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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Integration im 16:9 Format

Maria Böhmers große Sause und ein Appell an meine türkischen Freunde

In diesen Tagen wirbt Böhmer auf ihrer Homepage für das 50-jährige deutsch-türkische Anwerbeabkommen. Ich frage mich, ob die Bundesregierung dasselbe auch für die Italiener und Spanier getan hat oder es auch für die Marokkaner, Koreaner, Portugiesen oder Tunesier machen wird.

VONMartin Hyun

 Maria Böhmers große Sause und ein Appell an meine türkischen Freunde
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien im Eb-Verlag Hamburg.

DATUM17. August 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Es wunderte mich nicht, dass nach den Anschlägen von Norwegen, die Staatsministerin für Integration Maria Böhmer wieder einmal mehr mit Lautlosigkeit glänzte, als der Unionspolitiker Hans-Peter Uhl versuchte, die Debatte um die Vorratsdatenspeicherung neu zu entfachen. Böhmer fand auch keine Worte, als die Medien einen islamistischen Anschlag vermuteten und auch nicht danach, als feststand, dass ein 32-jähriger christlicher Fundamentalist für die Tat verantwortlich war und auch nicht danach, als sich Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg in seiner Rede an sein Volk für mehr Demokratie, Offenheit und Menschlichkeit aussprach. Maria Böhmer blieb stumm in ihren großzügigen Büroräumen des Bundeskanzleramtes und ihre Mitarbeiter waren beschäftigt mit dem Verfassen eines Grußwortes an die muslimischen Mitbürger zum Beginn des Ramadanfestes.

Mit ihrem G-35 Integrationsbeirats hat es Böhmer fertig gebracht, einen Zirkel zu schaffen, der exklusiv gehalten wird und – wenn schon die Koreaner nicht dabei sein können, dem nordkoreanischen Regime doch sehr ähnelt. Eine Öffnung der G-35 wird strikt abgelehnt. Gespräche finden hinter verschlossenen Türen statt. Ein Eindringen in die abgeschottete Gruppe ist unmöglich. Tonangebend sind Wissenschaftler, Persönlichkeiten und Verbände, die von Böhmer höchstpersönlich ausgesucht wurden. Einstimmigkeit statt Vielfältigkeit.

Einen Beirat wollte Böhmer schaffen, der nach ihren Worten „eine kontinuierliche Beratungs- und Dialogstruktur zum zentralen Zukunftsthema Integration“ darstellt und doch erweckt mir die Gruppe den Anschein von einer „Tea-Party“ ohne politische Bewegung und Motivation. Bei ihrem Handeln geht es Böhmer um ihre Daseinsberechtigung und Sicherung ihres Machterhalts, legitimiert durch handverlesene Migrantenverbände.

In diesen Tagen wirbt Böhmer auf ihrer Homepage für das 50-jährige deutsch-türkische Anwerbeabkommen. 1961 kam es zu dem Anwerbeabkommen zwischen beiden Ländern. Die Bundesregierung plant diesbezüglich große Feierlichkeiten, um dem Jubiläum einen würdigen Rahmen zu verleihen. So wird der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan im Oktober 2011 in Deutschland erwartet und auch Bundeskanzlerin Merkel wird von der Partie sein. Die Koordinierung der Festlichkeiten obliegt mitunter der Staatsministerin für Integration, Maria Böhmer.

Nachdem ich mir die Pressemitteilung durchgelesen hatte, kam mir die Frage auf, ob die Bundesregierung dasselbe für die Italiener getan hatte, die 1955 angeworben wurden oder für die Spanier, die 1960 ein Anwerbeabkommen vereinbarten. Schließlich ist Böhmer seit 2005 Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und hätte sich dafür einsetzen können. Was ist mit den anderen, für die das Jubiläum noch bevorsteht, fragte ich mich. Wird Maria Böhmer sich genauso ins Zeug legen für die Koreaner, die im Jahr 2013, ebenfalls ihr 50-jähriges Jubiläum in Deutschland feiern werden oder für die rund 80.000 Marokkaner? Wird es einen würdigen Rahmen für die 50-jährigen Jubiläen der rund 131.000 Portugiesen im Jahr 2014 geben, sowie für die ca. 25.000 Tunesier im Jahr 2015?

