oder man würde schonungslos davon sprechen, dass man „augenblicklich aus der Eurozone aussteigen sollte, lieber heute, als morgen und dass Griechenland und der ganze übrige Süden einem gestohlen bleiben könne“ oder aber man würde ganz offen davon sprechen, dass man alle „kriminellen Ausländer“ ohne Gerichtsverfahren abschieben, im Grunde genommen „alle Ausländer“ ausnahmslos ausweisen sollte, schließlich „sei das Boot viel zu voll“ und überhaupt „gehören die Anderen einer ganz anderen, fremden, fremdartigen Kultur an, seien faul, kriminell und aggressiv, schlügen ihre Frauen und ihre Kinder, seien in Wahrheit nichts anderes als Bestien und Barbaren und infolgedessen auch nicht in unsere Kultur und Zivilisation integrierbar!“ – all das und noch viel mehr würde in unserer Republik dann endlich einmal schonungslos gesagt werden, wenn es denn jemanden geben würde, der diese „Wahrheiten“ einmal ausspricht – doch es gibt ihn nicht! (Niemand würde sich heutzutage trauen, derlei „Wahrheiten“ auszusprechen, solange sie politisch inkorrekt sind und sanktioniert werden. Was politisch korrekt ist und was nicht, dies unterliegt keinem gesellschaftlichen Wandel, vielmehr unterliegt es dem herrschaftlichen Diskurs, der seine Sicht der Dinge, ihre Bezeichnungen und Bewertungen als gesamtgesellschaftliche Diskursivität ausgibt).

Diese Wahrheiten, obschon sie jeder denkt oder aber zu denken meint, sind vorsätzlich in die Welt gesetzte Lügen, die uns lediglich als „Wahrheiten“ aufgetischt werden. Denn oftmals sind es nicht, wie wir meinen, unsere eigenen durchdachten Denkextrakte, sondern die Produkte der „Think Tanks“, der sogenannten „Denkfabriken“ dieser Welt, die wir im Lauf der Zeit aus dem multimedialen Meer von Vermutungen, Vorurteilen und Verleumdungen aufgesogen haben und die wir, bewusst oder unbewusst, für unsere eigenen Denkprodukte halten (und hier gibt es tatsächlich eine Analogie zum Muttermilch saugenden Kleinkind. Wie dieses Nähr- und Abwehrstoffe der Muttermilch entzieht, entzieht auch eine bis in die entlegensten Winkel der Welt vernetzte Menschheit dem zirkulierenden semantischen Wirrwarr Nährstoffe für ein prächtiges untertäniges Gedeihen sowie Abwehrstoffe gegen eine virulente Wirklichkeit dort draußen, fernab der virtuell eingespeisten Weltwirklichkeit, wie wir sie verstehen, wie wir sie zu verstehen meinen).

Im Grunde lüstern manche Durchschnittsdeutsche danach, ihre Durchschnittlichkeit endlich einmal abzustreifen, sei es durch den Verweis auf die vermeidliche Minderwertigkeit der Minderheiten unter ihnen, oder aber, was viel seltener vorkommt – denn der Durchschnittsdeutsche ist seinem Vorgesetzten prinzipiell ein treu, ein trostlos ergebener Bediensteter – durch den Hinweis auf die wenigen exemplarischen Schmarotzer dort oben. Thilo Sarrazin spricht also nicht die durchdachten „Wahrheiten“ aller Deutschen aus, vielmehr sind es die ideologischen Überzeugungen der „Denkfabrik-führer“ dieser Welt, die da irgendwo im Washington, London, Paris und Berlin das überforderte Hirn von so manchem Durchschnittsdeutschen überschwemmen und gewaltig überfordern.

Die allermeisten Deutschen aber denken nicht selbst, sondern lassen für sich denken, denn wenn einmal das herrliche Gefühl, den Anderen überlegen zu sein, gegeben ist, wieso sollte man dieses Gefühl durchdenken?

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42 Kommentare
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  1. Bierdurst sagt:

    “Die allermeisten Deutschen aber denken nicht selbst, sondern lassen für sich denken, denn wenn einmal das herrliche Gefühl, den Anderen überlegen zu sein, gegeben ist, wieso sollte man dieses Gefühl durchdenken?”

