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Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

TV-Tipps des Tages

06.11.2011 – Istanbul, Muslime, Integration, Türken, Gastarbeiter, Afghanistan

TV-Tipps des Tages sind: Istanbul war ein Märchen; Stationen.Dokumentation: Gesichter des Islam – Männer und Frauen; Nachbar Türke: „45 Min“ wirft in Hamburg, der Stadt mit dem höchsten Migrantenanteil in ganz Deutschland, einen Blick hinter die Fronten der Integrationsdebatte; Bodybuilding in Afghanistan; KRÖMER – Die internationale Show

VONÜmit Küçük

DATUM6. November 2011

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Istanbul war ein Märchen
Im Jahr 2010 wurde die türkische Metropole Istanbul als Europäische Kulturhauptstadt gefeiert. Doch schon die Kandidatur der Stadt hatte in Europa eine Debatte ausgelöst.

Denn wie bei der seit Jahren anhaltenden Diskussion über einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union wurde auch hier die Frage gestellt, ob diese Stadt denn tatsächlich zu Europa gehöre. „Ja“ sagen die bekannten Künstler und Literaten in der Stadt, und „ja“ sagt Filmautor Kamil Taylan, ein gebürtiger Istanbuler, der seit vierzig Jahren in Deutschland lebt und den es doch immer wieder in diese Stadt zurückzieht – mit sehr unterschiedlichen Gefühlen.

Der sehr persönliche Film ist eine ebenso historische wie autobiografische Stadtbegehung dieser uralten wunderbaren Stadt, die einst kulturell so reich und kosmopolitisch war wie kaum eine zweite und der der türkische Nationalismus so viele Wunden schlug. Dennoch ist sie so vital und aufregend, dass sie immer noch das Zentrum der türkischen Künstler und Schriftsteller der Türkei schlechthin geblieben ist. Kaum einer versagt ihr seine Liebeserklärung, und fast alle schöpfen aus ihr: Orhan Pamuk, Literaturnobelpreisträger und leidenschaftlicher Istanbuler; die junge und erfolgreiche Autorin Elif Safak, die in ihren Romanen nicht wenige Tabubrüche begeht und deren Bücher riesige Auflagen erreichen; der türkisch-jüdische Schriftsteller Mario Levi, dessen Romanfiguren in dieser Stadt ihre Wurzeln haben und der von der untergegangenen jüdischen Welt Istanbuls erzählt. Sie alle hat der Autor getroffen, auch den griechischen Schriftsteller Petros Markaris, gebürtig aus Istanbul, dessen Familie das schreckliche Pogrom des 6./7. September 1955 erlebt hat, bei dem die armenische und griechische Minderheit brutal vertrieben werden sollte.

In dem Film macht sich der Autor aber auch auf die Suche nach seinem persönlichen Istanbul-Märchen, die Erinnerung an eine Zeit, als die Stadt wie ein Füllhorn der Kulturen war, als Türken und Armenier, Griechen und Juden friedlich und sich gegenseitig bereichernd zusammenlebten. Das Zentrum seiner Ortsbegehung ist das Pera-Viertel, wo er aufgewachsen ist. Pera bedeutet auf Griechisch „auf der anderen Seite“ – auf der anderen Seite des Goldenen Horns. In Pera haben seit dem 13. Jahrhundert zunächst Genueser, später dann Griechen, Armenier und Juden gelebt. In Pera schlug jahrhundertlang das kulturelle Herz von Istanbul. Hier hat er mit seinen griechischen und armenischen Freunden gespielt, hat als Kind das Pogrom von 1955 miterlebt. 09:30-10:15 • HR

Stationen.Dokumentation
2/4, Gesichter des Islam – Männer und Frauen – In der Sendung spiegelt sich wider, dass es in den Kirchen und zwischen den Religionen lebendig, kontrovers, bewegt und sogar widersprüchlich zugehen darf, aber eben auch besinnlich, nachdenklich und fragend.

„Gesichter des Islam“ ist eine vierteilige filmische Reise durch die Welt von 1,5 Milliarden Muslimen – Begegnungen mit Menschen und ihrem Glauben zwischen Tradition und Moderne, überraschende Einblicke in Lebensalltag und Überzeugungen muslimischer Gemeinschaften heute.

„Männer und Frauen“ zeigt Musliminnen und Muslime in Marokko, Deutschland und Saudi-Arabien.

