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Argumente gegen die Extreme

Vom Nutzen und Nachteil der Islamkritik für das Leben

Die Situation ist festgefahren, und mit jedem Beitrag zur Thematik wird es schlimmer: Die sogenannten Islamkritiker und ihre Gegner stehen sich unversöhnlich gegenüber. Es scheint nur ein Entweder-Oder zu geben, ein Für oder Gegen.

VONStefan Weidner

 Vom Nutzen und Nachteil der Islamkritik für das Leben
Geb. 1967; Islamwissenschaftler, Journalist und Übersetzer; er ist Chefredakteur der vom Goethe-Institut auf Arabisch, Persisch und Englisch herausgegebenen Dialogzeitschrift "Art&Thought/Fikrun wa Fann"; Autor von: Manual für den Kampf der Kulturen. Warum der Islam eine Herausforderung ist, Frankfurt/M. 2008. September 2011 erscheint sein neues Buch „Aufbruch in die Vernunft. Islamdebatten und islamische Welt zwischen 9/11 und den arabischen Revolutionen.“ Im Dietz-Verlag.

DATUM9. Juni 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ)

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Die Situation ist festgefahren, und mit jedem Beitrag zur Thematik wird es schlimmer: Die sogenannten Islamkritiker und ihre Gegner stehen sich unversöhnlich gegenüber; ein Dialog, in dem vernünftige Argumente der einen Seite osmotisch auf die andere überwechseln könnten, ist restlos ersetzt durch Konfrontation.

Dieser Eindruck wird durch die Tendenz vor allem in den visuellen Medien verstärkt, die Gäste ihrer Talkshows möglichst antagonistisch auszuwählen, statt an einem Erkenntnisgewinn, einem eventuell zu erreichenden Konsens interessiert zu sein. Die Wahrnehmung verfestigt sich aufgrund der einfachen Selbstorganisation, Vernetzung und Publikationsmöglichkeit interessierter, oft radikaler Gruppen im Internet. Das Gespräch über den Islam wird nicht aus der Mitte heraus geführt, sondern von den Rändern her: Es scheint nur ein Entweder-Oder zu geben, ein Für oder Gegen, bei dem es jeder Seite darum geht, den immer kleiner werdenden, unentschiedenen oder gleichgültigen Teil der Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen.

Diese weitgehend künstliche Bipolarität erzeugt unnötige Spaltungen und vergiftet die Atmosphäre. Auf zahlreichen Vortragsveranstaltungen zur Thematik im ganzen Bundesgebiet erlebe ich regelmäßig, mit welcher Heftigkeit die unterschiedlichen Fraktionen im Publikum aufeinander und manchmal auch auf den Dozenten reagieren. Vor allem aber lässt sich diese Bipolarität nicht aus der Sache selbst, dem Islam und den Muslimen in Europa, begründen.

Jedem nachdenklichen Beobachter sollte klar sein, dass es in Islamfragen auch für Positionen zwischen den Extremen haltbare Gründe geben muss; dass bei einem bloßen Entweder-Oder zwangsläufig bedenkenswerte Aspekte zu kurz kommen müssen; dass eine vernünftige und begründbare Mittelposition (sie muss nicht in der statistischen Mitte der Meinungen selbst liegen) gerade dann vertretbar sein kann, wenn die zentrifugalen Kräfte sie zu diskreditieren suchen. Dieser Beitrag wird dem herrschenden Antagonismus vermutlich nicht entgehen. Der Versuch, Argumente gegen die Extreme zu sammeln, sei dennoch unternommen.

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26 Kommentare
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  1. MoBo sagt:

    Was ich bei den sog. Islamkritikern auch immer interessant finde, ist wie entweder ex-Muslimeals Zeugen der Anklage verwendet werden, als wenn es nicht meist so ist, dass „Aussteiger“ zu den größten Kritikern zählen, die oft sehr emotional und wenig sachlich ins Feld ziehen, z.B. „Ayaan Hirsi Ali“ oder „Ibn Warraq“, oder Leute die längst nichts mehr mit der islamischen Community zu tun haben, wie Necla Kelek.

