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Neske/Heckmann/Rühl, Menschenschmuggel, 2004

Islam und Feminismus

Feminismus als Unwort?

„Ich will jetzt mal etwas Feministisches sagen, obwohl ich keine Feministin bin.“ Diese Äußerung einer ehemaligen Vorstandsfrau eines größeren muslimischen Verbandes schildert exakt das Dilemma, in dem sich muslimische Frauen nur allzu oft befinden.

VONRabeya Müller

Rabeya Müller hat Islam. Theologie, Islamwissenschaften und Pädagogik studiert, Sie ist stellv. Vorsitzende des ZIF (Zentrum für Islam. Frauenforschung und Frauenförderung), Mitglied in vielen interrel. Institutionen und Gründungsmitglied des Liberal Islamischen Bundes.

DATUM24. August 2011

KOMMENTARE9

RESSORTAktuell, Meinung

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Die Vorsicht, mit der die Rednerin das Wort ‚feministisch’ in den Mund nimmt und natürlich gleichzeitig weit von sich weist, zeigt, wie verpönt diese Wortwahl in traditionellen Kreisen ist.

Hier, wie in vielen anderen Beispielen auch, wird, eine Konnotation transferiert, die der Sache an sich einfach nicht gerecht wird.

Diese Problematik der Begrifflichkeiten, welche vielfach als Aufhänger dazu genutzt werden, um die jeweilige Zugehörigkeit zu manifestieren, kommt einem vor wie das alte ‚Teekesselchenspiel’, das viele vielleicht noch aus der Schulzeit kennen. Gleichlautende Worte werden wortgewaltig unterschiedlich beschrieben und die anderen müssen raten, was gemeint ist, also z.B. „Mein Teekesselchen ist für Geschlechtergerechtigkeit!“ einerseits und andererseits: „Mein Teekesselchen wird mit Alice Schwarzer gleichgesetzt!“

Da wird damit argumentiert, dass dieser oder jener Begriff westlich konnotiert ist, dass sich die einen vom Westen ‚einfangen’ lassen und z.B. Feminismus grundsätzlich als Wort augenscheinlich nur von Menschen wie der „Emma“- Begründerin gefüllt werden kann, auch die Medien schlagen in diese Kerbe und fördern ein solches Denken.

Islamisch – egal ob feministisch oder nicht
Dabei verlieren die Kritikerinnen offenbar völlig aus den Augen, dass mittlerweile weltweit die Lage eine andere ist, besonders, wenn es um islamische feministische Theologie geht. Hier haben sich viele Protagonistinnen, zuletzt Amina Wadud in ihrem Interview vom 17.08.2011 bereits geäußert. So sagte Wadud:

„Seit Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es eine Alternative für muslimische Frauen, die sich nicht zwischen den Menschenrechten und dem Islam entscheiden wollen. Und es gibt einen Namen für das, was wir tun: islamischer Feminismus. Denn wir ziehen den Islam heran, um die Gleichwertigkeit von Mann und Frau ins Bewusstsein zu rufen …“.1

Amina Wadud ist ebenso wie Asma Barlas eine kluge Vordenkerin. Barlas allerdings hat, obwohl sie viel auf diesem Gebiet forscht, ebenfalls Probleme mit dem Begriff Feministin, gerade weil dieser so unterschiedlich genutzt wird. Trotzdem haben beide Frauen vielfach theologisch bereits eigene Ansätze entwickelt und arbeiten seit Jahren konstruktiv zusammen.

Asma Barlas: „… Ich habe den ontologischen Status des Korans als göttliche Offenbarung nie in Frage gestellt. … Das Problem liegt somit nicht im Koran als heiligem Text selbst, sondern darin, dass wir ihn nicht richtig auslegen. Nicht der Text selbst ist für mich also der Kern des Problems (wie er es für viele andere Gelehrte ist), sondern eher, wie sich der Mensch den Text aneignet. …“2

Wenn der Diskurs das Ziel ist, dann ist das konstruktive Miteinander die Erfüllung
Im Grunde ist der Versuch, westlich geprägte Begriffe auch nur westlich zu konnotieren und alle, die sich selbst mit diesen Begriffen identifizieren als verwestlicht anzuprangern, eine einseitige Sackgasse, weil es auf dieser Basis keine Gesprächs – bzw. Diskussionsgrundlage gibt.

Denn um was geht es eigentlich? Es geht darum eine gerechte Gesellschaftsordnung zu forcieren, bei der niemand u. a. aufgrund seines Geschlechts diskriminiert, benachteiligt oder bevorzugt werden darf.

