MiGAZIN

Interview mit Hassan Eshkevari

Wie der Iran den Weg zur Demokratie schaffen kann

Nach dem arabischen Frühling fragen sich viele, wie es mit dem Iran weitergeht. Sind die Proteste gescheitert? Welche Rolle spielt der Islam bei der Weiterentwicklung? In einem Gespräch mit Hassan Yousefi Eshkevari, einer der renommierten iranischen Theologen und Kritiker, gehen wir diesen Fragen nach.

Zuletzt sah ich Hassan Yousefi Eshkevari vor 11 Jahren auf einer Iran-Konferenz in Berlin. Als „Hodschatoleslam“, ein bedeutender religiöser Titel im schiitischen Islam, sorgte er damals mit seinen Thesen für einen Eklat im Iran. Denn er hatte sich vom überzeugten islamischen Ex-Parlamentarier zum Kritiker des theokratischen Systems entwickelt und plädierte als Vorreiter unter dem iranischen Klerus für Islam-Reformen und die Trennung zwischen Staat und Religion.

So wurde ihm sein Auftritt in Berlin zum Verhängnis. Eshkevari kam kurz nach seiner Ankunft in Teheran ins Gefängnis, wurde zunächst zum Tode verurteilt und nach fünf Jahren Haft freigelassen. Heute lebt der 61-jährige im Exil und arbeitet als Schriftsteller und Islamwissenschaftler.

Am 10. November 2011 nimmt er wieder an einer Iran-Konferenz in Berlin teil, organisiert von „Transparency for Iran“. Humorvoll sagte er zu mir: „Enshallah (hoffentlich) erwartet mich diesmal keine Todesstrafe!“

MiGAZIN: Erlauben Sie mir mit den Entwicklungen im Nahen Osten anzufangen. Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khamenei bezeichnete den arabischen Frühling als das „Erwachen der islamischen Welt“ und betonnte mehrfach, dass die Aufstände im Nahen Osten ihre Wurzeln in der islamischen Revolution von 1979 hätten. Wie schätzen Sie Ayatollah Khameneis Aussagen ein?

Hassan Eshkevari: Ich denke der erste Teil diese Aussage stimmt, bin aber mit der Schlussfolgerung absolut nicht einverstanden. Klar leben in den arabischen Ländern überwiegend Muslime, deren politisches Gedankengut auch zum größten Teil vom Islam geprägt ist. Dennoch strebt die Mehrheit nicht einen islamischen Staat an und schon gar nicht nach dem iranischen Modell. Die Führer der „Muslim Brüder“ in Ägypten oder der aktuelle Wahlsieger in Tunesien, Rachid al-Ghannouchi, und viele andere Persönlichkeiten haben sich vom iranischen Staatsmodell klar distanziert. Sie versprechen Demokratie, Freiheit und tendieren zu einem Staatsmodell wie der Türkei.

MiGAZIN: Bleiben wir bei Rachid al-Ghannouchi. Seine Begeisterung über die islamische Revolution von 1979 im Iran ist kein Geheimnis. Sehen Sie dennoch keine Gefahr, dass sie die iranische Regierung nachahmen?

Hassan Eshkevari: Stimmt, Ghannouchi hatte sogar ein Buch über Ayatollah Khomeinis Leben herausgebracht. Aber nicht nur er, sondern die meisten Köpfe der arabischen Opposition hatten jahrelang ein gutes Verhältnis mit dem Iran und wurden auch damals sogar zum Teil Finanziell unterstützt.

Aber Fakt ist auch, dass sie alle heute in der Öffentlichkeit das iranische Staatsmodell ablehnen.

Hierzu haben wir, einige der iranischen Oppositionellen – unter anderen auch Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi – vor einigen Tagen einen offenen Brief an die führenden Kräfte in Ägypten, Tunesien und Libyen veröffentlicht. Darin haben wir sie vor der Gründung einer islamischen Staatsmacht gewarnt und ausdrücklich empfohlen, eine Lehre aus unserer 32-jährigen Erfahrung im Iran zu ziehen. Außerdem haben wir dazu geraten, die Trennung vom Staat und Religion sowie die Einführung von gleichen Rechten für die Minderheiten einzuführen. Ein ganz wichtiger Punkt ist: Es muss verhindert werden, dass die absolute Macht in die Hände einzelner Personen oder Gruppen fällt.

