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Religion und Säkularität

Islam und säkularer Rechtsstaat: Grundlagen und gesellschaftlicher Diskurs

Religion und Säkularität – das mag für manche wie die Vereinigung von Feuer und Wasser klingen. Sind Religionen nicht natürliche Gegner einer weltlich orientierten und auf religionsneutralen Institutionen aufgebauten Ordnung?

VONMathias Rohe

 Islam und säkularer Rechtsstaat: Grundlagen und gesellschaftlicher Diskurs
Dr. iur., geb. 1959; Professor für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg; Mitarbeiter der Deutschen Islamkonferenz (DIK); Gründungsdirektor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa.

DATUM1. Juli 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ)

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Tatsächlich haben vor allem die monotheistischen Religionen mit ihren weitreichenden Geltungsansprüchen lange gebraucht, bis sie bereit waren, ihren Frieden mit säkularen Ordnungen zu schließen. Im christlichen Spektrum hat die katholische Kirche diesen Schritt nachhaltig erst im Jahr 1965 mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vollzogen. Immer noch finden sich – stark modifizierte – Staatskirchensysteme in mehreren europäischen Staaten. Auch im Judentum scheint die Lage noch nicht gänzlich geklärt zu sein. Das Modell des Staates Israel als „jüdische Demokratie“ nährt eine noch nicht abgeschlossene Debatte in Israel über das Verhältnis beider Sphären.1

Vor allem der Islam und sein Normensystem (Scharia) werden von vielen Nichtmuslimen, aber auch manchen Muslimen als der gegenwärtige Bedrohungsfaktor für säkulare demokratische Rechtsstaaten angesehen.2 Scharia bezeichnet im weiten Sinne alle religiösen und rechtlichen Normen sowie die Instrumente ihrer Auslegung wie die Vorschriften über die rituellen Gebete, das Fasten oder auch das Ehe-, Familien- oder Strafrecht. Manche Strömungen beziehen sich auf einen engen Scharia-Begriff und meinen damit im Wesentlichen das Ehe-, Erb- und Strafrecht.

In den vergangenen Jahren ist ein aggressiver islamischer Extremismus („Islamismus“3) ideologisch und teils auch massiv gewalttätig gegen säkulare demokratische Rechtsstaaten und ihre Bürger in Erscheinung getreten. Nicht von ungefähr ist dieses Thema daher auch Gegenstand der zweiten Deutschen Islamkonferenz (DIK). Stehen solche Phänomene aber tatsächlich für „den Islam“ oder „die Muslime“, oder sind sie nicht bedrohliche und mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu bekämpfende Randerscheinungen? Die angemessene Behandlung derartiger Fragen setzt vor allem eines voraus: eine nüchterne, realistische Sachlichkeit und somit Fairness gegenüber den Menschen. Weder der faktenarme Alarmismus kleinstbürgerlicher Angstphantasien4 noch blauäugige Parolen, wonach „der Islam“ nichts sei als Frieden, helfen bei der Bewältigung realer Probleme und bei der Nutzung positiver Potenziale der Religionen zum gemeinsamen Wohl.

Spätes Bekenntnis zur Einwanderungsgesellschaft
Angesichts der regelmäßig wiederkehrenden, oftmals wenig differenzierten Islamdebatten ist es nicht immer leicht, die Sachanalyse in den Vordergrund zu stellen. Symptomatisch sind einige kritische Reaktionen auf die Feststellung des Bundespräsidenten Christian Wulff im Oktober 2010, wonach auch der Islam mittlerweile zu Deutschland gehört.5 Dies gilt umso mehr, als die dauerhafte Präsenz einer erheblichen Anzahl von Musliminnen und Muslimen in Deutschland ein vergleichsweise neues Phänomen ist, das mit Migrationsvorgängen und den damit verbundenen Begleiterscheinungen aufs Engste verbunden ist.