Das gilt für alle Bereiche des Lebens, z.B. die Gleichbehandlung bei Einkommen, Partizipation an der Gesellschaft, Partizipation in der eigenen Community, die Deutungshoheit über den Koran, die Wahrnehmung von Ämtern und Funktionen und die Mitgestaltung des alltäglichen Lebens.

Selbst wenn sich die Dinge nicht sofort revolutionär verändern lassen, müssen sie doch zumindest diskutierbar sein und bleiben. Das ist eine der wenigen Möglichkeiten einen menschlichen Absolutheitsanspruch auszuschließen.

Der Islam hatte in seiner Frühzeit eine Diskussionskultur, von der wir uns im fortschreitenden 21. Jahrhundert immer häufiger wegbewegen und der Grund hierfür scheint in der Angst vor Machtverlust zu liegen. Das ist umso abstruser, als bisher niemand diese Macht wirklich inne hat. Wie also ist ein solch blinder Aktionismus zu erklären?

Begriff kommt von ‚Begreifen’
Dabei nehmen wir uns die Möglichkeit, Begriffe selbst mit eigenen Inhalten zu füllen. So ist z.B. islamisch-feministische Theologie nicht gleich zu setzen mit dem ‚Alice-Schwarzer-Feminismus’, auch nicht unmittelbar mit den Auffassungen in den christlichen Kirchen.

Wir haben das Recht, unsere eigene Definition zu erarbeiten, die ja kein Dogma oder eine göttliche Weisung darstellen, sondern eine Grundlage zur Diskussion, zum Weiterdenken. Dabei wird auch keine Abqualifizierung vorgenommen, z.B., dass nicht-feministisch gleichbedeutend ist mit „schlechter“ oder „rückständig“. Es ist eben anders. Wenn theologisch gebildete Frauen sagen, dass sie sich nie als Feministin bezeichnen würden, ist das in Ordnung, solange sie es nicht aus Angst vor der allgemeinen Reaktion so halten.

Die Angst vor dem Feminismus aber sitzt tief und das nicht nur in muslimischen Kreisen.

Im Gegenteil, die unheiligen Allianzen, die sich das Patriarchat hierbei leistet, wären wahrscheinlich auf keinem anderen Gebiet möglich. Auch die anderen Religionsgemeinschaften zeigen, gerade auf der Funktionärsebene, alles andere als Begeisterung, wenn ihnen von feministisch-theologischer Seite die alleinige Deutungshoheit über die eigenen Offenbarungsschriften streitig gemacht und eine Partizipation am theologischen Diskurs abverlangt wird.

Warum also sollten patriarchale muslimische Kreise anders reagieren?

Nun, vielleicht weil der Qur’ān einen Ausschluss von Frauen nicht vorsieht oder vielleicht, weil stets von eben dieser Funktionärsebene betont wird, dass m a n natürlich für die Gleichwertigkeit sei. Mancherorts ringen sich die VertreterInnen der patriarchalen Lesart sogar dazu durch, das Wort ‚Gleichberechtigung’ zu benutzen. Dies ist, so es denn ernst gemeint ist, durchaus als fortschrittlich zu werten.

Wie viel Dynamik geht einer Gesellschaft verloren, die sich nur auf alt eingefahrenen Strassen bewegt? Sind nicht gerade die Neugier und die Auseinandersetzung mit dem Neuen, dem Unbekannten etwas, was Gemeinschaften eine Öffnung und Toleranz beschert?

Grundsätzlich bietet der Islam in seinen Grundstrukturen keine Handhabe für eine Hierarchisierung innerhalb der Gesellschaft bzw. der Geschlechter, deshalb wird und wurde heute wie damals versucht, die Texte den eigenen Vorstellungen zu Diensten zu machen.

Bei vielen, auch in der Bundesrepublik, heute praktizierten Lebensweisen, lässt sich nachweisen, dass darin Gewohnheitsrechte (’Ada) verankert sind, dies aber ist eine Methode aus dem Islamischen Rechtsdenken, die durchaus ihre Berechtigung hat. Dies ist aber nur eine Seite der Medaille.

Es war und bleibt ebenso notwendig das Islamische Rechtsdenken diskursiv weiter zu entwickeln, so wie das in den unterschiedlichen Rechtsschulen in deren Anfangszeit geleistet wurde. Viele selbstverständliche frühislamische Möglichkeiten werden heute vernachlässigt – aus Angst vor Verlust.

