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Multikultur-Lektionen aus Amerika vor hundert Jahren

Ob German- oder Italian-, Asian- oder African-Americans: In den Vereinigten Staaten ist der Bindestrich, früher ein Schimpfwort, nachgerade zu einem Zeichen der Distinktion geworden – vor allem bei denjenigen Gruppen, bei denen wir heute eher von „symbolischer Ethnizität “, ohne sprachliche und institutionelle Strukturen, sprechen. Hier haben Gesellschaft und Staat Multikulturalismus auf einem flachen Niveau anerkannt, und gleichzeitig haben sich die USA damit von der ehemals überaus starken Betonung des angelsächsischen Erbes etwas fortbewegt.

In Deutschland dagegen, wo das „germanische Erbe“ als mögliches Äquivalent durch den Nationalsozialismus anrüchig geworden und heute nicht mehr tragfähig ist, hat man sich auf die „christlich-abendländische“ und neuerdings auch auf die „christlich-jüdische“ Leitkultur verständigt. All das findet in einem Kontext der Renationalisierung statt, zu dem nicht nur die Probleme auf europäischer Ebene, sondern auch die relativ massive Einwanderung beigetragen haben. Hier könnten sich in Zukunft die Konflikte noch zuspitzen, etwa zwischen Deutschen und „deutschen Türken“ (aber auch zwischen afrikanischen Migranten). Bereits heute werden Menschen mit türkischem Migrationshintergrund durch Interventionen türkischer Politiker, etwa des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, in erhebliche Loyalitätskonflikte gebracht.

Ähnliches geschah auch seitens der deutschen Reichsregierung gegenüber den deutschen Einwanderern in den USA um 1900. Tatsächlich stellten ausgerechnet die Deutschen damals das beste Beispiel einer geschlossenen Gruppe dar, mit Pflege der deutschen Kultur und Geselligkeit, politischen Vereinen, eigenen deutschsprachigen Schulen, eigenen Feiertagen und einer Flut deutscher Zeitungen. Seitens der Aufnahmegesellschaft wurde diese „Parallelgesellschaft“ mit äußerst gemischten Gefühlen auf- und wahrgenommen, denn die deutsche Lebensweise entsprach keineswegs der angelsächsisch orientierten „Leitkultur“. Daher lohnt es sich, die deutsch-amerikanische Vergangenheit genauer ins Visier zu nehmen. Vielleicht kann sie ja als ein Spiegel unserer Zukunft in Deutschland dienen.

Deutsche unter sich – der Anfang in Amerika
Vor 125 Jahren, am 21. Juni 1886, begann in Chicago der Prozess um die sogenannte Haymarket-Affäre. Arbeiter in Chicago und andernorts kämpften damals für den Achtstundentag, und bei Zusammenstößen zwischen Streikenden und Polizei wurden zwei Aktivisten erschossen und eine größere Zahl von Streikenden verwundet. Anarchisten und Sozialisten veranstalteten wenige Tage später eine Protestveranstaltung auf dem Chicagoer Haymarket. Im Laufe dieser Versammlung explodierte in den Reihen einer sich nähernden Polizeieinheit eine Bombe, die mehrere Polizisten tödlich verletzte. Obwohl die Täterschaft nie geklärt wurde – eine private Wachmannschaft wurde später verdächtigt –, wurde den als Anarchisten verschrienen Anführern, die während der Protestversammlung eher beschwichtigende Reden gehalten hatten, ein wahrhaftiger Schauprozess gemacht. Sechs der Immigranten und ein Amerikaner wurden zum Tode, ein weiterer zu lebenslanger Haft verurteilt. Trotz internationaler Proteste gegen den Prozess wurden die Urteile im November 1887 vollstreckt. August Spieß, der Anführer der Bewegung, sagte unter dem Galgen: „Die Zeit wird kommen, wenn unser Schweigen mächtiger sein wird als die Stimmen, die ihr heute erwürgt.“

