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Verzockt und Verjubelt

Spielsucht unter Migranten auf dem Vormarsch

Spielsucht unter Migranten ist in den letzten Jahren zu einem ernsthaften Problem geworden, doch viele Politiker versagen bei diesem Thema und fordern sogar einen Ausbau des Glücksspiels. In den Communities herrscht seltsame Ruhe.

Wer einmal einen Blick in die Migrantenviertel dieser Republik wirft, wird neben den vielen Dönerbuden und Gemüseläden seit einiger Zeit immer mehr bunt beleuchtete Wettstuben und Spielhallen vorfinden, die seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen.

Da wo bisher Leerstände die Flucht des Handels aus diesen Stadtteilen traurig dokumentierten, finden sich mittlerweile ganz neue Mieter mit so fantasievollen Namen wie „Little Las Vegas“ oder „Bet 2000“ wieder, die Abend für Abend hunderte, vorwiegend türkisch-, kurdisch-, und arabischstämmige Männer im jungen und mittleren Alter in ihren Bann ziehen.

Kein Wunder, die Zeiten, in denen man in grau-hässlichen Räumlichkeiten seine Tippscheine einreichen konnte, sind längst vorbei. Heute ist ein Wettbüro neben Zockereiverwaltung gleichzeitig türkisches Café und Freizeitzentrum mit riesigen Flachbildschirmen und gratis Pay-TV in einem, wo man seine Wettscheinchen gleich noch live im TV vergleichen kann. Nicht selten hängen auch Jugendliche in diesen Läden ab, kontrolliert wird hier selten.

Ein verlockender Gedanke: wenig Einsatz am Anfang, viel Kohle am Ende
Die Betreiber solcher Wettstuben locken mit Gewinnen im sechsstelligen Bereich, wenn man schon wenige Euro einsetzt. Leider bleibt es bei einigen Hobbyzockern nicht bei den wenigen Euro an Einsatz, sie setzen mehr ein. Zu verlockend ist der Gedanke, mit wenig Geld ganz viel Geld zu machen, besonders wenn Bares zuhause knapp ist, weil man gerade arbeitslos ist oder weil hohe Schulden die persönliche Situation verschärfen.

Erdal (Name geändert) ist mittleren Alters und hat eine fünfköpfige Familie zu versorgen, ist seit einigen Jahren arbeitssuchend und lebt von dem, was Hartz IV und Kindergeld zusammenbringen. Seit vielen Jahren besucht er regelmäßig das „Megawett-Center“ in der Ahlener Innenstadt, in dem locker 100 Leute Platz haben.

„Was soll ich auch sonst machen?“ antwortet er mir, als ich ihn darauf anspreche. „Für mich ist das hier wie Geld verdienen. Einmal hatte ich 1.000 Euro gewonnen, mit gerade mal 2 Euro Einsatz. Das war richtig toll“, schwärmt mir Erdal vor. Auf meine Frage, ob seine Familie etwas von dem Geld hatte, gibt er mir nur zögerlich Auskunft.

Erdal „investiert“ in Tippscheine und sitzt bald im Dunkeln
Hinterher erfahre ich, dass er diese 1.000 Euro zum Teil in weitere Wetten „investiert“ bzw. die Spielautomaten in der benachbarten Spielhalle sinnlos gefüttert hat. Nebenbei bekomme ich noch mit, dass wohl demnächst zuhause der Strom abgestellt wird, wenn nicht bis kommende Woche die Rechnung bezahlt wird.

Solche Fälle wie Erdal gibt es viele. Innerhalb der türkischen Community redet man nicht gerne über diese Problematik, denn sie berührt ein lange tabuisiertes Thema, die krankhafte Spielsucht unter Migranten. Verniedlichend wird gerade unter den jungen Leuten von einem „Hobby“ gesprochen, dem man genauso nachgeht, wie das Fußballspielen in der Kreisliga, in der Hoffnung vielleicht bald das „schnelle Geld“ zu machen.

Interessanterweise scheint gerade in einer muslimisch geprägten Gesellschaft das Thema „Spielsucht“ ein ernsthaftes Problem darzustellen. Suchtexperten schätzen den Anteil von Migranten an der Gesamtzahl von c.a. 500 000 der akut gefährdeten Personen bzw. süchtigen Personen in Deutschland auf etwa 40 Prozent – ein hoher Wert.

Das Thema scheint aber weder bei den zahlreichen Migrantenselbstorganisationen, noch bei der Politik eine prominente Rolle zu spielen.

Gesundheitsministerium lobt die Arbeit der Suchtberatungsstellen
Auf meine Anfrage an das NRW-Gesundheitsministerium, wie man denn auf die zunehmende soziale Verelendung ganzer Stadtviertel durch Spielhallen und Wettbüros im Rahmen der Suchtpolitik reagiere, kam lediglich ein Verweis auf die Arbeit der Suchberatungsstellen wie die „Landesfachstelle Glücksspielsucht“ und die Beratungsstellen der Kirchen, die ja alle hervorragende Arbeit machen würden.

Gewiss, dass diese Stellen hervorragende Arbeit leisten, mag stimmen, ob sie mit ihren Angeboten an die Migrantencommunities herankommen, ist aber eine andere Frage. Viele Betroffene, die sich selbst auch nicht als „süchtig“ sehen, dürften von der Existenz dieser Stellen nicht einmal ahnen. Das wäre etwas anderes, wenn die örtlichen Migrantenselbstorganisationen und Vereine (auch Moscheegemeinden und Sportvereine) da mit der lokalen Suchtberatung zusammenarbeiten würden, gerade zum Zwecke der Aufklärung.