In einigen Gesellschaften war es für das Patriarchat schier unerträglich, die Frau als nicht untergeordnet anzusehen und zu behandeln. Macht war ein Wert, den es um jeden Preis zu erhalten galt. In diesem Sinne wurden viele Qur’ānverse nicht unter Berücksichtigung anderer betrachtet und ausgelegt, sondern durch die Beiziehung von Traditionen.

Ersteres gilt als anerkannte Methode, um den ruh-at-tašri (den Geist der Schrift) erfassen zu können, während die zweite Methode eine eindeutig interessengeleitete ist. Übrigens sind dies alles Fragen, mit denen sich der Liberal Islamische Bund seit seiner Gründung durchweg beschäftigt.

Eine Chance für die Frauen
Obwohl innerhalb der islamisch-feministischen Theologie Frauen eben den Weg gehen, die Methoden der unterschiedlichen frühislamischen Lesarten wieder zu beleben und weitere Methoden zu entwickeln, wird ihnen genau daraus der Vorwurf gemacht, nämlich sie handelten selbst ‚interessengeleitet’.

In diesem Vorwurf treffen sich ganz unterschiedliche Interessengruppen: zum einen diejenigen, die den Qur’ān als ausschließlich ‚historisches’ Werk verstanden wissen wollen (was nicht bedeutet, dass natürlich viele Aussagen in einem historischen Kontext zu lesen sind) und zum anderen diejenigen, die die alte patriarchale Lesart unbedingt erhalten wissen wollen.

So protegieren sich hier zwei Gruppen gegenseitig, die ansonsten wenig miteinander zu tun haben (wollen). Die einen aus Angst vor Religiosität und Religion schlechthin, die anderen aus Angst vor Religionsverlust – beides auf Kosten der Frauen.

Wie Fazlur Rahman es einmal sagte, „… glaube auch ich nicht, dass ein völliges Einverständnis in Bezug auf den Koran überhaupt wünschenswert wäre, dass es also nur die eine, „richtige“ Interpretation gebe. Gerade die Unterschiede in den Meinungen können zu einer neuen Synthese führen, die die Debatte am Leben erhält und uns zu immer neuen Gedanken zwingt.

Ich glaube nicht, dass wir nach Uniformität streben sollten, denn diese ist immer das Kennzeichen von Fundamentalismus. Streit ist wichtig, und das „Nicht-Zustimmen“ ist ein natürlicher Fakt des Lebens, der im Koran im Übrigen Hunderte Male Erwähnung findet. Alles, über das man keinen Konsens erzielt, verweist wieder auf Gott. Der Koran berichtet, dass Gott selbst verschiedene Stämme und damit die Vielfalt schuf, deshalb kann es nichts Schlechtes sein.

So glaube ich schließlich nicht, dass es damit getan ist, dem Koran seinen Charakter als Heilige Schrift abzusprechen; das wird keines unserer Probleme lösen, und wir leben deshalb noch lange nicht ein glückliches Miteinander. Dies kann schon deshalb nicht funktionieren, weil es dann noch immer die unterschiedlichen Interpretationen gibt und die politischen Ambitionen, die dahinterstehen.“2

Genau hier setzt der Gedanke der Geschlechtergerechtigkeit im Islam an. Zunächst erhebt sich der Verdacht, dass trotz aller Emanzipationsbestrebungen die Gesamtgesellschaft nur in geringem Maße für die sowohl grundgesetzlich als auch qur’ānisch verankerte Gleichberechtigung der Frauen bereit zu sein scheint. Das Patriarchat setzt sich durch und lässt den Frauen wenig Raum diese verbrieften Rechte einzufordern.

Die negative Denkweise über den in Deutschland real existierenden Islam speist sich zum Teil vor allem aus dieser traditionellen Lesart und deren Umsetzung in einzelnen Gruppen und aus gängigen, oft medienbedingten, Vorurteilen. Auf administrativer Seite wird das nur allzu oft süffisant hingenommen. Wenn tatsächlich der grundgesetzliche Anspruch der Gleichberechtigung der Geschlechter auch ein Umsetzungswunsch in Bezug auf muslimische Menschen in diesem Lande ist – dann sollten auch diejenigen gehört werden, die solches, auch mit einer muslimischen Identität, ehrlich und authentisch fordern und fördern. Dabei kann es durchaus zu allgemein als unliebsam betrachteten Nebeneffekten kommen, aber – birgt Freiheit nicht immer ein Risiko?

