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Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Ein Fremdwoerterbuch

Ein bisschen zu nuttig

Als ich 11 Jahre alt war, besuchte eine Rassismusaktivistin unser Hamburger Jugendzentrum. Die Dame saß in ihrem braunen Leinenkleid vor uns und sprach von Rassismus und Diskriminierung. Meine Freunde und ich waren genervt und gelangweilt. Rassismus ist doch kein Thema mehr, dachte ich. Das war mal – lange her.

VONKübra Gümüşay

 Ein bisschen zu nuttig
Kübra Gümüşay, 22, ist Kolumnistin bei der taz, schreibt als freie Journalistin für verschiedene Publikationen und betreibt den Blog ein-fremdwoer- terbuch.com. Sie studiert Politikwissenschaften in Hamburg und zuvor an der SOAS in London. Kübra ist Gründungsmitglied von Zahnräder, einem Netzwerk von engagierten und aktiven Muslimen in Deutschland.

DATUM23. August 2011

KOMMENTARE17

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung taz

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Ich wäre auf den Slutwalk gegangen, wäre ich nicht im Ausland. Zusammen mit Tausenden anderer Frauen und Männer hätte auch ich gegen sexuelle Gewalt und Verharmlosungen von Vergewaltigungen protestiert – gegen Entschuldigungen. Nicht weil ich mich gern – was auch immer das heißen mag – schlampig anzöge, sondern weil dort gegen ein Problem unserer Gesellschaft demonstriert wird: Wir hegen Sympathie für die Täter und beschuldigen gar die Opfer.

Eine junge Frau wird vergewaltigt. Eine Kopftuchträgerin wird angespuckt. Ein junger schwarzer Londoner wird von einem Polizisten erschossen. Der Südländer wird in der Dorfdisko von Neonazis verprügelt. Die Sinti-Familie bekommt die Wohnung nicht, die korpulente Frau nicht den Job im Bekleidungsgeschäft, die Türkin nicht den Ausbildungsplatz. Aber der Täter bekommt Sympathie.

Ein bisschen empören wir uns natürlich, aber irgendwie verstehen wir den Täter ja auch. Sie sind uns alle ein bisschen zu nuttig, zu anders, zu fremd, zu schwarz, zu exotisch. Doch ich habe es satt, in einer Gesellschaft zu leben, die diese Missstände, ob groß oder klein, stillschweigend hinnimmt. Und ich habe keine Lust mehr, mir anhören zu müssen, ich würde auf hohem Niveau klagen, wenn es doch immer das gleiche Muster ist, das all diese Missstände erzeugt.

Wir geben uns Bildern hin. Statt unser Denken zu überdenken, klagen wir an. Ja, was schleichst du, du Schwarzer, auch nachts vor der Nase der Polizei durch die Stadt? Und was suchst du, du Südländer, in der Dorfdisko? Was ziehst du, du Frau, dich so nuttig an? Wenn du das Kopftuch trägst, dann musst du auch mit den Reaktionen klarkommen. Es sind nicht Einzelpersonen, die an unserem System scheitern – es ist die Mehrheit unserer Gesellschaft, die überall in ihre Schranken verwiesen wird. Das Traurige daran: Wir sind alle von diesem Denken befallen.

Als ich 11 Jahre alt war, besuchte eine Rassismusaktivistin unser Hamburger Jugendzentrum. Die Dame saß in ihrem braunen Leinenkleid vor uns und sprach von Rassismus und Diskriminierung. Meine Freunde und ich waren genervt und gelangweilt. Rassismus ist doch kein Thema mehr, dachte ich. Das war mal – lange her. Es wird niemand mehr vergast, verschleppt und getötet. Es gibt keinen Krieg in Deutschland. Alles ist okay. Es brauchte Jahre, bis ich verstand, dass wir mit unserem Streben nach Konformität heute noch den Lebensdurst der anderen töten.

Vor ein paar Tagen besuchte ich hier in Kairo einen Verein von in Deutschland ausgebildeten Ägyptern. Der Vorsitzende, über 80 Jahre alt, gebrechlich, aber stark, erzählte mir in ausgezeichnetem Deutsch von seiner Promotionszeit im München der 50er, der „besten Zeit“ seines Lebens. An den Wänden hingen Landschaftsbilder, „Deutschland“ stand in Großbuchstaben darauf. Ein deutsches Klavier verstaubte an der Wand.

