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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Ein Fremdwoerterbuch

Ein bisschen zu nuttig

Als ich 11 Jahre alt war, besuchte eine Rassismusaktivistin unser Hamburger Jugendzentrum. Die Dame saß in ihrem braunen Leinenkleid vor uns und sprach von Rassismus und Diskriminierung. Meine Freunde und ich waren genervt und gelangweilt. Rassismus ist doch kein Thema mehr, dachte ich. Das war mal – lange her.

VONKübra Gümüşay

 Ein bisschen zu nuttig
Kübra Gümüşay, 22, ist Kolumnistin bei der taz, schreibt als freie Journalistin für verschiedene Publikationen und betreibt den Blog ein-fremdwoer- terbuch.com. Sie studiert Politikwissenschaften in Hamburg und zuvor an der SOAS in London. Kübra ist Gründungsmitglied von Zahnräder, einem Netzwerk von engagierten und aktiven Muslimen in Deutschland.

DATUM23. August 2011

KOMMENTARE17

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung taz

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Ich wäre auf den Slutwalk gegangen, wäre ich nicht im Ausland. Zusammen mit Tausenden anderer Frauen und Männer hätte auch ich gegen sexuelle Gewalt und Verharmlosungen von Vergewaltigungen protestiert – gegen Entschuldigungen. Nicht weil ich mich gern – was auch immer das heißen mag – schlampig anzöge, sondern weil dort gegen ein Problem unserer Gesellschaft demonstriert wird: Wir hegen Sympathie für die Täter und beschuldigen gar die Opfer.

Eine junge Frau wird vergewaltigt. Eine Kopftuchträgerin wird angespuckt. Ein junger schwarzer Londoner wird von einem Polizisten erschossen. Der Südländer wird in der Dorfdisko von Neonazis verprügelt. Die Sinti-Familie bekommt die Wohnung nicht, die korpulente Frau nicht den Job im Bekleidungsgeschäft, die Türkin nicht den Ausbildungsplatz. Aber der Täter bekommt Sympathie.

Ein bisschen empören wir uns natürlich, aber irgendwie verstehen wir den Täter ja auch. Sie sind uns alle ein bisschen zu nuttig, zu anders, zu fremd, zu schwarz, zu exotisch. Doch ich habe es satt, in einer Gesellschaft zu leben, die diese Missstände, ob groß oder klein, stillschweigend hinnimmt. Und ich habe keine Lust mehr, mir anhören zu müssen, ich würde auf hohem Niveau klagen, wenn es doch immer das gleiche Muster ist, das all diese Missstände erzeugt.

Wir geben uns Bildern hin. Statt unser Denken zu überdenken, klagen wir an. Ja, was schleichst du, du Schwarzer, auch nachts vor der Nase der Polizei durch die Stadt? Und was suchst du, du Südländer, in der Dorfdisko? Was ziehst du, du Frau, dich so nuttig an? Wenn du das Kopftuch trägst, dann musst du auch mit den Reaktionen klarkommen. Es sind nicht Einzelpersonen, die an unserem System scheitern – es ist die Mehrheit unserer Gesellschaft, die überall in ihre Schranken verwiesen wird. Das Traurige daran: Wir sind alle von diesem Denken befallen.

Als ich 11 Jahre alt war, besuchte eine Rassismusaktivistin unser Hamburger Jugendzentrum. Die Dame saß in ihrem braunen Leinenkleid vor uns und sprach von Rassismus und Diskriminierung. Meine Freunde und ich waren genervt und gelangweilt. Rassismus ist doch kein Thema mehr, dachte ich. Das war mal – lange her. Es wird niemand mehr vergast, verschleppt und getötet. Es gibt keinen Krieg in Deutschland. Alles ist okay. Es brauchte Jahre, bis ich verstand, dass wir mit unserem Streben nach Konformität heute noch den Lebensdurst der anderen töten.

Vor ein paar Tagen besuchte ich hier in Kairo einen Verein von in Deutschland ausgebildeten Ägyptern. Der Vorsitzende, über 80 Jahre alt, gebrechlich, aber stark, erzählte mir in ausgezeichnetem Deutsch von seiner Promotionszeit im München der 50er, der „besten Zeit“ seines Lebens. An den Wänden hingen Landschaftsbilder, „Deutschland“ stand in Großbuchstaben darauf. Ein deutsches Klavier verstaubte an der Wand.

Als wir über Diskriminierung in Deutschland sprachen, richtete sich der alte Mann auf und schaute mein Kopftuch von der Seite an. Dann drehte er sich wieder weg und sagte in den Raum: „In Rom wie die Römer.“ Einige werden nie verstehen.