Das gilt für beide Seiten – bei einer wirklichen Zur-Kenntnisnahme einer geschlechtergerecht ausgerichteten Lesart und alltäglichen Umsetzung qur’ānischen Denkens werden die ihr Ziel erreichen, denen es wirklich radikaldemokratisch aber auch basisch- islamisch um die Frauen geht.

Die Suche nach mutigen Menschen, die eine unabhängige Position einnehmen und dies auch vertreten – ungeachtet der sozialen Diskriminierung, die ihnen beidseitig droht.

Dabei ist es gleichgültig, welches Geschlecht solche Menschen haben und ob sie sich entsprechend diverser Forderung so oder so kleiden. Wichtig sind dabei die wirkliche Persönlichkeit und die uneigennützige Absicht denjenigen zu dem Recht zu verhelfen, das sowohl religiös als auch grundgesetzlich zugesichert wird.

  1. Taz. Vom 17.08.2011  []
  2. von Novriantoni und Ramy El-Dardiry geführtes Interwiev in Qantara  []  []
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9 Kommentare
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  1. Ohjemine sagt:

    Liebe Frau Muller,

    sie reden davon dass es in der muslimischen Gemeinde patriarchalische Strukturen gibt. Jetzt mal ernsthaft? Ist die ganze Welt denn nicht nicht patriarchalisch gepragt? Werden im Westen denn Frauen die den gleichen Job erledigen wie Manner immer noch unterbezahlt? JA! Das Problem ist also ein allgemeines und kein islam spezifisches.

    Und ernsthaft: Amina Wadud? Asma Barlas? Leila Ahmed? Asra Nomani? Solche islamischen Feministinnen haben durchaus um es fairerweise zu sagen gerechtfertigte Kritikpunkte die wir alle teilen, haben sich aber mit ihrer Art und Weise wie sie mit dem Propheten und dessen Sunna (Praxis) umgehen schon vom Mainstream Islam verabschiedet. Sie werden auch von der Mehrheit der Muslime (ganz besonders der Frauen) nicht als ihre Reprasentanten angesehen wie man aus hiesigen Foren und Stimmungen herauslesen kann. Bei den Nichtmuslimen finden sie aber naturlich viel Gehor. Positiven Wandel kann man nur erreichen wenn man sich in der Gemeinschaft aufhalt und mit ihr gemeinsam diesen Wandel vollziehen mochte. Nicht in dem man sich ins Abseits manovriert, das is kontraproduktiv.

    Ihr viel gepriesener islamischer Feminismus hat es sich schon von Anfang an verscherzt. Und wieso wird immer so verallgemeinert? Als ware die Mehrheit der mannlichen Korangelehrten im Grunde nur Frauenhasser. So was is schlicht und ergreifend inkorrekt fur jeden der sich intensiv mit der Koranexegese beschaftigt. Und konkrekt: wo liegen denn die patriarchalischen Lesarten? Im daraba vers? Na, das man seine Frau nicht verprugeln sollte/darf haben auch die Patriarchaten nicht wenig verkundet.

    Ubrigens, die Methode der Koranexegese die sie anfuhren wird auch von dieser patriarchalischen „Elite“ und Nicht-LIB Anhangern angewendet. Historisch-kontextualisierend, die Genese im Auge habend war seit Anbeginn des Islam immer eine wichtige Methode. Also tun sie bitte nicht so als wurde das etwas nur eigen fur sie sein. Wieso muss sich der LIB immer als die grosse positive Alternative prasentieren und sich so von den anderen abschotten, was erreicht man denn dadurch?

    Meinen sie denn wirklich der Rest von uns Muslime steht so im krassen Widerspruch mit ihrer Satzung?

  2. Ahmed von Eifohn sagt:

    Ich frage mich, ob DITIB oder IGMG auch die gleiche Toleranz für Vereins-Propaganda gewährt werden würde, wie für die LIB: Lamyas Islam Bäckerei!
    Immer zu festlichen Anlässen nehme frau einen weiblichen Hefeteig und streue darauf eine Prise Feminismus.Rühre dann kräftig und führe den fast fertigen liberal-feminen Halal-Label-Kuchen in den mit Steuergeldern finanzierten Ofen. Und siehe da, die unter staatlichem (Arten)Schutz stehenden Amazonen in ihren Kleinstvereinen melden sich zu Wort und bieten ihren „LIB mich“ Kuchen zu Kost an.
    Doch Vorsicht ist geboten, nicht überall wo Helal auf der Packung steht, ist auch Helal drin, denn vielmals wird mit Gelatine LIBeral geklärt.

