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Eine religionspädagogische Perspektive auf den Islamunterricht

Im nächsten Jahr soll in NRW Islamunterricht (IRU) als bekenntnisorientierter Unterricht starten. Seit Jahren gibt es dort einen religionskundlichen Unterricht für Muslime. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass nun die Muslime selbst entscheiden, welche religiösen Inhalte in ihrem Unterricht gelehrt werden.

Um die Inhalte des IRU zu gestalten, benötigt der bekenntnisneutrale Staat einen Ansprechpartner aus der muslimischen Gemeinschaft. Da der Islam keine Kirchenstruktur kennt, ist der Staat auf eine Zusammenarbeit mit den großen muslimischen Verbänden angewiesen. Auch, um eine größtmögliche Akzeptanz der Religionsunterrichts bei muslimischen Familien zu erreichen.

Geplant ist nun ein achtköpfiger Beirat, in dem die größten Verbände der Muslime – VIKZ, DITIB, Zentralrat und Islamrat, die sich im Koordinationsrat der Muslime (KRM) zusammenschlossen haben – gemeinsam mit Einzelpersonen über die Inhalte im Religionsunterricht abstimmen und entscheiden sollen.

Diese Tatsache sorgte für Widerstand aus den Reihen des Liberal-Islamischen Bundes (LIB) und des Vereins Demokratisch-Europäischer Muslime (VDEM). Beide Verbände sehen sich als Vertreter eines Islambildes, welches „eigene praktische, theologische und philosophische Vorstellungen vertritt, die sich von denen der KRM-Verbände unterscheiden“. So drückten sie sich in einem offenen Brief an die Landesregierung aus, in dem sie die Ministerpräsidentin des Landes NRW, die Mitglieder der Landesregierung und des Landtages aufforderten, sie an der Erstellung der Lehrinhalte zu beteiligen. Juristisch gesehen ist diese Forderung problematisch, da beide Verbände weder Moscheegemeinden vertreten noch beachtliche Mitgliederzahlen aufweisen. Der LIB zählt nach jüngsten eigenen Angaben 100 Mitglieder. Im Vergleich dazu vertritt der KRM nach eigenen Angaben etwa 280.000 Mitglieder.

Im Kern des offenen Briefs steht ein Misstrauen gegenüber den großen Verbänden, die aus Sicht des LIB und VDEM für einen rückwärtsgewandten, keinesfalls demokratisch-säkularen oder „liberalen“ Islam stehen. Daher warnen sie vor der Gefahr des Einflusses des KRM auf die Curricula des Religionsunterrichts.

Auch in den Medien meldete sich die Vorsitzende des LIB zu Wort und warnte eindringlich vor den „jungen Konservativen“, die, so der Ton, eher für das Alte seien als für das Neue, sich sperrten gegenüber Veränderung und Reflexion und deren Religionsverständnis geprägt sei von den Traditionen ihrer Herkunftsländer, nicht aber von theologischem Grundwissen über ihre Religion.

Der Religionsunterricht unterliegt dem übergeordneten Bildungsauftrag der Schule, wie er in den jeweiligen Schulgesetzen des Landes festgehalten ist. So heißt es in NRW exemplarisch für andere Bundesländer unter §2: „Die Jugend soll erzogen werden im Geist der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen, in Liebe zur Friedensgesinnung.“

Spätestens hier wäre ein Konzept für einen katechetischen Religionsunterricht, der dogmatisch indoktrinierend agiert, sich an zementierten Normen, Haltungen und Einstellungen entlang hangelt, den Blick nur nach innen richtet und keinen Raum lässt für Fragen, Reflektieren und Dialog am Ende.

Es tut Not, einen sachlichen Blick zu werfen auf die Fragen: Wie gestaltet sich eigentlich der Religionsunterricht und wie positionieren sich die Verbände dazu?

Die vielfältigen Vorstellungen über die Inhalte von Islamischem Religionsunterricht – egal ob verbandsgebunden oder nicht – müssen eingebunden werden in die Realität eines Curriculums. Das muss, genauso wie für andere Fächer auch, pädagogischen und entwicklungspsychologischen Anforderungen und Erkenntnissen genügen. Und diese sind erst einmal nicht spezifisch islamisch.

Religionsunterricht macht nicht nur vertraut mit der Vielfalt an Formen und Ritualen des Glaubens und ermöglicht Erfahrungen gelebter Spiritualität. Er fordert auch die Befähigung zu religiöser Dialog- und Urteilsfähigkeit der Schüler – eine der wichtigsten und am meisten diskutierten Kompetenzen des Religionsunterrichts. Ethisches Lernen gehört damit genauso zur religiösen Bildung wie die Vermittlung elementarer Grundkenntnisse.

