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TV-Tipps des Tages

14.09.2011 – Portugal, Moschee, Juden, Jerusalem, Hitler, Afgahnistan

TV-Tipps des Tages sind: Vasco da Gama – Portugals Aufbruch ins Unbekannte; Yourope: Jüdisches Leben in Europa; Stationen.Dokumentation: Unterwegs im Heiligen Land; Brown Babies: Deutschlands verlorene Kinder; Hitlers Menschenhändler: Juden als Austauschware; Der Sohn des Waffenmachers

Vasco da Gama – Portugals Aufbruch ins Unbekannte
3/4, Der Seeweg nach Indien – 1497 erhielt Vasco da Gama von seinem König den Auftrag, den lange gesuchten Seeweg nach Indien zu finden – und zwar auf der Route nach Osten, um die Südspitze Afrikas herum.

Ein gewisser Christoph Kolumbus meinte, diesen Weg im Auftrag des spanischen Königs bereits 1492 gefunden zu haben – allerdings auf der Route nach Westen. Heute wissen wir, dass Kolumbus den damals noch unbekannten Kontinent Amerika entdeckt hatte.

Mit vier großen und neu entwickelten Schiffen und 160 Mann machte sich da Gama auf die Suche. Einer seiner Soldaten, ein gewisser Alvaro Velho, schrieb das Tagebuch dieser Expedition. Es blieb die einzige schriftliche Überlieferung der abenteuerlichen Reise. Die „Reiseroute zu den Gewürzländern“ sei unter Benutzung des Seeweges beträchtlich kürzer als die von Marco Polo über Land gefundene, meinte man damals – und das rechtfertigte jedes Abenteuer und viel Geld.

Bereits Weihnachten 1497 war Vasco da Gama an der Ostküste Südafrikas an Land gegangen. Er nannte es „Natal“ – das portugiesische Wort für dieses Fest. Fünf Monate und rund 2.000 Seemeilen später ging die Flotte dann wenige Meilen nördlich der Stadt Calicut vor Anker. Der Seeweg nach Indien war gefunden. Als Vasco nach zwei Jahren Reise wieder in Lissabon eintraf, waren von den einst 160 Männern an Bord der Schiffe nur noch 55 übrig geblieben. 15:15-16:00 • NDR Hamburg, NDR Mecklenburg-Vorpommern, NDR Niedersachsen, NDR Schleswig-Holstein

Yourope
Jüdisches Leben in Europa – Moderation: Andreas Korn

„Bewusste Juden müssen sich darüber klarwerden, dass sie hier keine Zukunft haben“, das sagte im Dezember 2010 der niederländische Politiker und ehemalige EU-Kommissar Frits Bolkestein.

Ein kritischer Reflex auf den in den Niederlanden neuerdings verstärkt feststellbaren Antisemitismus aggressiver Muslime. Dieser muslimische Antisemitismus verbreitet sich auch immer mehr in den skandinavischen Ländern, am stärksten in der schwedischen Stadt Malmö. Was sind die Ursachen und wie reagiert die jüdische Gemeinde in Europa? Umfragen in Europa zeigen, dass antijüdische Denkweisen nach wie vor besonders unter den Rechtsradikalen weit verbreitet sind.

Aus Ungarn, das bisher von erstarkendem Antisemitismus geprägt war, gibt es gegenwärtig Hinweise ungarischer Rabbiner auf einen rückläufigen Antisemitismus. Aber kann man hier bereits von einem beginnenden Umschwung reden? Erfreulich ist, dass es auch positive Entwicklungen für die Juden in Europa gibt: In Berlin entwickelt sich neues jüdisches Leben, es gibt Rückkehrer aus Israel und die erste weibliche Rabbinerin. Und auch in Osteuropa gibt es Tendenzen neuen jüdischen Lebens, zum Beispiel in Odessa/Ukraine, wo die seit 2002 bestehende jüdische Universität steigende Studentenzahlen verzeichnet. 16:30-17:00 • arte

Stationen.Dokumentation
Unterwegs im Heiligen Land – Eine biblische Reise mit Johannes Friedrich

Landesbischof Johannes Friedrich hat sechs Jahre als Propst in Jerusalem gearbeitet und ist Nah-Ost-Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland.

In diesem Film führt er an die biblischen Stätten, erläutert das Leben von Jesus und spricht über seine Glaubenserfahrungen.

Seit Tausenden von Jahren kommen Pilger aus aller Welt in das Heilige Land. Auf den Spuren von Jesus besuchen sie die Stätten, von denen die Geschichten der Bibel erzählen. Ein guter Kenner dieser biblischen Orte ist Bayerns Landesbischof Johannes Friedrich, der viele Jahre in Israel gelebt hat. „Wenn ich am See Genezareth die Berichte der Evangelisten lese, verstehe ich das Neue Testament viel besser“, sagt der Theologe aus München.

