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Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Ali konkret

Thilo kommt, na und?

Nein, das hier ist nicht der 591.023´te Kommentar zu Sarrazins Thesen, hier gibt es intime Einblicke hinter die Kulissen einer westfälischen Kleinstadt, die mit fast 2-jähriger Verspätung den Rest eines mittlerweile abgestandenen Medienhypes abbekommt. Karten dafür gibt´s ganz standesgemäß neben Champagner und Gänseleber in einem Delikatessengeschäft für Besserverdiener.

VONAli Baş

 Thilo kommt, na und?
geb. 1976 in Ahlen/Westfa- len, arbeitet als Lehrer für Englisch und Politik in Dortmund. Baş promoviert in Münster in Erziehungswis- senschaft und engagiert sich seit 2002 bei Bündnis 90/Die Grünen, wo er Sprecher des Kreisverbandes Warendorf und als Kreistagsmitglied für Schul- und Integrationspolitik zuständig ist. Baş ist Mitgründer und Sprecher des "Arbeitskreises Grüne MuslimInnen NRW", der sich auf politischer Ebene mit Themen rund um Muslime in der deutschen Gesellschaft auseinandersetzt.

DATUM7. November 2011

KOMMENTARE27

RESSORTAktuell, Meinung

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Wer bisher noch nicht viel über meine geliebte Heimatstadt Ahlen gehört hat, muss jetzt nicht eine Bildungslücke fürchten. Denn kleine Städte haben meist den Vorteil, dass sie gerade wegen ihrer Unscheinbarkeit eine gewisse gemütliche Atmosphäre ausstrahlen, fernab vom Verkehrskollaps der Großstädte mit all ihren Problemen.

Ahlen zählt knapp 54.000 Einwohnerinnen und Einwohner, gelegen am südöstlichen Rand des Münsterlandes und ist eine ehemalige Zechenstadt. So ganz pures Münsterland dann doch wieder nicht, denn mit der Nähe zu Hamm und Dortmund und dem Arbeitercharme im Süden der Stadt spürt man hier schon ein wenig den Hauch des Ruhrgebietes.

Dafür spricht auch die Migrantenquote, wobei hier mindestens jeder 5. einen sogenannten Migrationshintergrund hat, „Klein-Istanbul“ inklusive. Die Grundschule in der „Kolonie“, der ehemaligen Bergmannssiedlung, hat einen Anteil von Migrantenkindern, der nahe 95 % ist, es gibt eine größere Moschee mit Minarett und mindestens acht weitere islamische Gemeinden sowie eine große Gruppe syrisch-orthodoxer Christen. Nicht zu vergessen die vielen Cafés und die superbeliebten Wettbuden.

Richtigen „Culture-Clash“ wie in Kreuzberg oder Altona haben wir bisher in der Form noch nicht gehabt. Vielmehr gab es lange Zeit ein einschläferndes Nebeneinander der Kulturen, welches der erstmals gewählte Integrationsrat der Stadt Ahlen seit einiger Zeit eifrig versucht aufzubrechen. Passend zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens hat das Gremium mit der Stadt zusammen eine bunte Aktionswoche organisiert, die dieses bedeutende Ereignis gebührend feiern soll.

Alle Parteien und Organisationen sind vollen Lobes gegenüber dieser Woche und es hätte wirklich alles so toll sein können in diesen Tagen, wenn nicht die Bombe mit einem unangenehmen Gast in der lokalen Presse geplatzt wäre.

Die bisher wenig in Erscheinung getretene CDU-nahe Mittelstandsinitiative „MIT“ hat ganz plötzlich das Thema „Integration und Bildung“ entdeckt und möchte dieses am 29. November 2011 groß und breit diskutieren.

Vom „Fachkräftemangel“ ist die Rede, auch „von schlecht ausgebildeten Auszubildenden“ heißt es in der Presse. Wahrlich, wichtige Themen, die mal auf den Tisch müssen. Am liebsten diskutiert mit Fachleuten von den Hochschulen, von den Betrieben, von den Schulen, von der Arbeitsagentur und mit Vertretern der Migrantenselbstorganisationen. Aber Pustekuchen.

All diese versierten Experten werden bei dieser „Diskussion“, die die Ahlener Stadthalle füllen soll, durch eine einzige Person ersetzt. Durch den „Godfather of polemic Integrationsdebatte“, the person formerly known as „Mitglied des Vorstandes der Deutschen Bundesbank“, Thilo Sarrazin.

Ja, dieser Name ist schon fast inflationär gebraucht worden in den letzten 24 Monaten, ab sofort ist er wieder in allen Köpfen, in Ahlen zumindest.

Was die „MIT“ dazu bewogen hat diesen „Experten“ einzuladen, bleibt auch Wochen nach der Ankündigung schleierhaft. Einen vergurkteren Einstieg in die Thematik „Fachkräftemangel“ und „schlecht ausgebildete Auszubildende“ konnten die konservativen Mittelstandsexperten aber nicht hinbekommen.