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17 Kommentare
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  1. OMG sagt:

    Der über 80jährige Agypter hat eigentlich alles gesagt…

  2. Relbrandt sagt:

    „Eine Kopftuchträgerin wird angespuckt. Ein junger schwarzer Londoner wird von einem Polizisten erschossen. Der Südländer wird in der Dorfdisko von Neonazis verprügelt. Die Sinti-Familie bekommt die Wohnung nicht, die korpulente Frau nicht den Job im Bekleidungsgeschäft, die Türkin nicht den Ausbildungsplatz.“

    Einem jungen Deutschen wird das Handy geraubt und ihm dabei die Nase gebrochen. Der Bayer wird in einer Disko in Neukölln aus deutschfeindlichen Motiven niedergestochen. Ein Tourist in der Türkei wird übelst abgezockt. Hans wird in der Hauptschule im Wedding tagtäglich von Arabern gemobbt. Eine blonde, christliche Polin wird von jungen Türkinnen angespuckt und als christliche Schlampe beschimpft.

    Was ich damit sagen will: BITTE, BITTE, BITTE, nicht immer so einseitig!

  3. MoBo sagt:

    Ich habe das aber noch nicht erlebt, dass Deutsche von der Polizei, von Arbeitgebern oder Vermietern systematisch diskriminiert werden.

    Außerdem waren Frau Gümüsays Beispiele aus rassistischen, sexistischen oder fremdenfeindlichen Gründen, Ihr erstes Beispiel ist einfach ein Raub und das dritte Beispiel hat überhaupt nichts mit der Situation in Deutschland zu tun.

  4. Relbrandt sagt:

    Hallo Mobo,

    „dass Deutsche von der Polizei, von Arbeitgebern oder Vermietern systematisch diskriminiert werden.“

    das ist nicht wahr.

    ich war früher in der Punk-und Metal-Szene*, ich wurde systematisch diskriminiert, glauben Sie es mir. Andersherum habe ich einen türkischen Freund, Ingenieur, der wird überhaupt nicht diskriminiert.

    Den Bayern in der Disko in Neukölln kenne ich, war das also etwa kein Rassismus? Und was ist mit Hans? Es gibt diese Diskriminierungen auch andersherum, bitte leugnen Sie das nicht weg. Wir stecken in einem Sumpf, beide Seiten müssen etwas dafür tun, um wieder hauszukommen. Einseitige Schuldzuweisungen sind sowas von kontraproduktiv…

    *eine Religion, eine Lebenseinstellung, wenn Sie so wollen! Sagen Sie jetzt bitte nicht, gut, das kann man ja nicht vergleichen, oder sowas.

  5. OMG sagt:

    @Relbrandt

    Offizielle Meinung auf dieser Seite ist, dass der Hans oder ihr Bayer schlicht und ergreifend nicht diskriminiert werden können, da sie zur deutschen Mehrheitsgesellschaft gehören. Gegenteiliges Empfinden ist schlicht Einbildung oder böswillige Unterstellung.

    Lassen Sie es sich beizeiten einmal von Herrn Brux erklären.

  6. oemer sagt:

    @Relbrandt:
    WORD…ich teile Ihre Meinung vollkommen!!!
    Ich bin selber Türke/Moslem/Deutschtürke was auch immer…und muss sagen dass Sie total recht haben.

    DANKE
    LG

  7. MoBo sagt:

    Niemand hat gesagt, dass es das nicht gibt, das interpretieren Sie da gerade so schön rein – wenn man nämlich eine extreme Meinung hat, dann kann der, der nicht zustimmt ja nur zum anderen Extrem neigen?

    Fakt ist, Relbrandt bringt Einzelbeispiele, Frau Gümüsay nannte Beispiele die häufig vorkommen. Als Mensch mit ausländischer Herkunft wird man in Deutschland an vielen Orten regelmäßig schief angeguckt, anders herum kommt das nur in Ausnahmefällen und nicht flächendeckend vor. Wer das leugnet trägt Scheuklappen.

  8. Relbrandt sagt:

    „Als Mensch mit ausländischer Herkunft wird man in Deutschland an vielen Orten regelmäßig schief angeguckt, anders herum kommt das nur in Ausnahmefällen und nicht flächendeckend vor. Wer das leugnet trägt Scheuklappen.“

    Wie wollen Sie das denn beurteilen? Wenn ich schon mit dieser Meinung auf die Straße gehe, dann sehe ich natürlich überall Leute, die mich schief anschauen. Mein Gott, jeder wird schief angeschaut, wenn er nicht gerade Lieschen Müller heisst, und im Lieschen-Müller-Laden einkauft.

