MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

Integration im 16:9 Format

Von Döner, Inschallah und Vielfalt auf dem „zweiten“ Arbeitsmarkt

Mein Freund Ömer ist ein jovialer Migrant aus Kreuzberg. Ich habe ihn auf einer Veranstaltung zum Thema Integration, im roten Rathaus kennengelernt. Die neue Freundschaft wollte ich mit einem Döner feierlich begehen. Doch Ömer ist äußerst anspruchsvoll, was einen guten und gesunden Döner anbelangt.

VONMartin Hyun

 Von Döner, Inschallah und Vielfalt auf dem „zweiten“ Arbeitsmarkt
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien im Eb-Verlag Hamburg.

DATUM20. Juni 2011

KOMMENTARE3

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

In seinen Magen lasse er nur Halalfleisch von den Dönerproduktionen Baha und Tadim, sagte Ömer und gestikulierte mit einem mahnenden Zeigefinger in der Luft. Alle anderen seien für ihn Betrüger, versicherte mir Ömer mit einem sehr ernsten Gesicht. Jeden der über 1.500 Dönerbetriebe in Berlin nach der Herkunft des Fleisches zu fragen, erschien mir als extrem heikel. Das Lied vom Tod wollte ich noch nicht spielen. Ömer hatte mir davon erzählt, dass ihn einst kurdische Imbissbesitzer mit Gewalteinfluss hochkant rausschmissen, nachdem er die Herkunft des Fleisches hinterfragte. So bleiben die täglich, über eine Million verkauften Döner, ein gut behütetes Betriebsgeheimnis; genauso wie Currywurstbetreiber aus guten Gründen, die Zutaten ihrer Soße nie verraten würden.

Ich sagte zu Ömer, dass nicht nur die türkischen Imbissbetreiber allergisch auf die Herkunft ihres Produktes reagieren, sondern auch die Menschen, wenn man sie nach ihrem Migrationshintergrund befragt. Er kann die ganze Scheiße mit Migrationshintergrund nicht mehr hören, entgegnete mir Ömer sichtlich genervt. Schließlich habe er einen deutschen Pass und sei in Kreuzberg aufgewachsen und doch begegnet man ihm überall mit türkischer Sprache, vor allem bei den Behörden und den zahlreichen Berufsberatungszentren, als sei man als türkischstämmiger behindert, fügte Ömer noch hastig hinzu. Jedenfalls erschien es uns als förderlicher, die Freundschaft mit einem Haloumi und Ayran zu besiegeln.

Ömer hatte Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität und am Pariser Institut d’Etudes Politiques studiert. Sein Master Abschluss erfolgte vor sieben Jahren. Danach dümpelte er sich durch mehrere unentgeltliche Praktika unterschiedlicher Politikverbände, bis er sich im Superwahljahr 2009 in einer Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigungsmaßnahme, kurz AGH des Jobcenters wiederfand. Das Ziel einer AGH-Maßnahme ist es, Langzeitarbeitslose in den „ersten“ Arbeitsmarkt zu integrieren.

Politikwissenschaftler gäbe es wie Sand am Meer wurde er vom Jobcenter verklagt. Ömer war sich sicher, dass die Politik so kurz vor den Wahlen wieder einmal die Arbeitslosenzahlen beschönigen wollte, indem sie möglichst viele Arbeitslose in irgendwelchen, sinnlosen Maßnahmen steckte, um die Chance auf eine Wiederwahl zu erhöhen. Er sei auf dem harten Boden der Migranten Realität in Deutschland gefallen, sagte Ömer. Doch die Hoffnung wolle er nicht aufgeben und bemühe sich weiterhin mit seinen Bewerbungen, versicherte Ömer und nahm dabei einen großen Schluck Ayran zu sich.

Als Referent im Bundespräsidialamt und im Familienministerium habe er sich vor Kurzem beworben. Bei Letzterem habe er sich sogar anonym bewerben können, beeilte er sich hinzuzufügen. Ich sprach ihm Mut zu. Schließlich konnte ich seine negativen Erfahrungen mit dem ersten Arbeitsmarkt, als hochqualifizierter und zudem männlicher Migrant sehr gut nachvollziehen.

