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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Brief an Thilo Sarrazin

Sevgili Thilo-Baba!

Kamuran Sezer ist sehr glücklich darüber, dass es den Thilo Sarrazin gibt: Denn durch ihn hat die bisher nebulöse Xenophobie der Deutschen ein Gesicht und einen Namen. Jetzt können wir reden, miteinander streiten und uns gegenseitig anpöbeln, um endlich an einer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten.

VONKamuran Sezer

 Sevgili Thilo-Baba!
Jg. 1978, Diplom-Sozial- wissenschaftler, Berater und Publizist, ist Gründer und Inhaber des futureorg Instituts für angewandte Zukunfts- und Organisationsforschung mit Sitz in Dortmund.

DATUM22. Juli 2011

KOMMENTARE26

RESSORTAktuell, Meinung

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Sevgili Thilo-Baba,1

ellerinden saygı ile öperim2. So begrüßt nämlich ein junger türkischer Mann einen Älteren, dem er auf diese Weise seinen Respekt zollt.

Ich bin nämlich sehr froh, dass es Dich gibt. Ich bin auch sehr glücklich darüber, dass Du Dein Buch geschrieben hast. Denn damit hast Du genau das materialisiert und sichtbar gemacht, was ich und meinesgleichen seit Jahren und Jahrzehnten bekämpfen und weiterhin bekämpfen müssen, damit wir unseren festen und unbestreitbaren Platz in dieser, meiner Gesellschaft einnehmen können.

Das Problem, Thilo-Babacığım, von Türken in Deutschland ist nicht, dass sie einer strukturellen Diskriminierung ausgesetzt sind. Ja, Du hast richtig gehört! Ich bin der festen Überzeugung, dass es in dieser Gesellschaft keine systematische und strukturelle Diskriminierung von Türken oder Arabern gibt. Denn das Problem von den Türken war bis zu Deiner Buchveröffentlichung nämlich noch gravierender!

Der Türke in Deutschland hat es nicht deswegen schwer, eine geeignete Wohnung zu finden, weil der Gesetzgeber vorschreibt, dass ein Deutscher bevorzugt behandelt werden soll. Dies gilt mit Einschränkung auch für den deutschen Arbeitsmarkt. Ebenso für die vielen türkischen Kinder, die ihre Empfehlungen für die Hauptschule bekommen.

Das Problem des Türken in Deutschland ist das xenophobe Denkmuster einzelner Personen, die in der Summe der vorurteilsbelasteten Deutschen den Anschein einer strukturellen Diskriminierung in dieser, meiner Gesellschaft erwecken:

Es ist der Sachbearbeiter, der mich nach Hause schickt, weil einige Unterlagen noch fehlen würden. Es ist der Professor, der mich mit einer Note schlechter bewertet, weil mein Deutsch angeblich so schlecht sei. Es ist die Krankenschwester, die sich weigert, mir ein Mittagsessen ohne Schweinefleisch zu bringen, weil ich als Muslim bekannterweise keines essen darf. Es ist der Banker und Versicherer, der höhere Zinsen für meinen Kreditwunsch oder Beitragsgebühren für meine KFZ-Versicherung ausstellt. Es ist der Vermieter, der aus Sorge, dass die deutschen Nachbarn über den künftigen türkischen Nachbarn beschweren könnten, mir sagt, dass die Wohnung nun doch anderweitig vergeben wurde. Die Liste könnte ich ewig fortsetzen.

Ich nehme diese Erfahrungen inzwischen gelassen. Ich habe nämlich diese Denkmuster entschlüsselt und entsprechende Antwort- und Handlungsstrategien entwickelt, die ich in den vergangenen Jahren verfeinert habe.

Dem Angebot des Bankers und Versicherers lege ich zur passenden Zeit die Angebote anderer Finanzanstalten vor und suggeriere ihm, dass er Gefahr läuft, einen potenziellen Kunden zu verlieren. Es ist schon seltsam, wie die Zinsen und Beitragsgebühren plötzlich doch reduziert werden können. Zuvor jedoch suche ich mir eine Wohnung in einer Postleitzahl, die meine Kreditwürdigkeit zumindest nicht verringert. Gott sei Dank, gibt es dafür das Internet!

