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Zypernkonflikt

Das Kuba des Mittelmeers

Seit fast vier Dekaden dauert nun die faktische Teilung der Republik Zypern an. Bislang scheiterten mehrere Anläufe zu einer Wiedervereinigung. Jetzt soll der Konflikt bis 2012 gelöst werden.

VONHakan Demir

 Das Kuba des Mittelmeers
Leitet das MiGAZIN-Auslandsressort und ist Magistrand der Politikwissenschaft an der Universität Trier. Facebook-Seite des Autors

DATUM11. Juli 2011

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RESSORTAktuell, Ausland

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In der vergangenen Woche traf UN-Generalsekretär Ban Ki-moon mit beiden Staatsoberhäuptern Zyperns Demetris Christofias und seinem türkisch-zypriotischen Amtskollegen Derviş Eroğlu zu Gesprächen in Genf zusammen. Dabei beteuerten beide Staatsoberhäupter, dass sie die Gespräche mit dem Ziel führten, in drei Monaten in allen Kernanliegen eine Annäherung zu finden.

Wiedervereinigung 2012?
Unterdessen sagten Eroğlu und der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu in einer gemeinsamen Presseerklärung vom Samstag, dass bis 2012 ein Referendum über die Wiedervereinigung der Insel abgehalten werden könne.

Mit diesem Datum versucht die Türkei, den nötigen Druck auf die EU auszuüben. Denn im Verhandlungsrahmen zwischen der EU und der Türkei von 2005 wurde das Jahr 2013 als Ende der Beitrittsverhandlungen festgelegt. Da diese jedoch mit offenem Ende geführt werden, sieht sich die Türkei nunmehr stärker gedrängt, Kompromisse einzugehen, damit sie am Ende nicht mit leeren Händen dasteht. Wenn dieses politische Kalkül der Türkei aufginge, wäre die EU durchaus gezwungen mehrere Verhandlungskapitel wieder freizugeben, die sie seit Dezember 2006 aufgrund der unzureichenden Zypernpolitik der Türkei suspendiert hat.

Kalter-Krieg und Zypernkonflikt
Ob der Zypernkonflikt so leicht zu lösen ist, scheint indes zu bezweifeln. Bereits mitten im Kalten Krieg und Jahre nach der Kubakrise (1962), als die Welt keinen Fußbreit entfernt vor einem Atomkrieg stand, griff die Türkei in den Zypernkonflikt ein und besetzte 1974 den Nordteil der Insel.

Wenngleich auch die Großmächte USA und UdSSR, der Türkei dringend davon abgeraten hatten, sah sie sich damals gezwungen, diesen Schritt zu riskieren. Denn nach mehreren ethnischen Auseinandersetzungen zwischen griechischen und türkischen Zyprioten, die sich über die 1960er Jahre hinzogen, wurde der Präsident des kleinen Inselstaates Makarios von der griechischen Militärjunta entmachtet.

Aus diesem Grund musste die Türkei die „Enosis“ fürchten – den Zusammenschluss zwischen Griechenland und Zypern. Da die Insel unweit vor der türkischen Küste liegt, würde sie einen idealen strategischen Punkt darstellen, von dem das anatolische Mutterland angegriffen werden könnte.

Nach der Besetzung scheiterten mehrere Anläufe für einen Friedensplan und die Aufteilung der Insel wurde sogar mit der Gründung der Türkischen Republik Nordzypern (TRNZ) 1983 weiter verfestigt. Die TRNZ wird jedoch bislang von keinem anderen Staat anerkannt, außer von der Türkei selbst.

Die Rolle der EU
Die EU hatte den Konflikt um die Insel weitestgehend der UN überlassen, sie sah sich jedoch spätestens im Mai 2004, nachdem die Republik Zypern die EU-Mitgliedschaft erhielt, in einen Konflikt hineingezogen, der für sie im höchsten Maß beunruhigend ist. Denn nun war es amtlich; die Türkei besetzte völkerrechtswidrig Territorium eines EU-Mitglieds.

Im Vorfeld war im April desselben Jahres der vom damaligen UN-Generalsekretär vorgeschlagene Annan-Plan zur Wiedervereinigung der Insel am Votum der griechischen Zyprioten gescheitert. Diese lehnten den Plan in einem Referendum mehrheitlich ab, wohingegen die türkischen Zyprioten ihn befürworteten.

Seit ihrer EU-Mitgliedschaft blockiert die Republik Zypern darüber hinaus die Eröffnung von verschiedenen Verhandlungskapiteln. Im Gegenzug verhindert die Türkei den Beitritt der Republik Zypern in internationale Organisationen, wie beispielsweise in die Nato oder OECD. Quid pro quo, könnte man also meinen! Mit dieser Einstellung wird der Zypernkonflikt allerdings schwerlich zu lösen sein. Es bleibt abzuwarten, was innerhalb der nächsten drei Monate bewerkstelligt werden kann.

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31 Kommentare
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  1. Leo Brux sagt:

    Oskar,
    da schauen wir mal!
    In nächster Zeit wird’s den Zyperngriechen nicht besonders gut gehen, ökonomisch. Die werden jetzt erst einmal eine Finanzkrise überstehen müssen, mal sehen, wieviel von dem Reichtum Zyperns übrig bleibt. Die haben, so scheint es, ja auch mit Krediten geaast. Der türkische Norden hat da weniger ein Problem … Wenn jetzt Europa die Zyperngriechen finanziell raushauen muss – ob die Gebeutelten da nicht ein bisschen handsamer werden könnten, auch was die Vereinigungsfrage angeht?

    Der „völlig undemokratische Annanplan Nr. 5“ — nun ja, immerhin war auch die EU unbedingt dafür. Aber gut, wenn die Zyperngriechen meinen, so gehe es nicht, dann sollen sie es doch lassen. Dann einigen wir uns auf die Anerkennung von Nordzypern als unabhängiger Staat. Von wegen Kreta. Sie hoffen wohl, die Griechen können die Türken von der Insel vertreiben. Aber die Zeiten, in denen der „Kranke Mann am Bosporus“ sein Land nicht halten konnte, sind vorbei. Die waren schon 1974 vorbei. Die Türkei wird auch in den nächsten Jahrzehnten noch stärker werden.

    Diktatur von Minderheiten durch die Umsetzung des Annan-Planes? – Mannomann. Da üben Sie ja schwerste Kritik an der EU! Die hätte den Zyperngriechen die Diktatur der Zyperntürken zugemutet! – So überdreht hab ich es noch nie gehört, aber Verrücktheiten haben ihren Unterhaltungswert, insofern war’s nett, das zu lesen.

    Veto Zyperns gegen EU-Beitritt der Türkei? — Darüber mach ich mir wenig Sorgen. Ich rechne damit, dass die EU – wenn sie sich überhaupt hält – in 20 Jahren die Türkei BITTEN wird, beizutreten. Die Türkei wird sich dann überlegen, ob’s ihr noch genug bringt und ob es nicht attraktivere Alternativen gibt, etwa mit einem von China getragenen und gesponserten östlichen Markt.


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