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Migration und Integration in Deutschland

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Demnach waren die Arbeitgeber bestrebt, diejenigen ausländischen Arbeitnehmer zu halten, die sich in mehrjähriger Beschäftigung bewährt hatten, zumal bei ihnen die Anpassungs- und hier vor allem die Sprachschwierigkeiten … überwunden waren.

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, 1968

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Smalltalk ist kein Lange-Weile-Wettbewerb!

Muslime sind interessant und witzig. Das wird die Welt aber nie erfahren. Wieso nicht? Weil sie immer nur das Eine wissen will. Was? Das erfahren wir in der neuesten Kolumne von Vykinta Ajami.

VONVykinta Ajami

1978 in Litauen geboren, hat an der Universität Klaipeda (Litauen) und an der Freien Universität Berlin, Germanistik, Linguistik und Arabistik studiert. Schreibt als freie Journalistin und Auslandskorrespondentin für verschiedene Medien und engagiert sich in Berlin für interkulturellen Dialog, Antidiskriminierung und Antirassismus.

DATUM15. Juni 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Sie – Mitte 40, Muslima, trägt Kopftuch. Er – ihr Mann, Muslim. Mit Bart. Während sie den Kuchen schneidet, kommt er in die Küche rein. „Kennt ihr euch?“,- scherze ich – ich weiß ja, sie sind verheiratet. Seit 20 Jahren. „Wie kommst du denn darauf, mir solche jungen, hübschen Frauen vorzustellen?“,- antwortet er. Sie lacht.

Von wegen konservativ! Alles andere als das. Modern, schlagfertig und witzig. Und religiös. Sie beten, wenn andere Rauchpause machen. Statt Wein trinken sie Tee. Sie lachen gern und bringen andere zum Lachen. Sie sind interessant. Das wird die Welt aber nie erfahren. Die Welt möchte immer nur das Eine wissen: „Wo kommen Sie her“? Die Herkunft ist die Frage Nummer eins – fast immer.

Einfallsarm oder nur mainstreamgesteuert?

Sie kommt aus Frankfurt. Er aus Berlin. Religiosität ist keine Herkunft. Das Kopftuch ist kein Anatolien. Und Bart – nicht Afghanistan. Und Smalltalk ist kein Lange-Weile-Wettbewerb. Wo bleibt die Vielfalt? Warum nicht über Wetter, Atomausstieg oder EHEC? Einfallsarm.

Ach ja, das ist kein Smalltalk, sondern der Dialog der Kulturen, wegen dem Kopftuch und dem Bart. Die Frage nach der Herkunft ist also doch mainstreamgesteuert.

Ich werde auch oft nach meiner Herkunft gefragt. Und antworte gerne. Zu antworten ist zwar höflich, in diesem Fall aber doch einfallsarm, weil mainstreamgesteuert. Eines Tages drehe ich den Spieß um und gehe auf meine deutsch-deutschen Bekannten auch mit der Herkunftsfrage zu. Schon eher einfallsreich. Weil umgedreht mainstreamgesteuert.

Wo kommen Sie her? – frage ich überraschend Herrn Müller und Frau Schmidt. Und ernte schiefe Blicke. Es gibt Menschen, für die die Herkunftsfrage zu hören, ein Teil des Alltags ist. So wie für mich, für sie und ihn. Und manche müssen erst eine Weile schweigen, um ihre Herkunft zu rekonstruieren, denn so was hat noch keiner sie gefragt. So wie bei Herr Müller und Frau Schmidt.

Die einen werden durch ihre Herkunft definiert, und andere hingegen werden so behandelt, als ob sie keine hätten. Nach einer Weile des Insichgehens fällt den Meisten ihre Geschichte wieder ein: „Von hier. Aus Deutschland!“. Na also.

Jeder kommt von irgendwo her. Nicht immer nur die Anderen. Und jeder hat viele andere Merkmale. Nicht nur die Hiesigen. Soweit sind wir aber noch nicht. Wir sind noch immer bei dem „wir“ und dem „die Anderen“. Die Anderen. Sie kommen von irgendwo her. Deswegen fragt man sie danach. Und „wir“. Wir sind alles Andere. Deswegen fragt man uns nach allem Anderen. Die Integrationsproblematik höchst persönlich im … Smalltalk. Deren Auswirkung nach Schweregrad persönlich messbar ist: je nach Zahl der Bekanntschaften, deren Namen man nicht kennt, aber man genau weiß, woher sie kommen.

Es lebe die Herkunftsfrage! Wenn es um sie geht. Es lebe der Smalltalk! Wenn es um ihn geht. Es lebe die Integration! … Der Fragen in passende Kontexte.

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