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Feminismus als Unwort?

Die Vorsicht, mit der die Rednerin das Wort ‚feministisch’ in den Mund nimmt und natürlich gleichzeitig weit von sich weist, zeigt, wie verpönt diese Wortwahl in traditionellen Kreisen ist.

Hier, wie in vielen anderen Beispielen auch, wird, eine Konnotation transferiert, die der Sache an sich einfach nicht gerecht wird.

Diese Problematik der Begrifflichkeiten, welche vielfach als Aufhänger dazu genutzt werden, um die jeweilige Zugehörigkeit zu manifestieren, kommt einem vor wie das alte ‚Teekesselchenspiel’, das viele vielleicht noch aus der Schulzeit kennen. Gleichlautende Worte werden wortgewaltig unterschiedlich beschrieben und die anderen müssen raten, was gemeint ist, also z.B. „Mein Teekesselchen ist für Geschlechtergerechtigkeit!“ einerseits und andererseits: „Mein Teekesselchen wird mit Alice Schwarzer gleichgesetzt!“

Da wird damit argumentiert, dass dieser oder jener Begriff westlich konnotiert ist, dass sich die einen vom Westen ‚einfangen’ lassen und z.B. Feminismus grundsätzlich als Wort augenscheinlich nur von Menschen wie der „Emma“- Begründerin gefüllt werden kann, auch die Medien schlagen in diese Kerbe und fördern ein solches Denken.

Islamisch – egal ob feministisch oder nicht
Dabei verlieren die Kritikerinnen offenbar völlig aus den Augen, dass mittlerweile weltweit die Lage eine andere ist, besonders, wenn es um islamische feministische Theologie geht. Hier haben sich viele Protagonistinnen, zuletzt Amina Wadud in ihrem Interview vom 17.08.2011 bereits geäußert. So sagte Wadud:

„Seit Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es eine Alternative für muslimische Frauen, die sich nicht zwischen den Menschenrechten und dem Islam entscheiden wollen. Und es gibt einen Namen für das, was wir tun: islamischer Feminismus. Denn wir ziehen den Islam heran, um die Gleichwertigkeit von Mann und Frau ins Bewusstsein zu rufen …“.1

Amina Wadud ist ebenso wie Asma Barlas eine kluge Vordenkerin. Barlas allerdings hat, obwohl sie viel auf diesem Gebiet forscht, ebenfalls Probleme mit dem Begriff Feministin, gerade weil dieser so unterschiedlich genutzt wird. Trotzdem haben beide Frauen vielfach theologisch bereits eigene Ansätze entwickelt und arbeiten seit Jahren konstruktiv zusammen.

Asma Barlas: „… Ich habe den ontologischen Status des Korans als göttliche Offenbarung nie in Frage gestellt. … Das Problem liegt somit nicht im Koran als heiligem Text selbst, sondern darin, dass wir ihn nicht richtig auslegen. Nicht der Text selbst ist für mich also der Kern des Problems (wie er es für viele andere Gelehrte ist), sondern eher, wie sich der Mensch den Text aneignet. …“2

Wenn der Diskurs das Ziel ist, dann ist das konstruktive Miteinander die Erfüllung
Im Grunde ist der Versuch, westlich geprägte Begriffe auch nur westlich zu konnotieren und alle, die sich selbst mit diesen Begriffen identifizieren als verwestlicht anzuprangern, eine einseitige Sackgasse, weil es auf dieser Basis keine Gesprächs – bzw. Diskussionsgrundlage gibt.

Denn um was geht es eigentlich? Es geht darum eine gerechte Gesellschaftsordnung zu forcieren, bei der niemand u. a. aufgrund seines Geschlechts diskriminiert, benachteiligt oder bevorzugt werden darf.

Das gilt für alle Bereiche des Lebens, z.B. die Gleichbehandlung bei Einkommen, Partizipation an der Gesellschaft, Partizipation in der eigenen Community, die Deutungshoheit über den Koran, die Wahrnehmung von Ämtern und Funktionen und die Mitgestaltung des alltäglichen Lebens.

Selbst wenn sich die Dinge nicht sofort revolutionär verändern lassen, müssen sie doch zumindest diskutierbar sein und bleiben. Das ist eine der wenigen Möglichkeiten einen menschlichen Absolutheitsanspruch auszuschließen.

Der Islam hatte in seiner Frühzeit eine Diskussionskultur, von der wir uns im fortschreitenden 21. Jahrhundert immer häufiger wegbewegen und der Grund hierfür scheint in der Angst vor Machtverlust zu liegen. Das ist umso abstruser, als bisher niemand diese Macht wirklich inne hat. Wie also ist ein solch blinder Aktionismus zu erklären?