Bemerkenswert ist, dass von den acht unschuldig Verurteilten mindestens sechs deutscher Herkunft waren. Dies erklärt sich nicht nur aus der Tatsache, dass damals ein Drittel der Bevölkerung Chicagos aus deutschen Einwanderern bestand. Denn der Schauprozess war speziell gegen deutsche Immigranten und den deutschen politischen Radikalismus in der Arbeiterklasse gerichtet. Dieser Radikalismus hatte unter in den USA geborenen Amerikanern große Verunsicherung ausgelöst. Wie die „Chicago Tribune“ von der Protestveranstaltung berichtet hatte: „Die Begeistertsten in der Menge waren Deutsche. Eine große Zahl von Polen und Böhmern gab es ebenfalls, neben amerikanisch aussehenden Leuten, die als Zuschauer gekommen waren, sowie Geheimpolizisten, die alte Kleidung trugen. Gruppen von Deutschen diskutierten über die zu erwartenden Unruhen.“ Deutsche als begeisterte Teilnehmer, Amerikaner als passive Zuschauer: Hier war der erhobene Zeigefinger, der besagte, „als nicht-angelsächsische Einwanderer seid ihr verpflichtet, Euch an gegebene amerikanische Normen zu halten, und euer Sozialismus gehört nicht dazu.“ Ähnlich stigmatisierende und kriminalisierende Entwicklungen, wie sie heute mit der türkisch-muslimischen Einwanderung nach Deutschland in Beziehung gesetzt werden, lassen sich also auch im deutsch-amerikanischen Migrantenzusammenhang feststellen.

Die erste Periode der deutschen Emigration wird vom 17. Jahrhundert bis 1815 datiert. Zumeist waren es kleinere sektiererische, zu Hause unterdrückte Gruppen wie Mennoniten und Hutterer, die damals nach Amerika kamen. Die zweite Auswanderungsperiode dauerte vom Wiener Kongress 1815 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Diese zweite Emigrationswelle von über sieben Millionen Menschen stellt auch insofern einen interessanten Fall dar, als ihre vollständige Assimilation längst abgeschlossen ist. Sie gibt uns deshalb die Chance, über mögliche Verlaufsformen heutiger Einwanderung nachzudenken. Innerhalb dieser Phase ist wiederum zwischen einer Einwanderung von primär Bauern und Handwerkern (vor 1848 und um 1860-70) sowie der Einwanderung politischer Flüchtlinge und politisch engagierter Menschen nach der Märzrevolution 1848 zu unterscheiden. Diese Gruppe der „Forty-eighters“ vor allem hat die deutsche Einwanderung in den USA politisch und kulturell geprägt.

Little Germanies: Deutsche Parallelgesellschaften
Im Gegensatz zur landläufigen Annahme, die meisten Deutschen seien in den USA Farmer geworden, war die Einwanderung des 19. Jahrhunderts vor allem auf eine Reihe größerer Städte verteilt, wo sich die Deutschen in „Little Germanies“ konzentrierten, etwa in New York, Milwaukee, Baltimore, St. Louis und Philadelphia. In Chicago waren zwischen 1850 und 1914 durchweg zwischen 25 und 30 Prozent der Einwohner deutscher Herkunft – um 1900 demnach zirka 550 000 der 1,7 Millionen Einwohner. Von diesen zählten um 1850 über 80 Prozent und noch 1900 zwei Drittel zur Arbeiterschaft. Die anderen 30 Prozent hatten es da bereits in die Mittelschichten geschafft.

Es verwundert nicht, dass diese Einwanderer zunächst in eigenen, ethnisch abgesonderten Vierteln ihr Zuhause fanden und erst in der zweiten oder dritten Generation in die Außenbezirke Chicagos (oder anderer Städte) abwanderten. Der Kokon der anfänglichen Segregation erlaubte es ihnen also gerade, sich anschließend in die breitere Gesellschaft einzugliedern.

In der ersten und zumeist auch der zweiten Generation wurden sie also noch als „Parallelgesellschaft“ angesehen: So wurde etwa gefragt, ob die Deutschen denn wohl ein „imperium in imperio“ in den USA gründen wollten. Tatsächlich gab es derartige Phantasien unter einigen Deutschen; aber war es tatsächlich eine Parallelgesellschaft?