MiGAZIN: Wie darf ein islamischer Staat nicht sein?

Hassan Eshkevari: Es darf kein System sein, das seine Legimitation ausschließlich und allein vom Wortlaut des Koran ableitet und der Auslegung keinen Raum lässt. Das Paradoxe daran ist, dass der Koran selbst Auslegung und Interpretation erlaubt. Ich stelle mir auch kein System vor, dessen Legitimation nicht vom Volk ausgeht. Darunter fallen Länder wie, Saudi Arabien, der Iran aber auch die Taliban damals in Afghanistan.

Hassan Yousefi Eshkevari während der Revolution 1979 © yousefieshkevari.com

Zum iranisch islamischen Staat kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass wir bei der Revolution 1979 an Islam und Demokratie sowie Islam und Gerechtigkeit geglaubt und dafür gekämpft haben. Was folgte war aber, dass man strikt mit dem Wortlaut des Korans argumentiert und der Interpretationen keinen Raum gelassen hat. Wir wurden mundtot gemacht.

Das wiederum führt uns heute zu der Erkenntnis, dass die Missstände nach der islamischen Revolution im Iran nicht nur an der Person des Ayatollah Khomeini festgemacht werden kann. Mit ursächlich ist vielmehr das theokratische System, weswegen wir dieses Modell strikt ablehnen.

MiGAZIN: Ein säkularer Staat ist das, was Sie auch für die Zukunft Irans fordern?

Hassan Eshkevari: Ja, aber dazu brauchen wir sowohl Reformen im Islam, so wie sie derzeit im Iran und einigen anderen Ländern praktiziert wird, als auch die Stärkung von zivilgesellschaftlichen Institutionen im Land.

Ich bin zwar Theologe, sehe mich heute aber mehr als „frommen Intellektuellen“. Ich glaube, dass die 1400 Jahre alten islamischen Vorschriften für die damalige Zeit bestimmt waren und zu unserem heutigen Leben nicht mehr passen. Sie müssen angepasst werden, so wie es der Prophet vorgegeben hat. Schon damals wurden Diskussionen über das Richtige und Falsche geführt.

Wenn wir von einem säkularen Staat und von Demokratie sprechen, dann muss sich unsere Verfassung der UN-Menschenrechtskonvention entsprechen. Das wiederrum ist mit dem gegenwärtig praktizierten islamischen Recht, der „Scharia“, nicht zu vereinbaren.

Ein einfaches Beispiel: Die islamische Regierung in Teheran hat das UN-Menschenrechtsabkommen unterschrieben. Dennoch wird wegen Diebstahls die Hand abgehackt, Frauen wegen des Ehebruchs in der Öffentlichkeit gesteinigt oder es werden im Gefängnis unschuldige Menschen maßlos gefoltert oder hingerichtet. Frauen werden unterdrückt, und noch vieles mehr.

Alles unter „Allahs Namen“!

Deshalb müssen vor allem ermächtigte Theologen endlich den Schritt wagen und sich über das Strafrecht, Erbrecht der Frauen, Polygamie etc. beraten und für einen aufgeklärten Islam sorgen. Sie müssen verhindern, dass die Religion von einigen Machthabern für ihre Zwecke instrumentalisiert wird.

Gleichzeitig müssen zivilgesellschaftliche Organisationen – Frauen, Arbeiter und Studentenbewegungen – die Bevölkerung über ihr Mitspracherecht informieren. Das Bewusstsein für ein demokratisches System muss in der breiten Öffentlichkeit wachsen. Denn ein säkularer Staat ist nicht gleich Demokratie. Husni Mubarak, Ben Ali, Saddam Hussein, selbst unser Shah früher, die alle hatten säkulare Regierungen und waren dennoch große Diktatoren.