Begriff kommt von ‚Begreifen’
Dabei nehmen wir uns die Möglichkeit, Begriffe selbst mit eigenen Inhalten zu füllen. So ist z.B. islamisch-feministische Theologie nicht gleich zu setzen mit dem ‚Alice-Schwarzer-Feminismus’, auch nicht unmittelbar mit den Auffassungen in den christlichen Kirchen.

Wir haben das Recht, unsere eigene Definition zu erarbeiten, die ja kein Dogma oder eine göttliche Weisung darstellen, sondern eine Grundlage zur Diskussion, zum Weiterdenken. Dabei wird auch keine Abqualifizierung vorgenommen, z.B., dass nicht-feministisch gleichbedeutend ist mit „schlechter“ oder „rückständig“. Es ist eben anders. Wenn theologisch gebildete Frauen sagen, dass sie sich nie als Feministin bezeichnen würden, ist das in Ordnung, solange sie es nicht aus Angst vor der allgemeinen Reaktion so halten.

Die Angst vor dem Feminismus aber sitzt tief und das nicht nur in muslimischen Kreisen.

Im Gegenteil, die unheiligen Allianzen, die sich das Patriarchat hierbei leistet, wären wahrscheinlich auf keinem anderen Gebiet möglich. Auch die anderen Religionsgemeinschaften zeigen, gerade auf der Funktionärsebene, alles andere als Begeisterung, wenn ihnen von feministisch-theologischer Seite die alleinige Deutungshoheit über die eigenen Offenbarungsschriften streitig gemacht und eine Partizipation am theologischen Diskurs abverlangt wird.

Warum also sollten patriarchale muslimische Kreise anders reagieren?

Nun, vielleicht weil der Qur’ān einen Ausschluss von Frauen nicht vorsieht oder vielleicht, weil stets von eben dieser Funktionärsebene betont wird, dass m a n natürlich für die Gleichwertigkeit sei. Mancherorts ringen sich die VertreterInnen der patriarchalen Lesart sogar dazu durch, das Wort ‚Gleichberechtigung’ zu benutzen. Dies ist, so es denn ernst gemeint ist, durchaus als fortschrittlich zu werten.

Wie viel Dynamik geht einer Gesellschaft verloren, die sich nur auf alt eingefahrenen Strassen bewegt? Sind nicht gerade die Neugier und die Auseinandersetzung mit dem Neuen, dem Unbekannten etwas, was Gemeinschaften eine Öffnung und Toleranz beschert?

Grundsätzlich bietet der Islam in seinen Grundstrukturen keine Handhabe für eine Hierarchisierung innerhalb der Gesellschaft bzw. der Geschlechter, deshalb wird und wurde heute wie damals versucht, die Texte den eigenen Vorstellungen zu Diensten zu machen.

Bei vielen, auch in der Bundesrepublik, heute praktizierten Lebensweisen, lässt sich nachweisen, dass darin Gewohnheitsrechte (’Ada) verankert sind, dies aber ist eine Methode aus dem Islamischen Rechtsdenken, die durchaus ihre Berechtigung hat. Dies ist aber nur eine Seite der Medaille.

Es war und bleibt ebenso notwendig das Islamische Rechtsdenken diskursiv weiter zu entwickeln, so wie das in den unterschiedlichen Rechtsschulen in deren Anfangszeit geleistet wurde. Viele selbstverständliche frühislamische Möglichkeiten werden heute vernachlässigt – aus Angst vor Verlust.

In einigen Gesellschaften war es für das Patriarchat schier unerträglich, die Frau als nicht untergeordnet anzusehen und zu behandeln. Macht war ein Wert, den es um jeden Preis zu erhalten galt. In diesem Sinne wurden viele Qur’ānverse nicht unter Berücksichtigung anderer betrachtet und ausgelegt, sondern durch die Beiziehung von Traditionen.

Ersteres gilt als anerkannte Methode, um den ruh-at-tašri (den Geist der Schrift) erfassen zu können, während die zweite Methode eine eindeutig interessengeleitete ist. Übrigens sind dies alles Fragen, mit denen sich der Liberal Islamische Bund seit seiner Gründung durchweg beschäftigt.

Eine Chance für die Frauen
Obwohl innerhalb der islamisch-feministischen Theologie Frauen eben den Weg gehen, die Methoden der unterschiedlichen frühislamischen Lesarten wieder zu beleben und weitere Methoden zu entwickeln, wird ihnen genau daraus der Vorwurf gemacht, nämlich sie handelten selbst ‚interessengeleitet’.