    Tatsächlich gibt es auch Islamkritiker innerhalb der muslimischen Community. Da diese aber ggf. auch konstruktiv kritisieren und nicht für eine Abschaffung des Islams oder ein Weg-Ekeln der Muslime sind, werden sie von den eher fremdenfeindlich motivierten „Islamkritikern“ gar nicht als solche wahrgenommen. Beispiel: Lamya Kaddor.

  2. Kehrhelm Kröger sagt:

    Auf Seite 4 heißt es

    Im schlimmsten Fall lässt [die Islamkritik] sich als Rechtfertigung zum Mord verstehen.3

    und in der zugehörigen Fußnote:
    Der Mord an der ägyptischen Pharmazeutin Marwa el Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal am 1. Juli 2009 darf als das erste derartige Verbrechen gelten, das sich unmittelbar mit dem islamkritischen Diskurs in Deutschland in Verbindung bringen lässt

    Und was ist mit den Morden an Pim Fortuyn, Theo van Gogh, dem Mordversuch an Kurt Westergaard und den vielen ungezählten unschuldigen Opfern weltweit, die dahingemetzelt worden sind (z.B. eine Nonne in der Türkei)?

    Diese Morde wurden von den Tätern samt und sonders als Rechtfertigung für vorgetragene Islamkritk verstanden, ist dem Autor das denn entgangen?!
    Islamkritiker sind bestialisch von wilden Moslems getötet worden, lange bevor dieser eine, wohl Geisteskranke, innerhalb einer Gerichtsverhandlung eine Moslemin tötete. (Dies ist ein völlig singulärer Einzelfall, so schrecklich er auch ist. Aber etwas Vergleichbares hat es so wohl noch nicht gegeben, zumindest ist dieser Fall ein absoluter Ausnahmefall).

    Dass Herr Weidner diesen Fall als erstes Verbrechen tituliert, das sich aus Islamkritik rechtfertigt und weder Theo van Gogh, Fortuyn, noch die unzähligen Dahingeschlachteten Menschen in Folge der Demonstrationen gegen die Mohammedkarikaturen, sehen will, spricht Bände und gibt der Sache der Islamkritiker wieder Punkte. Genau da liegt nämlich der Hase im Pfeffer: Wer eigentlich Täter und wer Opfer ist, wird auf den Kopf gestellt.

  3. KTL sagt:

    Weidners Artikel ist der schlichte Versuch die Debatte zum Thema zu ersticken. Er stellt fest das die Parteien heftig streiten und es ist ihm unangenehm. Lieber wieder so tun als wäre Einwanderung ein immerwährendes Straßenfest, so wie es jahrzehntelang praktiziert worden ist.

  4. Fikret sagt:

    Man kann alles kritisieren, auch den Islam oder Christentum sowie
    Judentum. Warum nicht? Man sollte jedoch eine Ahnung haben, was man kritisiert. Wenn man Traditionern mit Religionen durcheinander bringt, dann ist einiges faul.

  5. saggse sagt:

    „Wenn man Traditionern mit Religionen durcheinander bringt, dann ist einiges faul.“

    Ja klar – ist ja ganz einfach. Traditionelle Religionsinterpretation und religiöse Traditionen sind ja klar unterscheidbar und haben auf gar keinen Fall etwas mit Islam zu tun. Wenn sich Sunniten, Schiiten, Aleviten,Wahabiten, Ibaditen, Babai, Salafiten, Sufiten, Sofitten, Stalaktiten und Stalagmiten … und wie die Brüder und Schwestern sich nennen mögen, gegenseitig das Leben schwer machen – ist das Tradition oder Religion ? Bemerkenswert ist allerdings, daß z.B. ein dänisches Provinzblatt es fertigbringt, die ganzen große liebe Familie schlagartig unter einen Hut zu bringen.

  6. Leo Brux sagt:

    Frage an die „islamkritischen“ Poster hier im MiGAZIN: Wie steht ihr zu folgender Aussage aus Weidners Essay:

    Wenn die Gefahren des politischen Islams aber so groß sind, wie die Islamkritik behauptet, schiene es doch angeraten, nicht nur Iran, sondern auch Saudi-Arabien, den Hauptförderer der sunnitisch-fundamentalistischen Mission, politisch und wirtschaftlich zu isolieren. Aber wenn es ums Geld geht, setzt auch beim Islamkritiker der Realismus ein: So groß erscheint ihm die Gefahr dann doch nicht, dass ihm ein Benzinpreis von zwei Euro infolge eines Boykotts saudischen Öls politisch vermittelbar wäre.