Auch im Nachbarland Niedersachsen soll im Schuljahr 2012/13 Islamunterricht als ordentliches Unterrichtsfach angeboten werden. Ansprechpartner sind ebenfalls die großen Verbände, namentlich Schura und DITIB, die sich nach mehreren Jahren des Modellversuchs auf einen gemeinsamen Beirat geeinigt haben.

Nun ist in Niedersachsen genau das passiert, wovor der LIB und der VDEM eindringlich warnen: Diese Verbände haben gemeinsam mit dem Kultusministerium die Inhalte für den Islamunterricht festgelegt.

Nach Jahren der Diskussion um religiöses Basiswissen, der Suche nach den Prioritäten, der Gespräche um didaktische Strukturen und religionspädagogische Methoden, haben Religionspädagogen, Theologen und Vertreter der beiden Verbände gemeinsam mit dem Kultusministerium ein Curriculum für die Grundschule entwickelt und abgestimmt. Dieses Curriculum ist nicht nur ein theoretisches Papier, sondern ein Scharnier zwischen der Religionsgemeinschaft (Schura und DITIB), den Lehrern, den muslimischen Eltern und dem Staat.

Es ist verbindlich für alle.

Und es zeigt auch, auf welches Verständnis von Religion und Religionspädagogik sich diese beiden Verbände einigen konnten: Der für sunnitische und schi’itische Kinder ausgerichtete Unterricht umfasst Fragen nach dem Woher und Wohin der Menschen, nach dem Koran, nach den Propheten, nach den religiösen Ritualen ebenso wie nach den Religionen anderer Menschen und nach der Verantwortung des Menschen in der Welt. Favorisiert wird für den Unterricht eine Didaktik des Fragens und Suchens, des Staunens und Entdeckens – vorgegebene Antworten oder einen tradierten Wertekanon sucht man vergeblich.

Kern sind dabei die Fragen und Lebenswelten der Schüler: Was will ich eigentlich? Was ist für mich und für andere gültig? Was darf oder muss ich tun? Was kann ich tun? Wo sind die Grenzen für mich und andere?

Schon in der Grundschule sollen die Schüler an den Koran als Arbeitsmittel herangeführt werden, kein Buch, dass man ehrfürchtig im Regal bestaunt, sondern eines, dass einlädt: Zum Lesen und Forschen, zum Nachdenken, Überdenken, Diskutieren.

Ein konkretes Beispiel: Es reicht nicht, Gott als Schöpfer der Welt zu begreifen und entsprechende Koranverse zu lesen. Aktives Verstehen schließt ein, sich der Frage zu stellen, wie Menschen mit dieser Schöpfung verantwortlich umgehen. Somit gehören Umweltschutz und ökologisches Handeln schon in der Grundschule als Bausteine in dieses Curriculum.

Dem Curriculum ist zu entnehmen, dass beide Verbände offensichtlich ein Interesse daran haben, muslimische Kinder zu bewusstem Denken und verantwortlichem Handeln als religiöse Individuen und als Mitglieder dieser Gesellschaft zu befähigen.

Dass sie damit auch den Nerv der Eltern getroffen haben, zeigen die Ergebnisse einer Evaluation des Islamunterrichts, die von Prof. Dr. Haci Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung, in den Jahren 2005-2008 durchgeführt wurde. 79 Prozent der befragten Eltern zeigten sich darin mit den Inhalten des Islamischen Religionsunterrichts zufrieden bis sehr zufrieden. Auch bei anderen Fragen konnte bei Schülern wie Eltern ein hoher Zufriedenheitswert festgestellt werden.

Die Unterrichtsinhalte sind weder traditionell-konservativ noch anti-demokratisch. Es ist ein gutes Curriculum für den Islamunterricht in Niedersachsen, sozusagen ein solider Mittelklassewagen – auch noch kein Ferrari, dazu ist es noch zu jung. Zukünftige Erfahrungen der Lehrer und Ergebnisse der islamischen Religionspädagogik werden es verbessern.

Vor diesem Hintergrund ist die Panik dieser beiden Verbände bezüglich der zu erwartenden Inhalte eines Islamunterrichts in NRW nur schwer zu verstehen. Nicht zuletzt stellt sich hier die Frage, um welche spezifischen theologischen und pädagogischen Vorstellungen sie den Islamischen Religionsunterricht ergänzt haben möchten, der dann auch im Einklang mit der Heterogenität der Muslime steht.

Denn die letzte Abstimmung über einen gelungenen Religionsunterricht erfolgt mit den Füßen. Es wäre fatal, wenn Muslime einen Islamunterricht hätten und ihn niemand besuchen würde.