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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Türken in Baden-Württemberg

Statistische Momentaufnahme im 50. Jahr des Anwerbeabkommens

Anlässlich des 50. Jahrestages des Anwerbeabkommens mit der Türkei präsentiert das Statistische Landesamt Daten und Fakten zur türkischen Bevölkerung in Baden-Württemberg. Fazit: Türken sind fester Bestandteil der Gesellschaft.

Am 31. Oktober 1961 wurde in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Damals lebten lediglich rund 3 000 Personen mit einer türkischen Staatsangehörigkeit im Südwesten. Seither hat sich diese Bevölkerungsgruppe zu einem festen Bestandteil der baden-württembergischen Gesellschaft entwickelt. Im Folgenden sollen hierzu ausgewählte Aspekte schlaglichtartig vorgestellt werden:

Stärkste ausländische Bevölkerungsgruppe
1978 bildeten die Personen mit einer türkischen Staatsangehörigkeit erstmals die stärkste ausländische Bevölkerungsgruppe in Baden-Württemberg. 1997 erreichte die türkische Bevölkerung mit annähernd 360 000 Personen ihren bisherigen Spitzenwert. Derzeit leben 282 000 Personen mit einer türkischen Staatsangehörigkeit im Südwesten (Anteil an den Ausländern insgesamt: 24 Prozent) und damit deutlich mehr als Personen aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien (221 000) und aus Italien (159 000).

Türkischer Migrationshintergrund
Einen türkischen Migrationshintergrund haben in Baden-Württemberg sogar rund 430 000 Menschen. Dies sind etwa 15 Prozent aller 2,8 Mill. Migranten in Baden-Württemberg. So haben z. B. seit Anfang des Jahres 2000 bis Ende 2010 rund 76 000 türkische Staatsbürger die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.

Geburtenrate
Die türkischen Frauen in Baden-Württemberg bringen immer weniger Kinder zur Welt. Während die Geburtenrate 1980 noch bei annähernd 3,8 Kindern je Frau lag, sind es derzeit nur noch rund 1,7. Die durchschnittliche Zahl der Kinder je türkische Frau hat sich damit binnen 3 Jahrzehnten mehr als halbiert und liegt nur noch um etwa 0,4 Kinder über der der deutschen Frauen. Dagegen brachten türkische Frauen vor 3 Jahrzehnten im Schnitt noch fast dreimal so viele Kinder zur Welt wie deutsche Mütter.

Allgemeinbildende Schulen
An den allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg wurden im Schuljahr 2010/11 insgesamt rund 128 000 Schülerinnen und Schüler mit ausländischer Staatsangehörigkeit unterrichtet, was einem Anteil von knapp 11 Prozent entsprach. Die größte Gruppe unter ihnen waren die gut 47 000 türkischen Schülerinnen und Schüler. Damit hatten etwa 37 Prozent der ausländischen und fast 4 Prozent aller Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen die türkische Staatsangehörigkeit.

Weiterführende Schulen
An den weiterführenden Schulen sind türkische Schülerinnen und Schüler wesentlich häufiger an Werkrealschulen und Hauptschulen anzutreffen als an Gymnasien. Im Schuljahr 2010/11 besuchten etwa 17 100 Türkinnen und Türken eine Werkreal- oder Hauptschule, ca. 8 600 eine Realschule und 4 200 ein Gymnasium. Damit besaß fast jeder neunte Schüler einer Werkreal- oder Hauptschule die türkische Staatsangehörigkeit, aber nur jeder 82. an einem Gymnasium. Die Verteilung der türkischen Schülerinnen und Schüler auf die einzelnen weiterführenden Schularten unterscheidet sich damit deutlich von der der deutschen. Während die Zahl der türkischen Schülerinnen und Schüler, die eine Werkreal- oder Hauptschule besuchen, viermal so hoch ist wie die Zahl der türkischen Gymnasiasten, ist die Zahl der deutschen Gymnasiasten dreimal so hoch wie die der deutschen Werkreal- oder Hauptschüler.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte
Zur Jahresmitte 2010 waren im Südwesten rund 3,9 Mill. Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Von den insgesamt etwa 416 000 ausländischen Arbeitnehmern besaßen knapp 99 000 oder fast jeder vierte Beschäftigte einen türkischen Pass. 29 500 oder 30 Prozent davon waren Frauen. Unter den türkischen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten waren Frauen damit eher selten vertreten. Bei den Beschäftigten aller anderen ausländischen Nationalitäten lag der Frauenanteil mit 41 Prozent dagegen fast genauso hoch wie in der deutschen Belegschaft (46 Prozent).

