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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969
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Mögliche Integrationsverläufe – ein Vergleich

Wie wird die Integration bzw. Chancenangleichung für Personen (mit türkischem Migrationshintergrund) in der Zukunft verlaufen? Ein Blick auf eine in den USA kontrovers geführte Diskussion könnte die Antwort liefern.

VONCoşkun Canan

 Mögliche Integrationsverläufe – ein Vergleich
Geboren 1978 in Mannheim, Studium der Soziologie mit Schwerpunkt empirischer Sozialforschung an der Universität Mannheim, seit Januar 2010 wiss. Mitarbeiter im Projekt HEyMAT an der Humboldt-Universität zu Berlin.

DATUM15. Dezember 2011

KOMMENTARE6

RESSORTAktuell, Meinung

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In den USA gibt es derzeit eine kontroverse Diskussion zwischen zwei Lagern von renommierten Migrationsforschern, bei der es um mögliche Intergrationsverläufe für verschiedene Gruppen von Personen mit Migrationshintergrund geht.

Während die einen –Alba et al. – davon ausgehen, dass es allmählich zu einer wechselseitigen Anpassung zwischen den verschiedenen Gruppen in allen gesellschaftlichen Bereichen kommen und die ethnische Zugehörigkeit am Ende keine Rolle mehr spielen wird, gehen die anderen –Portes et al. – von einer ethnischen Segmentierung aus, bei der sich verschiedene Gruppen von Personen mit Migrationshintergrund an unterschiedliche „hierarchisch definierte“ Segmente der us-amerikanischen Gesellschaft anpassen.

Beispielsweise werden soziostrukturell untere Segmente der Gesellschaft überdurchschnittlich oft von Personen mit mexikanischem Migrationshintergrund besetzt. Begleitet wird diese Segmentierung von Ethnisierungsprozessen, welche die Segmentierung zusätzlich verstärken – z.B. ethnische Stereotypisierungen wie Personen mit mexikanischem Migrationshintergrund sind arbeitslos und faul und Personen mit chinesischem Migrationshintergrund sind ehrgeizig und schlau.

Beide Seiten können ihre Sichtweisen anhand von eigenen empirischen Daten unterstreichen. Zwar beobachten beide Lager soziale Aufstiege zwischen der zugewanderten ersten Generation und in der Aufnahmegesellschaft geborenen zweiten Generation, die sie auf die migrationsbedingten erhöhte Aufstiegsorientierung der Elterngeneration zurückführen, dennoch aber können Portes et al. zeigen, dass dieser Aufstieg hauptsächlich zwischen erster und zweiter Generation stattfindet und danach eine Stagnation und unter Umständen eine Abwärtsmobilität eintritt.

Dies führen sie bei Personen mit mexikanischem Migrationshintergrund darauf zurück, dass es dieser Gruppe im Unterschied zu der Gruppe der Personen mit chinesischem Migrationshintergrund nicht gelang, eine stabile aufwärtsorientierte Community zu etablieren, die Zugang zu bildungs- und arbeitsmarktrelevanten Ressourcen bietet, so dass eine Anpassung an untere Segmente der us-amerikanischen Gesellschaft erfolgt. Die Etablierung einer aufwärtsorientierten Community gelang ihnen vor allem deshalb nicht, weil sie deutlich schlechtere soziostrukturelle Ausgangsbedingungen im Vergleich zu Personen mit chinesischem Migrationshintergrund hatten.

Wie sieht es in Deutschland aus?
Bezogen auf die Arbeitsmigration der 60er Jahre bieten nur Personen mit türkischem Migrationshintergrund eine ausreichend große Zahl, um Intergrationsverläufe differenziert genug beschreiben zu können, wobei es zur dritten Generation keine belastbaren Zahlen, aufgrund der jungen Zuwanderungsgeschichte der Bundesrepublik gibt. Betrachtet man nun die Bildungssituation dieser Gruppe, die aus deutlich ungünstigeren soziostrukturellen Bedingungen starten als andere Gruppen, so zeigen Studien auch hier eine Bildungsanstieg der einheimischem Personen mit türkischem Migrationshintergund – also der hier geborenen Personen – im Vergleich zu ihrer zugewanderten Elterngeneration.

