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Sprichwörter

Hurra, wir differenzieren!

„Differenzierung verbindet, Egalität spaltet.“ Dieser im ersten Moment widersprüchlich daherkommende Zitat von Leon Tsvasman, ein deutsch-russischer Literat, beschreibt nichts anderes, als das, was in Norwegen geschehen ist.

Was der Mörder von Marwa El-Sherbini im Dresdener Landgericht und der Brandleger in zahlreichen Moscheen nicht geschafft haben, hat Anders Behring Breivik mit seinem Bombenanschlag in Oslo und seinem Massaker im norwegischen Insel Utoya bewirkt. Er hat den hiesigen Medien die seit Jahren nicht mehr praktizierte Differenzierung in Erinnerung gerufen.

Der Täter hatte sich diesmal nicht die „Anderen“, sondern die „Eigenen“ als Opfer ausgesucht. Also musste er ein islamistischer Terrorist sein und die mutmaßlichen Drahtzieher dunkelbärtige, grimmig daherschauende Araber. So jedenfalls die Bebilderung der Nachrichten der ersten Stunden nach dem Anschlag. Als bekannt wurde, dass der Täter Breivik heißt und den Musterschwiegersohn vieler Schwiegermütter abgeben könnte, dämmert es den Medienmachern. Da saß man aber schon längst selbst in der Schublade, aus der man sonst „die Anderen“ zieht.

Im Gegensatz zum Dresdener Landgerichtsfall oder den Brandanschlägen auf Moscheen war man diesmal gezwungen, in den Spiegel zu schauen und sich damit auseinanderzusetzen. Und zwar differenziert. Sonst hätte man folgerichtig auch über den christlich-fundamentalistischen Terrorismus schreiben müssen. Das aber konnte und durfte es – richtigerweise – nicht sein. Es war „nur“ die Tat eines Einzeltäters, dessen geistige Nahrung die Islamkritiker herstellten.

Hurra!
Der All-Inklusive-Pauschalisierer der Nation, Henryk M. Broder, bestreitet das in einem Interview freilich, kann aber nicht überzeugen. In seiner Not – denn diesmal geht es um ihn – wird er „kleinlich“ und fängt ebenfalls zu differenzieren an. Hurra! Untypisch für ihn, redet er von komplexen Zusammenhängen – hurra!, fehlenden Belegen – hurra!, einem Sündenbock – hurra! – und falschen Analogien – hurra! Unterm Strich hoffe er aber trotzdem nicht, dass ein Sensor in seinem Kopf ihn künftig über seine Wortwahl mahnt, wenn er über die „Islamisierung Europas“ schreibt.

Schon mit einem Funken an Gewissen wird dieser Sensor aber mahnen und er und seinesgleichen werden hören. Denn die Frage ist nicht, ob Breivik die Tat auch ohne den Output der Islamkritiker begangen hätte. Da wären wir schon am Ende der Kausalkette. Vorher muss eine andere Frage beantwortet werden: Woher hat der Täter sein gestörtes Weltbild, die Saat der Tat? Die Antwort steht im Manifest, den der Täter zusammengestellt und verbreitet hat.

Natürlich hätten Worte Konsequenzen, sagt Broder in seinem Interview weiter. Das wisse man aber immer erst retrospektiv. Eloquent und rhetorisch gekonnt – so wie er ist – wirft er daher die Frage in den Raum: „Soll man deshalb gar nichts sagen – damit man auf keinen Fall missverstanden wird?“ Nein, natürlich nicht. Darum geht es aber auch nicht. Denn auch das ist die falsche Frage. Die Richtige fragt nicht nach dem „Ob“, sondern nach dem „Wie“. Und hier lautet die richtige Antwort: differenziert, genauso, als ginge es um die eigene Haut.