Deutsche Wirtschaft und deutsche Arbeitervereine
Es trifft sicherlich zu, dass die Einwanderer auch in der zweiten Generation weiterhin Deutsch sprachen, deutsche Zeitungen lasen, ihre Kinder in deutsche Schulen und deutschsprachige Gottesdienste schickten, deutsche Feiertage beibehielten, am Wochenende im Sommer in die Gartenlokale oder Biergärten zogen, im Winter in enge Wirtschaften, in Schützenvereinen, Arbeitervereinen oder deutschen Gesangvereinen und Theatern ihre Zeit verbrachten. Die Atmosphäre in diesen Wirtschaften ist im „Atlantic Monthly“ 1867 wie folgt beschrieben worden: „Noch charakteristischer als die Restaurants am Broadway, die nach deutschen Prinzipien geführt werden, sind die kleineren, die durch die gesamte Stadt verteilt sind – sonderbare schmutzig-braune klapprige Wirtschaften, in denen Familien teutonischer Rasse – Männer, Frauen und Kinder – einen Großteil ihrer Zeit zu verbringen scheinen. [….] Die Bar sieht aus wie eine Brustwehr, die von einem Regiment von Gourmands errichtet wurde, um dem Vormarsch des Hungers zu begegnen. Es ist hochgestapelt mit Haxen und zubereitetem Fleisch, angepasst an den starken deutschen Magen – enorm fette Schinken, nicht voll durchgekocht, weil der Deutsche sein Schwein halbroh vorzieht; Keulen von kaltem Corned Beef, bedrängt von kalter gebratener Keule und Flanken vom Kalb; Wurstpyramiden jeglicher Form und Größe, und eine Reihe verwandter Artikel von zubereitetem Schweinefleisch.“

Gerade die deutsche Einwanderung war also, wie es der kanadische Soziologe Raymond Breton treffend formulierte, durch ein hohes Maß an „institutional completeness“ charakterisiert: Die Einwanderer waren integriert in ein dichtes Netz ethnischer Institutionen, quasi von der Wiege bis zur Bahre, eine Abschließung, die hier und andernorts Ressentiments hervorgerufen hat. Doch darf dabei nicht vergessen werden, dass diese Institutionen wiederum in amerikanische juristische, bürokratische und ökonomische Strukturen eingebettet waren und deutsche Handwerker, Arbeiter und Kaufleute eben nicht nur für deutsche Brauereien arbeiteten, sondern in eine ortsansässige Klientel eingebunden waren. Dies ist auch an den deutschsprachigen Zeitungen zu sehen, die selbstverständlich nicht nur Nachrichten aus Deutschland und den Little Germanies, sondern eben auch über amerikanische Politik übermittelten.

Hierbei sollte gerade die bedeutsame, wenn auch widersprüchliche Rolle der deutschen Arbeitervereine nicht vergessen werden. Ein Großteil der deutschen Einwanderer war als Industrieproletariat in diese Organisationen integriert. Einerseits gerierten sich diese internationalistisch, waren also offen für die gesamte amerikanische Arbeiterklasse ohne Rücksicht auf die Herkunft; andererseits waren Goethe, Schiller und Beethoven, die deutsche Sprache und die Biergärten für diesen ganz eigenen Universalismus zumindest über lange Jahre unabdingbar. Bereits 1856 wird diese deutsche Eigenart in der „North American Review“ in auch für spätere Jahre typischer Weise beschrieben: „Unter den 48ern befanden sich die intellektuellsten und fähigsten unserer deutschen Bevölkerung. Doch waren unter ihnen zu viele jener ungestümen und rastlosen Geister, die immer durch Aufruhr aus dem Dunkeln hervortreten. Die Deutschen sind fast einstimmig gegen die Sklaverei und gegen das Verkaufsverbot berauschender Getränke. […] Die Deutschen haben bislang unsere Gesetze, unsere Sprache und die meisten unserer Gebräuche erhalten. Sie sind freilich dadurch kaum beeinflusst worden.“