Wie die Menschen zurzeit Jesu gelebt und gearbeitet haben, ist anschaulich in einem wieder aufgebauten Dorf in der Stadt Nazareth zu sehen. Hier hat Jesus als Kind und junger Mann gelebt. Die meisten der Wunder, von denen die Bibel berichtet, haben sich in Galiläa und am See Genezareth ereignet. Hier besucht Johannes Friedrich die Brotvermehrungskirche in Tabgha und den Berg der Seligpreisungen, der als Ort der Bergpredigt gilt. In der antiken Synagoge von Kapernaum predigte Jesus und heilte Kranke in den Gassen der Stadt. „Hier habe ich immer das Gefühl, Jesus ist gerade hier gewesen und vor mir um die Ecke des Hauses gegangen“, sagt Friedrich.

Der Film von Klaus Wölfle beginnt in Jerusalem. Hier leitete Johannes Friedrich von 1985 bis 1991 die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache. Während der Dreharbeiten wurde ihm hier eine besondere Ehre zuteil: als Nicht-Muslim durfte Johannes Friedrich den Tempelberg und den Felsendom besuchen. In dem majestätisch über Jerusalem thronenden Felsendom mit seiner goldenen Kuppel verehren Muslime den heiligen Felsen, der als Stätte des Abrahamopfers gilt. 19:00-19:45 • BR

Brown Babies
Deutschlands verlorene Kinder – „Negermischling“, „Halbblut“ und „Bastard“ werden die farbigen Besatzungskinder in den 40er und 50er Jahren genannt. Diese „Brown Babies“ sind alles andere als Wunschkinder.

Im Nachkriegsdeutschland hallt noch der Rassenhass nach, und die Gesellschaft akzeptiert keine sogenannten „Mischlingskinder“. In der noch jungen Bundesrepublik debattiert selbst der Bundestag das sogenannte „rassische Problem“. Zeitweise gibt es sogar Pläne, die Kinder nach Afrika zu schicken.

Von 1951 an fordern zahlreiche private und staatliche Initiativen die Mütter der farbigen Besatzungskinder auf, ihre Kinder zur Auslandsadoption freizugeben. Viele der Frauen halten dem Druck und der gesellschaftlichen Ächtung nicht stand. Ein Teil der afro-deutschen Kinder wird tatsächlich zu afro-amerikanischen Adoptiveltern in die USA abgeschoben. Sie kommen in ein Land, in dem noch bis in die späten 60er Jahre weitgehend Rassentrennung herrscht und Schwarze als Menschen zweiter Klasse gelten.

Peggy Blow ist ein Jahr alt, als sie von einer afro-amerikanischen Familie adoptiert wird. Ihre Adoptiveltern verschweigen ihr jahrzehntelang, dass sie eigentlich ein deutsches Besatzungskind ist. Jetzt macht sich die Schauspielerin auf die Suche nach ihrer deutschen Familie, bevor es zu spät ist. Der Dokumentarfilm begleitet sie auf ihrer ersten Reise nach Deutschland. An ihrer Seite ist Ahnenforscherin Henriette Cain. Auch sie ist ein farbiges Besatzungskind, die ihre deutsche Familie schon gefunden hat. Gemeinsam begegnen sie weiteren „Brown Babies“, die sie an ihren Lebensgeschichten teilhaben lassen. 20:15-21:05 • arte

Hitlers Menschenhändler
Juden als Austauschware – Die Nationalsozialisten vernichteten sechs Millionen jüdische Menschenleben, doch es gab Tausende, die diesem Schicksal entgingen, weil die SS sie als wertvolle Handelsware betrachtete. Diese Menschen waren „Austauschjuden“.

Der Chef der Polizei und Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, ließ von 1943 an europaweit in Ghettos und Konzentrationslagern nach jüdischen Gefangenen fahnden, die eine ausländische Staatsangehörigkeit oder eine Einreisegenehmigung für Palästina besaßen, ausländische Verwandte hatten oder über sonstige Verbindungen ins Ausland verfügten. Für die Freilassung dieser Gefangenen würden die Alliierten bereit sein, große Gegenleistungen zu erbringen, so Himmlers Kalkül.

Der SS-Chef wollte – mit ausdrücklicher Genehmigung Hitlers – Juden gegen sogenannte „Reichsdeutsche“ im Ausland, gegen Waffenlieferungen oder gegen Bargeld eintauschen. Akribisch wurde im Auswärtigen Amt in Berlin registriert, wer als lebende Ware für dieses teuflische Geschäft infrage kam, welche Menschen, wie es in einem Vermerk aus dem Jahre 1943 hieß, „günstig zu verwerten“ waren.

Der Dokumentarfilm von Thomas Ammann, Stefan Aust und Caroline Schmidt erzählt die Geschichte jener Menschen, die nur deshalb überlebten, weil sie für die Nazis lebend nützlicher waren als tot. Sie alle waren in das Konzentrationslager Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide verschleppt worden, das im mörderischen KZ-System der Nazis eine besondere Funktion hatte. Es diente als Auffanglager für die Austauschkandidaten.

