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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

TV-Tipps des Tages

26.10.2011 – Türken, Ausländer, Integration, Almanya, Sahara, Gastarbeiter

TV-Tipps des Tages sind: Fremde Heimat; Die Ford-Väter: Zu Gast in einem fremden Land-Die Dokumentation: Angekommen in Almanya: 50 Jahre Türken in Hessen; Hotel Sahara – Die Suche nach dem Paradies; Endstation Almanya: Vor 50 Jahren kamen die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland

Fremde Heimat
Als Kind in den Westen – Wissen und mehr „Es ist wahrscheinlich ein bisschen so wie vertrieben werden“, meint Thomas, heute vierundvierzig Jahre alt. Er war fünfzehn, als er mit seinen Eltern in den Westen ausreiste. Das war 1980. „Alles ändert sich, von heute auf morgen.“

„Es gibt kein Zurück und es bleibt eine Lücke, die sich nicht schließen lässt.“ Es gab Jugendliche wie Thomas, die fast daran zerbrochen sind. Aus der vertrauten Umgebung in der DDR herausgerissen, wurde Thomas zum Problemkind. Im Westen hatte es der Gymnasiast schwer, Freunde zu finden, sackte in der Schule ab, nahm Drogen. Er stand draußen – als Ostdeutscher war er nicht besser als jedes Ausländerkind. Erst als Erwachsener ist er darüber hinweg gekommen. Heute lebt er als Künstler in Ulm.

In den achtziger Jahren setzte eine große Welle von Familienausreisen ein. Siegfried Kralinowski von der Diakonie betreute in den Jahren 1984 bis 1989 die Familien im Auffanglager Gießen. Er erlebte Kinder, die tief unglücklich waren – wie Daniela aus Dresden. Sie kam 1988 mit ihren Eltern in Gießen an. Ihre Eltern hatten der Neunjährigen nichts erzählt, und so musste sie von heute auf morgen alles verlassen. Als sie im Westen ankam, hatte sie ihre erste graue Haarsträhne. Nach der deutschen Einheit, mit 15 Jahren, siedelte sie ein zweites Mal um, vom Westen zurück in den Osten, wieder weil die Eltern es so wollten. Bis heute ist sie zerrieben zwischen den Welten. Für sie haben sich die Deutschen noch lange nicht angenähert. Zu tief empfand sie als Kind die Unterschiede. Mit den Kindern ist im Zeitraffer das passiert, was die DDR-Bürger nach der Vereinigung so nach und nach erlebt haben: Ankommen in einer fremden Welt ohne Anleitung zum Leben. Sie hatten die Entscheidung nicht selbst getroffen und sahen mit ihrem Kinderblick auf ein Land, aus dem es kein Zurück mehr gab, das „Märchenland“ ihrer Eltern. 10:50-11:20 • RBB Berlin, RBB Brandenburg

Die Ford-Väter
Zu Gast in einem fremden Land-Die Dokumentation „Die Ford-Väter – in einer fremden Heimat“ porträtiert drei türkische Gastarbeiter der ersten Generation, Hüseyin, Necati und Abdulbalai, aus der Perspektive ihrer Töchter.

Gerade geht die erste Generation türkischer Gastarbeiter in Deutschland in Pension. Eigentlich wollte sie nur wenige Jahre bleiben, um Geld zu verdienen für ein besseres Leben in der Türkei. Aus wenigen Jahren wurden viele Jahre, aus vielen Jahren der Rest des Lebens. Trotzdem blieb die Türkei für die Gastarbeiter der ersten Generation immer der Inbegriff alles Schönen, Vertrauten und Lebenswerten. Deutschland war nur zum Arbeiten gedacht. Als Ort, wo man mit seiner Familie notgedrungen sein musste.

Doch ihre Töchter wurden in diesem „Land des Alltags“ geboren, wuchsen hier auf und identifizierten sich mit Deutschland. Den Vätern, hart arbeitend oder erschöpft von der Schicht, entging diese Entwicklung. Sie hatten sie doch nur dazu angehalten, nicht anzuecken in diesem fremden Land. Jetzt, als die Väter Rentner wurden und die Rückkehr in die Türkei in die Tat umsetzen wollten, mussten sie feststellten, dass ihre Kinder in Deutschland längst Wurzeln geschlagen hatten. Genau der richtige Moment für die Töchter, den Vätern Fragen zu stellen.

