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Russlanddeutsche und ihre Partizipation

Ende der Achtziger, Anfang-Mitte der Neunziger Jahre kam die große Ausreiswelle der Russlanddeutschen aus Sowjetunion nach Deutschland. Die Gründe waren sehr unterschiedlich: Die Einen flüchteten nach Deutschland wegen der wirtschaftlichen Situation in der Sowjetunion, die Anderen versprachen für ihre Kinder in Deutschland bessere Bildungschancen oder man wollte die deutsche Muttersprache nicht vergessen.

Insbesondere der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der damalige Bundesbeauftragter Horst Waffenschmidt haben sich für die Einreise der Russlanddeutschen nach Deutschland eingesetzt. Davon versprach sich die Politik Vorteile: Die jungen Spätaussiedler sollten sich positiv auf die demografische Entwicklung in der Bundesrepublik und auf die Rentenkasse auswirken. Und noch heute zahlen Russlanddeutsche mehr in die Rentenkasse ein, als sie daraus entnehmen.

Aber wie sieht es mit der politischen Partizipation der Russlanddeutschen aus? Ich sage: „Schlecht!” Obwohl in Deutschland ca. 2,6 Millionen Spätaussiedler leben, sind sie in den Entscheidungsgremien kaum vertreten. Das hat unterschiedliche Gründe.

Eines der Gründe ist das Misstrauen der Russlanddeutschen gegenüber der Politik, was auf die Zeiten und die Verfolgung in der Sowjetunion zurückzuführen ist. Ein Anderer ist das Misstrauen der Russlanddeutschen wegen den leeren Versprechungen, die in der Vergangenheit gemacht worden sind.

Ein weiterer Grund ist aber auch die Benachteiligung der Russlanddeutschen in den Parteien. Zwar öffnen sich die bundesdeutschen Parteien gegenüber den Russlanddeutschen, doch ist das politische Desinteresse der Parteien, verantwortungsvolle Aufgaben an die Russlanddeutschen zu übertragen, demotivierend.

Seit einiger Zeit unternehmen große Parteien wie CDU und SPD Anstrengungen, Russlanddeutsche für die Parteien zu gewinnen. Sie gründen Parteiennetzwerke, die extra für Spätaussiedler bestimmt sind. Diese Prozesse entwickeln sich aber nur langsam, da die Russlanddeutschen oft passiv sind und über das politische System in Deutschland nicht gut genug kennen.

Hinzu kommt, dass die Themen der Spätaussiedler sich immer mehr wandeln. Heute interessieren sie sich für den Wohlstand ihrer Familien, sie fragen sich, in welcher Gesellschaft sie leben wollen und welche Bildungschancen ihre Kinder in Deutschland haben. Das sind andere Themen als zu Zeiten von Helmut Kohl.

Hier bedarf es Anstrengungen nicht nur seitens der Aufnahmegesellschaft, sondern auch der Zuwanderer. So wichtig Spätaussiedler für die Gesellschaft auch sind, sie können der Aufnahmegesellschaft keine unrealistischen Forderungen stellen. Sie müssen sich selbst überlegen, was Spätaussiedler heute tatsächlich bewegt.

Um die neuen Themen auszuloten müssen Migrantenselbstorganisationen (MSO) der Spätaussiedler strukturell verändert werden. Das Durchschnittsalter der Vereine muss sinken. Sie müssen mehr in die neuen Partizipationsmethoden und in die Schulung der jungen Generation investieren.

Den Vereinen muss aber auch geholfen werden, sich zu professionalisieren. Das kann einerseits durch gemeinsame Aktivitäten aller Russlanddeutschen MSO’s selbst gelingen und andererseits durch eine gleichmäßige Verteilung von Finanzmitteln zwischen großen und kleinen Vereinen. Derzeit erhalten fast ausschließlich große Organisationen Mittel für ihre Arbeit, die sie nicht einmal effektiv nutzen weil veraltete Strukturen eine bessere Arbeitsqualität nicht zulassen.

Durch eine Umverteilung der Mittel würden auch die kleinen und jungen Vereine eine Chance bekommen, sich und ihre Arbeit zu etablieren. Das würde endlich auch mal die Möglichkeit eröffnen, die MSO’s der Russlanddeutschen in die breite zu ziehen und dynamischer zu gestalten.

Denn je breiter und professioneller die Arbeit dieser Vereine ist, desto größer ist auch der Mobilisierungsfaktor. Die daraus erwachsene gute Arbeitsqualität würde Menschen motivieren, sich mehr einzubringen und mehr politische Verantwortung in den Parteien zu übernehmen.