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Liberal-Islamischer Bund

Wir stehen zur freiheitlichen Tendenz im Islam

Liberaler vs. konservativer Islam? – Die Replik von Luay Radhan, 2. Vorsitzender des Liberal-Islamischen Bunds (LIB), auf den MiGAZIN-Beitrag von Eren Güvercin. „Wofür stehen eigentlich unsere Kritiker?“, möchte Radhan wissen.

Am 15. August 2011 veröffentlichte das MiGAZIN einen Artikel von Eren Güvercin mit dem Titel „Liberaler vs. konservativer Islam?“. Gleich zu Beginn heißt es dort: „Am Kern oder den Grundwahrheiten einer Religion festzuhalten, hat nichts mit konservativ zu tun.“ Im Zusammenhang mit der breiteren Debatte, die ich hier einmal „Liberale Muslime und ihre muslimischen Gegner“ nennen möchte, drängt sich hier der Gedanke auf, der Autor unterstellt liberalen MuslimInnen, sie würden eben nicht am „Kern oder den Grundwahrheiten“ des Islams festhalten. Alle Mitglieder, die ich im Liberal-Islamischen Bund (LIB) kennengelernt habe, halten sich an die zentralen Dogmen des Islams. Kenner der Geschichte des Islams wissen, dass die detaillierte Umsetzung von Geboten, selbst von zentralen Dogmen, von Beginn an umstritten sein konnte.

Nehmen wir die zakah (Almosengabe) als Beispiel, die nach der schahadah (Glaubensbekenntnis, dass es nur einen Gott gibt und Muhammad sein Gesandter ist) und dem salah (rituelles Gebet) der drittwichtigste Glaubenspfeiler ist: Darf ich selbst entscheiden, welchen Bedürftigen ich meine Spende gebe, oder muss ich sie erst einmal an die zentrale politische Autorität abliefern? Der 1. Kalif (632-4 n. Chr.) Abu Bakr as-Siddiq bestand auf Letzterem und sah sich gezwungen, gegen die sogenannten murtaddin („Abtrünnigen“) Krieg zu führen, weil für ihn andernfalls die Gemeinschaft auseinanderzubrechen drohte. Damit waren anfänglich nicht einmal seine Nachfolger Umar ibn al-Chattab (reg. 634-44) und Ali ibn Abi Talib (reg. 656-61) einverstanden (Friede sei mit ihnen allen). Kurz und gut: Was die „Einheit“ betrifft, welche „die Vielfalt schon zusammenhalten“ müsse, so kann ich darauf leider keine absolute Antwort geben: Einerseits trifft dies zu, nämlich da, wo bestimmte Grundprinzipien das Fundament des Islams bilden. Andererseits fühle ich mich mit vielen Nichtmuslimen (z.B. Rudolf Rocker) geistig enger verbunden als mit einigen Muslimen (z.B. Husni Mubarak). Individualität gibt es nicht nur in der Religion, sondern auch in politischen Strömungen: Ist man „Sozialist“, heißt das dann Stalinist, Leninist, Marxist, Sozialdemokrat oder Anarchist? Es kann sein, dass ein Sozialist mit einem anderen so gut wie nichts gemeinsam hat, ebenso wenig wie ich mit Usamah bin Ladin.

Natürlich besitzt niemand das Interpretationsmonopol auf die Begriffe „liberal“ und „konservativ“, und Labels um der Labels willen sind sinnlos; aber wenn wir über die komplexen Phänomene unserer Realität reden oder schreiben brauchen wir nun einmal Begriffe, die etwas auf den Punkt bringen. „Liberal“ („freiheitlich“) und „konservativ“ („bewahrend“) sind ja bei weitem nicht die einzigen Beschreibungen für Tendenzen im religiösen Denken, und ich halte sie auch für alles andere als ausreichend. Es geht noch differenzierter – humanistischer Islam, egalitärer Islam, antiautoritärer Islam – aber sind wir schon bereit, dies zu akzeptieren? Wenn wir den Nichtmuslimen und Muslimen (!) in Deutschland und anderswo immer mehr bewusst machen, dass es im Islam neben einer konservativen auch schon immer eine liberale Strömung gegeben hat, dann wäre das ein gesellschaftlicher Wissenszuwachs, und ich halte diese Unterscheidung insbesondere für einen Fortschritt gegenüber der dogmatischen Zweiteilung „das ist islamisch und alles andere nicht“. Wir als LIB verwenden die oben genannten Begriffe nicht inhaltsleer, was ich nun kurz erläutern möchte.

Mittelalterliche Theologen, Juristen und Politiker, die – nicht zuletzt aus Eigennutz – überwiegend einen kirchlichen und staatshörigen Islam verbreiteten, haben beispielsweise die Ansicht vertreten, dass ein Muslim, der seine Religion wechselt, eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gemeinschaft darstellt und deshalb hart bestraft werden muss, schlimmstenfalls mit der Todesstrafe. In Vers (46:34) bedroht der Koran alladhina kafaru („jene, die ungläubig geworden sind“) zwar mit dem Höllenfeuer, aber gibt es auch einen Koranvers, der für den Abfall vom Islam eine weltliche Bestrafung fordert? Nein! Es gibt keinen Koranvers, der für den Abfall vom Islam eine weltliche Bestrafung fordert; ganz im Gegenteil heißt es dort etwa: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (2:256); „Und hätte dein Herr es gewollt, so hätten alle, die insgesamt auf der Erde sind, geglaubt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, Gläubige zu werden?” (10:99); „Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung auf, und streite mit ihnen auf die beste Art. Wahrlich, dein Herr weiß am Besten, wer von Seinem Wege abgeirrt ist; und Er kennt jene am Besten, die rechtgeleitet sind“ (16:125).

