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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Norbert Lammert

Migranten sollten keine Organisationen gründen, in der sie unter sich bleiben

Was sollte man tun, damit Integration gelingt, wo liegen die Hürden, was sollten Migranten nicht tun? Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU) macht den Auftakt der wöchentlichen MiGAZIN Interview-Reihe: „Warum engagieren Sie sich für Integration in Deutschland?“

VONAndreas Wojcik

 Migranten sollten keine Organisationen gründen, in der sie unter sich bleiben
Dr. Andreas Wojcik, geb. 1972 in Brieg an der Oder; Studium der Germanistik an Universität Bonn, Deutsch als Fremdsprache und Islam- wissenschaften, es folgten Auslandsemester in Polen. Er ist Gründer und Vorsitzender der "Migranten in der Union".

DATUM3. August 2011

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RESSORTAktuell, Interview, Politik

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Andreas Wojcik: Warum engagieren Sie sich für Integration in Deutschland?

Norbert Lammert: Weil wir das gemeinsame Interesse haben, dass Menschen mit und ohne Migrationshintergrund nicht nebeneinander, sondern miteinander in unserer Gesellschaft leben.

Wojcik: Was sollen andere (Menschen, Organisationen) tun, damit Integration gelingt?

Lammert: Eine wechselseitige Aufgeschlossenheit zwischen Menschen unterschiedlicher religiöser Überzeugungen und mit unterschiedlicher kultureller Herkunft ist notwendig. Wichtig ist, dass tatsächlich auf beiden Seiten die Bereitschaft besteht, zuzuhören, dazuzulernen und unterschiedliche Überzeugungen wechselseitig zu respektieren. Nur dann hat der Dialog auch Aussicht auf Erfolg. Stattfinden muss er letztlich überall dort, wo Menschen mit unterschiedlicher Überzeugung und Herkunft aufeinandertreffen: in Schulen, Vereinen, Universitäten, am Arbeitsplatz. Und beginnen kann man damit schon im Kindergarten.

Wojcik: Wo liegen Ihrer Meinung nach noch konkret die Hürden?

Lammert: Integration kann nur gelingen, wenn neben ökonomischen und sozialen auch kulturelle Mindestvoraussetzungen für das Zusammenleben sichergestellt sind. Es ist ja im Übrigen auch kaum noch umstritten, dass die Gemeinsamkeit der Sprache eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung für gelebte Multikulturalität ist, die Verständigung ermöglicht und damit friedliches Zusammenleben fördert. Auch wenn die Einsicht da ist, die Umsetzung muss noch besser gelingen.

Wojcik: Welche Aufgaben sollten Europa, Bund, Länder und Kommunen übernehmen?

Im zweiten Teil dieser Interviewreihe (10. August) beantwortet Aygül Özkan (CDU), Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen, die Fragen.

Lammert: Jede Gesellschaft benötigt einen Mindestbestand an gemeinsamen Überzeugungen und Orientierungen. Kein politisches System kann ohne kulturelles Fundament gemeinsam getragener Überzeugungen seine innere Legitimation aufrechterhalten. Aufgabe der Politik auf allen Ebenen ist es, genau dafür immer wieder einzutreten – wobei sie die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Akteure dringend braucht. Nur was vor Ort selbstverständlich geworden ist, kann auch im ganzen Land und in der europäischen Gemeinschaft gelingen.

Wojcik: Was sollten sie nicht tun?

Lammert: Weitere selbständige Organisationen gründen, in der Migranten unter sich bleiben.

Wojcik: Welche Erlebnisse und Erfahrungen haben Sie mit dem Thema Integration?

Lammert: Viele – und ganz unterschiedliche. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, einer Region die durch Zuwanderung erst wirklich entstanden und bis heute stark durch sie geprägt ist. Mein Erleben ist, dass nicht nur das Ruhrgebiet, nicht nur Deutschland, sondern Europa – bei allen Schwierigkeiten – der Begegnung der Kulturen unendlich viel verdankt. Und dass Zusammenleben möglich ist, wenn man es will – auf beiden Seiten.

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14 Kommentare
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  1. Ja… und deshalb TYPISCH DEUTSCH e.V. ! 🙂

  2. […] Er ist Gründer und Vorsitzender der "Migranten in der Union". … Read more on MiGAZIN Tags: Beiheft, Bundesländer, Découvertes, fortgeführte, Französisch, Fremdsprache, […]

  3. Serdar sagt:

    Migranten sollten keine Organisationen gründen, in der sie unter sich bleiben

    Aber Organisationen werden doch deswegen gegründet, weil man unter sich sein will, sonst wären es doch keine Organisationen oder Vereine.