  3. Fadik sagt:

    @ Ohjemine

    „Als ware die Mehrheit der mannlichen Korangelehrten im Grunde nur Frauenhasser“

    Ähhh, ja! Nicht direkt Frauenhasser, aber sie wissen genau, und zwar auch besser, wie Frauen sich zu verhalten und sich anzuziehen haben. Also im Grunde genommen, bestimmen die männlichen Korangelehrten mit ihrer Interpretation des Korans das Leben der Frauen. Ist das nicht so? Wie soll man da noch „im eigenen Kreis“ beliben KÖNNEN, wenn man kein Gehör findet? Man manövriert sich ja nicht selbst ins Abseits, man wird manövriert. Eine neue Darlegung des Korans oder eine neue Interpretation kann es nicht geben. Eben durch die Angst als Religionsverspotter dazu stehen. Wer macht sich denn noch intensiv Gedanken. Es gibt wirklich nur ein paar und das ist NICHT die Mehrheit. Die Mehrheit betet 5x Mal am Tag, fastet im Ramadan, geht in die Moschee, plaudert mit dem und diesem. Eine gewisse Rutine hat sich eingelebt. Da bleibt kann Platz mehr für Neuinterpreationen. Meist sind es nun mal die Frauen, die eine Neudarlegung haben möchten, weil man ihnen früher nicht die Chance gegeben hat. Naja geschweigedenn heute…. Und diese Angst mit der Frau gleichberechtigt zu sein, herrscht immernoch. Das wird sich auch weiss Gott nicht ändern.

    „Meinen sie denn wirklich der Rest von uns Muslime steht so im krassen Widerspruch mit ihrer Satzung?“

    Widerspruch vielleicht nicht, aber ein paar Punkte werden vom Rest der Muslime nicht als „wichtig“ anerkannt und werden deshalb unter den Tisch gekehrt. Oder wann konnten sie einen männlichen Gelehrten miterleben, der für die Gleichstellung der Frau „gekämpft“ hat?

  4. auweiapopeia sagt:

    Also Frau Müller, da musste ich jetzt ja schon ein paar Mal schlucken.

    „Die negative Denkweise über den in Deutschland real existierenden Islam speist sich zum Teil vor allem aus dieser traditionellen Lesart und deren Umsetzung in einzelnen Gruppen …“

    Meinen Sie das wirklich ernst? Islamophobie und Rassismus haben ihre Ursache darin, dass Muslime die von ihnen beschriebene traditionelle (=unfeministische=böse) Lesart zur Anwednung bringen. Muslime sind alsomal wieder selbst schuld an dem ihnen entgegenschlagenden Vorurteilen? Aber sie haben ja auch gleich die Lösung parat für dieses bedauerliche Dilemmma:

    “ Wenn tatsächlich der grundgesetzliche Anspruch der Gleichberechtigung der Geschlechter auch ein Umsetzungswunsch in Bezug auf muslimische Menschen in diesem Lande ist – dann sollten auch diejenigen gehört werden, die solches, auch mit einer muslimischen Identität, ehrlich und authentisch fordern und fördern. […] Wichtig sind dabei die wirkliche Persönlichkeit und die uneigennützige Absicht denjenigen zu dem Recht zu verhelfen, das sowohl religiös als auch grundgesetzlich zugesichert wird.“

    An Ihrem (liberalen) Wesen soll also der Muslim genesen? Zur Not mithilfe von Gesetzen? Ich sag Ihnen mal was: machen Sie sich doch mal ausnahmsweise die Mühe und suchen Sie den Kontakt mit Muslimen an der Basis und diskutieren dort Ihre Ansichten, sie werden sehen, so „anders“ denken die gar nicht als Ihre selbsternannten Liberalen. Dazu müsste man das Hohe Ross des Exklusivitätsanspruchs auf sämtliche positiven Errungenschaften der islamischen Geistesgeschichte (Historizität, exegetische Methoden) mal verlassen.

  5. Ohjemine sagt:

    Liebe Fadik

    dann frag ich mich warum denn grade die patriarchalische Elite des 7.Jahrhunderts in Mekka soviele Frauenrechte und Reformen hervorgebracht hat: Frau darf ihren Namen behalten, hat das Recht auf Unterhalt nach der Unterscheidung, das Recht auf Erbe, das Recht einem Beruf nachzugehen, das Recht auf Bildung, das Recht, darf ihren Partner frei auswahlen, muss nicht fur den Haushalt sorgen, kann ihr eigenes Geld behalten …man sollte nicht vergessen dass es gerade diese „Patriarchen“ waren die diese von gottgewollten Empfehlungen umgesetzt haben.