Für die Töchter war es schwer, einerseits hier aufzuwachsen und andererseits nicht in Deutschland ankommen zu dürfen. Doch in die Türkei wollten sie auf keinen Fall. Aber wie spricht man darüber mit einem Vater, dessen Heimatland das ist und dessen Traum die Rückkehr dorthin? Das Schweigen, die Sprachlosigkeit der eigenen Väter aufzubrechen, ist schwer.

Hintergrundinformationen:
Die Filmautorin Zuhal Er und ihre Freundinnen Münever und Özlem und sind drei junge, gebildete und selbständige Frauen, die gern in die Disco gehen, aber auch Kopftuch tragen. Mit ihren Vätern blicken sie zurück in die 60er Jahre, kommen noch einmal in Köln an, begeben sich an die endlosen Fließbänder der Ford-Werke, stehen am Anfang der großen Träume und nähern sich von dort aus langsam der Gegenwart. Eine Reise voller Ent-Täuschungen für die Väter, die lange die Augen verschlossen haben vor den Lebensplänen ihrer Töchter, die ganz andere waren als die, an die sie sich klammerten. Ein Film, der eine schwierige Annäherung dokumentiert und den Zuschauer teilhaben lässt an der sehr persönlichen Auseinandersetzung dreier Töchter mit ihren türkischen Ford-Vätern. 21:02-21:45 • EinsExtra

Angekommen in Almanya?
50 Jahre Türken in Hessen – Moderation: Selma Üsük und Alois Theisen

Die ersten kamen vor 50 Jahren nach Hessen und viele blieben für immer. Türkische „Gastarbeiter“ wurden im Wirtschaftsboom der 60er Jahre dringend gebraucht.

Lange lebten sie auf gepackten Koffern, denn die Zukunft für sie und ihre Kinder war ungewiss. Heute sind viele von ihnen in dritter und vierter Generation in Deutschland. Aus den Gastarbeitern sind Rentner, aus ihren Kindern und Enkeln „Deutsch-Türken“ geworden, die das Herkunftsland der Eltern nur aus dem Urlaub kennen. Die Bindung an die Türkei ist aber aufgrund von Sprache, Religion und Verwandtschaft immer noch eng.

In den letzten Jahren ist das Verhältnis von Deutschen und Türken wieder schwieriger geworden. Ist die Integration gescheitert? Im Boxclub Offenbach diskutieren Deutsche und Türken ihr Verhältnis zueinander und fragen nach den Gründen für gelungene oder gescheiterte Integration. 21:45-22:30 • HR

Hotel Sahara – Die Suche nach dem Paradies
Dokumentarfilm – Täglich versuchen Menschen aus ganz verschiedenen Regionen Afrikas von der mauretanischen Küstenstadt Nouadhibou aus, auf Nussschalen gleichenden Booten über das Meer nach Europa zu gelangen.

Nouadhibou ist eine Stadt im westafrikanischen Land Mauretanien, begrenzt vom Meer auf der einen und von der Sahara auf der anderen Seite. Von hier aus versuchen unzählige Menschen aus verschiedenen Ländern Afrikas, per Boot Europa zu erreichen. Die ersten Bilder des Dokumentarfilms – Material von der spanischen Grenzpolizei Guardia Civil – sind bekannt: Flüchtlinge, die in ihrem Boot durch die hohen Wellen treiben und dabei so klein, so gefährdet aussehen. Ihre Boote können jederzeit kentern. In den abendlichen Nachrichtensendungen europäischer Fernsehsender werden diese Menschen häufig nur noch als Zahlen behandelt. Viele können nur noch tot geborgen werden.

Was treibt die Menschen – Männer wie Frauen samt ihrer Kinder – dazu, diese Gefahr auf sich zu nehmen? Woher kommen sie und wohin wollen sie? Filmemacherin Bettina Haasen hat sich auf die Suche gemacht und in Nouadhibou Menschen kennengelernt, die von ihrem Plan erzählen, mit dem Boot nach Europa zu gelangen und dort ein neues, besseres Leben zu finden. Schnell zeigt sich, dass sie in Nouadhibou ein Leben im Wartezustand führen. Die Stadt bildet einen Transitraum, aus dem ein Vor oder Zurück nahezu unmöglich ist. Die Flüchtlinge geraten in Abhängigkeiten von Fluchthelfern, von der Grenzüberwachung, vom Wetter, vom Geld. Sie wirken ebenso gestrandet wie die riesigen Schiffswracks, die vor der Küste der Stadt auf Grund liegen.

