MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006
Anzeige

Ein Fremdwoerterbuch

Im Land der Tarnkappen

Wir laufen durch das staubige Kairo. Die Sonne knallt und es tummeln sich Tausende von Menschen auf den Straßen der größten Metropole Afrikas. „Ah, kuck mal hier!“, rufe ich, „Schau mal dort!“ und zupfe am Hemd meines Mannes.

VONKübra Gümüşay

 Im Land der Tarnkappen
Kübra Gümüşay, 22, ist Kolumnistin bei der taz, schreibt als freie Journalistin für verschiedene Publikationen und betreibt den Blog ein-fremdwoer- terbuch.com. Sie studiert Politikwissenschaften in Hamburg und zuvor an der SOAS in London. Kübra ist Gründungsmitglied von Zahnräder, einem Netzwerk von engagierten und aktiven Muslimen in Deutschland.

DATUM9. Juni 2011

KOMMENTARE5

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung taz

SCHLAGWÖRTER , , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Meine Kamera baumelt heute nutzlos an meinem Arm, ich möchte mich einfach nur sattsehen an dieser Stadt. Es ist laut und bunt. Die hupenden, ratternden und brummenden Autos geben dieser Stadt ihr Geräusch. Die vielen Frauen hingegen geben der Stadt ihre Farbe.

Einige ohne Kopftuch, viele aber mit. Manche tragen ihr Kopftuch ganz unscheinbar, natürlich und huschen mit dicken Büchern unter dem Arm durch die Menge, andere steigen von oben bis unten schwarz verschleiert aus dicken Wagen und wandern direkt ins vollklimatisierte Pizza Hut; und wieder andere stolzieren mit glitzerndem Kopftuch, knackengen Jeans, Gucci-Brille und hohen Absätzen durch die Menge. Und das sind nur die Archetypen. Es geht noch viel bunter zu.

Bei einem Telefonshop machen wir Halt, um SIM-Karten zu kaufen. Mit meinem bisschen Hocharabisch komme ich hier nicht weit, deshalb überlasse ich den Einkauf meinem Mann und seinem Freund – und widme mich dem Laden. Genauer gesagt den Werbeplakaten an den Wänden und den Musikclips im Fernseher. Ein großer Mobilfunkanbieter wirbt für einen neuen Vertrag – das Plakat ist vollgepackt mit lachenden, jungen und alten Ägyptern. Aber keine einzige Frau mit Kopftuch.

Im Fernsehen läuft derweil ein Musikvideo über die ägyptische Revolution. Es wird eine bunte Mischung ägyptischer Gesichter gezeigt, nur keines mit Tuch darum. Und auch in den Serien und Nachrichten, das gleiche Spiel. Es ist fast so, als würden koptuchtragende Frauen in Ägypten gar nicht existieren.

Paradox, find ich. Ausgerechnet in einem Land, wo doch knapp 80 Prozent der Frauen das Kopftuch tragen. Und mit dem Islam als Staatsreligion. Dann wiederum finde ich das doch nicht so paradox. Läuft es doch in der Türkei genauso ab.

Auf der Straße herrscht Tohuwabohu. Kopftuch, kein Kopftuch, Glatze und Bart. Schaut man aber populäres türkisches Fernsehen, könnte man in dem Glauben sterben, alle Türkinnen liefen in kurzen Röckchen, grell geschminkt und auf allerhöchsten Absätzen durch die Welt. Weder im Kino oder im Fernsehen, noch in Werbung oder Serien findet man Kopftuchträgerinnen, so als gäbe es sie gar nicht. Und kaum einen scheint es zu stören. Nicht einmal Kopftuchträgerinnen selber, die die Serien oftmals eifrig mitverfolgen.

Später erfahre ich von einer Debatte, die vor Jahren in Ägypten kochte. Einige prominente Schauspielerinnen und TV-Moderatorinnen entschieden sich für das Kopftuch. Und wurden gefeuert. Sie bekamen auch künftig keine nennenswerten Aufträge mehr. Die betroffenen Frauen gingen damit an die Öffentlichkeit. Geändert hat sich aber scheinbar nichts.

„After the Revolution“, sagen die Ägypter, die ich darauf anspreche. Jetzt hätten sie ja schließlich Meinungsfreiheit, betonen sie und fügen hinzu: „Insh Allah“ – so Gott will.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

5 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Fikret sagt:

    Nicht alle Türkinnen laufen in kurzen Röckchen, Nicht alle Türkinnen tragen ein Kopfuch. Nicht alle Türkinnen sind gläubig… Was ist denn dabei? Mich regt gar nichts auf. Jeder Mensch ist in dieser Sache frei. Meine Meinung:
    Ich mag die Kopftücher nicht. Vor der Pubertät ist das keine freie Entscheidung (wenn es auch religiös begründet erscheint, die Begründung ist nicht wahr. Die Interpretation ist falsch!)

  2. KTL sagt:

    Tun wir heute mal wieder so als wäre das Kopftuch eine singuläre Erscheinung und hätte nichts zu tun mit einem ganzen Moralsystem in dem für Frauen andere Regeln gelten als für Männer?
    Und zu Kairo: Mit dem bißchen pro-westlicher Propaganda machen die Ägypter kurzen Prozess ‚after the revolution‘. Und nicht nur damit wahrscheinlich. Gümüsay freut sich schon auf die kommende ‚Meinungsfreiheit‘, wir werden’s verfolgen.

  3. Iranopoly sagt:

    Kübra,

    danke für ihren artikel. sie haben uns sehr schön die pro-westliche medienpropaganda vor augen geführt, die es leider nicht nur in ägypten sondern auch noch in der türkei gibt.

    leider sind in genannten ländern gewisse eliten immer noch der meinung, frauen müssten so freizügig und westlich wie möglich in den medien präsentiert werden.

  4. KTL sagt:

    @ Iranopoly
    Können Sie es auch nicht abwarten daß sich die Gepflogenheiten der Medienwelt dem Repressionsapparat dieser Gesellschaften angleichen?

  5. Iranopoly sagt:

    @KTL

    sie haben wohl überlesen, dass 80% der ägyptischen frauen das kopftuch tragen. sind diese 80% der repressionsapparat den sie meinen oder wohl eher die mehrheit der frauen, die adequat von den medien repräsentiert werden möchte?

    zu kübras äußerungen, man mag anhand des türkischen fernsehens denken, in der türkei liefen alle frauen mit miniröcken rum, eine kleine anekdote:

    wenn im iran eine frau zu aufgetackelt erscheint (ob in der öffentlichkeit oder im privaten ohne hijab), dann sagt man unter anderem zur belustigung, sie sehe so aus als ob sie zum türkischen fernsehen gehe. 🙂



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...