    Naturlich gab und gibt es die schwarzen Schafe aber mannliche Korangelehrten generell zu beschuldigen und unter einen Generalverdacht zu stellen, das zeugt von Ignoranz.

    Hast du dich uberhaupt mal mit Tafsir, Koranexegese befasst und dir diese kritischen Stellen angesehen? Da gibt es genausoviele Manner die sich gegen misogynistische Interpretationen wehren und Korangelehrten waren in der Regel „genderblind“

    Die meisten machen sich keine Gedanken mehr? Stimmt nicht, sie machen sich Gedanken, setzen sich mit ihrem Glauben kritisch auseinander. Wir haben in Deutschland eine neue junge selbstbewusste Generation von Muslimen die einen auf Wissen basierenden Islam leben mochte und nicht auf blosse Imitation hinauslauft. Unsere altere Generation kam aus ungebildeten Schichten und hatten Sorge das taglich Brot nach Hause zu bringen, von denen kann keiner ewarten sich mit Koranexegese zu beschaftigen dafur hat man auch ExpertInnen.

  6. Fadik sagt:

    Liebe Ohjemine,

    ich weiss nicht in welchen Kreisen du dich bewegst. Ich bewege mich wirklich in solchen Kreisen, die das widerspiegeln was oben kritisiert wird. Die ältere Generation ist noch da und verlangt eine gewisse Akzeptanz von ihrer Verfassung des Korans oder Islams. Die neue Generation… naja die Mehrzahl hockt in irgendwelchen Cafes oder Toto Läden und verplempert ihre Zeit. Meine Auffasung junger Muslime hier in diesem Lande ist wirklich nicht gerade positiv. Von der intensiven Koranexegese mal ganz abgesehen…

    Ich bin der Meinung, dass einige Sachen patriachalisch sind und diese man nicht so leicht ändern lassen kann/darf. Natürlich gab es die ersten „Frauenrechte“ im Islam. Einige sind aber nun mal schlicht weg Menschenrechte… Recht auf Bildung, Recht auf Erbe usw…

    Mir geht es darum, dass man sich in einige Sachen und Themen einfach zu sehr verbeißt und das Wesentliche aus den Augen verliert. Vielleicht kenne ich persönlich zu wenige Personen, die dem entsprechen, was du geschrieben hast.

    Ich finde aber nicht, dass Frau Müller unrecht hat oder unbedingt Werbung für die LIB macht. Das ist nun mal ihre Meinung und ihre Auffassung.

    @Ahmed von Eifohn, DITIB? Um welche Themen kümmert sich denn DITIB? Außer ihren eigenen vier Wänden…

  7. Fikret sagt:

    Ja, das stimmt. Nebenbei gesagt, viele Religionen sind frauenfeindlich. Auch Cristentum. Es ist an erster Stelle die Sache der Frauen, sich dagegen zu wehren.

  8. Europa sagt:

    @Fikret
    „Ja, das stimmt. Nebenbei gesagt, viele Religionen sind frauenfeindlich. Auch Cristentum. Es ist an erster Stelle die Sache der Frauen, sich dagegen zu wehren.“

    Da muss ich Fikret ausnahmsweise mal recht geben. Die Frauen leiden am meisten unter dieser patriarchalischen Gesellschaft, aber es sind auch meist die Frauen die diesen patriarchalischen Lebensstil an ihre Töchter weiter geben, wahrscheinlich noch mit den Sätzen: „Komm mach es, das ist nicht so schlimm…“ und bevor man sich umsieht steckt man mittendrin.
    Die einzige Religion die nicht Frauenfeindlich ist, ist die Vernunft! Aber je religiöser desto weniger vernünftig und desto Frauenfeindlicher wird man, da muss ich der Fadik auch recht geben.

  9. Mika sagt:

    „Die Vorsicht, mit der die Rednerin das Wort ‚feministisch’ in den Mund nimmt und natürlich gleichzeitig weit von sich weist, zeigt, wie verpönt diese Wortwahl in traditionellen Kreisen ist.“

    Nicht nur in traditionellen Kreisen – wohl eher in der Gesellschaft an sich begreift es sich als Unwort! In allen Kreisen, Ethnien, Schichten, Religionen etc. hat es mittlerweile einen negativen Touch angenommen, wenn man sich als „Feministin“ outet!



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