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Berlin

Kulturelle Einfalt in Bibliotheken

Das Thema „Interkulturelle Bibliotheksarbeit“ rückt immer mehr in den Vordergrund. Dadurch geraten auch immer mehr öffentliche Bibliotheken unter Druck, in diese Richtung etwas zu unternehmen – stecken aber noch tief in den Kinderschuhen.

Seit Sibel Ulucan 2008 ihr Buch „Interkulturelle Bibliotheksarbeit in öffentlichen Bibliotheken / Plädoyer für einen Mentalitätswandel am Beispiel Berlins“ veröffentlichte, hat sich in der Berliner Bibliothekslandschaft nicht viel verändert.

Sie hält in ihrer Arbeit fest, dass inzwischen jeder fünfte Berliner nichtdeutscher Herkunft ist. Obwohl die Mehrheit sich auf einen dauerhaften Aufenthalt eingerichtet hat, sieht ihre Bildungs-, Ausbildungs- und Beschäftigungssituation erheblich schlechter aus als die der einheimischen Bevölkerung. Eine Ursache sei, wie die Einheimischen unermüdlich betonen, ihre schlechten Deutschkenntnisse.

Dass aber gute Deutschkenntnisse allein diese Probleme nicht lösen können, machte die ehemalige Familienministerin, Rita Süssmuth (SPD), in ihrem Vortrag auf dem 13. Deutschen Volkshochschultag im Mai 2011 deutlich: Menschen mit Migrationshintergrund können in der Bundesrepublik aufgrund ihres rechtlichen Status, ihrer ökonomischen Verhältnisse und mangelnder Integrationsförderung kulturell und gesellschaftspolitisch nur bedingt partizipieren.

Von der offiziellen staatlichen Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte in den 50er/6oer Jahren profitierte Berlin. Der überproportional steigende Anteil der nichtdeutschen Bevölkerung in einigen Berliner Innenstadtteilen variiert zwischen 22,6 Prozent in Friedrichshain-Kreuzberg und 29,7 Prozent in Tiergarten, 31,6 Prozent in Kreuzberg sowie 33,7 Prozent in Wedding (Stand: 2005).

Die Bezirke Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln haben ca. 50 Prozent Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache, in einigen Grund- und Hauptschulen ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund inzwischen höher als 70 Prozent.

In dem alten West-Berliner Bezirk Kreuzberg, wo die meisten türkischen Mitbürger wohnten, zogen Verwaltung und Bibliotheksleitung aus der Veränderung des Umfeldes vergleichsweise früh den Schluss, dass die Bibliothek nicht nur die Aufgabe habe, einen Buch- und Medienbestand in türkischer Sprache aufzubauen, sondern dass es zu dessen Vermittlung auch unerlässlich sei, Menschen mit Migrationshintergrund unter den Bibliotheksbeschäftigten zu haben.

So wurden 1973/1974 zwei türkische Mitarbeiter eingestellt, ein Kollege und eine Kollegin. Sie verfügten über keine Bibliothekar- oder Assistentenausbildung, aber wegen ihrer Vorbildung und ihrer Mehrsprachigkeit hielt man sie für zu Recht befähigt, sich die notwendigen Fachkenntnisse durch Weiterbildung anzueignen.

1974 wurde die Namik-Kemal-Bibliothek eröffnet – eine Zweigstelle nur für die türkischen Mitbürger/innen in der Mitte ihrer Wohnquartiere. Diese wurde in den folgenden 25 Jahren zu einer vielbesuchten und –geliebten Heimstatt für zahlreiche Migranten und ihre Kinder.

Die wachsende Finanznot und die Neustrukturierung der Bezirke durch die Verwaltungsreform führten im September 2000 zur Schließung der Bibliothek. Der Restbestand wurde – nach drastischen Aussonderungen – in der Wilhelm-Liebknecht-Bibliothek am Kottbusser Tor aufgestellt. Heute gibt es dort eine Regalecke für die türkische Belletristik, die türkische Sachliteratur muss man jeweils auf den unteren Regalen der sonstigen Sachliteratur suchen. Fest angestellte türkische Mitarbeiter gibt es im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg seit Jahren nicht mehr. Ein türkischer Azubi absolvierte zwar mit Erfolg seine Ausbildung in der Bibliothek am Kottbusser Tor, wurde aber nicht auf eine feste Stelle übernommen – die Haushaltslage erlaubte es nicht.

Die Zentral- und Landesbibliothek ist die einzige öffentliche Bibliothek in Berlin, die seit den 70er Jahren einen türkischsprachigen Bibliothekar beschäftigt, der im Laufe der Jahre einen umfangreicheren und differenzierteren türkischen Medienbestand (ca. 13 000 Bände) aufgebaut hat.

