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Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Critical und Incorrect

Mindestens 50 Jahre Migrationsdiskurs und kein Ende in Sicht – Teil 3/3

Von den Anfängen der 1960er Jahre bis heute – wie hat sich die mediale Berichterstattung und der Diskurs über Migration und Migranten in den vergangenen 50 Jahren gewandelt? Der dritte und letzte Teil einer Zeitreise von Sabine Schiffer.

VONSabine Schiffer

 Mindestens 50 Jahre Migrationsdiskurs und kein Ende in Sicht – Teil 3/3
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdar- stellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medien- verantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwort- ung von Produzenten- und Nutzerseite. In Ihrer MiGAZIN-Kolumne kom- mentiert sie Entwicklung- en der Medienlandschaft in Deutschland.

DATUM9. September 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Fortsetzung des 2. Teils

Wie aus Migranten Muslime wurden
Auch die Transformation des „Ausländers“ zum „Muslim“ hat weniger mit dessen Eigenschaften zu tun – denn Muslime waren die Menschen der gerne fokussierten Gruppe der Türken ja schon vorher. Es hat vielmehr mit den Bedürfnissen derer zu tun, die den Diskurs bestimmen. Neben der bereits geschilderten Entwicklung des Inlandsdiskurses, addierten sich zur Wahrnehmung der muslimischen Minderheit in Deutschland noch die Assoziationen, die durch die Auslandsberichterstattung der letzten 30 Jahre betont worden waren. Erst einige Jahre nach den Anschlägen in den USA von 2001, die im Kontext des Islams wahrgenommen werden, wurden vermehrt die Ängste vor Terror und Islamismus auf die hiesigen Muslime projiziert, wie dies u.a. Marina Liakova vom Zentrum für Türkeistudien herausarbeitet.

Der Spiegel und Focus Titelseiten

Der Spiegel und Focus Titelseiten

Sie bestätigt das Ergebnis auch meiner Arbeit, dass die Ereignisse des 11. Septembers 2001 lediglich die Mäßigung beseitigten, während zuvor bereits alle Themen und Themenverknüpfungen von Gewalt, Rückschritt und Unterdrückung da waren. Die damit verbundenen Ängste wurden in den letzten Jahren zunehmend auf die hiesigen Muslime übertragen. Dies geschah zumeist anlassbezogen. Anlässe konnten sowohl reale Anlässe wie der Mord an Theo van Gogh in den Niederlanden (s. Focus-Cover „Unheimliche Gäste“) oder Festnahmen von Terrorverdächtigen sein, oder auch irreale, wie die Absetzung einer Oper in Berlin (Idomeneo), für die es keinen konkreten Anlass gab. Die Zuweisungen diverser Missstände auf „den Islam“ nahm weitere Fahrt auf und gipfelt heute in so manchem islamophoben Internet-Blog, wo die Einwanderung von Muslimen als Teil eines Masterplans zur Islamisierung Europas gesehen wird. Die Eurabia-Verschwörungstheorie geht soweit, jeden Missstand irgendwie Muslimen oder deren „Helfershelfern“ in die Schuhe zu schieben. Hier zeigt sich, wie der relativ neue Kulturrassismus sich einfügt in die traditionelle Angst vor Überfremdung oder Konkurrenz. Diese Feststellung widerspricht den Behauptungen von Amnesty International, dass die Entwicklung eines antiislamischen Ressentiments an der Präsenz von Muslimen in Europa festzumachen sei. Der antimuslimische Rassismus kam unabhängig davon auf und erhielt zu anderen Zeiten Hochkonjunktur als die der vermehrten Ein- oder aktuell Auswanderung. Letzteres Faktum, einer vermehrten Abwanderung gerade gut ausgebildeter türkischstämmiger Muslime zeigt, wie der Rassismus davon unabhängig weiter zunimmt – inzwischen gar in physische Gewalttaten wie tätliche Angriffe und Brandanschläge auf Moscheen umschlägt.

Gerade Politik und Massenmedien liefern immer wieder legitimierende Argumente für diesen Rassismus, obwohl inzwischen auch eine (selbst-)kritische Debatte über Islamophobie begonnen hat. Aber die gleiche Konsequenz wie beim Bekämpfen des Antisemitismus lässt sich noch nicht feststellen: Wenn das Thema Judenhass ist, würde niemand Vernunftbegabtes fordern, doch die menschenverachtenden Lehren bestimmter orthodoxer Rabbiner kritisieren zu dürfen bzw. zu müssen. Dies ist nämlich anderen Kontexten vorbehalten. Bei Muslimen jedoch sei das stets geboten.