Bei einem Geburtskohortenvergleich kann auch beobachtet werden, dass die Bildungsbeteiligung der einheimischen Frauen mit türkischem Migrationshintergund über die Geburtskohorten hinweg im oberen Bildungssegment deutlich ansteigt (Abi bzw. Fachhochschulreife für Geburtskohorten: 1969-74: 18%; 1975-80: 23%; 1981-86: 33%) , während sie bei Männern stagniert (1969-74: 24%; 1975-80: 24%; 1981-1986: 24%). Und im Vergleich zu Einheimischen ohne Migrationshintergrund bleiben die Unterschiede groß (Frauen: 48% und Männer: 42% der Geburtskohorte 1981-86).

Damit ergibt sich für Personen mit türkischem Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren wurden ein gemischtes Bild. Der Anstieg der Mädchen könnte mehrere Gründe haben: Zum einen werden – so zeigen Studien – Frauen elterlichen Bildungserwartungen eher gerecht als Jungen und zum anderen spielt möglicherweise eine allgemein höhere „Schulkonformität“ bei Mädchen (z.B. bildungsrelevante Hobbies wie Lesen) eine Rolle. Möglich ist auch, dass Mädchen vorhandenes soziales Kapital stärker nutzen als Jungen z.B. Hausaufgabenhilfen.

Die Erfahrungen aus den USA jedenfalls und die Schlussfolgerungen daraus zeigen die Wichtigkeit von sozialen Netzwerken innerhalb der „ethnischen“ Gemeinde, da sie den Zugang zu bildungsrelevanten Ressourcen ermöglichen und zudem Personen neben dem sozialen Abstieg auch vor Fremdzuschreibungs – und Diskriminierungserfahrungen schützen können. Daher kommen Förderprogrammen, die solche Netzwerke stärken – und auch die Eltern miteinbeziehen – eine große Bedeutung zu (z.B. FörMig, Stadtteilmütter etc.).

Auch das Verhalten der Bildungsaufsteiger ist dabei zentral (z.B. Wahl der Schulen nach „ethnischen“ Kriterien und Stereotypen aufgrund von statuserhaltenden Motiven). Neben diesen Faktoren könnte auch der Bildungserfolg der einheimischen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund das Heiratsverhalten dieser Gruppe beeinflussen. Folgt man der Homogamie-These , könnte die Hypothese lauten: Da Frauen mit türkischem Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren wurden, Schwierigkeiten haben, auf dem „Heiratsmarkt“ statusähnliche Partner zu finden, werden sie eher interethnisch heiraten oder ihre Partner im Ausland suchen. Und umgekehrt bedeutet dies für die Männer, dass auch sie nach Alternativen suchen werden, was interethnische Partnerschaften, Partnersuche im Ausland aber auch erhöhte Bildungsmotivation –um ihre Chancen auf dem „Heiratsmarkt“ verbessern zu können – bedeuten kann.

All diese Faktoren werden die Bildungsbeteiligung von Personen (mit türkischem Migrationshintergrund) der nachfolgenden Geburtskohorten und Generationen beeinflussen und zeigen, ob soziostrukturelle und migrationsbedingte Nachteile überwunden werden.

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6 Kommentare
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  1. […] Canan präsentiert im MiGAZIN zwei dramatisch unterschiedliche Integrationsverläufe von […]

  2. Sinan A. sagt:

    Ich würde gern eine empirische Betrachtung beitragen. Ein Beispiel aus erster Hand. Nicht Äpfel mit Birnen verglichen, sondern identische Gruppen von Einwanderern in zwei Ländern.

    Eine Gastarbeitergeschichte, die eine Hälfte der Großfamilie wanderte nach Kanada aus, die andere nach Deutschland. Reiner Zufall, dass es so kam, ein kleiner Wink des Schicksals. Die Männer waren allesamt robuste Naturen, gute Handwerker, studiert war niemand. Wie ging es also weiter?

    Die in Kanada haben sich ihren amerikanischen Traum erfüllt. Mit Haus, Garten und einigem Wohlstand. Bei denen in Deutschland steht eine Eigentumswohnung zu Buche.