MiGAZIN: In einer Demokratie können religiöse Gruppierungen aber nicht ausgeschlossen werden. Was erwartet die Mullahs konkret in einem „säkularen System“ im Iran? Wird den Geistlichen dann etwa verboten, politisch aktiv zu sein?

Hassan Eshkevari: Nein, sie können weiterhin politisch aktiv sein. Denn es geht um eine Trennung zwischen dem Staat und der Religion und nicht um die Trennung von Politik und Religion.

Jedes Parteibuch, das sich im Rahmen einer demokratischen Verfassung bewegt, muss erlaubt sein. So können auch islamische Parteien politisch aktiv sein. Es gibt bei uns ja auch viele liberale islamische Gruppierungen. Möglich ist sogar, dass im Parlament, wie jetzt im Irak, einige Abgeordnete im „Mullah Gewand“ sitzen.

Hassan Yousefi Eshkevari (2000) während der Berlin-Konferenz, die zum Eklat und zu seiner Verhaftung im Iran führte © yousefieshkevari.com

Voraussetzung dafür ist, dass diese Geistlichen keinen Sonderstatus für sich beanspruchen und sich ausschließlich als vom Volk gewählte Politiker sehen und nicht als Kleriker oder von Gott berufen.

Dennoch fände ich es besser, wenn jeder zu seinem Platz zurückkehrt und das macht, was er wirklich gelernt hat. Ich hoffe, dass die Mullahs in Zukunft primär ihren religiösen Aufgaben als Gelehrte, Prediger oder Islamwissenschaftler nachgehen.

MiGAZIN: Lassen Sie uns über die Proteste im Iran reden. Warum konnte die „Grüne Bewegung“ vor zwei Jahren nicht Ihre Ziele erreichen?

Hassan Eshkevari: Dies hat mehrere Gründe: die Umstände im Land und vor allem das dort herrschende System. Es hat also nicht, wie manche behaupten, mit den Oppositionsführen Mir Hossein Mousawi oder Mehdi Karoubi persönlich zu tun.

Man muss hier fairerweise sagen, dass sich die Ansichten von Mousawi und Karoubi geändert haben, nach dem brutalen Vorgehen des Staatsapparats gegenüber friedlichen Demonstranten. Sie entwickelten sich von sogenannten reformorientierten Präsidentschaftskandidaten zum tapferen Regimekritiker. Es war deutlich zu sehen, wie sich die Forderung der Bewegung mit der Zeit zugespitzt hat. Sie verlangten nicht nur freie Wahlen, Pressefreiheit und Freilassung aller politischen Gefangenen, sondern stellten wie nie zuvor auch die Rolle des religiösen Führers Khamenei in Frage.

Auch hier griff die Regierung hart ein und verhängte Mousawi und Karoubi Hausarrest – das schon seit vielen Monaten. Jede kleinste Kritik wird mit Gefängnis und Folter bestraft.

Dennoch: Auch wenn die Opposition nicht alle ihre Ziele erreicht hat, ist ihr doch eine wichtige Errungenschaft zu verdanken. Sie hat die Säulen des theokratischen Staats im Iran heftig ins Wanken gebracht.

Die Konflikte zwischen Ayatollah Khamenei und Präsident Ahmadinedschad innerhalb des Systems haben die islamischen Machthaber in eine aussichtslose Krise geführt. Die Anhängerschaft um Khamenei besteht heute überwiegend aus Militärkreisen. Ein Beweis dafür, dass der Glaube an einen religiösen Führer selbst unter den Klerikern stark abgenommen hat.

Ein weiteres besonderes Merkmal dieser Bewegung ist, dass die meisten jung sind und der mittleren Schicht mit guter Bildung angehören. Das bedeutet, dass sie ihre Ziele auf keinen Fall mit Gewalt erreichen möchte.

Eine Lehre aus unserer jüngsten Historie – die Revolution von 1979 – zeigt, dass fundamentale Änderungen in einer traditionsgebundenen Gesellschaft Zeit braucht.