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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

HEyMAT

Güner Balcı. Eine weitere Ethno-Unternehmerin?

Güner Balcı wollte – um es einmal salopp zu formulieren – doppelt Kasse machen, indem sie zweimal mit Sarrazin durch Kreuzberg tingelt, um Deutschlands Lieblingsthema Integration an den Mann oder die Frau zu bringen. Einmal mit dem ZDF, das andere Mal mit dem RBB.

VONCoşkun Canan

 Güner Balcı. Eine weitere Ethno-Unternehmerin?
Geboren 1978 in Mannheim, Studium der Soziologie mit Schwerpunkt empirischer Sozialforschung an der Universität Mannheim, seit Januar 2010 wiss. Mitarbeiter im Projekt HEyMAT an der Humboldt-Universität zu Berlin.

DATUM2. August 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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An und für sich ist es ja auch keine schlechte Idee Herrn Sarrazin mit den Menschen zu konfrontieren, über die er sich so gerne äußert und schreibt. Dumm nur, dass der Zuschauer nicht zweimal dasselbe sehen will und der RBB vor diesem Hintergrund ihr Interesse am Fernsehbeitrag verloren und Frau Balcı von ihrer Aufgabe, eine Dokumentation zu produzieren, entbunden hat. Von manchen wurde der Rausschmiss als Intrige, also als eine Art politische Entscheidung gesehen, die aus den gemischten Gefühlen nach Frau Balcıs erstem Fernsehbeitrag mit Sarrazin im ZDF („Aspekte“) hervorgegangen ist. Aber im Nachhinein kann viel interpretiert werden!

Feststeht, dass eine Abmachung um Exklusivität des Beitrags zwischen dem RBB und der beauftragten Produktionsfirma gebrochen wurde. Es hatten sich rationale Akteure mit bestimmten Interessen getroffen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen und ihren Nutzen daraus zu ziehen. Die einen waren an Quoten, die anderen an einem „fetten“ Auftrag und an ihrem Marktwert interessiert. Und das Produkt hieß Integration. Das ist auch ganz legitim. Doch Frau Balcı konnte offenbar nicht genug kriegen und versuchte zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, wodurch sie die Abmachung bezüglich der Exklusivität brach und hochkantig herausflog. Man könnte auch sagen, sie hat zu hoch gepokert.

Dass es Menschen gibt, die ein überordentliches Interesse an der Ethnisierung von Sachverhalten haben, ist nichts Neues. Aber wenn ethnische UnternehmerInnen so tun, als seien „ethnische Produkte“ allein nur Ergebnisse einer journalistischen Aufgabe oder moralischen Pflicht, dann ist das scheinheilig. Es ist durch und durch rational, wenn Ethno-UnternehmerInnen, die sich auf negative Integration spezialisiert haben, sich an Sarrazin klammern, um so die eigenen Geschichten über bestimmte Gruppen besser zu verkaufen.

Aber Deutschlands Lieblingsthema Integration braucht keine Ethnisierung. Ganz im Gegenteil, es braucht den manchmal tristen Routinealltag der großen Mehrheit von Menschen, die tagtäglich ihr Glück im Rahmen ihrer Möglichkeiten suchen. Mag es der Arbeiter sein, der sich in der Gewerkschaft engagiert, die Ingenieurin, die Beruf und Familie vereinbart, der Langzeitarbeitslose, der sich fürsorglich um seine Familie kümmert, die Schülerin, die sich für den Umweltschutz einsetzt, der Senior, der im Pflegeheim lebt etc. Die Bewältigung des Alltags ist immer auch mit Schwierigkeiten verbunden. Doch zu unterstellen, dass Menschen sich ihrer Probleme nicht bewusst sind und in einer „ethnischen“ Parallelwelt leben, ist peinlich.

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11 Kommentare
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  1. […] Güner Balcı. Eine weitere Ethno-Unternehmerin?  (Coşkun Canan / Migazin / 02.08.2011) […]

  2. Lutheros sagt:

    Nun Herr Canan,
    Wenn einem das Gesagte nicht gefällt aber man keine Gegenargumente hat – dann haut man aufjenigen, der es ausspricht?

    Frau Balci berichtet in Ihren Beiträgen über das, was Türken gern verschweigen. Sie zeigt die Probleme am ganz anderen Ende der Skala auf. Journalismus hat die Aufgabe zu berichten, und diesen Auftrag nimmt sie wahr. Was ist ihre Maxime – Realitäten leugnen? Mit „peinlich“ diskreditieren? Probleme löst man, indem man sie anspricht und sich mit Ihnen auseinandersetzt.

    Ihr Vorwurf ist inhaltlich falsch.
    Im RBB Auftrag steht ein Langzeitporträt über Sarrazin im Fokus – eine Dokumentation über eine Person. Im ZDF war eine Einzelszene der Inhalt. Es wird nicht zweimal das gleiche verwertet. Warum setzen Sie dies gleich?
    Der RBB hat nicht wegen Verletzung irgendwelcher Exklusivrechte die Vereinbarung gekündigt. Er sprach von Belastungen. Zu diesen Belastungen gehört ein Paket, und das wird u.a. auch gefüllt mit seltsamen Praktiken der Produktionsfirma Lona Media.