Ich habe meine berechtigten Zweifel. Die Anzahl der Koreaner in Deutschland sei unbedeutend schrieb sie mir einmal, als ich ihr die Frage stellte, warum Koreaner für den Integrationsgipfel nicht berücksichtigt wurden. Bei der nicht Berücksichtigung in den G-35 Integrationsbeirates sollte ich Verständnis dafür aufbringen, dass weitere Aufnahmen von Migrantenverbänden, den Beirat nicht mehr arbeitsfähig machen. Josef Ackermann hingegen, schafft es als einzelner Schweizer Migrant, die Aufmerksamkeit der Bundesregierung zu gewinnen. Böhmer und die Bundesregierung denken in extremen – entweder eine Person oder über Millionen.

Auf der Homepage der Bundesregierung steht, dass es zu Böhmers Aufgaben gehört, „die Integration von Migrantinnen und Migranten zu fördern, geeignete Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Ausländerinnen, Ausländer und Deutsche gut zusammenleben können, das Verständnis füreinander zu fördern, Fremdenfeindlichkeit sowie Ungleichbehandlungen von Ausländerinnen und Ausländern entgegenzuwirken, Ausländerinnen und Ausländern dabei behilflich zu sein, dass ihre Belange angemessen berücksichtigt werden, über die gesetzlichen Möglichkeiten der Einbürgerung zu informieren, darauf zu achten, dass die Freizügigkeitsrechte der in Deutschland lebenden Unionsbürger gewahrt werden“.

Wenn man bei den genannten Aufgabenbereichen und Ziele, jeweils die Wörter „Migrantinnen und Migranten“ sowie „Ausländerinnen und Ausländer“ durch „türkischen Mitbürger“ ersetzt, so erfüllt Böhmer alle diese Ziele. Zumindest schafft es Böhmer den äußerlichen Anschein zu erwecken, vieles für die Türken in Deutschland zu tun, auch wenn dies der Wahrheit nicht ganz entspricht. Mehr denn je brauchen wir eine Integrationsbeauftragte, die alle Gruppen und Minderheiten, die in Deutschland leben, als gleichwertige Dialogpartner behandelt. Während der Amtszeit Böhmers wird das eine Illusion bleiben. Vielleicht wird sich das Problem von alleine lösen. 2013 finden schließlich die Bundestagswahlen statt.

Am 15. August 2011 feiern die Koreaner in Deutschland, wie in jedem Jahr seit ihrer Ankunft in Deutschland, ihren Unabhängigkeitstag. Gefeiert wird am 20. August 2011 in der Europahalle von Castrop-Rauxel. Böhmer, da bin ich mir sicher, wird sich dort nicht blicken lassen und auch kein Wort über die Koreaner verlieren und auch die Mitarbeiter Böhmers im Bundeskanzleramt und im Bundestag werden kein Grußwort verfassen.

Ich baue auf die Kraft der Solidarität und Nächstenliebe meiner türkischen Freunde, die ihr 50-jähriges Jubiläum zum Anlass nehmen, Böhmer und Merkel darauf aufmerksam zu machen und im selben Atemzug einzufordern, dasselbe für die anderen Minderheiten zu tun. Das wäre gelebte Integration. Denn die Rolle des Integrationsbeauftragten, die Böhmer zu ihren Lebzeiten nie erfüllen wird, haben schon lange die Türken in Deutschland übernommen.