  4. Selim Ahmet Yerli sagt:

    Deutsch sollten aufhören Organisationen für Deutsche in Deutschland zu gründen.

  5. Snillisme sagt:

    @ Selim
    Nun haben Sie doch bitte noch etwas Geduld.

  6. Kai Diekelmann sagt:

    Die Forderung von Herrn Lammert birgt Konfliktstoff bzw. lädt dazu ein, falsch (als Einschränkung der Rechte von Migranten) missverstanden zu werden. Recht verstanden zielt Lammert doch darauf ab, im ersten Schritt einer Zweiteilung der Gesellschaft in Menschen mit und Menschen ohne Migrationshintergrund eine klare Absage zu erteilen und langfristig das Merkmal „Migrationshintergrund“ überflüssig werden zu lassen. Denn wenn das das Ziel ist, würde niemand mehr auf die Idee kommen (müssen), sich wg. des eigenen Migrationshintergrunds mit anderen Migranten solidarisieren und organisieren zu müssen.
    Zu Selim Ahmet Yerli: Ich stimme Ihnen völlig zu, dass es keine Organisationen geben sollte, in denen Deutsche unter sich bleiben wollen.

  7. Nobert Lammert macht hier deutlich, dass er mit der Vereinigungsfreiheit nicht wirklich etwas anfangen kann.
    Sein Ziel scheint der verbindende Einhietsbrei zu sein, den es in der offenen Gesellschaft so nicht gibt.
    Vereinigungsfreiheit hat einen positive und eine negative Komponente.
    Diese gelten jeweils individuell und kollektiv.
    D.h. jeder muß sich mit wem auch immer (zu legalen Zwecken) zusammentun dürfen; er/sie darf aber dazu niemals gezwungen werden.
    Die Vereine haben das Recht, sich auszusuchen, mit wem sie ihre Zwecke verfolgen wollen – wie die großen Parteien z.Zt. erleben, auch mit dem Risiko, ihre Zielgruppen nicht mehr zu finden.

  8. vulkansturm sagt:

    Migranten sollten keine Organisationen gründen, in denen sie unter sich bleibern?????
    Gilt das auch für die Deutschen, die z.B. in Alanya oder Antalya dauerhaft leben? Dürfen die dann auch keine christlichen Gemeinden an ihren Wohnorten gründen, weil sie vielleicht dort unter sich bleiben?

  9. Konakli sagt:

    @vulkansturm

    Die im Raum Antalya/Alanya lebenden Deutschen (genannt „Residenten“) sind zu ca.90% Rentner( ohne Kinder !), die ihren Lebensabend dort verbringen wollen, keiner Erwerstätigkeit nachgehen, keine Sozialansprüche an den türkischen Staat stellen, und ihre Rente aus Deutschland überwiesen bekommen.

    Mit dieser Rente kaufen sie dann Waren/Dienstleistungen, und fördern damit die türkische Wirtschaft.

    Die christliche Gemeinde in Antalya und Alanya ist sehr klein, es gibt alle 1-2 Wochen einen Gottesdienst (denn auch ein paar türkische Christen besuchen), in Alanya in einem Raum unter dem städt. Kulturhaus, in Antalya im Erdgeschoss eines Wohnhauses. NICHT in einem Kirchengebäude.

    Wollen Sie das also ernsthaft mit der Situation in Deutschland vergleichen ?

    P.S. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit „Willy’s Kneipe“ in Alanya, dort werden Sie kaum deutsche Residenten antreffen, sondern deutsche Touristen.

  10. Rotormitsch sagt:

    hi vulkanstrurm, Sie verleichen Äpfel und Birnen.

    eine Gemeinde ist keine Organistation. Erstens. Zweitens dürfen die Christen in Alanya keine Kirche für Ihren Gottesdienst benutzen, sondnern nur ein privates Gemeindehaus. Drittens.Sind die wenigen, die dort unten sind, sich selbstfinanzierende Rentner und keine christllchen Fundamentalisten. Kämen aus deren Reihen Selbstmordatttentäter oder Terroristen, würde ich eine eingehende Überwachung befürworten.

    Religion in der Türkei:

    „Nach mehreren Gewaltakten gegen Christen in der Türkei (siehe Christenverfolgung), wie dem Pogrom von Istanbul, sowie der Auswanderung der Juden nach Israel, kam hingegen das kulturell einst reiche christliche und jüdische Leben in der Türkei praktisch bis heute zum erliegen.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Religion_in_der_T%C3%BCrkei


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