    Die in Kanada wurden sofort aufgenommen und gut beraten. Die in Deutschland waren in Wohnheimen untergebracht. Einer starb dort, weil eine Stromleitung falsch verlegt war.

    Die Kinder der Kanadier machten ALLE ihren Abschluss an der Einheitsschule. Die Kinder der Deutschen bekamen ALLE eine Hauptschulempfehlung und kämpften sich dann zum Abi oder Fachabitur durch.

    Die in Kanada singen die kanadische Hymne. Die in Deutschland verziehen das Gesicht bei “Einigkeit und Recht und Freiheit”.

    Die in Kanada haben ALLE einen kanadischen Pass. Bei denen in Deutschland hat KEINER einen deutschen Pass, selbst die Kinder der 3. Generation nicht. Bürokratie, hohe Gebühren und die Anti-Haltung der Behörden haben sie abgeschreckt.

    Die in Kanada pflegen sehr traditionsbewußt ihre Herkunft, schon fast reaktionär, gleichzeitig sind sie überzeugte Kanadier. Sie berufen sich auf die Gemeinsamkeit, die Werte, die sie geschaffen haben. Bei denen in Deutschland ist es umgekehrt: Die Kinder sind weder herkunftspatriotisch noch überzeugt deutsch.

    Die in Kanada sind in der Gemeinde aktiv und sehen auch optisch sehr amerikanisch aus. Die in Deutschland haben einen Aufenthaltstitel und einen Migrationshintergrund.

    Fazit: Wer nach Kanada ging, hat jetzt einen Platz an der Sonne. Wer nach Deutschland kam, hat jetzt schlechtere Karten.

    PS: Die Geschichte ist wahr und ich behaupte exemplarisch.

  3. Pragmatikerin sagt:

    @ Sinan A.

    Ich bitte um die Anschrift beider Familien, damit ich sie getrennt befragen kann.

    Pragmatikerin

  4. Uschi sagt:

    Na, Sinan A. hat sich wohl von diesem Artikel hier inspirieren lassen und irgend ne passende Story erfunden. Tatsache ist das noch nich mal 30.000 Türken in Kanada leben. Und Sinan A. sollte sich mal die Einreisebestimmungen und Bestimmungen für eine Aufenthaltserlaubnis für Kanada durchlesen. Da muss man erstmal Geld mitbringen, und das nicht zu knapp, um dort Fuß zu fassen. Deswegen sind doch nur wenig Türken in Kanada, sind lieber hier in Deutschland.

  5. Sinan A. sagt:

    Wie gesagt, aus erster Hand. Ich kenne die ganze Familie persönlich, und zwar ziemlich gut.

  6. Eman Eybe sagt:

    In den USA ist alles anders aber nicht unbedingt besser. US-Amerikaner schwören alle auf die Flagge. Krasser Nationalismus. Ihre Loyalität zu ihrem Lande steht nicht in Frage. Da gibt es eben keine US Bürger, die aufgrund ihrer Herkunft oder der ihrer Vorfahren illoyal zu ihrem Lande sind. Es gibt allerdings auch keine Solidargesellschaft in den USA, da fühlt man sich nicht als soziale Gemeinschaft, sondern jeder lebt nebeneinander. Steuern sind da Diebstahl. Sozialabgaben ganz verrucht, sogar für Gesundheitsversucherung. Die fühlen sich eben nicht als ein Volk wo man für einander einsteht. In einer polyethnischen Konkurrenzgesellschaft ist es eben schwierig sozialdemokratische Politik durchzusetzen.

    Im übrigen würde ich von einer Partnerin erwarten, sich zu meinem Glauben zu bekennen. Ob die aus der Türkei oder sonstwo her ist, wäre mir egal. In Wahrheit ist es aber oft anders herum. Ein Freund von mir hat eine in Deutschland geborene mit türkischen Hintergrund geheiratet und das ist der reinste Sozialvirus, diese familiären Zwänge, das macht einen ganz kirre, da ist ja wirklich alles festgelegt und da wird man voll assimiliert, Individualität ist fast ausgeschlossen. Das ist unglaublich krass! Da kann man sich kaum gegen wehren.



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