Nach Bergen-Belsen kam auch eine Gruppe von rund 2.000 ungarischen Juden, die Adolf Eichmann persönlich vor den Gaskammern bewahrt hatte. Der Cheforganisator der Shoah schützte sie, weil sie insgesamt zwei Millionen US-Dollar Lösegeld gezahlt hatten. Doch gegen Kriegsende verlor die menschliche „Ware“ zunehmend ihren Wert für die Nazis. Und so begann für alle jüdischen Austauschhäftlinge ein mörderischer Wettlauf um Leben und Tod. 21:05-22:00 • arte

Der Sohn des Waffenmachers
Spielfilm – Der elfjährige Niaz lebt mit seinem Vater in einem pakistanischen Dorf nahe der afghanischen Grenze. Die meisten Menschen des Ortes verdienen ihr Geld mit der Waffenproduktion: Die Herstellung von Pistolen und Gewehren ist ihr täglich Brot. Doch entgegen der Familientradition will Niaz nicht als Waffenbauer das Geschäft seines Vaters übernehmen. Er möchte lieber zur Schule gehen, lesen und schreiben lernen und etwas anderes aus seinem Leben machen. Bei seinem strengen Vater stößt er mit diesen Plänen jedoch auf taube Ohren.

In seinem hochgelobten Dokudrama „Der Sohn des Waffenmachers“ zeichnet der australische Regisseur Benjamin Gilmour ein authentisches Bild vom Volksstamm der Paschtunen, das über die medial vermittelten Klischees hinausgeht.

In Darra Adam Khel, einem Provinznest im nordwestlichen Grenzgebiet von Pakistan, lebt ein elfjähriger Paschtunenjunge namens Niaz (Niaz Khan Shinwari), dessen verwitweter Vater (Sher Alam Miskeen Ustad) als Waffenbauer sein Geld verdient. In dem Dorf ist er nicht der Einzige: Fast die gesamte Bevölkerung des Örtchens lebt von diesem Broterwerb. In Manufakturen stellen Familien alle möglichen Arten von Pistolen und Gewehren her. Probeschüsse von Käufern gehören hier zum alltäglichen Hintergrundgeräusch. Der kleine Niaz soll eines Tages das Geschäft seines Vaters übernehmen, so wie dieser es bereits von seinen Vorvätern übernommen hat. Doch der aufgeweckte Junge hat andere Pläne. Durch die Bekanntschaft mit einem Schriftsteller kommt er mit einem Gut in Berührung, das ihm bis dahin unbekannt war: Bildung. Zusätzlich angeregt durch Briefe seiner Cousine Anousha (Anousha Vasif Shinwari), will Niaz es dieser gleichtun und in Peschawar zur Schule gehen. Für den Vater, einen einfachen Mann ohne jede Bildung, kommt dieser Bruch mit der Familientradition nicht in Frage. Auch von seiner nicht minder konservativen Großmutter (Fazal Bibi) kann Niaz keine Hilfe erwarten. In seiner Not bittet er seinen vergleichsweise progressiven Onkel (Baktiyar Ahmed Afridi) um Unterstützung. Aber auch dieser kann den fundamentalistischen Vater nicht überzeugen. Schließlich läuft der Junge davon.

Das preisgekrönte Dokudrama „Der Sohn des Waffenmachers“ gehört zu den außergewöhnlichen Filmen, die sich mit dem Leben in der muslimischen Welt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 beschäftigen. Regisseur Benjamin Gilmour, der Pakistan zunächst durch seinen Beruf als Rettungssanitäter kennengelernt hatte, drehte ausschließlich mit Laiendarstellern an Originalschauplätzen im Grenzgebiet von Pakistan und Afghanistan. Mit der Produktion ging man nicht nur ein künstlerisches Risiko ein: Die Region, eine Hochburg der Paschtunen, ist für Ausländer sehr gefährlich. Und das Provinznest Darra Adam Khel lebt tatsächlich von der Waffenfertigung. In der fiktiven Geschichte des kleinen Niaz lässt Gilmour fortschrittliche Positionen auf konservatives Gedankengut treffen, ohne dabei den fundamentalistischen Vater des wissbegierigen Jungen zu verteufeln. Daneben gelingt dem Filmemacher ein faszinierendes, semidokumentarisches Porträt des von Stammesbräuchen und Traditionen geprägten Lebens. „Der Sohn des Waffenmachers“ verleugnet nicht das tiefe Misstrauen, das viele Menschen dieser Region gegen den Westen hegen. Der Film ermöglicht es aber, ihr Leben und ihre Traditionen mit anderen Augen zu sehen. 00:50-02:20 • Das Erste (ARD)