Um den Vermieter zu überzeugen, verknappe ich die Zeitressourcen, um eine Entscheidung herbeizuführen. “Wie!? Ein Gespräch!? Eine halbe Stunde!? Es tut mir leid, ich habe wirklich nur eine Viertelstunde Zeit. Ich habe nämlich einen wichtigen Geschäftstermin. Es geht um ein großes Geschäft!” Und beim Gesprächstermin komme ich mit Mappen, Büchern und meiner Laptoptasche unterm Arm. Ja, ja … ich bin wichtig und rede deswegen schnell und hektisch! “Oh Moment … es kommt ein Anruf, da muss ich ran … wo kann ich kurz ungestört telefonieren!?”

Ich gebe zu, dass es mich schon traurig macht, weil es manchmal nötig ist, so derbe in die Trickkiste zu greifen. Aber weißt du, sevgili Thilo-Baba!? Zum einen ist diese Schilderung Ausdruck gelungener Integration. Darauf komme ich später noch zurück. Zum anderen ist mir bewusst, dass dies nicht ewig so sein wird!

Ich hatte eine Grundschullehrerin, von der ich Jahre später erfahren habe, dass sie sich im Hintergrund für mich eingesetzt hat. Ich hatte auch einen deutschen Fußballtrainer, von dem ich erfahren habe, dass er im Dialog mit meiner Schule befand. Und als meine Schwägerin vor einigen Jahren verstarb, da hat das Krankenhaus auf dem Tisch in dem Raum, in dem der Leichnam meiner Schwägerin befand, eine Kuran-Ausgabe gelegt. Und wie der Chefarzt meinen Bruder umarmt hat, hat mehr Trost gespendet als tausend Worte es je tun könnten. Auch diese Aufzählung könnte ich ewig fortsetzen.

Du, sayın Thilo-Baba, bist nur das hässliche Gesicht eines alten Deutschlands, das die Globalisierung, die Internationalisierung, die demografische Dynamik, die neuen sich anbahnenden Wirtschaftssysteme und Verschiebung der globalen Machtachsen nicht überleben wird.

Nicht die Türken und Araber werden Deutschland abschaffen! Dein Deutschland wird durch epochale Entwicklungsflüsse abgeschafft, wohingegen mein Deutschland im neuen Glanz erstarken wird. Zumindest setze ich mich dafür ein, obgleich Du es mir mit Deinen Thesen und Auftritten nicht einfach machst. Aber wie lautet ein afghanisches Sprichwort: Du hast die Uhr und ich die Zeit!

Es tut mir leid, Dir sagen zu müssen, Thilo-Baba … Dein im Buch postuliertes Programm kann und wird nicht funktionieren: Es wird nur in einer statischen Weltformel funktionieren, bei der die Dimension Zeit angehalten werden muss. Zeit jedoch ist eine physikalische Größe, die unentwegt sich im Raum bewegt und die wir permanent als die Gegenwart wahrnehmen. Doch Gegenwart wird in dieser Bewegung permanent neu definiert.

In etwa 40 Jahren wird der Anteil der Europäer an der Weltbevölkerung ca 7 Prozent betragen. Bereits heute sind die demografischen Schrumpfungen und Alterungen in diversen europäischen Gesellschaften beobachtbar. Wie zum Teufel soll dann bitte die Einwanderung von “Hochqualifizierten” aus dem so genannten “gleichen Kulturkreis” funktionieren. Solange in der EU keine einheitliche bzw. konsensuale Migrationspolitik geschaffen wird, werden sich die europäischen Länder in einem Wettbewerb um die besten Köpfe innerhalb Europas und in der Welt befinden. Und bitte – jetzt komme mir nicht mit Indien als Rekrutierungsland an.

Wenn Du Dich schon über Zwangsheirat und Ehrenmord bei den “Muslimen” beschwerst, was wirst Du über das aufschreien müssen, was teilweise in der indischen Kastengesellschaft abgeht. Und ich bin mir nicht sicher, ob Hund besser schmeckt als der Döner, der dir vor Kurzem in Berlin-Kreuzberg verweigert wurde, falls du jetzt mit China argumentieren möchtest. Europa und ganz besonders Deutschland, die beide mir sehr am Herzen liegen, werden nur wettbewerbsfähig und politisch mächtig bleiben, wenn wir aus der ganzen Welt Kompetenzträger rekrutieren, die sodann mit intelligenten Integrationsangeboten empfangen werden.