In der Königsstadt Fés erlebt das Filmteam eine traditionelle Hochzeit, die Ehe gilt nach wie vor als verpflichtende islamische Lebensform. In Duisburg verblüfft Zerah Yilmaz, Leiterin der Begegnungsstätte der neuen Moschee in Marxloh, mit offenen Worten. In Saudi-Arabien analysiert die Studentin Maram Taibah scharfsinnig die Rolle der Frauen zwischen Ausgrenzung und Neudefinition, während im neuen Dialogzentrum des Königs junge Männer und Frauen in vorsichtigen Kontakt treten. Beim Jahrestreffen der Muslimischen Jugend Deutschland diskutieren junge Leute im hessischen Bad Orb Fragen von Beziehung und Religion. Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan spricht in London über die Rolle von Frauen und Männern im Islam. In Fés erlebt das Filmteam beim Hammelmarkt und in einem Stadthaus das traditionelle Opferfest, hört vom ersten Studiengang für weibliche Seelsorger, „Mourchidas“, begleitet die junge Designerin Faouzia Choukri als Chefin von sechs Männern und als gehorsame Tochter. Unweit der 1.000 Jahre alten Moschee lassen die HipHopper der Gruppe F’assi – gläubige und in ihre Familien integrierte junge Leute – ihre Beats durch die Gassen schallen. In einem Haus für ledige Mütter in Casablanca zeigt sich eine besonders harte Seite der Lebensrealität muslimischer Frauen…

Hintergrundinformationen:
Dokumentation von Hannes Schuler, Hartmut Schwenk. 10:15-11:00 • BR

Nachbar Türke
„45 Min“ wirft in Hamburg, der Stadt mit dem höchsten Migrantenanteil in ganz Deutschland, einen Blick hinter die Fronten der Integrationsdebatte: Was läuft schief, was ist gut, was könnte besser sein – auf beiden Seiten?

Vor 50 Jahren begann offiziell die Zuwanderung türkischer Arbeiter nach Deutschland. Sie kamen zunächst als „Gastarbeiter“, doch viele blieben. Fast drei Millionen Menschen türkischer Herkunft leben heute in Deutschland und haben, da sind sich liberale und konservative Wissenschaftler inzwischen einig, die größten Integrationsschwierigkeiten. Doch was heißt das eigentlich?

Wer sich mehr Integration wünscht, kann nicht nur über Türken reden. „45 Min“ trifft Jugendliche aus dem Problemstadtteil Hamburg-Horn und ehrenamtliche deutsch-türkische „Kiezläufer“, die verhindern wollen, dass ihre Jungs auf die schiefe Bahn geraten. Der Film zeigt außerdem, wie der Alltag in einer Grundschule aussieht, in der Deutsch nur eine von 25 Muttersprachen ist. Ex-Drogendealer, Polizisten und Lehrer beschönigen die Probleme in ihren Vierteln nicht. Aber sie halten sie für lösbar.

„Mehr Jumps, weniger Style“, ruft Tanzlehrer Metin Demirdere dem 15-jährigen Miles zu. Jeden Freitag treffen sich junge Tänzer zwischen elf und 23 Jahren zum Training im evangelischen Jugendzentrum „Schorsch“ in Hamburg-St. Georg. Ihre Eltern kommen aus der Türkei, aus Ghana, Afghanistan, Tunesien, von den Philippinen oder aus Deutschland. „Aber das ist total egal“, sagt Tanzlehrer Metin, „hier geht es vor allem um das, was wir gemeinsam haben, und das ist die Liebe zur Musik und zum Breakdance.“ Einige der Jungs haben erst beim Tanzen entdeckt, was in ihnen steckt, und dass hartes Training und Disziplin ihnen auch in der Schule helfen und Selbstbewusstsein geben. Sie lieben es, ihre Grenzen auszutesten und die anderen in der Gruppe mit neuen, akrobatischen Figuren zu beeindrucken. Auch das kann ein Weg sein, sich Respekt zu verschaffen. Tanzlehrer Metin findet die ganze Integrationsdebatte problematisch, weil dabei immer nur das Trennende betont wird, der so genannte Migrationshintergrund. Was heißt das denn? Er selbst ist in Deutschland geboren, hat türkische Wurzeln, empfand sich immer als „Hamburger Jung“. Und plötzlich hat er sich gefragt: „Bin ich eigentlich integriert?“