    Auch nur ein pauschaler Auswurf. Genauso kann man sagen die allermeisten Russen denken nicht, die lassen Putin für sich denken, die allermeisten Türken denken nicht, die lassen Erdogan für sich denken…die allermeisten Franzosen denken nicht, die lassen Sarkozy für sich denken etc.

    vielleicht sollte der Autor sich mal mit den Begriffen Schwarmintelligenz und dem Pareto-Prinzip beschäftigen dann würde er glaube ich solche billigen Anklagen unterlassen.

  2. Shanelle sagt:

    Ein sehr präziser, pointiert geschriebener Text! Er führt auf anschauliche Weise die Mechanismen einer Denkmaschinerie wieder, wie sie seit dem 11.09. 2001 hierzulande funktioniert – 1.”Thinktanks” die strategisches Denken vorgeben, 2. Mainstreamdenken, dass dieses Denken wiedergibt, 3. T.Sarrazin als “Sprachrohr des vermeidlichen Kollektivs”, 4. “Akklamation der breiten Masse “Endlich einmal einer, der die ganze Wahrheit ausspricht!” Auch finde ich es klug und richtig, diesen Text in aphoristischer Form zu verfassen, er greift genau jenen Zerrspiegel wieder, den die breite Masse der Gesellschaft seit Jahren der muslimischen Minderheit vorhält; kein Wunder, dass man sich nun, da man selbst diesen Zerrspiegel vorgehalten bekommt, reflexartig abwendet!
    Bierdurst@:” vielleicht sollte der Autor sich mal mit den Begriffen Schwarmintelligenz” – ist schon interessant, dass Sie menschliche Gesellschaften mit “Schwärmen” gleichsetzen! Doch wie schreibt der Autor so schön: ” Die allermeisten Deutschen aber denken nicht selbst, sondern lassen für sich denken” – wie Recht der Mann hat!

  3. Mirakel sagt:

    “Doch wie schreibt der Autor so schön: ” Die allermeisten Deutschen aber denken nicht selbst, sondern lassen für sich denken” – wie Recht der Mann hat! ”

    Ersetzen Sie “Deutsche” durch “Migranten” und Sie würden es als widerwärtigen Rassismus geißeln.

  4. Bierdurst sagt:

    @Shanelle

    Wenn es doch nur die Deutschen wären…Shanelle…dummerweise taucht dieses Phänomen in allen Gesellschaften auf diesem Planeten auf.

    In dem man diese Meinung allein auf die Deutschen projiziert kreiert man all zu billiges Feindbild…

  5. Shanelle sagt:

    Mirakel@ – Interessant, dass Sie, wir Ihr Vorgänger Bierwurst@ sich auf den letzten Absatz stürzen. Offensichtlich haben Sie die Kernthesen des Textes völlig übergangen; Kritik am Mainstreamdenken, Kritik an Kulturrassismen, die sich gegen Minderheiten wenden, wie im Falle Sarrazins ( der Text des Autors wendet sich gegen das “übernommene” Denken der Mehrheitsgesellschaft – großen Respekt!).

    Interessant auch, dass Sie offenbar in Unkenntnis sind über die Form des Aphorismus, dieser ermöglicht gerade durchs eine Form Zuspitzungen mittels Superlativen.

    “Jede Interpretation eines bestimmten Textabschnittes ist akzeptabel, wenn sie durch einen anderen Abschnitt desselben Textes bestätigt wird – und muss verworfen werden, wenn sie von einem anderen Abschnitt des Textes angefochten wird…” (Umberto Ecos Zitat Augustinus “De doctrina christiana”, Bekenntnisse eines jungen Schrifstellers)

    Sie, Mirakel@ und Bierdurst@ greifen eine Textpassage aus dem Kontext und verlieren dabei den Kontext aus den Augen!

    Lesen ist schwer, dass Verstehen des Gelesenen umso schwerer.

    Armes Deutschland!

  6. Bierdurst sagt:

    @Shanelle

    es ist mir unbegreiflich wie ich wenn ich aus der Conclusio eines Textes zitiere den Kontext aus den Augen verlieren kann.
    Sie benutzen dieses Scheinargument doch nur weil deutlcih gemacht wurde dass der Autor letztendlich zu einer Generalabrechnung mit dem “Deutschen” an sich schreitet.
    Wenn der Autor denn unbedingt zuspitzen möchte dann soll er auch in Kauf nehmen können dass ihm die Spitzen um die Ohren fliegen.

  7. Optimist sagt:

    Ein äußerst hervorragender Beitrag, bravo!!!