Und wie sehen solche Integrationsangebote aus, wirst Du dich vielleicht fragen. Das werde ich Dir, sayın Thilo-Baba, mit Verlaub nicht verraten. Mit dem Wissen verdiene ich nämlich meine Brötchen. Ich werde dir aber verraten, was Integration eigentlich bedeutet:

Bisher herrscht Einigkeit darüber, dass Integration dann gelungen ist, wenn der Eingewanderte die deutsche Sprache beherrscht. Mit Verlaub: Das ist Bullshit! Mal abgesehen davon, dass Mehrsprachigkeit in einem globalisierten Politik- und Wirtschaftsraum nur von Vorteil sein kann, ist die Beherrschung der Muttersprache keine Garantie für erfolgreiche Integration.

Mohammed Atta, einer der Todespiloten vom 11. September 2001, konnte sehr gut Deutsch. Und ich beherrsche die deutsche Sprache, obwohl meine Eltern kaum bis gar nicht Deutsch können. Wieso konnten diese Integrationsverweigerer von Eltern es nur dann schaffen, drei Söhne auf die Welt zu setzen, die allesamt eine Ausbildung abgeschlossen haben und die deutsche Sprache verdammt gut beherrschen. Nein, nein …! Das Argument bzw. der Indikator “Beherrschung der deutschen Sprache” ist höchstens geeignet, um eine verunsicherte autochthone Gesellschaft zu beruhigen.

Integration ist schlicht die Ausstattung der Menschen mit Wissen und Fähigkeiten, wodurch sie befähigt werden, ein eigenständiges und souveränes Leben in der Gesellschaft zu führen und an dieser zu partizipieren. Die Integration richtet sich daher nicht nur an die Migranten, sondern auch an die Punks, Hartz4-Empfänger, alleinerziehende Mütter, Menschen mit Behinderung, Obdachlose, Alkoholiker, Workaholics, ja inzwischen auch an die Banker und auch an Dich, sevgili Thilo-Baba.

Offensichtlich bist Du nämlich mit der multiethnischen und -religiösen Gesellschaft stark überfordert. Du musst mit Wissen und Fähigkeiten ausgestattet werden, damit Du Dich eigenständig und souverän in dieser gesellschaftlichen Realität bewegen und ebenso an dieser partizipieren kannst. Und belüge Dich und ganz besonders die anderen Menschen nicht, dass diese langfrist-wirkenden Parameter einfach so mal geändert werden können.

Dass Du das nicht kannst, konntest Du ja zuletzt bei Deinem Kreuzberg-Besuch erfahren, für den Du noch eine Kulturdolmetscherin, Integrationslotse und Gatekeeperin wie Güner Yasemin Balci benötigt hast. Und bei Deinem Review in der FAZ musstest Du Dich auch noch an Necla Kelek klammern, der Trägerin des altehrwürdigen Freiheits-Friedensnobel-Preises 2010 der Friedrich-Naumann-Stiftung.3

Und genau das ist Integration … Integration ist schlicht die originäre und fundamentale Funktion der Politik und der gesellschaftlichen Institutionen. Die Bundesintegrationsbeauftragte, Frau Prof. Dr. Maria Böhmer, ist, um ehrlich zu sein, weniger für mich als vielmehr für Dich da.

Sevgili Thilo-Baba, ich muss jetzt Schluss machen! Ich möchte Dir aber noch einmal herzlich aus ganzem Herzen für Dein Engagement danken! Danke dafür, dass Du genau das sichtbar gemacht hast, was die Integration von sogenannten Personen mit Migrationshintergrund in diese Gesellschaft behindert hat. Daher finde ich es wirklich sehr klasse, dass Du so viele Bücher verkauft hast und Du so viele Sympathie-Bekundungen erhalten hast und die Bild-Zeitung in so vielen Online-Umfragen gezeigt hat, wie viele Menschen Deine Denkmuster teilen.

Denn ohne Dein Buch und ohne Deine Person hätte dieser Brief hier keine Empfänger-Adresse haben können.

Genau wie es die Kreuzberger bei Deinem Besuch dort getan haben, kann ich jetzt stellvertretend für alle Integrationsverweigerer in der Aufnahmegesellschaft Dich anschreien, Dich anpöbeln, ja sogar mit Dir streiten und mit Dir diskutieren, wenn Du bereit bist, Dich ernsthaft mit mir zu unterhalten. Und eines verspreche ich Dir: Auf die Fresse wirst du weder von mir noch von anderen Personen mit sogenanntem Migrationshintergrund bekommen!

Hadi, öptüm!