Nach 1880: Der Weg gabelt sich
Vor allem nach 1880 gabelt sich die Immigration: Einerseits findet eine Konsolidierung der ethnischen Institutionen statt, andererseits erfolgt der langsame Verlust der deutschen Sprache und eine stärkere Assimilation, „Amerikanisierung“, bei der jüngeren Generation. Um die Zeit des Ersten Weltkriegs war diese Assimilation praktisch abgeschlossen, und in den 20er Jahren befand H. L. Mencken, Deutsch-Amerikaner der zweiten Generation und der herausragendste der deutschstämmigen Autoren: „Die Deutschamerikaner bilden eine Gruppe, die in schnellem Verfall begriffen ist. Dieser Verfall hat schon lange vor dem Kriege begonnen. Ja, der Krieg hat ihn sogar für einige Zeit aufgehalten. […] Das Deutschtum in Amerika war nur noch ein Spielzeug für drittrangige ‚Führer’, die meist etwas zu verkaufen hatten; im Übrigen war es tot. […] Der Schmelztiegel hat die Deutschamerikaner verschlungen wie keine andere Gruppe, wie nicht einmal die Iren.“

Wie aber reagierte das Umfeld, die hegemoniale Mehrheitsgesellschaft, auf die deutsche Einwanderung? Wenn wie in Chicago innerhalb weniger Jahre die Zahl deutscher Einwanderer auf ein Drittel der Bevölkerung anwuchs, so musste dies eine drastische Wirkung auf das Umfeld – sprich: auf die hegemoniale, vornehmlich durch Puritanismus und englische Kultur geprägte Gesellschaft – haben, und zwar in höchst ambivalenter, positiver wie negativer, Weise.

Was die Freizeitgestaltung anbelangte, deuteten die deutschen Einwanderer den Sonntag, den Sabbat der Puritaner, um. War für diese der Sonntag ein ernster und besinnlicher Tag, den es in der Kirche und still zu Hause zuzubringen galt, so war für die Deutschen, ob Protestanten, Katholiken oder Sozialisten, der Sonntag ein Familientag für Picknicks und Biergärten, mit großer Trink- und Sangesfreude.

Darüber hinaus brachten die Deutschen, wie sie es sahen und wie auch es von außen gesehen wurde, Kultur ins Land: deutsche Literatur, Theater und die Musik, Mozart, Haydn, Bach und Beethoven. Zusammen mit dem von Amerikanern an Deutschen damals gepriesenen Ordnungssinn und der deutschen Tüchtigkeit, der „industriousness“ (vor allem guter handwerklicher Arbeit), führte dies zu beträchtlicher Ambivalenz gegenüber den deutschen Einwanderern – mit desaströsen Konsequenzen für den Fortbestand der deutschen Einwanderer als Gruppe zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die deutschen Einwanderer kontrastierten mit der Gesamtgesellschaft, was die Frage des kulturellen Beitrags, die mangelnde religiöse Rigorosität sowie die Frage von Gender, Sprache und Geselligkeit mittels Konsumtion von Bier anbelangt.

Deutscher Gesang und deutsches Bier
Deutsche Kultur war für die hegemoniale Außengesellschaft vor allem musikalische Kultur – ein Novum für die puritanisch geprägte Gesellschaft, die mit Musik, dazu noch säkularer Musik, nicht viel anzufangen wusste. Dabei bestand in urbanen mittelständischen Milieus durchaus Interesse. So beobachtet der „Christian Examiner“ bereits im Jahre 1851: „Die Deutschen sind den Amerikanern tatsächlich überlegen, was die schönen Künste betrifft, die der Gesellschaft so viel ihrer Ausschmückung gibt. Ihr musikalischer Geschmack ist hervorragend, und sowohl mit Stimme wie mit Instrument haben viele von ihnen ein hohes Maß an Fertigkeit. Doch sind die Manieren ihrer einfachen Menschen vergleichsweise gering.“

Die musikalische Kultur der Deutschen in Amerika bewegte sich also auf zwei Ebenen: hier die Vorliebe für Mozart und Beethoven in den deutsch-amerikanischen Mittelschichten, von Goethe und Schiller im Theater- und Literaturbereich nicht zu sprechen, dort die proletarisch-kleinbürgerlichen Milieus der Männergesangvereine und ähnlicher Sangesfreude.