Und wie soll es weiter gehen?
Da vonseiten der Politik offensichtlich keine wirkmächtigen rassismuskritischen Impulse zu erwarten sind, wie auch der aktuell gültige Koalitionsvertrag ob einiger Leerstellen verrät, und die Medien sich mehrheitlich dem Lager der herrschenden Klasse zuzuschlagen scheinen, richten sich rassismuskritische Initiativen vor allem an die Zivilgesellschaft. Etwa die Kampagne „Zusammen handeln!“ als Teil der Initiative „Rechtspopulismus stoppen!“ aus Berlin oder eine vergleichbare Aktion aus Duisburg mit dem provokanten Titel „Eure Hetze kotzt uns an!“, die zur Initiative „Demokratie statt Integration“ gehört. In Großbritannien gibt es ein vergleichbares Bündnis, die sog. „Enough Coalition“, die verschiedenste NGOs, politische Parteien und religiöse Gruppen umfasst und ganz praktisch aufzeigt, dass man sich als Gesellschaft nicht spalten lassen, sondern gemeinsam Politik gestalten wolle. Allen gemeinsam liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Rassismus nicht nur markierte Minderheiten bedroht, sondern immer die Gesellschaft als Ganzes und somit unsere Demokratie.

Viele Aktive mögen gar nicht wissen, dass genau diese Erkenntnis auch 1982 schon ihren Ausdruck gefunden hatte und sie somit in einer guten Tradition stehen. Der Text der „Aktion für mehr Demokratie“ von Klaus Staeck steht ebenfalls in dem besagten Antwort-Buch auf das Heidelberger Manifest – und ist auch heute noch aktuell:

„Wenn wir Solidarität mit Ausländern fordern, dann meinen wir nicht

  • Gefühlsduselige Umarmung oder unkritische Verbrüderung, die Probleme und Schwierigkeiten mit Ausländern unter den Tisch kehren
    Sondern wir meinen
  • die Unterstützung berechtigter Forderungen ausländischer Mitbürger
  • Verständnis für Anpassungsschwierigkeiten
  • Verteidigung gegen jene, die Ausländer als Sündenböcke für alles und jedes missbrauchen wollen
  • Unterstützung aller Integrationsbemühungen

Wir wissen: Ausländerfeindlichkeit ist kein typisches deutsches Phänomen

Aber: Ausländerfeindlichkeit in der Schweiz, in Frankreich, Schweden, England oder wo auch immer macht Ausländerfeindlichkeit bei uns weder akzeptabel noch entschuldbar.

Wie wenden uns mit aller Schärfe gegen jeden Versuch, über eine in der Bevölkerung latent vorhandene Ausländerfeindlichkeit „aus Sorge vor der Unterwanderung des deutschen Volkes“ wieder eine extrem rechte Politik salonfähig zu machen!“

Das Konzept des Kulturrassismus wird vermutlich bald auf andere Andere forciert angewendet werden. Vielleicht werden wir Zeuge, wie aus „Muslimen“ bald „Chinesen“ werden. In den Medien zeichnet sich ein entsprechender Shift schon ab, hier illustriert am Beispiel der Wochenzeitung Die Zeit sowie eines Spiegel Special von 2006 – also schon zwei Jahre vor der Inszenierung von Tibet-Unruhen zu Zeiten der Olympischen Spiele in Peking. Das negative China-Bild in Deutschland ist jederzeit aktualisierbar und ausbaufähig und auf die Minderheit von dort hier bei uns projizierbar. Wir würden staunen, auf welche kulturellen Eigenheiten, die freilich jetzt auch schon alle da sind, dann unter dem Alarmsignal des Barbarismus verwiesen werden kann. Wenn es nicht gelingt, Rassismus und Feindbildkonstruktion zu entlarven, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, das Bild nach Ausdienen des einen einfach durch ein anderes zu ersetzen – zur Fortsetzung der polarisierenden Politik.

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2 Kommentare
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  1. James sagt:

    Ein wirklich guter Text.Doch sollten auch berechtigte Probleme und Sorgen erörtert werden.Feindseliges Verhalten ist nicht nur immer der Mehrheitsgesellschaft zuzuschreiben, sondern hat auch sehr oft mit realen Gegebenheiten zu tun…..



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