Anders als in klassischen Einwanderungsländern wie Kanada, den USA oder Australien wird hierzulande Migration von vielen immer noch weit mehr als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen. Tatsächlich hat die Zuwanderungspolitik der vergangenen Jahrzehnte vorwiegend eher wenig ausgebildete Arbeitskräfte für die Verrichtung einfacher und körperlich anstrengender Tätigkeiten ins Land gebracht. Deren Arbeitsplätze sind aufgrund des wirtschaftlichen Strukturwandels der vergangenen Jahrzehnte weitgehend weggefallen. Anders als zunächst allseits erwartet, ist ein erheblicher Teil dieser Menschen auf Dauer im Land geblieben, ohne dass die notwendigen institutionellen Reaktionen beispielsweise im Bildungsbereich erfolgt wären. Erst in den vergangenen Jahren hat sich dies geändert. Hinzu kommt, dass sich vor allem seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die öffentliche Wahrnehmung von Migranten verändert hat: Zum einen gab es eine diskursive Verschiebung, die sich nunmehr weniger auf „Ausländer“ und mehr auf „Muslime“ konzentriert, zum anderen dominiert die defizitorientierte Sicht auf die Migranten.6

Vielfältige Erfahrungen aus öffentlichen Veranstaltungen zeigen, dass oft umstandslos Probleme mangelnder Sprachbeherrschung und die damit verbundenen Schwierigkeiten im Hinblick auf Bildung und Arbeit, Diskriminierung oder kulturell bedingte Verhaltensweisen (wie das Ehrverständnis oder die Kommunikationskultur) mit der Religion des Islams vermischt werden. Schon deshalb ist zu begrüßen, dass die Bundesregierung die Themenfelder „Integration“ und „Islam“ inhaltlich und institutionell getrennt hat, indem nicht nur eine – religionsorientierte – Islamkonferenz etabliert wurde, sondern auch Integrationsgipfel stattfanden und andere integrationsbezogene Aktivitäten entfaltet werden.

Der säkulare Rechtsstaat hat sich bei allen Unvollkommenheiten als das historische Erfolgsmodell erwiesen. Frieden und Wohlstand scheinen auf seiner Grundlage am besten zu gedeihen. Gerade Deutschland hat in der Folge des nationalsozialistischen Terrorstaats und des DDR-Unrechtsregimes allen Anlass, sich eine an der Menschenwürde orientierte, freiheitliche, aber auch wehrhafte Ordnung zu geben. Die aus guten Gründen teils mit Unterstützung, teils gegen erbitterten Widerstand von Religionsvertretern entstandene säkulare Trennung von Religion und staatlicher Machtausübung zählt zu den unverzichtbaren Grundlagen einer solchen staatlichen Ordnung.

Wird sie durch den Islam gefährdet? Wenn Moscheen errichtet werden, wenn Empfehlungen zum Umgang mit muslimischer Religion in Schulen gegeben werden,7 wenn „Halal-Fleisch“ (nach islamischen Regeln geschächtetes Fleisch) und Scharia-konforme Investmentfonds angeboten werden oder wenn einer Iranerin von einem deutschen Gericht die ehevertraglich vereinbarte Zahlung von Goldmünzen im Scheidungsfall zugesprochen wird, befürchten manche eine schleichende, vielleicht sogar offene „Islamisierung“ Deutschlands und ein Untergraben des säkularen Staats.8

Deutsche Rechtsordnung als unumstößliche Grundlage
Notwendiger Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass allein die deutsche Rechtsordnung in allen rechtlich relevanten Bereichen darüber entscheidet, welche Normen in welchem Umfang und innerhalb welcher Grenzen durchgesetzt werden können. Auf dieser Stufe der Letztentscheidung ist das Recht einheitlich und keineswegs „multikulturell“. Vielfalt – auch religiöse Vielfalt – allerdings ist unterhalb dieser Schwelle in erheblichem Umfang möglich, teils erwünscht und sogar geboten. Die Zeiten des „cuius regio, eius religio“ („Wessen Gebiet, dessen Religion“) sind vergangen.