Eine entscheidende Rolle spielte bei Letzterem vor allem das Bier. Als leichter Alkohol konnte es die Geselligkeit fördern, wofür der eher individualisierende (da auch wesentlich teurere) Whisky sich weniger eignete. Er wurde daher zumeist privatisierend in kleinen Kreisen konsumiert. Die Konsumtion von Bier dagegen, seine Produktion und damit die gesamte ethnische Ökonomie – vor allem die Nahrungsmittelindustrie, mit Sauerkraut, Brot, Hamburgern und Frankfurtern usw. –, war das zweite Element spezifisch ideologischer Arbeit im Sinne einer Gegenmoral, mit der die Einwanderer die Mehrheitsgesellschaft provozierten. „Wir wünschen, sie würden weniger Bier trinken und unseren amerikanischen Sabbat mehr respektieren“, lautete der gängige Vorwurf. So wie öffentliche Musik war in der amerikanischen Gesellschaft vor allem der öffentliche Konsum von Alkohol stigmatisiert, etwa der Bierkonsum in den Biergärten und Gartenlokalen. Bis heute kann Alkohol, etwa eine Flasche Bier, in der US-amerikanischen Öffentlichkeit nur eingepackt mitgenommen werden.

Konfliktfelder Religion, Geschlecht, Sprache
Das dritte trennende Moment neben Kultur und Konsum war die Frage der Religiosität. Erstens waren für die puritanische Religiosität sowohl der deutsche Lutheranismus wie auch der Katholizismus fremdartige Christentümer; hier irritierte zunächst der mangelnde Respekt, wie sie es sahen, gegenüber dem amerikanischen „sabbath“. Zweitens störte sich die hegemoniale Gesellschaft insgesamt an der mangelnden Religiosität unter der Mehrzahl der Deutschen – vor allem im Traditionsstrang der nach den USA emigrierten 1848er-Revolutionäre. Zwar bestand eine beidseitige Affinität zu den freiheitlichen und demokratischen amerikanischen Traditionen, aber die anti-kirchliche Haltung der 48er, gespeist aus der Erfahrung mit einem reaktionären Klerus in Deutschland, stand einer Identifikation mit dem religiösen Wurzeln der USA im Wege. In abgemilderter Form galt diese Kirchenferne auch für weitere Teile der deutschen Einwanderung; gegenüber dieser Areligiosität wollte sich der Puritanismus verteidigen, wie in folgenden Bemerkungen aus dem Jahre 1851 deutlich wird: „Die entmutigendste Tatsache ist die geringe Neigung eines Großteils der Deutschen, an den Gottesdiensten teilzunehmen, oder daran, in irgendeiner Form christliche Werte und Institutionen aufrechtzuerhalten. […] Wir glauben nicht, dass es irgendwo auf der Welt eine Presse gibt, die derartig radikal und destruktiv ist wie die deutschen Zeitungen in diesem Land. Unter rund 60 Zeitschriften attackiert die Mehrzahl jede Form kirchlicher Institutionen; sie spielen das historische Christentum herunter, in berüchtigten Fällen leugnen sie die Person Gottes und die Unsterblichkeit der Seele und lehren dabei das gründlichste Epikureertum.“

Einen weiteren Zusammenprall von der Moral der Mehrheit und Gegenmoral der Einwanderer gab es bei den verschiedenen Vorstellungen über die Rolle der Frau – allerdings zugunsten der Deutschen. In den USA, und gerade von amerikanischer Seite, wurde die deutsche Frau als Vorbild dargestellt: Sie arbeite ebenbürtig an der Seite ihres Mannes, während die amerikanische Frau faul zu Hause bliebe, nur das Geld ihres Mannes nehme und überdies für suffrage kämpfe, also das Frauenwahlrecht beanspruche. Die deutsche Frau (und ihr Mann) täten dies nicht. Hier sind also zwei widersprüchliche Tendenzen wirksam: einerseits die starke, ebenbürtige deutsche Frau, andererseits die mangelnde Bereitschaft zur politischen Betätigung, um der Frau auch eine Stimme bei den Wahlen zu geben.