Auch ohne türkische Bibliothekare fingen die Stadtbibliotheken Neukölln, Schöneberg und Wedding seit den 70er Jahren mit dem Kauf türkischer Medien an, deren Pflege, Ausbau und Aktualität aber heute sehr zu wünschen übrig lässt. Einzige Ausnahme: die Bibliothek am Luisenbad im Stadtteil Wedding, wo eine dezidiert für diese Aufgabe engagierte Kollegin mit einer etwas großzügigeren Mittelzuweisung und in Zusammenarbeit mit einem Bibliotheksangestellten türkischer Herkunft für einen relativ aktuellen Bestandsaufbau von türkischen Medien sorgt.

Zusammenfassend macht Ulucan in ihrem Buch auf folgende gravierende Defizite in der interkulturellen Bibliotheksarbeit in Berlin aufmerksam:

Im Leitbild für die öffentlichen Bibliotheken in den Bezirken vom April 2004 wird erklärt, dass die Berliner Bibliotheken offen seien für alle „ungeachtet ihres sozialen, gesundheitlichen, materiellen, religiösen und ethnischen Status“, und dass sie die Integration durch Sprachförderungsangebote unterstützen würden. (Ulucan, S.31)

Von einer Offenheit kann aber heute noch nicht die Rede sein, solange es nicht selbstverständlich ist, die Herkunftssprache und –kultur der Migranten zu respektieren, zu achten und deshalb auch zu fördern.

Für mehr Chancengleichheit soll aber nun das „Berliner Partizipations- und Integrationsgesetz“ sorgen, das seit dem Januar 2011 in Kraft ist und das in Paragraf 4 folgende Prinzipien festlegt:

  1. Alle Einrichtungen sollen im eigenen Zuständigkeitsbereich für die gleichberechtigte Teilhabe und interkulturelle Öffnung sorgen und Migranten angemessen einbeziehen.
  2. Die interkulturelle Kompetenz der Beschäftigten soll in Zukunft bei Einstellungen und bei Beurteilungen berücksichtigt werden.
  3. Der Senat hat das Ziel, den Anteil der Beschäftigten mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung zu erhöhen.

Das ist eine ganz wichtige Aussage, deren schrittweise Realisierung für alle ein Gradmesser sein wird, wie ernst es Senat, Verwaltung und Politik mit ihrem Bekenntnis zu Integration und Partizipation meinen!

Die Zukunft wird zeigen, mit welchem Nachdruck sich die Verwaltung und Behörden dafür einsetzen, dass diese Vorgaben Wirklichkeit werden. Wenn es mit der Partizipation weiterhin so hapert wie bisher, dann werden junge Menschen aus anderen Kulturen, die eine gute Ausbildung in Deutschland genossen haben, auch künftig in ihre Heimat zurückkehren oder in andere Länder auswandern.

In einer Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung wurden die Motive für den Exodus aus der Bundesrepublik erhoben. Als Hauptmotiv gaben die jungen Menschen an, dass sie sich in Deutschland nicht beheimatet fühlen! (Der wissenschaftliche Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung, Prof. Uslucan, 13. Deutscher Volkshochschultag Mai 2011)

Um dem entgegenzuwirken, ist der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der Berliner Verwaltung und damit auch in den Bibliotheken zu erhöhen. Eine Möglichkeit, das zu erreichen ist die Festlegung einer Quote, wie es jetzt auch die SPD bei der Besetzung ihrer Gremien für unerlässlich hält:

Auch in den Berliner öffentlichen Bibliotheken sollte der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund unter den Beschäftigten ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend sein! Nur so wird es möglich sein, Bibliotheksbestände zu schaffen und zu pflegen, die notwendig sind, um den Ansprüchen der Migranten und deren Kinder zu genügen. Nur so würde der Weg für eine tatsächliche Partizipation und Integration geöffnet werden. Diese Öffnung würde zudem zur interkulturellen Kompetenz der Bibliotheksmitarbeiter beitragen und endlich auch die von der UNESCO geforderte kulturelle Vielfalt in Bibliotheken herstellen.

Literatur:
1) Partizipations- und Integrationsgesetz hier und hier.

2) Volkshochschultag

3) Sibel Ulucan: Interkulturelle Bibliotheksarbeit in öffentlichen Bibliotheken / Plädoyer für einen Mentalitätswandel am Beispiel Berlins. Berlin 2008

4) Leitbild für die Berliner öffentlichen Bibliotheken in den Bezirken. Endfassung vom 22.04.2004. Hg. Senatsverwaltung für Wirtschaft, Forschung und Kultur.

5) UNESCO