    Statt auf Balci einzuhauen, hätten Sie Ihr auch einen Hauch Ohr schenken können: Am Ende der Dokumentation werden wohl die Sarrazinfans auf sie einhauen, bei dem, was sie zu berichten weiss.

  3. C. Canan sagt:

    Es sind zentrale Elemente der Idee, die gedoppelt wurden, da kann man das Verhalten des Auftraggebers durchaus verstehen.
    Ob Frau Balci das naive, unwissende, betrogene Lämmchen bei dieser ganzen Angelegenheit ist, ist Interpretationssache. Feststeht, sie hat sich -vor dem Hintergrund ihrer Interessen- für die Sendung mit dem ZDF frei entschieden und in dem Moment, in dem sie vor der Kamera stand und zentrale Elemente einer bereits verkauften Idee nachgespielt hat, war der Vertrag gebrochen.
    Ich habe kein Problem damit, wenn Probleme angesprochen werden. Ich habe ein Problem damit, wenn Probleme konstruiert und nicht differenziert betrachtet werden. Wenn Frau Balci in einem Spiegel Artikel (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-76121047.html) folgende Situation beschreibt: „Viele junge Musliminnen leiden unter der strengen Moral ihrer frommen Eltern – und pendeln täglich zwischen Tradition und westlicher Moderne. Die Folgen sind oft häusliche Gewalt, Spätabtreibungen und eine erhöhte Suizidgefahr.“
    Was bedeute hier „viele“ eine Person, zwei Personen oder 100? Was bedeutet hier „oft“ jeden Tag, einmal im Jahr, 10 mal im Jahr? Was ist erhöhte Suizidgefahr und welche Faktoren spielen eine Rolle? Wann und wie tritt häusliche Gewalt auf? Was sagen die Eltern dazu? etc. Sie schreibt zwei Eingangs-Sätze und hat ein bestimmtes Bild konstruiert, ohne etwas bewiesen zu haben. Und im weiteren Verlauf des Textes versucht sie dieses Bild zu rechtfertigen und nirgendwo eine Zahl, weil es keine Zahlen gibt, das weiss sie auch: „Die Folgen dieses Doppellebens sind kaum untersucht. Familien- oder Bildungsminister, Ausländerbehörden, Selbsthilfegruppen – fast nirgendwo gibt es verbindliche Zahlen, gesicherte Erkenntnisse.“ Nun frage ich mich, warum so ein Eingangstext im Speziellen, in dem sie ein bestimmtes Bild von „vielen Musliminnen“ konstruiert und bestimmte negative Folgen unterstellt, sie kann doch einfach schreiben „zwei Musliminnen haben berichtet.“ Und meine Antwort kennen Sie. So lassen sich ihre Geschichten besser verkaufen. Ich weiss nicht, ob Frau Balci sich selbst als Journalistin sieht, in meinen Augen ist sie das nicht, weil ihr Blick aufgrund ihrer früheren Tätigkeit als Sozialarbeiterin offenkundig zu sehr verzerrt ist.

  4. Snillisme sagt:

    Daß es mittlerweile eine regelrechte Integrationsindustrie gibt, um die Folgen der von Balci aufgezeigten Mißstände geradezubügeln, stört Sie aber nicht!?

  5. Andreas sagt:

    Ob Frau Balci das alles nur provoziert hat, ist mir egal. Mir hat hinterher der Artikel von Sarazzin bei Welt am Sonntag schon gereicht. Da beschreibt er am Ende sich selbst: „Ein verdienter ehemaliger Senator…“
    So etwas kann ich über andere schreiben, aber doch niemals über mich selbst! Der Mann hat einfach keine Kinderstube. Selbst wenn er mal recht hat, wirkt er noch beleidigend auf seinen Gegenüber.

  6. Snillisme sagt:

    @ Andreas
    Sie haben ja so recht, man muß sich im Leben auch über Kleinigkeiten freuen!

  7. Leila Irvanipour sagt:

    Bei aller Erregung über Güner Balci, ob jetzt berechtigt oder nicht, sollte einem Forscher der Heymat an der FU sehr wohl die Untersuchungen von Dr .Schouler-Ocak bei der Charite bekannt sein:

    „Frau Schouler-Ocak, ist der Suizid-Anteil unter der türkischstämmigen Frauen so hoch, dass sie vom Charité als eine besondere Fokusgruppe behandelt werden sollen?