Eine entscheidende Rolle in der Frage der Integration spielte die deutsche Sprache. Schließlich ist Sprache stets mehr als andere Attribute aufs Engste mit dem Kern des Ethno-Nationalen verknüpft. Auch aus diesem Grunde betonten die deutschen wie auch die anderen Einwanderer die Pflege der eigenen Sprache, vor allem vermittels der Schulen, aber auch über die Gottesdienste und – allen internationalistischen Bekundungen zum Trotz – auch in den Arbeitervereinen. Die Sprache vereinte somit, auch über konfessionelle, Klassen- und regionalistische Unterschiede hinweg; sie brachte Österreicher und Schweizer mit Mecklenburgern zusammen wie Katholiken mit Protestanten und deutschsprachigen Juden (zumindest in der ersten Generation). Heute kaum mehr vorstellbar, sahen sich zur damaligen Zeit deutschsprachige Juden zumindest in der ersten Generation primär als Deutsche und wurden so auch behandelt; nicht zuletzt waren sie auch in der Führung der Deutschamerikaner präsent.

Gerade der irritierend offene Gebrauch des Deutschen, wie er auch in den Zeitungsberichten zur Haymarket-Affäre zum Ausdruck kam, brachte nun die anglo-amerikanische Seite auf den Plan. Über die starke deutsche Präsenz erkannte und aktivierte sie erst ihre eigene anglo-amerikanische ethnische Identität, wie andererseits die auch gegen deutsche Einwanderer gerichtete, nativistische Know-Nothing-Bewegung die deutschen Einwanderer vereinte. So wurde der Gebrauch des Deutschen als ein Zeichen der Illoyalität gegenüber der jungen, anglo-orientierten Nation wahrgenommen, und verschiedenerorts wurde mittels Gesetzgebung versucht, den deutschen Schulen das Wasser abzugraben.

Das eiserne Gesetz der Ethnizität
Um die Jahrhundertwende erfolgte somit eine höchst widersprüchliche Entwicklung in der deutschen Einwanderergruppe. Einerseits konsolidierte sich diese, dank des steigenden Wohlstands, aber auch vermittels staatlich anerkannter Vertretungen wie der National German-American Alliance, respektabler deutschsprachiger Zeitungen, einer lautstarken Führung und einer ethnisch basierten Ökonomie, die von den großen Brauereien dominiert wurde. Auf ihrem Höhepunkt 1916, also bereits zu Beginn der anti-deutschen Agitation, registrierte allein die National German-American Alliance über drei Millionen Mitglieder.

Andererseits ging in der Generationenabfolge der Gebrauch des Deutschen rapide zurück, was die deutschen Schulen von innen her gefährdete und das deutsche Milieu schwächte. Hier zeigt sich, was ich als das eiserne Gesetz der Ethnizität bezeichnen möchte: Je stärker die ethnischen Organisationen, desto besser sind ihre Mitglieder bereits gesellschaftlich integriert. Das hat die paradoxe Konsequenz, dass diese starken Organisationen, Medien usw. eigentlich nicht mehr gebraucht werden und daher Gefahr laufen, alsbald zu zerfallen.

Diese Gefährdungen des deutschen Ethnos spitzten sich mit dem Ersten Weltkrieg, vor allem im Herbst 1917, dem offiziellen Eintritt der USA in den Krieg, drastisch zu. Denn nun wurden deutschsprachige Institutionen staatlicherseits zerschlagen, vor allem die 1907 vom amerikanischen Kongress privilegierte National German-American Alliance.

Dabei war der deutsche Ethnos zuvor als multikulturelle Formation durchaus akzeptiert, wenn auch nicht ohne Ambivalenz, wie das folgende Zitat aus dem „Christian Examiner“ von 1851 deutlich macht: „Zwei Rassen sind hervorgetreten, um die Vorherrschaft des Engländers herauszufordern. […] Wir sprechen natürlich von den Iren und den Deutschen. […] Als Zweig derselben großen Familie wie die Angelsachsen, mit denselben Wesensmerkmalen der Unabhängigkeit, Häuslichkeit und robusten Männlichkeit sollten die Deutschen leicht mit dem amerikanischen Volk zusammengehen. Bei genauerem Hinsehen gibt es jedoch viele Hindernisse zu ihrer Vereinigung. Das erste ist natürlich die Sprachbarriere. Vom Gemüt her unterscheidet sich der Deutsche stark vom Anglo-Amerikaner. In seinem Benehmen ist er mehr spontan, weniger reserviert, sorgt sich weniger um Vorrechte, amüsiert sich mehr und ist weniger modebewusst. […] Die Deutschen übertreffen die Amerikaner sogar in ihrer Liebe zu den schönen Künsten, die der Gesellschaft so viel Schmuck verleihen.“

