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Migration und Integration in Deutschland

Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg, Trauergottesdienst nach dem Terroranschlag im norwegischen Oslo und Utoya, 2011

Integration im 16:9 Format

In meinem Land

Eine Reaktion auf meinen Artikel „Das Ende meiner Geduld. Ich klage an!“ – In meinem Land …

VONMartin Hyun

 In meinem Land
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien im Eb-Verlag Hamburg.

DATUM15. Juli 2011

KOMMENTARE8

RESSORTAktuell, Meinung

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In meinem Land leben rund 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Von den 16,5 Millionen Migranten sind 8,5 Millionen im Besitz eines deutschen Passes. Demnach hat bereits jeder Fünfte einen Migrationshintergrund.

In meinem Land liegt die Quote der Ausbildungsbeteiligung bei den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund fast doppelt so hoch, als wie bei jenen mit Migrationshintergrund. Im Jahr 2009 waren es 64,3 Prozent zu 31,4 Prozent.

In meinem Land studieren rund 174.000 Akademiker mit einem Migrationshintergrund an deutschen Universitäten. 300.000 qualifizierten Menschen mit Migrationshintergrund werden die Berufsabschlüsse nicht anerkannt.

In meinem Land besuchen rund 59 Prozent der vietnamesischen Schüler ein Gymnasium, der auf etwa 125.000 Personen geschätzten Bevölkerung.

In meinem Land haben über 70 Prozent der Koreaner zweiter Generation Abitur oder ein Studium absolviert.

In meinem Land liegt die Arbeitslosenzahl der Akademiker mit Migrationshintergrund fast dreimal so hoch, wie gegenüber jenen ohne Zuwanderungsgeschichte (Stand: 2004, 12,5 Prozent im Vergleich zu 4,4 Prozent)

In meinem Land gibt es rund 5,6 Millionen Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund.

In meinem Land gehört der Islam zu Deutschland.

In meinem Land fanden Wissenschaftler heraus, dass die Einheimischen gegenüber den Ausländern, bei gleicher Arbeit ein um 9 Prozent höheres Einkommen erwirtschaften.

In meinem Land sind rund 870 Unternehmen der Charta der Vielfalt beigetreten. Doch nur acht beteiligten sich an dem Pilotprojekt anonymisierter Bewerbungen des Familienministeriums.

In meinem Land gab es nur für den Monat Februar 2011 rund 888 rechtsextreme Straftaten.

In meinem Land, so fand eine im Jahr 1995 veröffentlichte ILO-Studie heraus, dass „in insgesamt 19 Prozent aller Fälle eine Diskriminierung der türkischen Bewerber festzustellen war, in einzelnen Branchen lag die Diskriminierungsrate sogar wesentlich höher (im Bankgewerbe über 50 Prozent, im Außendienst etwa 40 Prozent)“.

In meinem Land fand die Universität Konstanz heraus, dass bei der Versendung von 1.000 Bewerbungen für Praktikastellen, Migrantenbewerbungen mit türkischem Hintergrund bis zu 14 Prozent diskriminiert wurden und bei kleineren Unternehmen sogar bei 24 Prozent lag.

In meinem Land fand die OECD-Studie aus dem Jahr 2009 heraus, dass Migranten bei der Arbeitsmarktintegration klar benachteiligt wurden. Auch wenn sie die gleiche Befähigung, Qualifikation und Leistung vorweisen würden, wie die Einheimischen würden sie klar benachteiligt. Der Migrationsexperte der OECD, Thomas Liebig, sagte dazu „Eine Erklärung könnte sein, dass in Deutschland […] auf dem Arbeitsmarkt die Erwartung vorherrscht, dass Migranten und deren Nachkommen eher gering qualifiziert sind. Bildungserfolge von Migranten und deren Nachkommen werden entsprechend noch nicht ausreichend honoriert“.

In meinem Land so resümierte der OECD-Migrationsexperte Thomas Liebig, die OECD-Studie 2008, „Zum Teil müssen Kinder von Zuwanderern bei gleicher Qualifikation (in den entsprechenden Teststudien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) deutete lediglich der Name auf einen Migrationshintergrund hin) drei bis viermal so viele Bewerbungen schreiben wie Kinder von Nichtzuwanderern, bis sie eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch erhalten. Der niedrigere Bildungshintergrund kann somit auch ein bequemer Vorwand sein, um diskriminierende Einstellungen zu verdecken“.

In meinem Land wird aufgrund des demografischen Wandels, die Bevölkerung bis 2050 von rund 82 Millionen auf 75 Millionen schrumpfen.

In meinem Land sucht man nach qualifizierten Fachkräften.

In meinem Land wünscht man sich Menschen!

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8 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Pete sagt:

    Eine gute Antwort!

  2. DBB sagt:

    Lustig. Genau wie in Deutschland! 😉

  3. Can sagt:

    Klasse geschrieben.
    Sie bringen es auf den Punkt.

  4. Tom sagt:

    Einerseits sucht man händeringend nach Fachkräften und auf der anderen Seite vergrault man jene die hier geboren
    und zur Schule gegangen sind. Ein paradoxes Land!

