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Migration und Integration in Deutschland

Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren.

Hessischer Integrationsminsiter Jörg-Uwe Hahn (FDP), Frankfurter Neue Presse, 7.2.2013

Buchtipp zum Wochenende

Mein Name ist Revolution

»Hör mit deiner Deutschtümelei auf, du Arsch. Sonst setzt es etwas, was du bis zu deiner Beerdigung nicht mehr vergisst« – ein Exklusiv-Auszug aus dem druckfrischen Berlin-Roman, der Romanze, der Spurensuche von Imran Ayata.

VONImran Ayata

DATUM18. November 2011

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RESSORTAktuell, Rezension

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Altan wusste von einer Party im Cake und überredete mich und Hamid Khan mitzukommen. Ich hatte Hunger, weil ich den ganzen Tag fast nichts gegessen hatte und von den zwei Gläsern Rotwein leicht betrunken war, was meinen Kumpel amüsierte. Altan bestellte bei Suat Usta Kuttelsuppe. Mir machte es nichts aus, wenn jemand in meiner Gegenwart ein blutiges Rumpsteak aß, aber der Anblick der Suppe ekelte mich. Auch wenn Altan sich redlich bemühte, Hamid Khan teilte seine Begeisterung für die Suppe aller Suppen nicht. Aber mit seiner Tomatensuppe war mein Studiogast sehr zufrieden. Nach dem Zwischenstopp in unserem Lieblingssuppenladen sprang Hamid Khan ab und bedankte sich für die Sendung und das Aftershowprogramm.

»Sie sollten wirklich noch mit ins Cake

»Nein, lieber nicht.«

»Aber wieso? Was haben Sie vor?«

»Ich habe keinen Plan.«

Als Hamid Khan die Adalbertstraße entlanglief und bald kaum mehr zu erkennen war, blies ich ihm meinen Zigarettenrauch hinterher, verbunden mit dem Wunsch, es gebe für Menschen wie ihn ein Allheilmittel gegen Einsamkeit.

Imran Ayata schreibt Essays, Konzertberichte, Rezensionen, Songtexte, Nachrufe, E-Mails, Liebesbriefe, Copytexte, Flugblätter, Manifeste, Reden, Reportagen, Glossen, Kommentare, Features, Erzählungen. Mein Name ist Revolution ist sein erster Roman.

Ein Berlin-Roman.

Ein Nachtleben-Buch.

Eine Romanze.

Ein Society-Porträt.

Ein hedonistisches Manifest.

Eine Spurensuche.

Eine neue Stimme in der Gegenwarts literatur.

Mit Sinn für Komik und Blick aufs Ganze erzählt Imran Ayata vom Leben des 35-jährigen Devrim, dessen kommunistische Eltern in den Siebzigern nach Berlin kamen – und über Nacht mit einem Lottogewinn reich wurden.

Im Cake trug eine Sängerin schwermütige Balladen vor, begleitet von einem langhaarigen Cellisten. Auch wenn Miss Wundersopran sehr hübsch war, nervte sie uns. Altan begrüßte jeden zweiten Gast mit Handschlag. Wenn es mit der akademischen Karriere nichts werden sollte, könnte Altan immer noch Bürgermeister in Kreuzberg werden, so viele Leute, wie er hier kannte. Die Sängerin trällerte etwas wie Deine Augen, süßer als süß. Ich lag alleine danieder. Ich sehnte mich nach dir und ich begehrte … Altan mischte Marihuana in den Tabak und rollte die erste Tüte des Abends. Das Trümmerduo wollte nicht aufhören und spielte bereits die zweite Zugabe, um die sie niemand gebeten hatte. Ich schlug vor, woanders hinzugehen.

»Lieber putschen wir hier. Die können doch nicht zu einer Oriental-Night-Party einladen und uns mit dieser nordischen Ariermusik abfertigen.«

Das war nicht der Punkt, denn Altan hatte das dis vor dem orient auf dem Flyer überlesen. So gesehen war die musikalische Katastrophe nicht weiter zu hinterfragen, weil sie bestens das beworbene Versprechen einlöste. Als ich glaubte, dass unser Abend bald zu Ende gehen würde, stellte sich ein Typ im dunkelblauen Anzug auf die Bühne. Sein lichtes Haar hatte er so frisiert, dass seine Halbglatze kaschiert wurde. Er verlas ein Manifest gegen die hegemoniale Monokultur im Kiez. Sein Auftritt wurde von einem DJ begleitet, der elektronische Schnipsel in die Rede mixte, und mit Buhrufen aus dem Publikum quittiert. Plötzlich sprang Altan von seinem Sessel hoch, plusterte sich auf, was bei seinen knapp ein Meter fünfundsechzig nicht sonderlich imposant wirkte.