Berufsausbildung
Von den im Jahr 2010 gut 75 000 türkischen Beschäftigten, für die eine Angabe zur Berufsausbildung vorlag, hatten 40 Prozent eine abgeschlossene Lehre. 10 Jahre zuvor hatte der entsprechende Wert lediglich 31 Prozent betragen. Die Quote der Fachhochschul- und Hochschulabsolventen erhöhte sich in den letzten 10 Jahren von 1 auf 2 Prozent. Auch der Anteil der türkischen Beschäftigten ohne Berufsausbildung ging in der letzten Dekade um 11 Prozentpunkte auf 58 Prozent zurück.

Qualifikation
Trotz dieses Aufholprozesses ist die berufliche Qualifikation der ausländischen Arbeitnehmer und insbesondere auch der türkischen Beschäftigten dennoch weiterhin spürbar geringer als die der deutschen Arbeitskollegen. Bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit, für die eine Angabe zur Ausbildung vorliegt, besaßen 2010 lediglich 18 Prozent keine Berufsausbildung. Damit war die Quote der türkischen Kollegen ohne Berufsausbildung aktuell mehr als dreimal so hoch (58 Prozent). Umgekehrt lag der Akademikeranteil unter den türkischen Beschäftigten mit 2 Prozent deutlich unter dem der deutschen Arbeitnehmer mit fast 14 Prozent.

Stadt- und Landkreise
Innerhalb des Landes verteilt sich die türkische Bevölkerung sehr unterschiedlich auf die einzelnen Stadt- und Landkreise. Sie konzentriert sich auf die stärker verdichteten, industriell geprägten Teilräume des Landes. Am stärksten vertreten ist sie – gemessen an der Gesamtbevölkerung – in den Stadtkreisen Heilbronn (7,0 Prozent oder ca. 8 500), Mannheim (5,9 Prozent oder ca. 18 400) und Pforzheim (4,6 Prozent oder ca. 5 600). Am geringsten sind die Anteile in den eher ländlich geprägten Landkreisen Emmendingen, Breisgau-Hochschwarzwald und im Hohenlohekreis sowie im Stadtkreis Freiburg im Breisgau (vgl. Tabelle).

Handelsbeziehungen
Die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland bzw. Baden-Württemberg und der Türkei waren auf mittlere Sicht von einer überdurchschnittlichen Dynamik geprägt. So haben sich die baden-württembergischen Ausfuhren in die Türkei binnen 2 Jahrzehnten von 0,64 Mrd. Euro im Jahr 1990 auf 2,46 Mrd. Euro im Jahr 2010 – bei einem gleichzeitigen Anstieg der Gesamtexporte um 169 Prozent – nahezu vervierfacht. Auch einfuhrseitig betrug der Zuwachs im gleichen Zeitraum leicht überdurchschnittliche 232 Prozent.

Handelspartner
Unter den wichtigsten baden-württembergischen Handelspartnern nimmt die Türkei damit derzeit bei den Exporten Rang 16 und bei den Importen den 18. Platz ein. Aus türkischer Sicht ist Deutschland sogar das mit Abstand wichtigste Abnehmerland von ausgeführten Waren. Deutschland liefert nach Russland die meisten Waren in die Türkei. (etb)

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