Man wolle doch tatsächlich mit Thilo „diskutieren“, während dieser die heißesten Zeilen aus seinem Polemic-Fiction-Bestseller zum Besten gibt. Ein Blick auf die Webseite der „MIT“ offenbart bisherige Nichtbefassung mit dem Thema „Integration“, auch von ihren eigenen Mitgliedern mit Migrationhintergrund ist nichts zu sehen und zu hören.

Ist es politische Blauäugigkeit oder Kalkül? Zumindest die örtlichen Sozialdemokraten dürften sich eher geärgert haben über den Besuch der ungeliebten Schwiegermutter aus Berlin, den die MITler groß als „Coup“ ankündigen.

Auch CDU-intern muss dieser „Coup“ für Verwirrung gesorgt haben, von dem wohl einige Leute inklusive Bürgermeister erst spät erfahren haben. Gerade jetzt, wo sich die heimischen Christdemokraten auch als „Integrationspartei“ verstehen. Diese Kratzer werden erstmal bleiben.

Die Reaktionen auf Thilos Heimsuchung sind gespalten, während die Ahlener Linken und andere Gruppen Demos vor der Stadthalle ankündigen, hält der Vorsitzende des Integrationsrates dies nicht für nötig, da das Sarrazin nur noch unnötig mehr Aufmerksamkeit bringe.

Dass die Stadthalle brechend voll werden dürfte, steht außer Zweifel. Auf Augenhöhe diskutieren wird da wohl eher Science-Fiction bleiben.

Thilo wird sicher voller negativer Erwartungen nach Ahlen kommen, schließlich hat er ja meine schöne Stadt in seinem Pamphlet genannt. Viel „Ghetto“ und „Kopftuchmädchen“ wird Thilo aber nicht zu sehen bekommen, die Stadthalle befindet sich nur 200 Meter vom Bahnhof entfernt, dazwischen gepflegte Parkanlagen und ältere westfälische Damen mit Dackel an der Leine.

Der „Spaß“ soll übrigens 15 € Eintritt pro Karte kosten, zu haben in einem Delikatessengeschäft für Besserverdiener, die man sich zum Champagner und französischer Gänseleber gleich mitnehmen kann. Gerne auch im Geschenkumschlag.

Allen Leserinnnen und Lesern rate ich, das Geld in schönere Dinge zu investieren, z.B. in das Konzert des Rentner-Schlager-Duos „Die Amigos“, welche einen Tag später ebenfalls zum ersten Mal nach Ahlen kommen werden. Die verbreiten wenigstens gute Laune und sind zudem wirklich echte Superstars!

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27 Kommentare
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  1. Sinan A. sagt:

    Merkt ihr was?
    So weit ist der Ali gar nicht weg vom Thilo.
    Die Milieus, die Rezepte unterscheiden sich, hier Champagner und Gänseleber, da Bionade und Quiche. Hier Prunkt- und dort Stunksitzung. Von den Ansichten sind die beiden ganz nah beieinander.

  2. Ali sagt:

    Ich mag weder Bionade, noch Quiche. Bei mir gibt’s schwarzen Tee und Adana Kebab. Bin außerdem stolz ein Arbeiterkind zu sein. Was weisst du denn von mir? Nichts.

  3. Mika sagt:

    Also ich mag Bionade, Quiche UND schwarzen Tee, Adana Kebab! Frage mich grade, was das soll?! Wir sind doch alle auf der selben Seite!

  4. Tobi sagt:

    Für mich zeigt dieser Artikel ein sehr problematisches Demokratieverständnis. Dabei geht es hier weniger um Thilo Sarrazin, sonder vielmehr um eine „falsche“ Meinung, die am besten mundtot gemacht werden soll. Denn an einer Diskussion dürfen nur Menschen, erst recht beim Thema Integration, mit der „richtigen“ Meinung teilnehmen. Wobei natürlich ziemlich klar ist was die „richtige“ Meinung bei diesem Thema ist. Dazu gehört der Ruf nach noch mehr Eiwanderung und Multikulti, nach mehr Sonderrechten vorallem für Moslems, nach weiter ausgedehnter und verfassungswidriger Bevorzugung von Migranten im öffentlichen Dienst, wie in Berlin. Und die Verharmlosung und Beschönigung von Integrationsproblemen, vorallem von den Menschen aus islamisch geprägten Ländern, gehört natürlich auch zur „richtigen“ Meinung, genauso wie die Behauptung Scharia und Islam wären mit Demokratie vereinbar. Wer dem widerspricht, egal ob er Thilo Sarrazin heißt oder nicht,

  5. Tobi sagt:

    … der soll am besten gehindert werden an seiner Meinungsäußerung. Egal ob durch linksextremen Protest vor dem Veranstalltungsort, oder durch geschickt formulierte Artikel im Migazin.
    Also ich freu mich auf so eine Veranstalltung zum Thema Integration und Bildung. Jedenfalls mehr als auf eine wo nur Leute mit der „richtigen“ Meinung sitzen. Das ist nämlich eher der Normalfall, Diskussion findet da selten statt.

  6. Sinan A. sagt:

    Sorry,
    der Vorwurf war etwas überzogen.