    Also: Wie soll sich Deutschland gegenüber Saudi-Arabien verhalten? Wie soll sich Deutschland gegenüber den USA verhalten, die die Saudis als ihre engsten und wertvollsten islamischen Verbündeten im Nahen Osten sehen?

    Wollen wir nicht gegen die Saudis, die mit Milliardenbeträgen den salafistischen, radikalsten Islam weltweit zu fördern versuchen, ein Embargo organisieren?

  7. Leo Brux sagt:

    Kehrhelm,
    mal abgesehen davon, dass Pim Fortuyn kein Opfer eines Muslims geworden ist — ich denke, Ihren Hinweis sollte man schon berücksichtigen. Aber im Sinne des Autors, Stefan Weidner. Wollen wir nicht einäugig sein! Wenn wir islamische Verbrechen in unserer westlichen Welt registrieren – sollten wir nicht auch UNSERE Verbrechen in der islamsichen Welt registrieren? Das beginnt mit dem Umgang mit den arabischen Palästinensern, geht weiter zum Beispiel über das, was der Westen im Irak und in Afghanistan angerichtet hat, erfasst die massive Unterstützung arabischer Diktatoren gegen deren eigene Völker. Da kommt einiges an zusammen, und das geht nun eigentlich schon seit 200 Jahren so.

    Wie viele Muslime haben die westlichen Kolonisatoren und imperialen Mächte in den letzten 200 Jahren „dahingeschlachtet“? Das Zahlenverhältnis ist für uns wohl ziemlich peinlich.

    Für den Fall, dass die gegenseitige Aufrechnerei Sie ermüden sollte — könnten wir dann diesen Punkt etwas niedriger hängen? Es besteht ja doch nun für Nichtmuslime im Westen keinerlei Gefahr einer Islamisierung; schon eher umgekehrt, die Muslime, die bei uns leben, werden nach und nach ganz verwestlicht. Ein Vorgang, der sich auch in islamischen Ländern zeigt. Wir könnten also entspannt zuschauen und dem Gang der Geschichte vertrauen.

    Was sagen Sie zu Weidners Saudi-Arabien-Argument?

  8. Oki sagt:

    Leo Brux

    Mit Blick auf die USA kann man sagen das der Anteil von Muslimen an der Bevölkerung deutlich geringer ist als in Europa. Das bedeutet das die USA sich um politischen Islam im eigenen Land weit weniger Sorgen machen müssen als west-europäische Staaten. Daher tritt dieses Problem eher in den Hintergrund und die Versorgungsstabilität mit Öl ist den USA wichtiger. Außerdem wäre der politische Islam durch das Absetzen des Könighauses Saud nicht besiegt, wobei die meisten Mrd nicht vom Königshaus direkt kommen, sondern von reichen Saudis innerhalb der Bevölkerung. Schariaanhänger gibt es zudem überall, auch in Deutschland und in Ägypten werden sie bald an der Macht sein.
    In Europa sind Islamkritiker bislang doch eher selten in Regierungsverantwortung, erst recht mit Blick auf die großen und mächtigen europäischen Staaten die vielleicht etwas verändern könnten. Daher ist der Vorwurf prinzpienloser Realpolitik in Bezug auf Islamkritiker unangebracht.

    Öl ist noch immer das Blut der Weltwirtschaft, ohne das nichts geht. Diesen Fakt kann man auch von heute auf morgen nicht ändern. Solange das so ist wird man nicht um hin kommen auch mit schrecklichen Regimen Ölimportgeschäfte zu tätigen. Eine Energiepolitik weg von fossilen Rohstoffen ist auch aus diesem Grund langfristig sinvoll.
    Mein Fazit, Islamkritker sollten sich auf die Problemlösung im eigenen Land konzentrieren, denn es steht letzlich auch keinem Land zu sich in die inneren Angelegeneheiten eines anderen Landes einzumischen.