Unsere Diskussion wurde zunehmend politischer. Ich sagte ihm, dass der zweite Arbeitsmarkt vor allem ein Tummelplatz für gut ausgebildete Migranten sei, die man mit AGH-Maßnahmen zum Schweigen bringen möchte. Nur dort ist kulturelle Vielfalt ein Gewinn. Die Bildung, Kenntnisse und Sprachfähigkeiten Ömers sind auf dem zweiten Arbeitsmarkt gefragt. Nicht als Führungsverantwortlicher, sondern als einfache Servicekraft, der seinen türkischen „Landsleuten“ mit Behördenschreiben oder Übersetzungsdiensten bei seinen einheimischen Vorgesetzten unterstützend zur Seite steht.

In der Maßnahme, in die er rein gesteckt wurde, erlebe er kuriose Dinge. Ein einheimischer Kollege, der keinerlei interkulturelle Kompetenzen vorweisen konnte und aus seiner Abneigung gegenüber ausländischen Kunden keinen Hehl machte, ließ sich zu einem Sozialassistenten mit Schwerpunkt Migrationssozialarbeit weiter qualifizieren. Wie viele von den Sarrazin-Jüngern arbeiten noch als Migrationssozialberater, fragte sich Ömer. Darüber gibt es keine Statistiken, versicherte ich ihm und fragte schnell hinterher, ob er die Einberufung des jüngsten Bundesbankchefs Jens Weidmann durch Kanzlerin Merkel mitbekommen habe. Merkel hat in höchsten Tönen von Weidmann geschwärmt, dass er über „höchste Sachkompetenz“ und über einen „brillanten Intellekt“ verfüge.

Ich dachte an Ömer und dass Merkel wohl nie solch Charakter und beruflichen Eigenschaften über irgendeinen qualifizierten Migranten verlieren würde. Vielleicht bei einer Trauerrede als gefallener Bundeswehrsoldat, die vergeblich versuchen die Demokratie am Hindukusch zu verteidigen. Ich habe guten Grund zu dieser Annahme, den über den Tod des wohl bekanntesten Migranten Osama bin Laden freute sich Merkel in aller Öffentlichkeit.

Über Döner, den zweiten Arbeitsmarkt und den neu gekürten Bundesbankchef Weidmann kamen wir auf koreanische Flachbildfernseher zu sprechen. Ömer liebäugelte nämlich damit, einen koreanischen Fernseher zu kaufen. Dabei verzichtete er gänzlich auf die Expertenmeinungen sämtlicher Berliner Elektronikhändler, die wahrscheinlich dafür ein Studium vorweisen können, und nötigte mich dazu, ein Qualitätsurteil abzugeben, von dem er das Kaufen des koreanischen Produktes abhängig machte. Erst hatte ich Bedenken, weil ich von Flachbildfernsehern so viel Ahnung hatte, wie ein Hahn vom Eierlegen, aber Ömer bestach mich mit einer Einladung für ein Mittagsmenü bei einem Vietnamesen meiner Wahl, das sich später als seine Wahl entpuppte. Ömer kannte genau meine Schwachstelle. Denn mit Essen, egal welcher Herkunft kann man mich leicht bestechen.

Letzten Endes hatte ich Ömer empfohlen, das koreanische Produkt zu kaufen. Nun kann man leicht annehmen, dass ich es aus patriotischen Gründen gemacht hätte. Doch dem ist nicht so. Denn dann hätte ich die noch „deutschen“ Unternehmen Medion oder Telefunken angeben müssen. Mein Urteil war absolut wertefrei und basierte einzig auf die Qualität des Produktes und im Vergleich mit meinen heimatlichen Produkten, schnitt der Koreaner schlichtweg besser ab. Kurze Zeit später war Ömer stolzer Besitzer eines koreanischen Samsung Fernsehers.