Viele junge Migranten, die sich in Deutschland zu Hause fühlen, hat die Debatte um Thilo Sarrazins Buch verunsichert. Sie kämpfen sowieso täglich mit den Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft: in der Schule, bei der Arbeitssuche, auf der Straße. Immer, wenn ein Einzelner mit ausländischen Wurzeln eine Straftat begeht, fällt das auf alle anderen zurück. „Die Leute wechseln die Straße, die setzen sich in der S-Bahn nicht neben uns, weil wir irgendwie gefährlich aussehen“, erzählen Emir und seine Freunde aus Hamburg-Horn. „Weil es Ausländer gibt, die andere abziehen, heißt es sofort, alle Ausländer sind so.“ Emir will unbedingt seinen Realschulabschluss schaffen, aber richtig Hoffnung auf einen guten Job hat er trotzdem nicht. „Wenn sich für dieselbe Stelle ein blonder Deutscher bewirbt, hab ich eh keine Chance, so ist das doch.“ Sein Freund Ozan ist sicher, dass es leichter wäre, wenn sie alle in einem besseren Viertel aufgewachsen wären. Und dann erklärt er, dass es hier ziemlich schwer ist, sich Respekt zu verschaffen, wenn man nicht bereit ist, sich zu prügeln. „Aber das hat nichts mit Ausländern zu tun, die Deutschen, die hier aufwachsen, machen das genauso. Das Viertel und der Freundeskreis machen einfach viel kaputt“, meint Ozan und Ender nickt. Er hatte neulich selbst mit der Polizei zu tun, weil er mit Freunden in eine Schlägerei geraten ist. 19:15-20:00 • EinsExtra

Bodybuilding in Afghanistan
Dokumentation – Im von Krieg und Terror verwüsteten Afghanistan entdecken junge Männer ihre Leidenschaft für Bodybuilding. Sie träumen von Muskeln, Ehre und Ruhm, von vollständiger Kontrolle über den eigenen Körper in einer vom Chaos geprägten Welt.

Riesige Plakate mit kraftstrotzenden, von Muskelmassen überquellenden Bodybuildern an jeder Straßenecke. Bodybuilding ist in der afghanischen Hauptstadt Kabul inzwischen zur beliebtesten Sportart aufgestiegen. Tausende von Afghanen versuchen, sich Muskeln anzutrainieren. Dabei geht es aber nicht nur um Kraft und Schönheit. Ein Bodybuildingwettkampf ist der Schlüssel zu Ruhm, sozialer Anerkennung und wirtschaftlichem Aufstieg. Und er bietet die Möglichkeit, den Namen des Vaters oder der Vorfahren in Ehren zu halten.

So will auch Hamid Shirzai eines Tages afghanischer Meister werden, ganz nach dem Vorbild seines Bruders und seines Onkels. Beide gehörten dem legendären Bodybuildingteam an, das bei den Asienmeisterschaften Anfang der 90er Jahre zahlreiche Medaillen gewann. Kurz darauf kamen sie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Während Mütter und Väter um ihre Kinder trauerten, begannen Brüder und Cousins zu trainieren. Heute ist nur noch Hamid dabei. Dieses Jahr wird er erstmals Wettkämpfe bestreiten. Die nationalen Meisterschaften sind eine gute Möglichkeit, wohlhabende Sponsoren auf sich aufmerksam zu machen. Und Hamid will sich für die Nationalmannschaft qualifizieren. Seit dem Unglück hat Afghanistan an keinem internationalen Wettkampf mehr teilgenommen, aber dieses Jahr tritt Hamid bei den Asienmeisterschaften in Dubai und Bahrain an.

Die Dokumentation unternimmt mit Hamid eine spannende Reise aus den Trümmern Kabuls und der Absturzstelle seiner Verwandten über Berge, Wüsten bis hin zur faszinierenden Skyline von Dubai. Eine Reise, bei der Hamid sowohl seine eigenen Träume als auch die seines Vaters zu verwirklichen sucht. Die Dokumentation stellt auch die üblichen Klischees von der muslimischen Identität und von Afghanistan infrage – einem Land, das man plötzlich mit ganz anderen Augen sieht. 22:30-23:15 • PHOENIX

KRÖMER – Die internationale Show
„KRÖMER – Die internationale Show“ verspricht wieder spannende Gäste und mehr Spontaneität, als manch einem lieb sein dürfte. Die Zuschauer können sich auf wirklich wichtige Gespräche freuen; dafür nimmt sich der Mann aus Neukölln in seiner unnachahmlichen Art wieder viel Zeit.Kurt Krömer mit Jasmin Gerat.

Gäste: Cem Özdemir, Deutscher Politiker; Franz Dinda, Schauspieler; Jasmin Gerat, Schauspielerin; Jimmy Breuer, Standup Comedian

Der Bundesvorsitzende der Grünen Cem Özdemir beschenkt Krömer mit Parteiwerbung und verrät, dass er „jeden Tag mit dem Zug aus der Türkei nach Berlin“ reist. Schauspieler Franz Dinda hat Krömer ein Rubbellos mitgebracht und zeigt an der Boxmaschine, was er drauf hat. Später zieht Krömer sich mit der Schauspielerin Jasmin Gerat auf die Showtreppe zurück, um endlich einmal Antworten auf seine Fragen zu erhalten. Komiker Jimmy Breuer gelingt es am Ende, die Stimmung ein weiteres Mal bis zum Siedepunkt anzuheizen. 23:00-23:45 • RBB Berlin, RBB Brandenburg

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