All das änderte sich mit Beginn des Ersten Weltkrieges sehr schnell. Nun kam das jahrzehntelang schwelende Unbehagen an allem Deutschen voll zum Ausbruch. Die Loyalität der Deutsch-Amerikaner wurde radikal in Frage gestellt – schon wegen ihrer Unterstützung einer amerikanischen Neutralitätspolitik. Dagegen wurde von der amerikanischen Führung, Präsident Woodrow Wilson wie auch bereits von seinem Vorgänger Theodore Roosevelt, die Gelegenheit der Kriegsbeteiligung – auch und gerade in einem Krieg zwischen Deutschland und Großbritannien – bereitwillig ergriffen, um die USA als angelsächsische, englisch-affine Nation zu definieren.

Die „Anti-German Panic“
Mit einer massiven Kampagne, Russel Kazal bezeichnete sie treffend als die „Anti-German Panic“, wurden die „hyphenated Americans“ – die durch Bindestrich getrennten Amerikaner – attackiert. Doch faktisch waren nur die German-Americans gemeint. Alles Deutsche wurde nun stigmatisiert, einschließlich der vormals gepriesenen Musik; deutsche Städte- und geographische Namen in den USA (und Kanada) wurden angelsächsisch und oft direkt britisch umbenannt, deutsche Komponisten waren plötzlich verpönt, Goethe und Schiller, die in der „Hunnensprache“ schrieben, verschwanden aus den Bibliotheken und deutsche Bücher wurden verschiedenerorts öffentlich verbrannt. Diese Politik wurde auch nach Kriegsende noch fortgesetzt.

Oppositionelle Zeitungsverleger – die etwa für Neutralität im Krieg votierten – landeten im Gefängnis, und der Gebrauch des Deutschen, von innen her durch Assimilation ohnehin geschwächt, wurde in der Öffentlichkeit teils verboten, teils gesellschaftlich verpönt und war somit auch nach 1919 in der amerikanischen Öffentlichkeit so gut wie verschwunden. Frankfurters verschwanden zumeist als Wort, Hamburgers wurden zu Salisbury steaks, und Sauerkraut wurde liberty cabbage. Dieser Angriff auf alles Deutsche lief parallel zu der gezielten Kampagne des temperance movement, etwa der Anti-Saloon League (Anti-Kneipen-Liga). In den 20er Jahren, als die Prohibition Fahrt aufnahm, geriet somit auch ein Großteil der ethnisch-deutschen Ökonomie (und mit dem Bierkonsum auch die Brauereien) unter Beschuss, was gleichzeitig zur Solidarisierung der deutschen Gegenseite führte. Letztlich trugen Organisationen wie die Anti-Saloon League mehr zur Solidarisierung unter den Deutschen und ihrer German-American Alliance bei als die deutsche Kultur oder die Interventionen seitens der Reichsregierung in Berlin.

Das Erbe der deutschen Einwanderung
Die deutsche Sprache als Kern des Ethnischen ist heute in den USA verschwunden – was aber ist von den vielen Millionen Menschen der deutschen Einwanderung des 19. Jahrhunderts geblieben? Erstens, zweifellos, vieles auf kulturellem Terrain. Die musikalische, die literarische und die akademische Kultur hat durch das deutsche Element des 19. Jahrhunderts einen maßgeblichen Impuls erhalten, der sich über Jahrzehnte fortgesetzt hat. Nicht zu vergessen ist hier auch eine – allerdings unter anderem durch Disney verkitschte – deutsche Weihnachts- und Märchenkultur.

Zweitens haben sich die Konsumtionsmuster durch als deutsch definierte Speisen und Getränke fortgesetzt. Was den Genuss von Bier betrifft, so könnte man, überspitzt formuliert, die Prohibition als kaum verdeckte Kontinuität der anti-deutschen Agitation verstehen: Es traf zum größten Teil Deutsche und in zweiter Linie die Iren, die hier den Deutschen in ethnischer Affinität und anti-britischer Haltung verbunden waren. So entstanden German-Irish Leagues, und St. Patrick’s Day und Bismarcks Geburtstag wurde gemeinsam gefeiert.