    Personen wie Bierdurst und Konsorten merken nicht einmal, wie niveaulos und billig ihre Kommentare rüber kommen. Was Sie betreiben ist eine gängige Masche: Man pickt sich einen bestimmten Satz heraus, zerpflückt diesen und lenkt somit vom Hauptthema ab. Eine weitere gern benutzte Methode solcher Ignoranten ist immer wieder, einfach den Finger auf die “Anderen” zu richten. Das Gesamtthema haben Sie offenbar nicht im geringsten Verstanden oder blenden es aus. Ich werde mir nicht die Mühe, es Ihnen zu erklären, weil Sie durch Ihre Verblendung nicht in der Lage sind, andere Perspektiven zu sehen, sondern sich immer wieder winden und wenden werden, um bloß keine Einsicht zu zeigen.

    Ziel solcher Personen sind Verschleierung, Verleumdung, Verdrehung der Tatsachen usw. Also, Mister Bierdurst, warum gehen Sie nicht auf solche Seiten wie PI-News, da wird Ihnen [...] niemand widersprechen, die Kommentare sind immer die selben dumpfen Sprüche und gehen immer nur in eine Richtung. Da sind Personen wie Sie sehr willkommen.

  8. Shanelle sagt:

    KarinWüsthoff@ Nett, dass Sie mich mit dem Autor gleichsetzen, ich muss Sie aber leider enttäuschen, auch wenn Sie dies an einem “Wort” festzumachen versuchen.

    Kennen Sie den Autor denn persönlich? Gibt es einen Grund, dass Sie versuchen diesen persönlich anzugreifen und den Text dabei aus den Augen verlieren?

    Mich würde interessieren, warum Sie von” verstecken” sprechen, meiner Meinung nach hat der Autor in brillianter Weise seine Sicht der Dinge klar dargestellt, dass er diesen Text als Aphorismus ausgibt sollte Sie, die Sie apodiktisch meinen, dass “Aphorismen normalerweise kurz” seien nicht darin hindern, einmal nachzuschlagen, dass dem nicht so ist, Aphorismen können durchaus die Form eines Essays annehmen!

    Auch fehlt mir bei Ihnen eine fundierte Aussage über den Text. Bitte äußern Sie sich über den Text, es handelt sich bei dieser Funktion um “Kommentare” über den Text, dass maneinen literarischen Text (Aphorismus!) vom Autoren trennen sollte, sollte auch Ihnen nicht entgangen sein.

    Optimist@ Ich kann mich Ihnen nur anschließen! Was hier offenbar versucht wird ist, Wahrheiten zu verschieben und zu verdrängen, während man den Text, der auf eindeutige Weise die Entwicklung von kulturrrassistischen Äußerungen, wie sie ein Sarrazin und Co. vertreten und verbreiten, bennent, selbst in den Schmutz zu ziehen (Verweise auf den letzten, vom Kontext losgelösten Absatz; Vermeidung jeglicher ernsthafter Auseinandersetzungen mit dem Inhalt).

    Was wir bräuchten, wären mehr solche Texte, die uns aufklären!

  9. Mathis sagt:

    Was der Autor alles so zu wissen glaubt……
    Mein Verdacht ist, dass sein Denken über das Denken “der Deutschen” eher auch perspektivisch verengt ist und somit ein wesentliches Kriterium von “vorgefasster Meinung” kultiviert.
    Altmeister Freud würde es so ausdrücken:”Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.”
    Ein Beitrag zur Kultur der “differenzierten Wahrnehmung” hat der Autor nicht geleistet, wollte er aber wohl auch nicht.

  10. kesko sagt:

    interessante diskussion!
    der autor entlarvt wunderbar die verborgenen mechanismen rassistischer projektionen. Und was manchen lesern als erstes einfällt ist, wild um sich herumzuschlagen.Dieses verhalten ist bei kindern typisch welche man bei einer verbotenen handlung ertappt hat. Dieses reflexartige verhalten hat mit einer sachlichen auseinandersetzung nichts zu tun!
    “Die allermeisten deutschen aber denken nicht selbst sondern lassen für sich denken, denn wenn einmal das herrliche gefühl den anderen überlegen zu sein, gegeben ist, wieso sollte man dieses gefühl duchdenken?” – Der autor beschreibt hier eine irrationalität, die ein selbstkritisches Denken unmöglich macht. Der autor hat den kern der sache hervorragend getroffen.


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