  1. Lieber Papa-Theo  []
  2. ich küsse Dir Deinen Handrücken [auf türkische Art]  []
  3. Sorry, das ist ein Running Gag von mir, das solange von mir betrieben wird, bis die Jury der Friedrich-Naumann-Stiftung mir die Hand küsst oder Necla Kelek sich in der Frankfurter Pauluskirche bei allen Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund entschuldigt!  []
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26 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. M.K. sagt:

    Super Text, mehr muss ich nicht sagen.

  2. Balthazar sagt:

    Mit Verlaub Herrn Sezer, aber sollte ich Sarrazin persönlich in Kreuzberg antreffe, werde ich ihm SEHR WOHL eine auf die Fresse hauen.

  3. Ali Yildirim sagt:

    Schade, dass diese Gesellschaft Türken und Araber (Muslime) dazu zwingt, etwas „vorzugaukeln“ (vorzulügen) und dann noch für etwas, was im Islam verboten ist (Zinsen).

    Ansonsten finde ich den Artikel sehr gelungen.

  4. Guten Tag!

    Sehr guter Text – danke dafür.

    Sie schreiben mit einem anderen Ansatz als ich – aber es gibt interessante Parallelen. Vor allem die der Dankbarkeit.

    http://www.pushthebutton.de/2010/09/04/der-fall-sarrazin-das-dilemma-kann-gar-nicht-gros-genug-ausfallen/

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  5. Ralf Volkmer sagt:

    Vielen Dank für diesen Text, Sie sprechen mir aus der Seele!!!

  6. hannibal sagt:

    @ Ali Yildirim

    Mit diesem einen Satz von Ihnen wird das EIGENTLICHE Problem der Integration auf den Punkt gebracht: Probleme gibt es zu 90% mit Migranten aus dem islamischen Kulturkreis. Andere Migrangtengruppen haben anteilig kaum Probleme.

    Es ist der STELLENWERT der Religion, den ein Mensch dieser einräumt, mit Einschränkungen, Ge- und Verboten, die in alle täglichen Lebensbereiche hineinwirkt. Zusammen, mit einem diametralen Kulturverständnis, das eher an „der Gemeinschaft“ = Ummah, als am Individuum ausgerichtet ist.

    Die Gruppenkontrolle/Gruppendruck tut sein Übriges dazu.

    Da kann Herr Sezer noch so sticheln und geifern: Seine Interessen sind nun einmal nicht die Interessen unserer Mehrheitsgesellschaft. Noch nicht, und in 30 Jahren wohl auch noch nicht. Und in einer Demokratie entscheidet der Wille der Mehrheit, was in unserem Land geschieht (in der Türkei auch, wenn man sich das Wahlergebnis ansieht). Minderheiten geniessen im Rahmen der Gesetze einen gewissen Schutz( da gibt es in der Türkei ja wohl erheblichen Nachhollbedarf).

    Ich denke und hoffe, das sich die Problematik im Laufe weiterer Generationen langsam auflösen wird, bis auf einige ganz Verbissene, wie z.B. Herr Sezer oder die Macher von MIGAZIN (und einige Autoren hier),die dann entweder resignieren, und/oder ihr Glücl in anderen Ländern suchen werden.

    Was den Islam betrifft, wäre es wichtig, den Einfluss der Verbände einzuschränken, und sie nicht weiter so zu hoffieren, den gerade diese Verbände vertreten eben oft nicht nur religiöse,sondern auch fremdstaatliche Interessen, und wirken eben NICHT integrierend,sondern eher stark konservierend, und versuchen njur, möglichst immer mehr „Schäfchen“ unter ihre Fittiche zu bekommen, um sie dann gegebenenfalls als Protest- und Demonstrationsmasse nutzen zu können.

    Und DAS ist nicht im Interesse dieses Landes.

  7. Peter sagt:

    @hannibal

    bwahaha… den Artikel gelesen? Oder nur den einen Kommentar? Diejenigen die das Problem sind, sind nicht zu „90 Prozent“ Migranten aus „dem islamischen Kulturkreis“ (was für ein Schwachsinn! Sie haben keine Ahnung wie unterschiedlich und vielfältig die eine Milliarde Muslime auf der Welt sind) sondern zu 100 Prozent Leute wie sie, die zwar so tun am Individuum ausgerichtet zu sein, aber eigentlich noch viel mehr der an der Volksgemeinschaft hängen, in der Menschen, die man für fremd hält, nicht willkommen sind.