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10 Kommentare
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  1. OMG sagt:

    An dem Beitrag sieht man nur, dass es offenbar ein Fehler gewesen ist, überhaupt erst eine einzelne Gruppe gesondert herauszustellen. Das führt dann nämlich zu solch absurden Forderungen. Ca. 190 Nationalitäten in Deutschland, alle ab in den Rat. Wenigstens aber bitte Herr Hyun höchstpersönlich. Das meint er verdient zu haben.

    Liebe Türken, die Feier wird leider abgesagt werden müssen, Herr Hyun ist neidisch.

  2. Pete sagt:

    Ich teile die Meinung von Herrn Hyun. Wenn dann sollte gleiches Recht für alle Gelten!

  3. TomCat sagt:

    @OMG: So ein Blödsinn! Wenn man sich den Artikel ganz genau durchliest, so fordert Herr Hyun nur, dass jene, die ein Anwerbeabkommen mit der Bundesrepublik abgeschlossen haben, gewürdigt werden. Ich sehe da kein Neid, sondern nur die Forderung nach Gleichheit. Warum aber nicht die Feier absagen, dass wäre eine große Tat.

  4. Deniz Kartal sagt:

    Ich kann Herrn Hyun absolut zustimmen. Die Bundesregierung muss so eine Würdigung für alle machen. Das bedeutet, dass zu entsprechender Zeit auch die Jubiläen der anderen Migranten offiziell gefeiert werden sollen. Wer meint das wäre albern und völlig unnötig, sollte sich die USA anschauen. Dort findet die Würdigung seitens des höchsten Regierungsvertreters statt, durch den Präsidenten und hat es zu einer Tradition gemacht. Nur durch Akzeptanz und Würdigung kann eine Identifikation mit der neuen Heimat gelingen. Allerdings muss man sehen, dass man in Deutschland statt Integration eher Assimilation möchte. Assimilation in dem Sinne nicht mehr sichtbar zu sein.

  5. Yavuz Sultan Selim sagt:

    Herr Hyun sollte wissen, dass er sich auf uns Türken verlassen kann. Das tut er auch. Sein letzter Absatz spricht für sich. Die Würdigung eines jeden Migranten, egal welcher Abstammung und wie lautstark er seine Rechte einforderte, sollte natürlich Berücksichtigung finden. Falls die Koreaner nicht eingeladen werden sollten, werden wir sie stellvertreten. Die türkisch-koreanische Verbundenheit ist einzigartig!

  6. Pete sagt:

    @Yavuz Sultan Selim: Historisch bedingt ist die türkisch-koreanische Freundschaft einzigartig. Das stimmt absolut! Die Türken waren es, die während des Korea-Krieges, eines der größten Kontingenten an Soldaten zur Verfügung stellte…

  7. OMG sagt:

    @Yavuz Sultan Selim

    Einheitsfront gegen Deutschland und die Deutschen, gell?

  8. Sinan Sayman sagt:

    Sie sprechen von korea und deutschland, sprechen Sie doch über die Integrationsministerin. Gucken wir uns Integration an und überlegen uns, ob und was an dieser Integrationspolitik nun gut war bzw. ist. Statt ein Wir gibt es Spaltung und Spalter. Also, Frau Böhmer hat keine gute Arbeit geleistet, warum ist sie dann noch Integrationsministerin? In der freien Wirtschaft, hätte sie dort bei der Perfomance ihren Job behalten können, wohl kaum.

  9. Udo sagt:

    Solche Feierlichkeiten könnte man sich generell sparen. Jeder Euro ist besser für Integrationsmaßnahmen im Alltag, die das Zusammenleben in der Gesellschaft und die Bildung fördern, besser aufgehoben.
    Was nützen ein paar Gesten von Merkel und Erdogan, wenn gleichzeitig die Mittel für Sprachkurse gekürzt werden?

  10. Pete sagt:

    @UDO: Gebe Dir da zum Teil Recht! Man hätte eine Feier für alle veranstalten müssen. Das wäre der Sache gerecht gewesen…



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