Andererseits hat sich Deutschland gegen eine streng laizistische und für eine religionsoffene und neutrale Säkularität entschieden, wie es beispielsweise aus Artikel 4 und Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes sowie dem Religionsverfassungsrecht insgesamt zu entnehmen ist.9 Religion ist keineswegs aus dem öffentlichen Raum verbannt. Sie darf sichtbar werden, sich in die Debatten einmischen und ist ein wichtiger Bestandteil universitärer Forschung und Lehre. Sie findet auch im bekenntnisorientierten Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen vieler deutscher Länder oder im Rahmen vielfältiger anderer Kooperationen zwischen Staat und Religionsgemeinschaften Raum.

Anders als in streng laizistisch orientierten Systemen wie in Frankreich oder der Türkei wird Religion in Deutschland nicht als Bedrohung des staatlichen Machtanspruchs wahrgenommen, sondern als mögliche positive Ressource für das Zusammenleben und die gemeinnützige Sinnstiftung. Nicht nur deshalb sind die Religionen aufgefordert, extremistische Potenziale in den eigenen Reihen ernst zu nehmen und ihnen mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten entgegenzutreten.

  1. Vgl. beispielsweise die Diskussionen in Israel anlässlich der Einführung eines Treueschwurs auf N-TV online vom 10.10.2010, www.n-tv.de/politik/Israel-verlangt-Treueschwur-article1682986.html (9.2.2011).  []
  2. Vgl. Mathias Rohe, Das islamische Recht: Geschichte und Gegenwart, München 20092.  []
  3. Vgl. zur (noch unscharfen) Begrifflichkeit des „Islamismus“ und seinen maßgeblichen Inhalten ders., Islamismus und Schari’a, in: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (Hrsg.), Integration und Islam, Nürnberg 2005, S. 120-156.  []
  4. Vgl. Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, Berlin 2010.  []
  5. Vgl. Matthias Drobinski, Die neue deutsche Frage, in: Süddeutsche Zeitung vom 6.10.2010.  []
  6. Vgl. Naika Foroutan, Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neuen Deutschland?, in: APuZ, (2010) 46-47, S. 9-15; Dietrich Thränhardt, Integrationsrealität und Integrationsdiskurs, in: ebd., S. 16-21.  []
  7. Der vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur von Rheinland-Pfalz Anfang des Jahres 2011 herausgegebene Leitfaden „Muslimische Kinder und Jugendliche in der Schule“ ist inhaltlich am geltenden Recht orientiert. Dennoch löst er Irritationen aus, Kritiker bezeichnen einige Empfehlungen als „antiaufklärerisch“. Das Faltblatt ist online: http://eltern.bildung-rp.de/fileadmin/user_upload/eltern.bildung-rp.de/Faltblatt_Muslimische_Kinder_und_
    Jugendliche_in_der_Schule.pdf (9.2.2011). Vgl. zur Diskussion darüber Abdul-Ahmad Rashid, Handreichungen für Lehrer in der Kritik, online: www.forumamfreitag.zdf.de/ZDFde/inhalt/
    24/0,1872,8202616,00.html (9.2.2011).  []
  8. Vgl. Mathias Rohe, Islamisierung des deutschen Rechts?, in: JuristenZeitung, 62 (2007) 17, S. 801-806.  []
  9. Vgl. Axel Freiherr von Campenhausen/Heinrich de Wall, Staatskirchenrecht, München 20064.  []
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5 Kommentare
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  1. BlauerBär sagt:

    Zitat: „Anders als in streng laizistisch orientierten Systemen wie in Frankreich oder der Türkei wird Religion in Deutschland nicht als Bedrohung des staatlichen Machtanspruchs wahrgenommen, sondern als mögliche positive Ressource für das Zusammenleben und die gemeinnützige Sinnstiftung. “

    Und das gilt es zu ändern. Frankreich macht es vor. Dort sind in den Schulen beispielsweise Kopftücher verboten – für Schüler. Eine vorbildhafte Haltung im Kampf gegen des vordringende Mittelalter.