  5. Balthazar sagt:

    Rassimus und Diskriminierung kann nur beseitigt werden, wenn Migranten in die Position derer kommen, die bisher MIgranten als Führungskräfte abgelehnt haben.

    Gott sei dank sind die zugewanderten Deutschen kräftig dabei die Demographie Deutschlands zu ändern.

    Heute 16 Millionen, bald schon 30. Der ethnische Deutsche: Ein Auslaufmodell.

  6. Leo Brux sagt:

    Irrtum,
    Balthazar:

    Es gibt erstens keine ethnischen Deutschen im biologischen Sinne – wir waren schon immer ein Mischvolk.
    Und kulturell gesehen sind von den 16 Millionen MiGrus mindestens die Hälfte schon 100 Prozent Deutsch, und der Rest wird es überwiegend auch noch.

    Gehen Sie bei den „Altdeutschen“ drei, vier oder fünf Generationen zurück, finden Sie bei den meisten Einwanderer im Stammbaum.

    Warum lassen Sie sich vom Rassismus der Rechtspopulisten anstecken? – Na ja, ich könnte sagen, Balthazar, damit sind Sie halt auch ziemlich deutsch.

  7. Balthazar sagt:

    @Leo

    das wird man ja noch sagen dürfen! 😉

  8. Lutheros sagt:

    Lieber Herr Huyn,
    Sie werfen eine aktuelle Thematik – Facharbeitskräftemangel auf, aber konfrontieren diese teilweise mit falschen und nicht verwertbaren „Gegenfakten“.

    Was soll das zeigen? Wie können wir ernsthaft eine Thematik wie Diskriminierung disktuieren, wenn Sie nicht anders als Sarrazin Emotionen unter dem Deckmantel der Fakten bedienen?

    1.
    300.000 nicht anerkannte Berufausbildungen – aber Sie erklären nicht, dass dies in weiten Teilen richtig ist und notwendig ist:
    Wann ist man Arzt – wenn man ein Papier aus Saudi-Arabien vorweist oder wenn man eine Schule im Kongo besucht hat? Es ist völlig richtig dass nicht jede Berufsausbildung anerkannt ist – weil sie keine ist. Es muss ein zuverlässiges und sicheres Know How da sein – aber Sie argumentieren nur mit einem „Abschluss“. Wer möchte unqualifizierte Menschen tätig werden lasse, nur weil sie ein Papier vorlegen? Sie?

    2.
    Sie argumentieren mit einer Studie aus dem Jahre 1995! Aus dieser Zeit stammt die Studie, die Zahlen sogar kurz nach der Wiedervereinigung. Was soll das? Sie ignorieren fast 20 Jahre Entwicklung und Ihnen dienen 15 Jahre alte Daten als „Beweis“ – für was?

    3.
    Bei arbeitslosen Akademikern werfen Sie Zahlen aus der Zeit vor der Finanzkrise in den Raum. Warum nicht gleich Daten von 1990?

    4.
    Charta der Vielfalt und anonyme Bewerbungen: Könnte es vielleicht sein, dass anonyme Bewerbungen nicht das gewünschte Ergebnis bringen? Keine Diskriminierung ja – aber das Modell entzieht zugleich die Chance Bewerber sachgerecht auszuwählen. Wer sich dagegen entscheidet, ist kein Diskriminierer, sondern vielleicht nur sehr vernünftig. Mann muss nicht jeden Mist mitmachen, nur weil es gerade schick ist.

    5.
    Erhebliche Benachteiligung von Migranten: Migranten sind die Kinder aus der deutsch-spanischen Ehe ebenso wie die Kinder der holländischen Eltern. Nennen wir das Kind beim Namen. Es sind einige klare MIgrantengruppen, es heisst ja auch „einige Teile der Kinder…“. Wir reden nicht über Diskriminierung von Migranten, sondern über Distanzen zwischen Kulturen. Weil zwei die gleiche Schulnote haben, sind sie noch lange nicht gleich befähigt. Menschen müssen miteinander arbeiten können, Produkte verstehen und Prozesse leben können. Und das geht nun mal nicht mit allen gleichermaßen gut; dabei spielt nicht der Pass eine Rolle, sondern die Werte die jemand lebt. Damit ist man aber nicht gleich befähigt.

    Und schließlich:
    Auf eine Stellenausschreibung kommen wenns schlecht läuft 100 Bewerber, wenns gut läuft mehrere 1000. Wenn ich nur 1 min pro Mappe habe, brauche ich schon 2h bei 100 Bewerbern nur fürs Durchschauen.
    Bruchteile entscheiden ob eine Unterlage auf den Stapel lesen oder zurückschicken kommt.
    Was für eine Assoziation haben Sie wenn Sie einen türkischen Namen lesen? Wenn Sie Geburtsort Medina lesen? Wenn ein Zeugnis aus Marokko stammt? Da muss die ganze Mappe schon was hermachen, wenn man gewinnen will.



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