    In Deutschland wurde bislang immer bei Suiziden nach Nationalitäten unterschieden. Deutsche und Nicht-Deutsche, mehr nicht…Man hat aber zufällig bei diesen Daten festgestellt, daß junge türkische Frauen im Alter von 16-2 Jahren sich doppelt so häufig suizidiren wie einhemische gleichaltrige Frauen. In der Regel suizidieren sich Männer häufiger als Frauen – mit dieser kleinen Ausnahme- , aber Frauen machen mehr Suizidversuche. Wenn man sich die Daten von Suizidversuchen anguckt, der Anteil von türkischstammigen Frauen liegt viel höher als andere Frauen in Deutschland.“

    […]

    weitere Informationen dazu :
    http://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/2556.php
    http://www.suskunlugunasonver.de/

    Währenda n der FU die Soziologen und Politologen ideologisch vor sich hinschwurbeln, leisten andere praktische Hilfe.

    Es gibt sehr wohl

    Frau Schouler-Ocak, ist der Suizid-Anteil unter der türkischstämmigen Frauen so hoch, dass sie vom Charité als eine besondere Fokusgruppe behandelt werden sollen?

    In Deutschland wurde bislang immer bei Suiziden nach Nationalitäten unterschieden. Deutsche und Nicht-Deutsche, mehr nicht…Man hat aber zufällig bei diesen Daten festgestellt, daß junge türkische Frauen im Alter von 16-2 Jahren sich doppelt so häufig suizidiren wie einhemische gleichaltrige Frauen. In der Regel suizidieren sich Männer häufiger als Frauen – mit dieser kleinen Ausnahme- , aber Frauen machen mehr Suizidversuche. Wenn man sich die Daten von Suizidversuchen anguckt, der Anteil von türkischstammigen Frauen liegt viel höher als andere Frauen in Deutschland.

  8. Sinan A. sagt:

    Sehr schön,
    der Prenzlberger als Einsteiger, und die Iranerin hängt sich gleich mit neuen Baustellen dran, die Coşkun Canan angeblich ignoriert, weil er nur ideologisch vor sich hinschwurbelt.

    In dem Interview mit Schouler-Ocak kommt so etwas wie Armut, Hoffnungslosigkeit und fehlende Perspektive auf eine sichere Existenz nicht vor. Stattdessen Zwangsheirat und Ehrenmord. In einem Portrait von 2005 im Ärzteblatt liest sie sich noch ganz anders.

    http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=49565

    Ist das etwa keine Ideologisierung? Diese völlig verschiedenen Muster, die noch vor 6 Jahren und die heute vorgetragen werden. Keine Ethnisierung von Sachverhalten? Oder wie kommt man schneller in die bundesdeutsche Presse als mit griffigen Vokabeln wie Zwangsheirat und Ehrenmord?

    Und für Ronald Gonko, dem das alles hochgradig suspekt ist:

    Wer will schon Konzertkritiken von Güner Balcı lesen? Oder von ihr im Morgenmagazin begrüßt werden? Welche Alternative hat sie zur ihrer jetzigen Arbeit?

  9. Leila Irvanipour sagt:

    @Sinan A. sagt:
    — neue Baustelle—

    Diese Baustelle wurde nicht von mir , sondern von Coşkun Canan am 3. August 2011 um 08:55 eröffnet. ich habe mir erlaubt darauf hinzuweisen, dass es mittlerweile Forschung und Daten gibt, die Coşkun Canan offensichtlich entgangen sind, aber die sicherlich für das Heymat-Projekt interessant sein könnten. Es soll auch im Rahmen der Forschung vorkommen, dass es neue erkenntnisse gibt. Es steht Ihnen frei andere Forschungsergebnisse zu präsentieren, da Sie anscheinend auf dem selben Gebiet forschen. Vielleicht könnten Ihre Forschungsergebnisse hilfreich für Frau Schouler-Ocak sein. Bisher kann ich keine Ideologisierung erkennen, deshalb warte ich gespannt auf die von Ihnen erhobenen Daten.
    Zu den Alternativen für Frau Balci: ich bin mir sicher, das ich mir um sie keine Sorgen zu machen brauche. Hybride Identitäten stehen zur Zeit hoch im Kurs.
    Zur Kenntnisnahme, ich bin keine Iranerin, sondern Deutsche mit iranischen „Wurzeln“.

  10. C. Canan sagt:

    @Leila Irvanipour

    Mit Verlaub, aber erzählen Sie mir nichts von neuer Forschung. Sie haben hier immer noch keine Zahl genannt? Es gibt eine Studie von O. Razum und · H. Zeeb „Suizidsterblichkeit unter Türkinnen und Türken in Deutschland“, ich vermute mal, dass sich Frau auf diese Studie bezieht? Von Frau Schouler-Ocak habe ich sonst keine Zahlen gefunden, die gibt es anscheinend nicht, das behauptet ja auch Frau Balci. Oder haben Sie eine andere Studie im Kopf? Und ich möchte noch vorausschicken bevor Sie mir antworten, dass natürlich auch eine Oberärztin ein eigenes Interesse daran haben kann, dass eine neu gegründete Abteilung weiter besteht und „schockierende“ Studien verwendet werden, um diese Abteilung zu rechtfertigen und bekannt zu machen, obwohl es vielleicht um andere Dinge wie z.B. psychologische Fragen von Personen türkischer Herkunft geht, die eine türkisch sprechende Ärztin vielleicht besser beantworten kann.


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