  2. Iranopoly sagt:

    unglaublich, wie naiv hier über säkularität berichtet wird. was ist säkularität denn eigentlich, herrn rohe? sagen sie jetzt nicht, es wäre die trennung von staat und kirche, das ist sie nämlich nicht ausschießlich und auch nicht hauptsächlich.

    säkularisierung ist die trennung menschlicher identität mit religiösem. erst daraus wurde im laufe der zeit die trennung zwischen staat und kirche bzw. die trennung zwischen religion und sonstwas abgeleitet.

    ich vermisse vorallem die erklärung, in welchem stein eigentlich gemeißelt steht, dass eine sekulare Ordnung das tollste auf der welt sei. ich kenne es nur von der dollar-note 🙂

    säkularisierung, und da werden ihnen viele chrsten recht gebe, ist religionsfeindlich.

    und man achte: seitdem europa säkular ist, ist es kein deut besser geworden. ganz im gegenteil: man hatte eine neue ideologie geschaffen um weiter zu kolonialisieren, auszubeuten und zu unterdrücken. noch heute gelten nicht-säkulare staaten als feinde unserer so „himanistischen“ ideologie.

    der erste und zweite weltkrieg, vietnam, korea, irak, afghanistan, serbien: alles kriege, die von säkularen staaten gekämpft werden.

    interessant mit anzusehen, wie in den letzten jahren etliche autoren, ganz aufgelöst und in panik, die säkularismus-karte spielen.

    europa hat schon längst seine identität verloren und kommt jetzt mit konzepten von vor 200 jahren. köstlich amüsant.

    PS: allah u akbar 🙂

  3. MoBo sagt:

    Unter „Säkularität“ verbirgt sich meist die Bevormundung der Stammreligion bei gleichzeitiger Benachteiligung aller anderen Religionen. Frankreich kann sich noch so Säkular geben, Fakt ist, das die Gesellschaft durch und durch vom Christentum geprägt ist und dadurch die Säkularisierung implizit das Christentum fördert und andere Religionen stark benachteiligt. Beispiel Deutschland: Kirchen werden als historische Gebäude staatlich unterstützt, man hört viertelstündlich Glockenbimmeln und keiner denkt an „hilfe, die Religiösen übernehmen nächste Woche!“, damit ist es eindeutig ein Privileg der Christen, dass sie so eine Präsenz in einem scheinbar Säkularen Europa haben

    @ BlauerBär: Und das Christentum ist älter als das Mittelalter, es wäre also vormittelalterlich, was sich heute so alles in Europa abspielt. Ganz schön unheimlich, oder?

  4. Iberos sagt:

    Der Artikel ist sympatisch. Er ist allerdings von einem „Westlichen“ geschrieben. Verstehen und Teilen wird ihn nur ein „Westlicher“, ein Europäer.
    Für einen Moslem egal welcher Ausprägung, kann der säkuläre Staat nicht richtig sein, denn er stellt grundlegende Islamische Vorgaben in Frage. Ein Lebenbereich frei von religöser Grundlage? hier prallen divergierende Vorstellungen von Leben aufeinander.
    Islam ist aus Sicht des Westeuropäers nur eine Religion und auf religöse Handlungen beschränkbar, für einen Moslem aber nicht. Islam ist eine Antwort auf alle Fragen des Lebens – er gibt sämtliche Werte von richtig und falsch vor. Wie kann ein Staat, dessen Festlegungen dem widersprechen, richtig sein?
    Islam ist eine Gesellschaftsordnung.
    der Westen ist nicht das perfekte Land. Es gibt Alkoholprobleme, Drogenabhängige, Prostitution, Armut, Ungleichheiten. Der Islam gibt einfache Antworten auf diese komplexen Probleme – und wird als Alternaative zum westlichen Lebensmodell empfunden.

    Das was der Westen als Errungenschaft feiert, wie eben den sekulären Staat, sieht der durchschnittliche Moslem gerade als Problem. Es ist ein völlig anderes Verständnis von Leben und Gesellschaft.
    Der zweite Kommentar gibt mir bereits Recht.



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