Die Politik übrigens darf sich nicht nur darauf verlassen, dass die Suchtberatung vor Ort so toll funktioniert, denn der Gang zur Beratungsstelle erfolgt meistens, wenn es schon (fast) zu spät ist. Gerade Gesundheitspolitiker müssten ein gesteigertes Interesse daran haben, dass sich dieser Umstand schleunigst ändert. Leider ist davon öffentlich wenig zu vernehmen.

Glücksspiel-Lobby leistet ganze Arbeit in den Parlamenten
Im Gegensatz dazu meldet sich die Glücksspiel-Lobby lautstark zu Wort. Während der Staat durch die Veranstaltung von Lottospielen und auch Sportwetten für sich ein Monopol beansprucht, fühlen sich private Anbieter dadurch massiv benachteiligt.

Der Grund: Während der Staat am Glücksspiel selbst verdient und diese Gelder z.B. auch in Jugend- und Sportförderung rein steckt, landen die Einnahmen der Privaten bei den Betreibern selbst. Oftmals auch ohne einen Cent Steuern zu zahlen, weil die Firmen ihren Hauptsitz auf so idyllischen Fleckchen wie „Isle of Man“ oder „Jersey“ haben, wo Steuern allerhöchstens im Fremdwörterlexikon auftauchen.

Derzeit laufen mehrere Gerichtsverhandlungen auf Landes- und europäischer Ebene, in denen staatliche Stellen die unliebsame private Konkurrenz deshalb ganz verbieten möchten. Auch weil angeblich zu wenig auf die Gefahren der Spielsucht hingewiesen wird.

Die Fans der totalen Liberalisierung des Glücksspiels in Deutschland fordern dagegen eine völlige Freigabe von Sportwetten und Co. Vorreiter darin ist die schwarz-gelbe Landesregierung in Schleswig-Holstein, die mit ihrem jüngsten Gesetzesentwurf zur völligen Liberalisierung von Glücksspielen aus dem platten Land zwischen den Meeren eine Art „nordisches Las Vegas“ machen möchte.

Nur zu blöd, dass jüngst herauskam, dass sich führende Politiker der Kieler Regierungsparteien von der Glücksspiellobby zu einer „Fachkonferenz“ auf der Promi-Insel Sylt, zu „wichtigen Gesprächen“ einladen ließen. Bananenrepublik lässt grüßen.

Derzeit streiten die anderen Bundesländer noch darum, wie man künftig mit dem Glücksspiel umgehen soll. Dabei gibt es Überlegungen, in Deutschland spezielle Lizenzen für Sportwettenanbieter zu vergeben. Auch in NRW steht die Diskussion um die gesetzliche Ordnung des Glücksspiels und der Sportwetten auf der Agenda. Ende offen.

Suchtpolitische Forderungen finden kaum Gehör
Suchtpolitische Forderungen gehen in dieser Diskussion leider unter, das Thema „Migranten und Sucht“ taucht hier überhaupt nicht auf. Immerhin kommt noch der klassische Hartz IV-Empfänger in der Debatte vor, denn der soll nach einem Urteil des Kölner Landgerichtes in der staatlichen Lottoannahmestelle nicht mehr seine „Stütze verzocken“ dürfen.

Der Kläger war übrigens nicht die örtliche Suchtberatungsstelle, sondern die private Wettbüro-Konkurrenz aus Malta, die neuerdings ihre besondere Fürsorge für den Hartz IV-Empfänger von nebenan entdeckt hat. Wie die Lottoannahmestelle künftig Hartz IV-Empfänger ausfindig machen soll, bleibt allerdings ein Geheimnis.

Tolgas Traum: eigene Wettbude, eigener Mercedes, eigenes Top-Model
Derweil treffe ich Tolga (Name geändert), einen ehemaligen Schüler von der Nachhilfe, der vor einiger Zeit seinen Realschulabschluss nachgemacht hat. Wir tauschen die üblichen Begrüßungen aus, aber er hat es sehr eilig, denn der 20-jährige muss mit seinem geleasten Mercedes Cabrio schnell zu seiner neuen Wirkungsstätte, dem neu eröffneten Wettbüro an der Straßenecke, welches er selbst betreibt – die Tageseinnahmen abholen.

Er flucht noch kurz über die Stadtverwaltung, die jetzt 5 Prozent der Gewinneinnahmen von allen Wettbuden im Stadtgebiet haben möchte, nachdem sie diese nicht schließen konnte. „Fehlt mir nur noch das passende Top-Model zum Top-Wagen!“ scherzt Tolga noch beim Losfahren.

Die neidischen Blicke der jungen Männer auf der anderen Straßenseite sprechen Bände, aber sie gehen auch schnell weiter. Ins Café auf der anderen Straßenseite, um dort die neueste Innovation auf dem lokalen Glücksspielmarkt zu testen: die Ramadan-Tombola (!), eine Art Bingospiel mit attraktiven Bargeldpreisen, welches im Ramadan täglich bis in die frühen Morgenstunden gehen soll. Auch Erdal wird dort sitzen, denn vorgestern soll ein gewisser Memo (Name geändert) mit viel Barem in der Tasche glücklich nach Hause gegangen sein. Es hieß, dass ihm eigentlich heute der Strom hätte abgestellt werden sollen.

Ich bin mir ziemlich sicher: Ich lebe in einem organisierten Irrenhaus!