Nachdem ich einige Tage nichts mehr von Ömer hörte, rief er mich plötzlich an. Er beklagte sich, dass der koreanische Fernseher, den ich ihm angedreht hatte, nur auszuschalten sei, wenn man das Netzteil von der Steckdose rausziehe. Während des Gespräches ließ mich das komische Gefühl nicht los, als machte Ömer mich schuldig für die Misere, so als hätte ich den koreanischen Fernseher mit meinen eigenen Händen gebaut. Ich forderte Ömer auf, den Ort der Herstellung des Fernsehers nachzuprüfen, was er auch sofort tat. „Made in Slovakia“, sagte Ömer in den Telefonhörer. „Da liegt der Wurzel allen Übels! Es sind die äußerlichen Einflüsse!“ scherzte ich mit ihm.

Sein Versprechen hielt Ömer, der mich zu einem Vietnamesen meiner Wahl einlud. Da sich Ömer allerdings nur widerwillig gen Osten aufmacht, begab ich mich in den Westen und zog ihn auf, indem ich ihm sagte, dass die Türkei, so nie in die EU aufgenommen wird, wenn sie die Ostphobie nicht ablegen würde. Beim Treffen wirkte er bedrückt. Bei der Süßsauer-Suppe fing Ömer an, sein Land zu klagen. Er kann es nicht verstehen, dass er mit seinen Qualifikationen nur Ablehnungsbescheide bekäme. Ich entgegnete ihn damit, dass er die Geduld nicht verlieren dürfe und dass seine Zeit gewiss noch kommen werde. „Ich bin am Ende meiner Geduld!“ antwortete Ömer. „Ich kann dich gut verstehen! Auch ich bin am Ende meiner Geduld!“ sagte ich ihm.

Dann kamen wir auf sein Single Leben zu sprechen und das er es satthabe, einsam durch die Häuser zu ziehen. Er sei seit Jahren bereit für die Liebe, doch keine Frau möchte so wirklich mit ihm eine Bindung eingehen. Auch da versuchte ich Ömer zu beruhigen und ermutigte ihn damit, dass das alles seine Zeit brauche und das der Grund allen Übels der Hundekot auf den Straßen sei. Denn anstatt, dass die Frauen Ausschau nach Single-Männern halten, schauen sie lieber auf dem Boden, um den Tretminen auszuweichen. Deswegen ist Berlin die Hauptstadt der Singles, begründete ich meine Theorie.

Ömer fing an zu lachen und antwortete „Ich danke Dir, dass wir uns mit gegenseitigen Lügen versuchen, aufzubauen. Ich meine wir belügen uns gegenseitig, was die Arbeits- und Heiratsmarkt Integration anbelangt!“ „Nein“ entgegnete ich ihm voller Idealismus. „Das wird schon noch alles kommen. Die Arbeit und dann die Liebe oder vielleicht umgekehrt. Alles wird gut!“ fügte ich hinzu. Ömer sagte dann „Wenn der Tag kommt, werden wir mit Freudensprüngen ganz Friedrichshain und Kreuzberg durchqueren. „Inschallah, inschallah“ wiederholte sich Ömer und griff nach der Reisschüssel.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Pete sagt:

    Der 2. Arbeitsmarkt ist tatsächlich zu einem Tummelplatz von Migranten geworden!

  2. Tom sagt:

    Ich kann das nur bestätigen, dass man der türkischen Minderheit die Integration in dem Sinne erschwert, weil man von Supermärkten, bis hin zu Banken und anderen Behörden, die türkische Sprache anbietet.

  3. Fikret sagt:

    @ Tom
    Für die Geschäftsleute ist das shit-egal welche Sprache man spricht. Diese Leute wollen nur Geschäfte machen.Haben Sie noch nicht – business as usual – gehört, Integration interssiert anscheinend nur die Theoretiker. Kein Mensch weiss genau was man darunter verstehen soll. Es ist jedenfalls nicht alles nachmachen , wie eine Papagei. Es gibt tatsächlich so etwas wie Ethno-marketing. Wer das nicht weiss der/ die hat finanzielle Nachteile.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...