Hintergrundinformationen:
Bettina Haasen, die bereits mehrere Filme in Afrika gedreht hat, gelingt es, auch bei diesem schwierigen Sujet mit offenem, unvoreingenommenen Blick ein Kaleidoskop der Wünsche und der Träume der Migranten zu zeigen. Es ist ein Film entstanden, die weder anklagt noch verurteilt und nicht moralisch zu entscheiden sucht, ob nun die Grenzen Europas fallen müssen oder nicht, ob die Protagonisten des Films in ihren Herkunftsländern ein besseres Leben hätten versuchen sollen, anstatt sich in Lebensgefahr und in Europa in die Illegalität zu begeben. Vielmehr fordert die Filmemacherin den Zuschauer auf, sich mit den eigenen Wünschen, Freiheiten und Selbstverständlichkeiten auseinanderzusetzen und mit dem, was er anderen zugesteht. 23:25-00:20 • arte

Endstation Almanya
Dokumentation – Vor 50 Jahren kamen die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland – Moderation: Meinhard Schmidt-Degenhard – Hori

Als Mehmet Ali Zaimoglu 1961 am Frankfurter Hauptbahnhof aus dem Zug stieg, hatte er nur einen Koffer und die Adresse seines zukünftigen Arbeitgebers in der Hand.

Der Rest war Heimweh und ein schlechtes Gewissen, Frau und drei Kinder in Anatolien zurückgelassen zu haben. So blieb ihm nur die Hoffnung, rasch mit dem verdienten Geld zu ihnen zurückzukehren.

Auch Lütfiye Rona dachte nie daran, sich für immer in Deutschland niederzulassen, als sie als junge Frau vor 50 Jahren von Istanbul aus alleine nach Deutschland aufbrach. Zunächst arbeitete sie in der Schokoladenfabrik Sarotti in Hattersheim, später 30 Jahre als Krankenschwester in Frankfurt. Sie gründete eine Familie. Ihre drei Kinder und fünf Enkel leben heute in Hessen. Heute ist Lütfiye Rona 80 Jahre alt – eine agile und moderne Frau, die ihre Verbundenheit zur türkischen Heimat und zur islamischen Religion nie verloren hat. Sie pendelt wie viele Gastarbeiter der ersten Generation zwischen Deutschland und der Türkei, engagiert sich ehrenamtlich in beiden Ländern.

Wenn Mehmet Ali Zaimoglu heute auf 50 Jahre Leben in Deutschland zurückblickt, empfindet er vor allem Dankbarkeit. „Für mich ist es gut gelaufen“, sagt der 73-jährige Rentner – wohl wissend, dass es vielen Landsleuten anders erging. Mit offenen Armen wurde der damals 23-jährige Gastarbeiter empfangen, schloss schnell Freundschaften. Als Türke war er ein willkommener Exot. Die Frauen flogen auf den smarten, schüchternen Mann. Die Arbeitsbedingungen als Elektriker waren besser als erträumt. So fällt es dem gläubigen Moslem heute auch leicht, sich zu „seiner“ Stadt Offenbach zu bekennen: Familie und Enkelkinder leben hier. Seinen Lebensabend möchte er in Deutschland verbringen, nur begraben werden möchte er dann doch in der Türkei.

Die Geschichten von Mehmet Ali Zaimoglu und Lütfiye Rona stehen stellvertretend für die Migrationsgeschichte der türkischen Gastarbeiter in Hessen. Es sind aber auch Geschichten der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen, jedoch auf Menschen mit einer anderen Kultur und Religion nicht eingestellt war. Heute, 50 Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei, erzählen diese Geschichten, wie Deutschland zu dem wurde, was es heute ist – mit all seinen Integrationsdebatten und Deutsch-Türken, die aus Deutschland nicht mehr wegzudenken sind.

Hintergrundinformationen:
Ein Film von Ilyas Meç und Emel Korkmaz. 05:20-05:50 • HR

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