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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

TV-Tipps des Tages

24.10.2011 – Almanya, Türken, Integration, Sarrazin, Sürücü, Ehrenmord

TV-Tipps des Tages sind: Endstation Almanya; 45 Min – Nachbar Türke: Zum 50. Jahrestag des deutschen Anwerbeabkommens mit der Türkei; Verlorene Ehre – Der Mord an Hatun Sürücü; Döner oder Bulette: Ein Integrationstest in Berlin

VONÜmit Küçük

DATUM24. Oktober 2011

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Endstation Almanya
Dokumentation – Moderation: Meinhard Schmidt-Degenhard – Horizonte

Vor 50 Jahren kamen die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland. Als Mehmet Ali Zaimoglu 1961 am Frankfurter Hauptbahnhof aus dem Zug stieg, hatte er nur einen Koffer und die Adresse seines zukünftigen Arbeitgebers in der Hand.

Der Rest war Heimweh und ein schlechtes Gewissen, Frau und drei Kinder in Anatolien zurückgelassen zu haben. So blieb ihm nur die Hoffnung, rasch mit dem verdienten Geld zu ihnen zurückzukehren.

Auch Lütfiye Rona dachte nie daran, sich für immer in Deutschland niederzulassen, als sie als junge Frau vor 50 Jahren von Istanbul aus alleine nach Deutschland aufbrach. Zunächst arbeitete sie in der Schokoladenfabrik Sarotti in Hattersheim, später 30 Jahre als Krankenschwester in Frankfurt. Sie gründete eine Familie. Ihre drei Kinder und fünf Enkel leben heute in Hessen. Heute ist Lütfiye Rona 80 Jahre alt – eine agile und moderne Frau, die ihre Verbundenheit zur türkischen Heimat und zur islamischen Religion nie verloren hat. Sie pendelt wie viele Gastarbeiter der ersten Generation zwischen Deutschland und der Türkei, engagiert sich ehrenamtlich in beiden Ländern.

Wenn Mehmet Ali Zaimoglu heute auf 50 Jahre Leben in Deutschland zurückblickt, empfindet er vor allem Dankbarkeit. „Für mich ist es gut gelaufen“, sagt der 73-jährige Rentner – wohl wissend, dass es vielen Landsleuten anders erging. Mit offenen Armen wurde der damals 23-jährige Gastarbeiter empfangen, schloss schnell Freundschaften. Als Türke war er ein willkommener Exot. Die Frauen flogen auf den smarten, schüchternen Mann. Die Arbeitsbedingungen als Elektriker waren besser als erträumt. So fällt es dem gläubigen Moslem heute auch leicht, sich zu „seiner“ Stadt Offenbach zu bekennen: Familie und Enkelkinder leben hier. Seinen Lebensabend möchte er in Deutschland verbringen, nur begraben werden möchte er dann doch in der Türkei.

Die Geschichten von Mehmet Ali Zaimoglu und Lütfiye Rona stehen stellvertretend für die Migrationsgeschichte der türkischen Gastarbeiter in Hessen. Es sind aber auch Geschichten der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen, jedoch auf Menschen mit einer anderen Kultur und Religion nicht eingestellt war. Heute, 50 Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei, erzählen diese Geschichten, wie Deutschland zu dem wurde, was es heute ist – mit all seinen Integrationsdebatten und Deutsch-Türken, die aus Deutschland nicht mehr wegzudenken sind.

Hintergrundinformationen:
Ein Film von Ilyas Meç und Emel Korkmaz. 08:30-09:00 • HR

45 Min – Nachbar Türke
Zum 50. Jahrestag des deutschen Anwerbeabkommens mit der Türkei wirft die Dokumentationsreihe des NDR Fernsehens einen Blick hinter die Fronten der Integrationsdebatte. Was läuft schief?

„45 Min“ wirft in Hamburg, der Stadt mit dem höchsten Migrantenanteil in ganz Deutschland, einen Blick hinter die Fronten der Integrationsdebatte: Was läuft schief, was ist gut, was könnte besser sein – auf beiden Seiten?

Vor 50 Jahren begann offiziell die Zuwanderung türkischer Arbeiter nach Deutschland. Sie kamen zunächst als „Gastarbeiter“, doch viele blieben. Fast drei Millionen Menschen türkischer Herkunft leben heute in Deutschland und haben, da sind sich liberale und konservative Wissenschaftler inzwischen einig, die größten Integrationsschwierigkeiten. Doch was heißt das eigentlich?

Wer sich mehr Integration wünscht, kann nicht nur über Türken reden. „45 Min“ trifft Jugendliche aus dem Problemstadtteil Hamburg-Horn und ehrenamtliche deutsch-türkische „Kiezläufer“, die verhindern wollen, dass ihre Jungs auf die schiefe Bahn geraten. Der Film zeigt außerdem, wie der Alltag in einer Grundschule aussieht, in der Deutsch nur eine von 25 Muttersprachen ist. Ex-Drogendealer, Polizisten und Lehrer beschönigen die Probleme in ihren Vierteln nicht. Aber sie halten sie für lösbar.