  7. Ali sagt:

    Wer hat denn hier gesagt dass diese Veranstaltung nicht statt finden soll? Keiner. Es ist mein gutes Recht die Herangehensweise mancher Organisationen an das Thema „Integration“ zu kritsieren, die ich nicht für sachlich halte.

    Wer hat denn die Leute daran gehindert mit den Experten in eine „echte“ Diksussion zu kommen, die da tatsächlich Ahnung von haben? Und zwar über Chancen, aber auch Probleme. Keiner. Stattdessen lädt man jemanden ein, der mit Halbwahrheiten und Irrmeinungen über Genetik und Kulturzugehörigkeit meint das erklären zu können.

    Das Problem von Fans der rechtspopulistischen Argumentation ist doch, dass ihnen in einer „echten“ Diskussion ganz schnell die Argumente ausgehen würden. Daher diskutieren sie lieber unter sich wie z.B. in einschlägigen Internetforen.

    Ihr meint alle die nicht Sarrazins und anderer Populisten Meinung sind abzuqualifizieren, in dem ihr diese Menschen pauschal als „Gutmenschen“ abstempelt, die alles schön malen. Es geht hier viel mehr um Differenzierung, zu der ihr nicht in der Lage seid.

    Und ihr wollt dann noch diskutieren? Dass ich nicht lache. Und hört bloss auf mit „Sonderrechten für Moslems“…diese gibt es nicht. Alles was durch die Religionsfreiheit gedeckt ist, ist kein Sonderrecht, sondern Grundrecht.

    I

  8. MoBo sagt:

    @ Tobi: wo bitte äußert sich denn Herr Baş zur Scharia?

    Es ist doch in einer Demokratie völlig legitim, Thilo Sarrazin (schon wieder fast verschrieben, diese verdammten ausländischen Namen!) zu kritisieren, zu persiflieren, eine Polemik gegen seine Politik zu schreiben. Dass es in einigen Foren dann als Konsens eher gegen ihn geht und in anderen Foren eher für ihn ist auch normal. Sehe ich keinesfalls als undemokratisch.

    Fakt ist, das T. Sarrazin ein Wirtschaftswissenschaftler mit FInanzpolitikerfahrung ist – übrigens mit einer verheerenden Bilanz – und kein Fachmann für Migration und Integration.

  9. Europa sagt:

    Der Artikel liest sich, als musste einer mal richtig Dampf ablassen, dass es nicht so läuft wie er es sich persönlich vorgestellt hat.
    Eigentlich tut doch der Autor selbst so, als wäre er ein Experte und könnte entscheiden, wie man zu diskutieren hätte und wer die wahren Experten sind.
    Ich finde es wichtig alle Meinungen zu hören und der Sarrazin gehört nun wirklich nicht zu den Leuten, die NUR Blödsinn erzählt haben. Man darf nicht glauben Integration wäre ein Thema wo nur Migranten mitreden dürfen oder entscheiden wer mitreden darf.
    Übrigens finde ich 15 euro auch nicht so viel, aber man muss schon wissen, was einem eine vernünftige Diskussion auf einem gewissen Niveau wert ist. Stammtisch kostet natürlich nur einen schwarzen Tee. Man muss sich entscheiden!

    Ich sag euch mal was Leute: es gibt keine Experten für Integration, es gibt nur Meinungsmacher. Egal ob sie nun Sarrazin oder Ali Baş heissen.

  10. Frollein XY sagt:

    @Europa: Das was unser aller lieber Thilo macht ist doch nichts anderes als Stammtisch!
    Seine Zahlen sind falsch, seine Kausalzusammehangsversuche sind peinlich und seine logischen Schlussfolegrungen stinken! (http://www.heymat.hu-berlin.de/dossier-sarrazin-2010)
    Er schreibt an einer Stelle seines Buches „man muss kein Soziologe sein um zu verstehen…“ – doch Herr Sarrazin, es wäre besser Soziologe zu sein, wenn man sich mit einem solchen Thema befasst – denn sonst interpretiert man Statistiken falsch, zieht völlig einseitige Schlussfolgerungen und sieht Kausalitäten wo keine sind (Frau Schröder ist übrigens auch Profi auf dem Gebiet!)…
    @ Tobi: Es geht nicht darum Menschen mit „falscher Meinung“ vom Diskurs auszuschliessen, es geht lediglich darum, dass dieses „wissenschaftliche“ „Sachbuch“ eben kein haltbares wissenschaftliches Sachbuch ist. Darum dass der Diskurs aber (seit einem Jahr!) dominiert wird von diesem Buch und darum, dass es auch Menschen gibt (mit ganz unterschiedlichen Meinungen), die seit Jahrzehnten an der Sache forschen, darum, dass diese vielleicht eine fruchtbarere Debatte anstoßen könnten, als dieser alte Herr, dessen lebensweltliche Realität mit der Thematik rein gar nichts zu tun hat und dessen wissenschaftliche sowie politische Expertise so wenig fundiert sind, dass sie an Wahnvorstellungen erinnern…


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