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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Ein Fremdwoerterbuch

Mein Problem mit dem Gesichtsschleier

Es ist unser dritter Tag in Kairo, und wir sind zum ersten Mal bei Nachbarn zum Essen eingeladen. Mina steht am Küchentresen und macht Hamburger. Dabei trägt sie ein langes Kleid, eine Hochsteckfrisur und ist geschminkt. Ihre Freundin sitzt in Hose und engem T-Shirt lässig auf dem Küchenstuhl und streicht sich die kurzen Haare aus dem Gesicht.

VONKübra Gümüşay

 Mein Problem mit dem Gesichtsschleier
Kübra Gümüşay, 22, ist Kolumnistin bei der taz, schreibt als freie Journalistin für verschiedene Publikationen und betreibt den Blog ein-fremdwoer- terbuch.com. Sie studiert Politikwissenschaften in Hamburg und zuvor an der SOAS in London. Kübra ist Gründungsmitglied von Zahnräder, einem Netzwerk von engagierten und aktiven Muslimen in Deutschland.

DATUM28. Juli 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung taz

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Wir Frauen unterhalten uns über das Leben in Kairo. Sie geben mir Einkaufstipps und empfehlen Restaurants. Wir sprechen über Sprachschulen und die islamische Universität Al-Azhar. Plötzlich baut sich Minas Freundin auf. Sie erzählt mir, sichtlich verärgert, dass es an der Universität Al-Azhar doch tatsächlich Frauen gäbe, die unterrichteten.

Ich sage, dass ich nichts Verwerfliches daran erkennen kann. Schließlich ist es doch selbstverständlich, dass Frauen Wissen erwerben und weitergeben. „Aber doch nicht an Männer!“, ruft sie. Niemals würde sie sich an der Al-Azhar unterrichten lassen – nicht von einer Institution, die solche Frauen toleriere. Mina nickt zustimmend.

„Was ist denn schlimm an einer Frau, die unterrichtet? Auch du willst doch nicht bloß wegen eines Stück Tuchs verurteilt werden“, entgegne ich. Sie schaut mich mit großen Augen an und sagt dann empört: „Schwester, ich trage einen Niqab [Gesichtsschleier].“ Ich bin überrascht. Will weder sagen, was ich denke, noch was ich alles so tue.

Einige Wochen später fängt mein Arabischkurs an. Ich bin froh und euphorisch, will das Land und die Leute besser verstehen. Im Klassenzimmer warte ich auf meine Lehrerin. Dann betritt meine Lehrerin Reehan den Raum. Sie trägt einen Niqab. Plötzlich fühle ich mich unwohl. „Du bist doch offen und liberal, Äußerlichkeiten sind dir nicht wichtig“, sage ich mir. Reehan schließt die Tür und nimmt ihren Schleier ab. Freundlich begrüßt sie mich und fängt mit dem Unterricht an. Ich lerne nicht viel an diesem Tag.

Ich beschließe, ich will Reehan kennenlernen. Zu Beginn der nächsten Unterrichtsstunde sage ich, dass ich dieses Mal das Reden üben möchte und schieße gleich mit der ersten Frage los: „Warst du auch auf dem Tahrirplatz?“ „Selbstverständlich“, sagt sie. Sie kramt ihr Handy heraus, setzt sich neben mich und zeigt mir Fotos von der Revolution. Dabei erklärt sie mir die Bilder und schreibt gleichzeitig neue Vokabeln auf.

Sie liest mir ein Protestschild vor, bei dem es um den ehemaligen ägyptischen Polizeipräsidenten geht. „Er ist ein schlechter Mann. Er hat versucht, Muslime und Christen auseinanderzutreiben, indem er in Alexandria einen Anschlag auf eine Kirche verüben ließ.“ „Warum?“, frage ich. „Um die Bevölkerung von ihren Machenschaften abzulenken“, erklärt Reehan. Dann erzählt sie davon, wie sie die Kopten beschützten und die Kopten sie beschützten. Dass Religion in solchen Fällen egal ist, dass sie alle zusammengehören, weil sie Ägypter sind.

Bei einem Bild bleiben wir hängen. Es ist Nacht, überall sind protestierende Menschen zu sehen. Dazwischen steht ein großes Stück Stoff in Grau mit einer ägyptischen Flagge. „Das bin ich!“, sagt Reehan und lacht – zusammen mit mir.

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3 Kommentare
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  1. Anne sagt:

    Kübra, vor etlichen Jahren, als der Niqab noch gar kein Thema war, sagte mir einmal ein Nichtmuslim, ich müsse doch gerade verstehen, dass Frauen, die Niqab tragen wollen, auf meine Unterstützung Anspruch hätten. Ebenso, wie ich sie als Kopftuchträgerin von anderen erwarte. Das war mir irgendwie eine Lehre, und auch wenn ich nicht Niqab trage, verteidige ich jedoch jede Schwester, die es möchte. Zu oft habe ich mich über nicht bedeckte Muslima geärgert, die mir in den Rücken fielen ….

  2. Fikret sagt:

    Weder ich noch meine Frau hat solche Probleme. Ich wundere mich, wie man Koran so falsch interpretrieren kann. Jedenfalls das stört mich überhaupt nicht. Ich finde das ist hässlich. Aber, jeder muss selber entscheiden.(Ich meine damit nicht die vor-pubätere Kinder).

  3. Halil sagt:

    @Fikret

    „Wer auch immer über den Koran auf Grundlage seiner Meinung spricht, wird einen Platz im Höllenfeuer haben.“ Ausspruch unseres Propheten (sallallahu alejhi we selam)

    Ich möchte sie nicht persönlich angreifen, verstehen sie mich bitte nicht falsch, sondern ich habe den Hadith hier angebracht, um zu zeigen, wie wir heutzutage leider zu sehr nach unserer Meinung den Islam bzw. den Qur’an interpretieren, obwohl dies eine schwerwiegende Angelegenheit ist.
    Es kann natürlich sein, dass sie dass Wissen über das Thema besitzen, ich möchte ihnen nichts falsches unterstellen.
    Wenn wir aber nicht über das Wissen verfügen und mit unserem begrenzten Wissen anfangen, islamische Thema zu diskutieren, dann bewegen wir uns auf sehr dünnen Eis. Es haben sich nicht umsonst Menschen ihr ganzes Leben lang mit dieser Religion beschäftigt, um den Muslimen zur Seite stehen und ihnen das Wissen vermitteln zu können.
    Es gibt unterschiedliche Ansichten und jeder versucht nach dem Besten zu leben.
    Die Frauen haben sicherlich ihre Beweggründe, warum sie ein Niqab tragen. Wenn eine Frau dies aber aus Gottesfurcht heraus trägt, dann sollte man nicht negativ von ihr denken, da sie ja das wohlgefallen Allahs sucht. Natürlich gibt es auch Frauen, die es nur aus den kulturellen Umständen heraus tragen.
    Ob man jetzt einen Niqab tragen sollte, kann oder nicht tragen sollte, da sind sich die Menschen uneinig. Wir sollten aber stets vorurteilsfrei sein , denn es könnte ja sein, dass sich die Ansicht des Anderen als richtig heraus stellt. Und Allah weiß es am Besten.



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