    @ Alle anderen: Hannibal is’n Troll. Bitte nicht füttern! 😉 (Auch wenn ich“s nun getan habe…)

  8. Jürgen Kluzik sagt:

    Im „Spiegel“-Forum schrieb ich am 23.4.2011 als anoubi: ich sei Araber. Und dann: „Der deutsche Spiesser macht seine Geschäftle mit den Mächtigen. Die Freiheitskämpfer und Hungerleider dieser Welt gehen ihm am Po vorbei. Das ist nicht neu. Und in wenigen Jahrzehnten sind diese Schrumpfgermanen eh nur noch Geschichte.“

    Ich bekam dazu folgende Antworten:

    mahalexi: „Meiner Meinung nach sollten Leute wie Sie wegen Volksverhetzung angeklagt, verurteilt und nach einer mehrjährigen Haftstrafe aus unserem Land geworfen werden. Aber blöken Sie ruhig. Denn im Grunde sind Sie ja nur neidisch, weil wir wirtschaftlich so erfolgreich sind und uns im Wohlstand baden, während Sie aus einem armen Entwicklungsland stammen.“

    Wascha: „Vielleicht soltten Sie mal aus Ihrem versifften Kiez rausgehen und sich im Land umsehen. Wo die klugen und fleissigen Deutschen ohne jede Klage Heerscharen von Moscheeturnern finanzieren. Allerdings ist mehr als zu bezweifeln, dass auch nur einer von meinen mittlerweile vier Enkelkindern noch dazu bereit ist. Und so kann man nur hoffen, das wird sich bald in Libyen und der restlichen islamischen Welt herumsprechen. Denn eines ist klar. Solang sich bei den Unzufriedenen nicht herumspricht, dass Freiheit auch Selbstverantwortung, Fleiß und Tatkraft des Einzelnen fordert, werden sich diese Länder nicht entwickeln können.“

    Ich hatte in meinen ganzen Beiträgen bei „spiegelonline“ nie über mein Alter, Beruf, sozialen Status usw. was geschrieben. Nur eben da kurz vor diesen Antworten: ich sei Araber.

    Nun will ich ja auch jetzt und hier nicht behaupten, ich hätte in Cambridge studiert und sei mit Prince Moulay Abdallah verwandt. Aber ich geh noch in diesem Jahr mit meinem Ticket zum Abfertigungsschalter der Air France, geh mit meinen deutschen Pass durch die Kontrolle, betrachte im Duty free shop die Auslagen – Schmuck, Kleidung, Cocnac, Champagner, Parfüms – blättere im shop nebenan ein paar Zeitschriften durch, entscheide mich für dies und das, gehe zum Flieger und tschüß. Denn ich liebe seit 1972 Marokko.

    Die islamische Kultur hat Stärken, die sich in der deutschen so nicht entwickeln konnten. Familie, Gemeinschaft, Gastfreundschaft, lebendige Kommunikation, eine lebendige religiöse Praxis und Kif.

  9. Jürgen Kluzik sagt:

    Ach ja. Noch was. Ich mußte nach einigen Schreckminuten über „mahalexi“ und „Wascha“ lachen. Denn mit ihren Antworten auf die Provokation ‚Schrumpfgermanen‘ zeigten sie mir sehr plastisch ihr Profil. Das, kleiner, deutscher Besitzbürger. Die von ihren Bankberatern als „AD-Kunden – alt und doof – eingestuft und abgezockt werden. Denn sie sind die ideale Kundschaft der Banken und Versicherungen. Fleiß, Tatkraft, Selbstverantwortlichkeit sind dabei die Garantien, die sie diesen Institutionen liefern, denen sie sich zugleich völlig ausliefern. Ganz im Gegensatz zu den Inhabern eines wirklichen ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapitals.

  10. Leo Brux sagt:

    Ich reihe mich ein in den Chor: Kamuran Sezer, du triffst den Sarrazinismus so, dass es ihm weh tut.

    Auffallend deutsch-türkisch an diesem Text: Traditionell dürfte Kamuran Sezer seinen sevgili Thilo-Baba nicht so offen und direkt – ja, eigentlich gar nicht kritisieren. Aber der Autor ist eben ein guter Deutscher, er macht sich nichts draus, die Autorität in Frage zu stellen. Und der Thilo-Babaci hat sich die freche Ansprache des Jüngeren redlich verdient.


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