In diesem Vorwurf treffen sich ganz unterschiedliche Interessengruppen: zum einen diejenigen, die den Qur’ān als ausschließlich ‚historisches’ Werk verstanden wissen wollen (was nicht bedeutet, dass natürlich viele Aussagen in einem historischen Kontext zu lesen sind) und zum anderen diejenigen, die die alte patriarchale Lesart unbedingt erhalten wissen wollen.

So protegieren sich hier zwei Gruppen gegenseitig, die ansonsten wenig miteinander zu tun haben (wollen). Die einen aus Angst vor Religiosität und Religion schlechthin, die anderen aus Angst vor Religionsverlust – beides auf Kosten der Frauen.

Wie Fazlur Rahman es einmal sagte, „… glaube auch ich nicht, dass ein völliges Einverständnis in Bezug auf den Koran überhaupt wünschenswert wäre, dass es also nur die eine, „richtige“ Interpretation gebe. Gerade die Unterschiede in den Meinungen können zu einer neuen Synthese führen, die die Debatte am Leben erhält und uns zu immer neuen Gedanken zwingt.

Ich glaube nicht, dass wir nach Uniformität streben sollten, denn diese ist immer das Kennzeichen von Fundamentalismus. Streit ist wichtig, und das „Nicht-Zustimmen“ ist ein natürlicher Fakt des Lebens, der im Koran im Übrigen Hunderte Male Erwähnung findet. Alles, über das man keinen Konsens erzielt, verweist wieder auf Gott. Der Koran berichtet, dass Gott selbst verschiedene Stämme und damit die Vielfalt schuf, deshalb kann es nichts Schlechtes sein.

So glaube ich schließlich nicht, dass es damit getan ist, dem Koran seinen Charakter als Heilige Schrift abzusprechen; das wird keines unserer Probleme lösen, und wir leben deshalb noch lange nicht ein glückliches Miteinander. Dies kann schon deshalb nicht funktionieren, weil es dann noch immer die unterschiedlichen Interpretationen gibt und die politischen Ambitionen, die dahinterstehen.“3

Genau hier setzt der Gedanke der Geschlechtergerechtigkeit im Islam an. Zunächst erhebt sich der Verdacht, dass trotz aller Emanzipationsbestrebungen die Gesamtgesellschaft nur in geringem Maße für die sowohl grundgesetzlich als auch qur’ānisch verankerte Gleichberechtigung der Frauen bereit zu sein scheint. Das Patriarchat setzt sich durch und lässt den Frauen wenig Raum diese verbrieften Rechte einzufordern.

Die negative Denkweise über den in Deutschland real existierenden Islam speist sich zum Teil vor allem aus dieser traditionellen Lesart und deren Umsetzung in einzelnen Gruppen und aus gängigen, oft medienbedingten, Vorurteilen. Auf administrativer Seite wird das nur allzu oft süffisant hingenommen. Wenn tatsächlich der grundgesetzliche Anspruch der Gleichberechtigung der Geschlechter auch ein Umsetzungswunsch in Bezug auf muslimische Menschen in diesem Lande ist – dann sollten auch diejenigen gehört werden, die solches, auch mit einer muslimischen Identität, ehrlich und authentisch fordern und fördern. Dabei kann es durchaus zu allgemein als unliebsam betrachteten Nebeneffekten kommen, aber – birgt Freiheit nicht immer ein Risiko?

Das gilt für beide Seiten – bei einer wirklichen Zur-Kenntnisnahme einer geschlechtergerecht ausgerichteten Lesart und alltäglichen Umsetzung qur’ānischen Denkens werden die ihr Ziel erreichen, denen es wirklich radikaldemokratisch aber auch basisch- islamisch um die Frauen geht.

Die Suche nach mutigen Menschen, die eine unabhängige Position einnehmen und dies auch vertreten – ungeachtet der sozialen Diskriminierung, die ihnen beidseitig droht.

Dabei ist es gleichgültig, welches Geschlecht solche Menschen haben und ob sie sich entsprechend diverser Forderung so oder so kleiden. Wichtig sind dabei die wirkliche Persönlichkeit und die uneigennützige Absicht denjenigen zu dem Recht zu verhelfen, das sowohl religiös als auch grundgesetzlich zugesichert wird.

  1. Taz. Vom 17.08.2011 []
  2. von Novriantoni und Ramy El-Dardiry geführtes Interwiev in Qantara []
  3. von Novriantoni und Ramy El-Dardiry geführtes Interwiev in Qantara []