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Liberal-Konservativ-Plakativ: Muslime à la Carte

Die Reaktionen darauf reichten von erhitzten Blogger-Beiträgen bis hin zum publizistischen Einlauf in der „Islamischen Zeitung“ und der „FAZ“. Sie zeigten, dass gerade aus der muslimischen Community die wenigsten bereit sind, diese politische Denkschablone auf sich zu übertragen.

Als mich im letzten Jahr ein Journalist vom Deutschlandradio in einem Gespräch über „Politik und Religion“ zum Schluss mit dem Label „liberaler Muslim“ bekleben wollte, bat ich ihn höflich in aller Bescheidenheit mich lediglich als „Muslim“ zu sehen. Der Journalist war etwas irritiert, hatte ich zuvor als aktiver Grüner mit ihm noch über das Verhältnis von säkularem Staat und Religion geplaudert, über Nachhaltigkeit, Atomausstieg und Menschenrechte.

Ich erklärte ihm einfach, dass ich in meinen Glauben nicht durch politische Kampfbegriffe wie „liberal“ oder „konservativ“ bewertet haben möchte, unter denen nicht selten die Wertungen „gut“ und „böse“ verstanden werden, aber oft auch „nicht praktizierend“ und „praktizierend“.

Aber wie sieht denn die Wahrnehmung von „liberal“ und „konservativ“ in der Praxis aus? Wenn Leute hören, dass ich bete und faste, bekomme ich nicht selten Kommentare wie „Das sieht man dir aber nicht, dass du so „streng“ gläubig bist.“ oder „Bist du jetzt Fundi geworden?“ zu hören.

Ich denke mir oft, wenn ich schon durch das Ausüben ganz normaler Bestandteile des Glaubens als „Fundi“ durchgehe, wo wären dann so extrovertierte Persönlichkeiten wie Pierre Vogel einzuordnen?

Und: Muss man es immer einem sofort ansehen, dass man sich etwas um seinen Glauben kümmert? Braucht die Gesellschaft lange Bärte und schwarze Burkas, um das sofort identifizieren zu können? Fühlt sie sich dadurch sicherer?

Im Grunde genommen ist das der eigentliche Kern der Debatte in der Diskussion um Muslime hierzulande und in Europa: die Sichtbarkeit von Religiosität in zunehmend areligiös werdenden westlichen Gesellschaften.

Der Zank um das Kopftuch mit seinen rechtlichen Auswirkungen (Burkaverbote wo keine Burkas sind, Kopftuchverbot im Öffentlichen Dienst), umstrittene Moscheebauten oder die Debatte um rituelles Schlachten zeigen das ganz deutlich.

Es geht dabei weniger um liberale Interpretationen des Korans, um historisch-kritische Methoden (die im Übrigen auch bei der oft als „konservativ“ abgestempelten islamischen Organisation „DITIB“ breit diskutiert werden) oder darum, ob die Existenz von 5-Sterne-Kühlschränken den Genuss von Schweinefleisch rechtfertigen könnte.

Das interessiert große Teile der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft herzlich wenig.

Die Diskussion um „liberal“ und „konservativ“ ist deshalb vor allem eine politische, die bei den Entscheidungsträgern in den Parlamenten und einigen Medien großen Anklang findet und dabei genau die Begriffe benutzt, die benötigt werden, um wichtige Weichenstellungen für so banale Dinge wie Islamischen Religionsunterricht oder die rechtliche Anerkennung des Islams in unserem Land zu initiieren bzw. zu bremsen.

Wie sich die Politik aus dieser Diskussion dann ihre Gremien bastelt, zeigt das Beispiel des „Beraterkreises zur Integration von Muslimen“ des niedersächsischen Innenministeriums, der 2008 initiiert wurde und sich teilweise wie das „Who is Who“ der Islamkritik liest, gekräuselte Nackenhaare inklusive.

Auch die „Deutsche Islamkonferenz“ ist so ein politisches und steuerfinanziertes Kaffeekränzchen, allerdings bisher noch immer nicht ganz überzeugend durch ihre Zielsetzung (Sicherheitspolitik vs. Integration vs. Anerkennung) ihres Schirmherrn, Bundesinnenminister „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ – Friedrich. Ende offen.

Große Teile der Gesellschaft wünschen sich aber etwas anderes, und zwar den unsichtbaren Muslim à la Carte, der einmal im Jahr zum Zuckerfest in die Moschee ohne Minarett geht, Kopftücher ins Museum hängt, sich zwischendurch mal ein Bier zischt, im Ramadan die Rollos runtermacht und sich ganz im Necla-Kelek-Style durch den Genuss einer Bratwurst von seinen angeblich inneren Zwängen befreit.

Der sehr pluralen Lebens- und Glaubenswirklichkeit von über 3,5 Millionen Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland, von denen sich nur die wenigsten ein politisches Label an den Kopf tackern lassen wollen, entspricht diese Debatte wohl kaum, wohl aber dem Aufmerksamkeitsbedürfnis ihrer Stichwortgeber, die übrigens so austauschbar wie Kissenbezüge von Ikea sind.