Daher glauben viele MuslimInnen, egal wie man sie nun nennen mag, dass das Grundprinzip der Freiheit, einschließlich der Glaubensfreiheit, zum Wesen des Islams gehört, dass der Islam also ganz prinzipiell freiheitlich ist. Das ist keine neue Interpretation des Islams, sondern die ursprüngliche! Diese Ansicht ergibt sich aus dem Streben nach dem wahren Islam, zumindest bei vielen, die darüber nachdenken. Deswegen nennen sich manche Muslime „freiheitlich gesinnte“ oder eben „liberale Muslime“. Sie könnten auch sagen: Wir sind die „richtigen Muslime“ und die anderen sind „vom rechten Weg abgekommen“, aber das wäre zu anmaßend; darum betonen sie ihre Unterstützung für eine freiheitliche Interpretation des Islams.

Zur Glaubensfreiheit gehört natürlich auch die Freiheit der Glaubensausübung beim Beten und Fasten: Wenn wir die theologische und die gesellschaftliche Ebene auseinanderhalten, dann können wir unterscheiden zwischen Fehlverhalten, das von Gott bestraft werden könnte, und Fehlverhalten, das um des Gemeinwohls willen von der Gesellschaft geahndet werden sollte. Ich kann jemanden, der/die nicht betet und fastet, als Sünder/in betrachten, ohne seine/ihre gesetzliche Strafe zu fordern, ihn/sie von der Familie zu verstoßen oder gesellschaftlich zu ächten. Muslime, die den freiheitlichen Geist des Islams richtig verstehen, können auch die Zwangsehe nicht ruhigen Gewissens rechtfertigen, sondern setzen sich für die Freiheit der Partnerwahl ein. Der Islam fordert Muslime und Musliminnen dazu auf, ihre körperlichen Reize nicht zur Schau zu stellen, doch was das genau heißt, muss jedes Individuum mit der Gesellschaft, in der es gerade lebt, selbst ausmachen. Man kann also behaupten, der Islam unterstützt die Freiheit der Kleidung, und wenn jemand auf dem angeblichen Kopftuch-Gebot besteht, dann hoffe ich, dass wir uns wenigstens darauf einigen können, dass jede Frau und Teenagerin selbst entscheiden darf, ob sie eines trägt. Natürlich gehört zur Freiheit der Kleidung ebenso, dass keine Frau oder Teenagerin gezwungen werden darf, das Kopftuch abzulegen.

Dies alles gehört für mich zum Minimum einer freiheitlichen religiösen Gesinnung. Muss man immer wieder die Selbstverständlichkeit betonen, dass eine Handlung, die auf Zwang basiert, moralisch wertlos ist? Allein dadurch entspringt das islamische Gebot der größtmöglichen individuellen Freiheit, so lange man dadurch niemandem ernsthaft schadet.

Es gibt leider noch eine zweite Unterstellung in Eren Güvercins Artikel, die ich als Einzelperson und 2. Vorsitzender des LIB klarstellen muss: Wir würden angeblich „Kunden“ – er meint wohl Politiker – mit unserer Religion zufriedenstellen wollen. Um auf dieses Niveau herabzusteigen, müsste ich wohl schon behaupten: Weil der Autor einen türkisch klingenden Namen hat und liberale Muslime nicht mag, ist er wohl eine Marionette des türkischen Staats. Es wird sich in Zukunft zeigen, wer ein ernst zu nehmender Aktivist/in im Namen des (liberalen) Islam ist und wer gerne den Handlanger der politischen Klasse spielen möchte. Es wäre ratsam, sich von Rufmord fernzuhalten. Und übrigens: Auch ein liberaler Muslim kann politisch gescheit und ein Nichtliberaler politisch naiv sein. Was meine Wenigkeit betrifft, bin ich der Erste, der seine Mitgliedschaft beim LIB aufkündigt, wenn der Verein mit irgendeinem Staat gemeinsame Sache macht. Dass der LIB für klar beschriebene Prinzipien steht, kann man auf unserer Website nachlesen, und dass wir den Vorwurf, wir würden den Islam willkürlich deuten, erwartet haben, sieht man auf unserer Homepage bereits in der 5. Zeile. Dort steht ebenfalls, dass wir uns nicht anmaßen, die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben, aber das hält uns nicht davon ab, unsere Standpunkte selbstbewusst zu vertreten. Wie viele MuslimInnen uns dabei zustimmen, werden wir sehen, Allahu a´lam (Arabisch für: „Gott weiß es besser“).

Wenn jemand liberale Muslime oder den Liberal-Islamischen Bund kritisiert – was absolut berechtigt ist – dann wäre es für eine konstruktive innermuslimische Diskussion notwendig, zumindest ein wenig über die Meinung des Gegenübers zu gesellschaftlich relevanten Themen zu erfahren. Wofür stehen eigentlich unsere Kritiker? Bisher haben wir nichts darüber erfahren, so dass ich eher den Eindruck habe, dass es nun der Liberal-Islamische Bund ist, der unbedingt notwendige Debatten über verschiedene Themen anstößt, die mit MuslimInnen und dem Islam zusammenhängen.