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Migration und Integration in Deutschland

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Der deutsch-amerikanische Bindestrich

Multikultur-Lektionen aus Amerika vor hundert Jahren

Vor 125 Jahren tobte in den USA ein Kampf um Leitkultur und Parallelgesellschaft. Er klingt merkwürdig vertraut. Die Konfliktfelder sind Religion, Geschlecht und Sprache – es geht um deutsche Parallelgesellschaften oder Little Germanies.

VONY. Michal Bodemann

Der Autor, 66, ist Professor für Soziologie an der Universität Toronto und Leiter des europäischen Büros der Universität in Berlin.

DATUM21. Oktober 2011

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RESSORTGesellschaft, Leitartikel, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: "Blätter für deutsche und internationale Politik"

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Konfliktfelder Religion, Geschlecht, Sprache
Das dritte trennende Moment neben Kultur und Konsum war die Frage der Religiosität. Erstens waren für die puritanische Religiosität sowohl der deutsche Lutheranismus wie auch der Katholizismus fremdartige Christentümer; hier irritierte zunächst der mangelnde Respekt, wie sie es sahen, gegenüber dem amerikanischen „sabbath“. Zweitens störte sich die hegemoniale Gesellschaft insgesamt an der mangelnden Religiosität unter der Mehrzahl der Deutschen – vor allem im Traditionsstrang der nach den USA emigrierten 1848er-Revolutionäre. Zwar bestand eine beidseitige Affinität zu den freiheitlichen und demokratischen amerikanischen Traditionen, aber die anti-kirchliche Haltung der 48er, gespeist aus der Erfahrung mit einem reaktionären Klerus in Deutschland, stand einer Identifikation mit dem religiösen Wurzeln der USA im Wege. In abgemilderter Form galt diese Kirchenferne auch für weitere Teile der deutschen Einwanderung; gegenüber dieser Areligiosität wollte sich der Puritanismus verteidigen, wie in folgenden Bemerkungen aus dem Jahre 1851 deutlich wird: „Die entmutigendste Tatsache ist die geringe Neigung eines Großteils der Deutschen, an den Gottesdiensten teilzunehmen, oder daran, in irgendeiner Form christliche Werte und Institutionen aufrechtzuerhalten. […] Wir glauben nicht, dass es irgendwo auf der Welt eine Presse gibt, die derartig radikal und destruktiv ist wie die deutschen Zeitungen in diesem Land. Unter rund 60 Zeitschriften attackiert die Mehrzahl jede Form kirchlicher Institutionen; sie spielen das historische Christentum herunter, in berüchtigten Fällen leugnen sie die Person Gottes und die Unsterblichkeit der Seele und lehren dabei das gründlichste Epikureertum.“

Einen weiteren Zusammenprall von der Moral der Mehrheit und Gegenmoral der Einwanderer gab es bei den verschiedenen Vorstellungen über die Rolle der Frau – allerdings zugunsten der Deutschen. In den USA, und gerade von amerikanischer Seite, wurde die deutsche Frau als Vorbild dargestellt: Sie arbeite ebenbürtig an der Seite ihres Mannes, während die amerikanische Frau faul zu Hause bliebe, nur das Geld ihres Mannes nehme und überdies für suffrage kämpfe, also das Frauenwahlrecht beanspruche. Die deutsche Frau (und ihr Mann) täten dies nicht. Hier sind also zwei widersprüchliche Tendenzen wirksam: einerseits die starke, ebenbürtige deutsche Frau, andererseits die mangelnde Bereitschaft zur politischen Betätigung, um der Frau auch eine Stimme bei den Wahlen zu geben.

Eine entscheidende Rolle in der Frage der Integration spielte die deutsche Sprache. Schließlich ist Sprache stets mehr als andere Attribute aufs Engste mit dem Kern des Ethno-Nationalen verknüpft. Auch aus diesem Grunde betonten die deutschen wie auch die anderen Einwanderer die Pflege der eigenen Sprache, vor allem vermittels der Schulen, aber auch über die Gottesdienste und – allen internationalistischen Bekundungen zum Trotz – auch in den Arbeitervereinen. Die Sprache vereinte somit, auch über konfessionelle, Klassen- und regionalistische Unterschiede hinweg; sie brachte Österreicher und Schweizer mit Mecklenburgern zusammen wie Katholiken mit Protestanten und deutschsprachigen Juden (zumindest in der ersten Generation). Heute kaum mehr vorstellbar, sahen sich zur damaligen Zeit deutschsprachige Juden zumindest in der ersten Generation primär als Deutsche und wurden so auch behandelt; nicht zuletzt waren sie auch in der Führung der Deutschamerikaner präsent.

Gerade der irritierend offene Gebrauch des Deutschen, wie er auch in den Zeitungsberichten zur Haymarket-Affäre zum Ausdruck kam, brachte nun die anglo-amerikanische Seite auf den Plan. Über die starke deutsche Präsenz erkannte und aktivierte sie erst ihre eigene anglo-amerikanische ethnische Identität, wie andererseits die auch gegen deutsche Einwanderer gerichtete, nativistische Know-Nothing-Bewegung die deutschen Einwanderer vereinte. So wurde der Gebrauch des Deutschen als ein Zeichen der Illoyalität gegenüber der jungen, anglo-orientierten Nation wahrgenommen, und verschiedenerorts wurde mittels Gesetzgebung versucht, den deutschen Schulen das Wasser abzugraben.