Als wir über Diskriminierung in Deutschland sprachen, richtete sich der alte Mann auf und schaute mein Kopftuch von der Seite an. Dann drehte er sich wieder weg und sagte in den Raum: „In Rom wie die Römer.“ Einige werden nie verstehen.

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17 Kommentare
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  1. saggse sagt:

    Im Tagesspiegel war heute zu lesen, daß ein Polizist eine Frau erschossen hat, welche die Beamten zuvor mit einem Messer bedoht und verletzt hat. Fällt das nun unter Sexismus oder Notwehr ? Schwierig, schwierig mit den bösen -ismen, die lauern überall. Wenn auf einer Parkbank geschrieben steht : „Nur für Arier“ – ist das Rassismus – keine Frage. Wenn ein Autobahnwegweiser „Muslims only“ zeigt – wie nennt man das ?

  2. MoBo sagt:

    @ Relbrandt: ich habe ihnen lediglich Empathie abgesprochen und wurde sonst nirgends persönlich.

    Sie haben meine Text als Unsinn bezeichnet und bewusst klare Sätze verdreht, ich könnte Ihnen also genauso irgendwas vorwerfen.

  3. MoBo sagt:

    @ Saggse: es geht um Diskriminierungserfahrungen in Deutschland, nicht um Schilder in Saudi Arabien.

    Ihre Taktik scheint ja Reductio ad absurdum zu sein, anstatt mal über die von Frau Gümüsay genannten Probleme in Deutschland lösen zu wollen.

  4. Fritz sagt:

    Warum dürfen in der Türkei eigentlich Ausländer nicht als Arzt oder Rechtsanwalt arbeiten? Warum müssen deutsche Ehefrauen türkischer Männer ihre Aufenthaltserlaubnis erneuern, wenn ihr Mann stirbt?

    Alles kein Rassismus?

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7956757.html

  5. saggse sagt:

    Herr MoBo,
    „Reductio ad absurdum“
    besorgt Frau Gümüsay schon selbst:

    „Eine junge Frau wird vergewaltigt.“
    Wo ? Ist das Vergewaltigen junger Frauen eine deutsche Spezialität ?

    “ Eine Kopftuchträgerin wird angespuckt. “
    Wo ? In Teheran ? Saß das Kopftuch nicht züchtig genug ?

    „Ein junger schwarzer Londoner wird von einem Polizisten erschossen.“
    in Deutschland ? In welchem Kontext ?

    „Der Südländer wird in der Dorfdisko von Neonazis verprügelt.“
    Waren es Neonazis ? O.K. Punkt für Frau G. , wenn`s den Südländer trifft kann`s nur der Neonazi gewesen sein. Im umgekehrten Fall heißt es Folklore.
    „Die Sinti-Familie bekommt die Wohnung nicht, “
    Kontext ? Touristen die als ambulante Kfz.-Pflege agieren ?

    „die korpulente Frau nicht den Job im Bekleidungsgeschäft,“
    Wo hat sie sich beworben ?

    “ die Türkin nicht den Ausbildungsplatz.“
    Welchen Ausbildungsplatz ?

    „Aber der Täter bekommt Sympathie.“

    Wo kommt denn plötzlich der Täter her ?
    Merke: Ohne Angabe des Zusammenhangs ist jede Aussage Quatsch.

  6. Fragezeichen sagt:

    Ich weiß nicht was der Schlusssatz „Einige werden nie verstehen“ nach dem „In Rom wie die Römer“ besagen soll:
    Ist das ein Vorwurf an den alten Ägypter, die „Deutschen“ oder die „Engländer“?
    An die Dorfdiskos?

    Seltsam, seltsam…

  7. Relbrandt sagt:

    dieser Artikel, ja, den könnte man mit Recht POPULISTISCH nennen!

    Und Mobo, Ja, ihr Text über blonde Deutsche mit blauen Augen IST Unsinn. Und „bewusst klare Sätze verdreht“ habe ich bitte wo?
    Sie haben keine Argumente, das ist alles. Sie suchen förmlich danach, wo irgendein Muslim diskriminiert worden sein könnte, was ja bei Ihnen schon „schief anschauen“ ist. Haben Sie aber ein dünnes Fell…. oh oh. Kommen Sie mal runter von Ihrem dauerbeleidigten Ross, die Deutschen sind nicht so schlecht, wie Sie tun.


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