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"Sterne" - Ein Verbotsstigma

Wie jungen Iranern das Bildungsrecht verweigert wird

Etwa 3,8 Millionen Studenten und darunter etwa 60 Prozent Frauen soll es nach offiziellen Angaben im Iran geben. Aber wie frei sind die Universitäten wirklich? Anlässlich des 7. Dezembers „Tag der iranischen Studenten“ wirft Forough Hossein Pour einen Blick auf die aktuelle Situation.

Studium-Antrag abgelehnt! Masterstudium verweigert! Schikaniert wegen politischer Meinung und verfolgt aufgrund des Glaubens, schreibt der Studentenrat „Verteidiger des Rechts auf Bildung“ (ACRE) und kritisiert in einem offenen Brief ganz scharf die Missstände an den iranischen Universitäten. Stoppt das „Apartheid-Lernsystem“ appelliert der Rat weiter und fordert zudem die sofortige Freilassung der inhaftierten studentischen Aktivisten.



Ein staatliches Stigma

Der ACRE (Advocacy Council for the Right of Education) wurde 2008 von den sogenannten „Studenten mit Sternen“ gegründet. Dabei handelt es sich um Studierende, die wegen politischer und zivilgesellschaftlicher Aktivitäten oder ihrer Religionszugehörigkeit in den Akten der Universitätsverwaltung durch „Sterne“ vermerkt sind und je nach Häufung dieser vom Unterricht oder ganz von den Universitäten ausgeschlossen werden.

Auch Puyan Mahmoudian gehörte zu den sogenannten „Studenten mit Stern“. Im Jahr 2007 wurde ihm das Masterstudium im Bereich Chemieingenieurwesen untersagt, obwohl er unter 1500 Personen zu den besten sechs Mitbewerbern gehörte. Der Grund: seine politischen Aktivitäten!

„…die Politik der eisernen Faust“
Der 25-Jährige kam vor sieben Jahren auf eine der renommiertesten Universitäten Teherans „Amirkabir“. „Es war das letzte Amtsjahr des Präsidenten Khatami. Seine Politik stand im Gegensatz zu der Ahmadinedschads für die Meinungsfreiheit. Ich war Mitglied des Uni-Vereins, gleichzeitig Chefredakteur der kritischen Uni-Zeitung. Und weiß noch ganz genau, wie mit Ahmadinedschads Machtübernahme 2005 die Politik der eisernen Faust begann“, erinnert er sich.

Für Mahmoudian kein Grund in der Uni-Zeitung seine harsche Kritik nicht mehr offen auszuüben. So wurde auch Ahmadinedschads erster Universitätsbesuch durch Mahmoudian und seinen Kommilitonen weitestgehend gestört. Sie verbrannten Fotos von ihm, pfiffen ihn aus, und unterbrachen seine Rede.

„Wir hatten als Studenten Ahmadinedschad sehr früh durchschaut. Es war eine fatale Entscheidung von ihm, sich vor uns zu stellen und derartig populistische Reden mit falschen Statistiken zu halten. Klar rasten wir dann aus und schreien die ganze Zeit. Wir lassen uns nichts vormachen“, sagt Mahmoudian.

Gefängnis statt Hörsaal
Während andere Studenten der Universität „Amirkabir“ als „das Herz der Studentenbewegung“ bejubelt wurden, mussten Mahmoudian und seine Freunde wegen des Protests hinter Gittern. Insgesamt saß, der damals 20-Jährige, zweieinhalb Monate im Teheraner „Evin“ Gefängnis. Vor seiner Entlassung musste er, wie alle anderen auch, Geständnisse ablegen und vor allem den geistlichen Führer Ayatollah Khamenei um Vergebung bitten.

Aber auch nach seiner Befreiung konnte Mahmoudian nicht aufhören aktiv zu sein. Seine Strafe bekam er diesmal anders zu spüren. Nachdem er die Aufnahmeprüfung für das Masterstudium bestanden hatte, wurde er in das Wissenschaftsministerium gerufen. In einem Verhör machte man ihm die Bedingung für den Fortgang seines Studiums klar: Erstens, das sofortige Beenden aller seiner politischen Aktivitäten und zweitens, das Kooperieren mit dem Geheimdienst.

Mahmoudians Antwort blieb hierauf nüchtern: „Nicht politisch aktiv zu sein, kann ich noch akzeptieren, aber Informationen zu liefern, nein das geht nicht“, sagte er. Das schien den Verantwortlichen nicht zu gefallen, denn zwei Tage darauf stand sein Name nicht mehr auf der Liste der Absolventen.

Historie der iranischen Studentenbewegung
Die iranische Studentenbewegung war bereits 1953, bei den Protesten gegen den Militärputsch zum Sturz von Mossadegh – seinerzeit Premierminister – sehr aktiv gewesen. Der „Schah“ Mohammad Reza Pahlavi ging damals mit aller Härte gegen die jungen Aktivisten und die Studentenbewegung vor und sie wurde innerhalb von drei Monaten zum größten Teil zerschlagen. Der 7. Dezember 1953 zählt zu einem der Höhepunkte der Auseinandersetzung mit den Schah-Schlägertruppen. Während einer Studenten-Demo anlässlich des Besuchs des US-amerikanischen Vizepräsidenten Richard Nixon kamen drei Studenten ums Leben. Diese gelten seitdem als Symbol für die iranische Studentenbewegung und nach der islamischen Revolution 1979 wird der 7. Dezember als offizieller „Tag der Studenten“ gefeiert.

58 Jahre Kampf für ein besseres Bildungsecht
Heute werden die Studenten von den zuständigen Behörden stärker denn je ausgesiebt. Und wenn sie die Aufnahmeprüfung und die ersten Hürden schaffen, werden sie immer noch durch das „Stern-System“ eingeschüchtert. Was am Ende das Scheitern ihrer beruflichen Karriere bedeuten kann.

Um auch die Menschen im Ausland auf die akute Lage der iranischen Studenten aufmerksam zu machen, startete im August 2011 das Crowdsourcing-Projekt „Can you solve this?“ (Kannst du das lösen?) in Berlin. Auf der Webseite kann man mit nur wenigen Klicks einen Politiker mit einer vorgefertigten E-Mail dazu aufrufen, mit den iranischen Botschaftern über die Problematik zu sprechen. Mehr als 11. 000 E-Mails wurden seit August an Regierungen in zwölf Ländern verschickt. Doch die iranische Regierung leugnet offiziell ein Studienverbot für politisch Aktive; ein Grund warum immer wieder diese Fälle von der internationalen Rechtsprechung keine Beachtung finden. Diese Kampagne will daher vor allem junge Menschen weltweit mobilisieren, sich für das „Bildungsrecht“ der Iraner einzusetzen.

Puyan Mahmoudian zählt heute zu den Glücklichen. Im Jahr 2009 hat er es geschafft an der Freien Universität zu Berlin ein Studienplatz zu erhalten und hat sein Masterstudium im Fach Chemieingenieurwesen im Sommer 2011 erfolgreich absolviert.