    Ich werde in Spanien in den Geschäften auch „schief angeschaut“. In der Türkei werde ich auch „schief angeschaut“. Ist das schon Diskriminierung? Ich denke, NEIN, solange man ein gesundes Selbstwertgefühl hat. Vielleicht ist es ja auch der verletzte orientalische Stolz, der da mitschwingt? Ich persönlich kann keine Diskriminierung von Ausländern in dem Maße in Deutschland sehen, wie es Frau Gümüsay nennt, tut mir leid. Wenn ich (als Schwuler) in rosa Badehose mit weissen Sandaletten wie in Key West üblich durch Istanbul marschiere, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn mich die Mehrheit der Leute schief ansieht. Wenn mich das stört: In Rom wie die Römer.

    p.s. ich habe tatsächlich einen türkischen Freund

  9. MoBo sagt:

    Ich habe nur wiedergegeben, was mir hochqualifizierte Ausländer erzählt haben. Die sind in deutschen Kleinstädten misstrauisch angesehen worden, weil sie nicht blond/ blauäugig waren. Sie hatten nicht mit soetwas gerechnet und fühlten sich bedroht und sind deshalb in die Großstadt gezogen. Dass sie soetwas erwartet hätten haben Sie jetzt da reininterpretiert, ich rede aber von unvoreingenommenen Akademikern die gerade ankamen.

    In Unterwäsche herumzulaufen ist allgemein nicht Standard. Aber wegen einer anderen Hautfarbe feindselig angestarrt zu werden, ist ein Problem in unserer Gesellschaft. Ich verstehe nicht, warum Sie diese Problematik kleinreden. Warum die von Frau Gümüsay genannten existierenden Probleme mit irgendwelchen anderen Dingen aufgerechnet werden müssen. Wenn eine Nazibande einen Obdachlosen verdrischt und dann Autonome Autos anzünden, dann sind die Seiten ja auch nicht „quit“. Selbst wenn in Kreuzberg Deutsche diskriminiert würden (ich bin regelmäßig dort, habe dort noch nie sowas erlebt oder davon gehört) berechtigt das nicht, dass man Türken oder sonstwen diskriminiert.

    Aus welchen Ländern sie was für Freunde haben ist total irrelevant wenn Ihnen sonst die Empathie fehlt.

  10. Relbrandt sagt:

    „ch habe nur wiedergegeben, was mir hochqualifizierte Ausländer erzählt haben. Die sind in deutschen Kleinstädten misstrauisch angesehen worden, weil sie nicht blond/ blauäugig waren.“

    Selten so einen Unsinn gelesen. Wer ist denn in deutschen Kleinstädten schon blond und blauäugig? Das ist doch wohl eher eine verschwindend kleine Minderheit..

    „Sie hatten nicht mit soetwas gerechnet und fühlten sich bedroht und sind deshalb in die Großstadt gezogen. Dass sie soetwas erwartet hätten haben Sie jetzt da reininterpretiert, ich rede aber von unvoreingenommenen Akademikern die gerade ankamen.“

    Ach, der Nicht-Akademiker kann das also weniger beurteilen? Ich fühle mich in kroatischen Kleinstädten auch „bedroht“, wenn Sie so wollen. Es gibt aber keine Bedrohung.

    „In Unterwäsche herumzulaufen ist allgemein nicht Standard.“
    Nur weil etwas nicht Standard ist, ist es in Ihren Augen rechtens, deswegen diskriminiert zu werden? Ist eine Burka hier bei uns Standard? Ein orientalisches Kopftuch in Mieselhinterbach?

    „Aber wegen einer anderen Hautfarbe feindselig angestarrt zu werden, ist ein Problem in unserer Gesellschaft. Ich verstehe nicht, warum Sie diese Problematik kleinreden.“
    Weil es dieses Problem in dieser Art und Weise nicht gibt. Wenn ich als Schwuler in Hintertupfingen in den Bauernmarkt gehe, sicher, da werde ich schief angeschaut. Auch als Türke meinetwegen. Aber das ist überall so und hat meines Erachtens nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern eher mit der „Exotik“. Die Leute gaffen halt, mein Gott. Hier in München kann ich keine Diskriminierung entdecken, ausser die der „Preissn“, die werden verlacht und verspottet. Na, ja, manchmal im Spaß.

    „Warum die von Frau Gümüsay genannten existierenden Probleme mit irgendwelchen anderen Dingen aufgerechnet werden müssen. Wenn eine Nazibande einen Obdachlosen verdrischt und dann Autonome Autos anzünden, dann sind die Seiten ja auch nicht “quit”. Selbst wenn in Kreuzberg Deutsche diskriminiert würden (ich bin regelmäßig dort, habe dort noch nie sowas erlebt oder davon gehört) berechtigt das nicht, dass man Türken oder sonstwen diskriminiert.“

    Ich bin auch regelmäßig in Kreuzberg und konnte noch nirgends sehen, dass ein Türke irgendwo diskrimniert worden wäre.

    „Aus welchen Ländern sie was für Freunde haben ist total irrelevant wenn Ihnen sonst die Empathie fehlt.“
    Bitte? Sie wurden jetzt schon mehrmals persönlich und beleidigend, merken Sie das?


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