  9. Leo Brux sagt:

    Oki,
    Öl aus Saudi-Arabien zu importieren ist das eine – mit der Regierung der Saudis enge freundschaftliche Beziehungen zu pflegen, wie es die USA tun, ein anderes. Die USA stützen das Regime, und Europa hilft dabei mit, obwohl es doch sooo gefährdet ist durch dieses Regime!

    Sollten die USA, wenn Europa die Islamisierung droht, nicht auch nervös werden? Man hat nicht den Eindruck, dass die amerikanische oder die europäischen Regierungen in dem Punkt irgendwelche Befürchtungen hätten. Auch von Wilders oder Le Pen und den anderen Rechtspopulisten kenne ich keine außenpolitischen Richtlinien, die sich mit Saudi-Arabien auch nur beschäftigen. (Vielleicht gibt es die, aber man hört nichts davon?)

    Da muss ich schon sagen: Ganz schön leichtsinnig – WENN es die Islamisierungsgefahr gibt! Dann muss man doch die islamischen Länder allesamt so behandeln, wie man vor 1990 den Ostblock behandelt hat: als gefährlichen Gegner.

    Zur Problemlösung im eigenen Land:

    Aus anderen Gründen als Sie finde ich es natürlich richtig, dass man so weitgehend und schnell wie möglich die Öl- und Benzinwirtschaft schrumpfen lässt. ABER: Gehört das zum Programm der rechtspopulistischen Parteien – DIE FREIHEIT oder PRO NRW oder Geert Wilders „Partei“? Oder der FPÖ oder FN oder Lega Nord etc.? – Eigentlich nicht, soweit ich weiß.

    Nebenbemerkung zu Ägypten: Das Land hatte unter Mubarrak das Scharia-Recht. Das hat den Westen nicht sonderlich gestört … Es war doch Teil des Regimes eines treuen Verbündeten …

    Fazit: WENN die Gefahr der Islamisierung bestehen sollte, dann brauchen die Rechtspopulisten ein außenpolitisches Programm, das dieser Gefahr Rechnung trägt. Allein von innen her können die relativ wenigen und machtlosen Muslime nicht viel erreichen. Nur die Ölmilliarden hätten da vielleicht gewisse Wirkungen, oder das Öl-Erpressungs-Potential.

    Witzig: Es stehe keinem Land zu, sich in ein anderes einzumischen! Das heißt dann, die Islamisten wollen die Welt islamisieren — aber sie mischen sich nicht bei uns ein? Und wenn sie sich bei uns aggressiv einmischen, um uns zu islamisieren, dann dürfen wir uns trotzdem nicht bei ihnen einmischen?

    Vermutlich werden Sie zugeben, dass sich die islamischen Länder bei uns nicht einmischen. Die Islamisierung muss also von den inländischen Muslimen ganz allein vorangetrieben werden.

    Es täte mich natürlich auch interessieren, wie sich denn eine Islamisierung Deutschlands Ihrer Meinung nach abspielen könnte, Oki. Ich meine, wie die Islamisten bei uns die Parlamente, Gerichte, Verwaltungen, die Polizei und das Militär, die großen Firmen, die Mainstream-Medien und wo sonst noch politische Macht steckt, erobern könnten. Bisher schaut es doch eher so aus, dass die Muslime noch sehr viel weniger Macht haben, als ihrem Bevölkerungsanteil von 5% entspräche. (Der eigentlich eher unter 4% liegt, denn bei den 5% sind ja alle eingerechnet, auch die agnostischen Herkunftsmuslime, liberale Muslime, Aleviten – also diejenigen, die Sie wohl nicht meinen bezüglich der Islamisierung.)

  10. Maimuni sagt:

    Das Beste wären Alternativen zum Öl.
    Viel naheliegender wäre – was in absehbarer Zukunft auch passieren wird, davon gehe ich aus – eine grundsätzliche Untersuchung, ob Strömungen wie der Wahabismus u.a. überhaupt von Art. 4 GG gedeckt sind, ob es also überhaupt „Religionen“ im herkömmlichen Sinne sind. Ich hege da gewisse Zweifel. Letztlich kann es keinen Unterschied machen, ob man zu Hass und Selektion von „Rassen“ oder aber „Ungläubigen“ aufruft, nur weil die einen sich dabei auf Gott beziehen.


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