Drittens darf das Erbe der 1848er-Emigration nicht vergessen werden. Ihre radikaldemokratische Deutung der amerikanischen Verfassung, ihr Radikalismus allgemein, war etwas sehr Neuartiges für die junge Republik. Ihre ideologische Arbeit bestätigte letztlich, wenn auch ex negativo, amerikanische Werte. Ihr Radikalismus floss ein in die Arbeiterbewegung, und sowohl der gemäßigteren American Federation of Labor, als auch der breiteren Gesellschaft war dieser Radikalismus ein Dorn im Auge – was nicht zuletzt in der Haymarket-Affäre zum Ausdruck kam.

Neben der Arbeiterbewegung wären der Pazifismus, die Neutralitätsbestrebungen im Ersten Weltkrieg und spätere radikale Bewegungen in den 20er Jahren ohne den Einfluss des ursprünglich ethnisch-deutschen Radikalismus kaum denkbar gewesen. Nach Ende des Krieges, angesichts der erstarkenden Arbeiterbewegung, lebte diese immer noch von Deutschen beeinflusste radikaldemokratische Tradition also wieder auf, und zwar sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gewerkschaften. Sie wurde in der antikommunistischen Kampagne nach dem Ersten Weltkrieg („Red Scare“) massiv bekämpft.

Bei diesen Konflikten und dem offenbaren Verschwinden des deutschen Elements aus der Öffentlichkeit handelt es sich daher meines Erachtens weiterhin um untergründige ethnische Prozesse – wenn auch als Prozesse ideologischer Arbeit ohne Ethnos. Es war ein Kampf gegen eine fremde Kultur, die ihren Ethnos verloren hat. Was dagegen überlebt hatte, waren Mechanismen ideologischer Arbeit, obgleich ihr manifestes ethnisches Objekt abhanden gekommen war.

Die Deutschen kamen in großer Zahl ins Land, als sich die USA mit der Industrialisierung auf einen viel breiteren, technisch qualifizierteren Einwandererpool jenseits des Angelsächsischen stützen musste. Als deutsch definierte Eigenschaften wie Tüchtigkeit, Kultur und Ordnungsliebe wurden deshalb von der Hegemonialgesellschaft geschätzt und als Vorbild gepriesen. Andererseits wollte diese auf die englischen ethno-nationalen Fundamente nicht verzichten, wie schon von den Ausfällen Benjamin Franklins gegen deutsche Einwanderer bekannt.

Es war also eine Hegemonialgesellschaft, die zwischen Multi- und Monokultur hin- und herschwankte, am Ende aber den nationalen Rausch im Ersten Weltkrieg als Mittel nutzte, um Multikulturalismus und die Anerkennung des Andersseins des Fremden nicht weiter zu tolerieren. Infolgedessen wurde den Bindestrich-Amerikanern, sprich: den Deutschen, der Kampf angesagt – zu einem Zeitpunkt, als es deutsche Bindestrich-Amerikaner ohnehin kaum mehr gab. Dies mag teilweise – jenseits von staatlicher und zivilgesellschaftlicher Repression – auch erklären, warum die Deutsch-Amerikaner nur ein sehr schwaches, politisch naives und unvorsichtiges Führungspersonal hervorgebracht haben und weshalb selbst ihre Institutionen, also Vereine, Biergärten, deutschsprachige Schulen und Kirchen, letztlich nicht überlebten. So wurde aus einer hochgradig geschlossenen Gruppe ein assimilierter Teil der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft. Und dennoch: Als Ethnos mögen die Deutschen in den USA verschwunden sein, als vielschichtiges kulturelles Erbe lebt ihre ideologische Arbeit im Amerika der Gegenwart weiter fort.

Heute stellt sich die Frage, ob die deutsch-amerikanische Vergangenheit in der Zeit des Ersten Weltkriegs ein Spiegel unserer Zukunft in Deutschland ist, oder ob die deutsche Gesellschaft – wie in den USA vor dem Ersten Weltkrieg zumindest teilweise geschehen – weiterhin Multikulturalismus akzeptieren wird. Dann würden wir von einem Äquivalent der anti-deutschen Hysterie der Vereinigten Staaten von vor fast hundert Jahren verschont bleiben.