»Hör mit deiner Deutschtümelei auf, du Arsch. Sonst setzt es etwas, was du bis zu deiner Beerdigung nicht mehr vergisst«, schrie Altan.

Er wiederholte seine Warnung drei Mal – wie man es beim Karate tut –, drehte sich zu mir um und forderte mich auf, auch endlich aufzustehen. Noch ehe ich reagieren konnte, flog ein Aschenbecher durch den Raum und traf den Pamphletfred.

Mucksmäuschenstille im Cake.

»Jetzt hältst du schön deine Kulturklappe«, rief Taylan, der den Aschenbecher von der Theke aus auf die Bühne geschleudert hatte.

Der Barkeeper eilte nach vorne, kümmerte sich um den getroffenen Orator und kündigte an, dass es mit Musik weitergehe. Nicht mit dem Duo – großer Jubel. Sondern mit Kreuzberg-Klassikern aus der Konserve – noch größerer Jubel.

»Das nenne ich kanak’sche Intervention«, freute sich Altan wie ein kleiner Junge, der gerade seine erste Carrerabahn geschenkt bekommt.

»Wo steckt ihr eigentlich?«, sagte Taylan, der sich zu uns setzte und so tat, als sei nichts weiter vorgefallen.

»Devrim hat Hamburg für sich entdeckt, ich bleibe meinen Lastern treu«, meinte Altan.

»Was gibt’s denn bei den Fischköpfen?«

»Ach nichts. Ich war am Wochenende mit Dennis dort. Kennst du ihn überhaupt?«, fragte ich Taylan, der so wie ich nach dem Mauerfall nach Mitte gezogen war.

Ständig hatten wir uns damals auf irgendwelchen Keller- und Hinterhofpartys getroffen und uns gewundert, dass so wenige Kanakster mitfeierten. Den Osten hatten sie boykottiert und für eine Deutschland-für-Deutsche-Zone deklariert. Die werden alle noch in Kreuzberg begraben, hatte Taylan damals behauptet, war aber später selbst wieder zurück nach 36 gegangen, weil ihn der Kommerz und die Seelenlosigkeit in Mitte irgendwann nervten.

Taylan machte alles und nichts zugleich. Vor einigen Jahren hatte er sich als Schauspieler versucht und die eine oder andere Rolle ergattert, weil türkische Gesichter auf der Leinwand damals schwer im Kommen gewesen waren. Inzwischen beschränkte sich sein schauspielerisches Engagement auf Szenen wie im Cake. Hin und wieder nahm er Sprecherrollen für türkische Hörfunkspots an, die meist bei Metropol FM liefen. Taylan war so gut wie konkurrenzlos, weil er ausgezeichnet Türkisch sprach und niemand heraushörte, dass er gebürtiger Berliner war. Viele Import-Export-Händler, Restaurantbetreiber und Lebensmittellädenchefs legten großen Wert darauf, dass ihre Radiowerbung von unserem Jungen aus Istanbul gesprochen wurde. Taylan wiederum konnte sich nicht entscheiden, ob er weiter auf das große Filmengagement hoffen oder einen anderen Weg einschlagen sollte.

»Wir sind eine klassische Zwischengeneration. Schau dir an, wie unsere Eltern sich kaputtmalocht haben. Wir schlagen uns so durch. Aber unsere Kids, die werden hier eine ganze Epoche prägen«, hatte er einmal auf einer Vernissage in der Auguststraße verkündet.

Seit er sich an der Ägäis unglücklich in eine mysteriöse Frau verliebt hatte, saß er ständig im Cake, betrank sich und redete kaum mit jemandem.

Altan baute einen weiteren Joint, den er zuerst Taylan reichte. Als wir zu Ende geraucht hatten, überfiel Altan ein infantiler Lachflash, weswegen er den fliegenden Aschenbecher nicht aus dem Kopf bekam und seinen Helden der Nacht bat, die Yankee-Kiff-Geschichte vorzutragen, was Taylan anfangs ablehnte. Dann tat er es doch, als ihm klar wurde, dass Altan keine Ruhe geben würde.

»Also, ich sitz mal wieder in der Schnabelbar. Meine ganzen verdammten Abende und Nächte in der Schnabelbar. War’s schlecht? Nein. Immer was am Laufen, Frauen, Drogen und so. Ich sitze da hinten …«

Taylan zeigte auf den Tisch an der Ecke, neben dem DJ-Pult.

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