Das eiserne Gesetz der Ethnizität
Um die Jahrhundertwende erfolgte somit eine höchst widersprüchliche Entwicklung in der deutschen Einwanderergruppe. Einerseits konsolidierte sich diese, dank des steigenden Wohlstands, aber auch vermittels staatlich anerkannter Vertretungen wie der National German-American Alliance, respektabler deutschsprachiger Zeitungen, einer lautstarken Führung und einer ethnisch basierten Ökonomie, die von den großen Brauereien dominiert wurde. Auf ihrem Höhepunkt 1916, also bereits zu Beginn der anti-deutschen Agitation, registrierte allein die National German-American Alliance über drei Millionen Mitglieder.

Andererseits ging in der Generationenabfolge der Gebrauch des Deutschen rapide zurück, was die deutschen Schulen von innen her gefährdete und das deutsche Milieu schwächte. Hier zeigt sich, was ich als das eiserne Gesetz der Ethnizität bezeichnen möchte: Je stärker die ethnischen Organisationen, desto besser sind ihre Mitglieder bereits gesellschaftlich integriert. Das hat die paradoxe Konsequenz, dass diese starken Organisationen, Medien usw. eigentlich nicht mehr gebraucht werden und daher Gefahr laufen, alsbald zu zerfallen.

Diese Gefährdungen des deutschen Ethnos spitzten sich mit dem Ersten Weltkrieg, vor allem im Herbst 1917, dem offiziellen Eintritt der USA in den Krieg, drastisch zu. Denn nun wurden deutschsprachige Institutionen staatlicherseits zerschlagen, vor allem die 1907 vom amerikanischen Kongress privilegierte National German-American Alliance.

Dabei war der deutsche Ethnos zuvor als multikulturelle Formation durchaus akzeptiert, wenn auch nicht ohne Ambivalenz, wie das folgende Zitat aus dem „Christian Examiner“ von 1851 deutlich macht: „Zwei Rassen sind hervorgetreten, um die Vorherrschaft des Engländers herauszufordern. […] Wir sprechen natürlich von den Iren und den Deutschen. […] Als Zweig derselben großen Familie wie die Angelsachsen, mit denselben Wesensmerkmalen der Unabhängigkeit, Häuslichkeit und robusten Männlichkeit sollten die Deutschen leicht mit dem amerikanischen Volk zusammengehen. Bei genauerem Hinsehen gibt es jedoch viele Hindernisse zu ihrer Vereinigung. Das erste ist natürlich die Sprachbarriere. Vom Gemüt her unterscheidet sich der Deutsche stark vom Anglo-Amerikaner. In seinem Benehmen ist er mehr spontan, weniger reserviert, sorgt sich weniger um Vorrechte, amüsiert sich mehr und ist weniger modebewusst. […] Die Deutschen übertreffen die Amerikaner sogar in ihrer Liebe zu den schönen Künsten, die der Gesellschaft so viel Schmuck verleihen.“

All das änderte sich mit Beginn des Ersten Weltkrieges sehr schnell. Nun kam das jahrzehntelang schwelende Unbehagen an allem Deutschen voll zum Ausbruch. Die Loyalität der Deutsch-Amerikaner wurde radikal in Frage gestellt – schon wegen ihrer Unterstützung einer amerikanischen Neutralitätspolitik. Dagegen wurde von der amerikanischen Führung, Präsident Woodrow Wilson wie auch bereits von seinem Vorgänger Theodore Roosevelt, die Gelegenheit der Kriegsbeteiligung – auch und gerade in einem Krieg zwischen Deutschland und Großbritannien – bereitwillig ergriffen, um die USA als angelsächsische, englisch-affine Nation zu definieren.

Die „Anti-German Panic“
Mit einer massiven Kampagne, Russel Kazal bezeichnete sie treffend als die „Anti-German Panic“, wurden die „hyphenated Americans“ – die durch Bindestrich getrennten Amerikaner – attackiert. Doch faktisch waren nur die German-Americans gemeint. Alles Deutsche wurde nun stigmatisiert, einschließlich der vormals gepriesenen Musik; deutsche Städte- und geographische Namen in den USA (und Kanada) wurden angelsächsisch und oft direkt britisch umbenannt, deutsche Komponisten waren plötzlich verpönt, Goethe und Schiller, die in der „Hunnensprache“ schrieben, verschwanden aus den Bibliotheken und deutsche Bücher wurden verschiedenerorts öffentlich verbrannt. Diese Politik wurde auch nach Kriegsende noch fortgesetzt.

Oppositionelle Zeitungsverleger – die etwa für Neutralität im Krieg votierten – landeten im Gefängnis, und der Gebrauch des Deutschen, von innen her durch Assimilation ohnehin geschwächt, wurde in der Öffentlichkeit teils verboten, teils gesellschaftlich verpönt und war somit auch nach 1919 in der amerikanischen Öffentlichkeit so gut wie verschwunden. Frankfurters verschwanden zumeist als Wort, Hamburgers wurden zu Salisbury steaks, und Sauerkraut wurde liberty cabbage. Dieser Angriff auf alles Deutsche lief parallel zu der gezielten Kampagne des temperance movement, etwa der Anti-Saloon League (Anti-Kneipen-Liga). In den 20er Jahren, als die Prohibition Fahrt aufnahm, geriet somit auch ein Großteil der ethnisch-deutschen Ökonomie (und mit dem Bierkonsum auch die Brauereien) unter Beschuss, was gleichzeitig zur Solidarisierung der deutschen Gegenseite führte. Letztlich trugen Organisationen wie die Anti-Saloon League mehr zur Solidarisierung unter den Deutschen und ihrer German-American Alliance bei als die deutsche Kultur oder die Interventionen seitens der Reichsregierung in Berlin.

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