„Mehr Jumps, weniger Style“, ruft Tanzlehrer Metin Demirdere dem 15-jährigen Miles zu. Jeden Freitag treffen sich junge Tänzer zwischen elf und 23 Jahren zum Training im evangelischen Jugendzentrum „Schorsch“ in Hamburg-St. Georg. Ihre Eltern kommen aus der Türkei, aus Ghana, Afghanistan, Tunesien, von den Philippinen oder aus Deutschland. „Aber das ist total egal“, sagt Tanzlehrer Metin, „hier geht es vor allem um das, was wir gemeinsam haben, und das ist die Liebe zur Musik und zum Breakdance.“ Einige der Jungs haben erst beim Tanzen entdeckt, was in ihnen steckt, und dass hartes Training und Disziplin ihnen auch in der Schule helfen und Selbstbewusstsein geben. Sie lieben es, ihre Grenzen auszutesten und die anderen in der Gruppe mit neuen, akrobatischen Figuren zu beeindrucken. Auch das kann ein Weg sein, sich Respekt zu verschaffen. Tanzlehrer Metin findet die ganze Integrationsdebatte problematisch, weil dabei immer nur das Trennende betont wird, der so genannte Migrationshintergrund. Was heißt das denn? Er selbst ist in Deutschland geboren, hat türkische Wurzeln, empfand sich immer als „Hamburger Jung“. Und plötzlich hat er sich gefragt: „Bin ich eigentlich integriert?“

Viele junge Migranten, die sich in Deutschland zu Hause fühlen, hat die Debatte um Thilo Sarrazins Buch verunsichert. Sie kämpfen sowieso täglich mit den Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft: in der Schule, bei der Arbeitssuche, auf der Straße. Immer, wenn ein Einzelner mit ausländischen Wurzeln eine Straftat begeht, fällt das auf alle anderen zurück. „Die Leute wechseln die Straße, die setzen sich in der S-Bahn nicht neben uns, weil wir irgendwie gefährlich aussehen“, erzählen Emir und seine Freunde aus Hamburg-Horn. „Weil es Ausländer gibt, die andere abziehen, heißt es sofort, alle Ausländer sind so.“ Emir will unbedingt seinen Realschulabschluss schaffen, aber richtig Hoffnung auf einen guten Job hat er trotzdem nicht. „Wenn sich für dieselbe Stelle ein blonder Deutscher bewirbt, hab ich eh keine Chance, so ist das doch.“ Sein Freund Ozan ist sicher, dass es leichter wäre, wenn sie alle in einem besseren Viertel aufgewachsen wären. Und dann erklärt er, dass es hier ziemlich schwer ist, sich Respekt zu verschaffen, wenn man nicht bereit ist, sich zu prügeln. „Aber das hat nichts mit Ausländern zu tun, die Deutschen, die hier aufwachsen, machen das genauso. Das Viertel und der Freundeskreis machen einfach viel kaputt“, meint Ozan und Ender nickt. Er hatte neulich selbst mit der Polizei zu tun, weil er mit Freunden in eine Schlägerei geraten ist. 22:00-22:45 • NDR Mecklenburg-Vorpommern, NDR Mecklenburg-Vorpommern, NDR Niedersachsen, NDR Schleswig-Holstein

Verlorene Ehre – Der Mord an Hatun Sürücü
Dokumentation – aus der Reihe „die story“. Ein Film von Matthias Deiß und Jo Goll

Die Ermordung Hatun Sürücüs am 7. Februar 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof hat deutschlandweit eine Debatte über Parallelgesellschaften angestoßen. Die Tat wurde zum Fanal für misslungene Integration und ist der bekannteste der so genannten Ehrenmorde in Deutschland. Wie aber konnte es zu der Tat kommen? Was ist in den Monaten, Tagen und Stunden vor der Tat in der kurdischen Großfamilie passiert? Warum musste Hatun Sürücü am Ende wirklich sterben? Und wie beurteilt der Mörder seine Tat fast sechs Jahre danach? Fragen, auf die die ARD-Dokumentation erstmalig eine Antwort gibt – denn der Mörder hat gegenüber den beiden Reportern sein Schweigen gebrochen und mit ihnen exklusiv über die Hintergründe und Umstände seiner Tat gesprochen. Über Hatun kommt ihm auch heute noch kein gutes Wort über die Lippen. In dem mehrstündigen Interview sagt er aber auch: „Ich habe meiner Schwester das Leben genommen, meinem Neffen die Mutter und meinen beiden Brüdern die Freiheit. Heute weiß ich, dass ich dazu kein Recht hatte.“ Ist seine Reue echt? 22:00-22:45 • WDR

Döner oder Bulette
Dokumentation (Gesellschaft – Lebensstile/-entwürfe) – Ein Integrationstest in Berlin – Film von Nadya Luer, Hakan Savas Mican und Stephanie Wätjen

Wer muss sich eigentlich in Deutschland integrieren und wer darf so weiterleben wie bisher? Wer darf sich hier zu Hause fühlen und wer gehört zu den Fremden? Ausländer sind alle, fast überall, weiß man, aber niemand möchte gern in der Minderheit sein. Der Film „Döner oder Bulette“ macht in Berlins Problemviertel Neukölln einen Integrationstest. 00:45-01:30 • 3sat

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