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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Die typisch Deutschen

Antipathie als verstecktes Kompliment

Von einem, der eigentlich keine Ahnung hat, wie es, ist als Angehöriger der so genannten „People of Color“ in Deutschland alltägliche Einschränkungen und Benachteiligungen zu erfahren.

VONMax Pöppel

 Antipathie als verstecktes Kompliment
Jahrgang 1982, lebt und arbeitet in Berlin; ist Gründung- und Vorstandsmitglied von „Typisch Deutsch e.V.“; hat u.a. in Spanien Auslandserfahrung gesammelt und zuvor an diversen internationalen Projektfahrten teilgenommen; opferte u. opfert viel Freizeit für ehrenamtliches Engagement, sieht sich selbst als Hauptstadtoriginal mit der bekannten „Berliner Schnauze“ und definiert sich gleichermaßen als Patriot und Internationalist.

DATUM8. Juni 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Insofern stellt sich zuerst einmal berechtigterweise die Frage, warum „so einer“ sich an dieser Stelle äußert. Ich bin aktives und äußerst motiviertes Gründungs- sowie Vorstandsmitglied im Verein Typisch Deutsch e.V.. Wir bemühen uns um das Zusammenleben der verschiedensten Persönlichkeiten, Herkünfte und Charaktere, positive Ansätze zu fördern und die Diskussion progressiv zu beleben.

Um zu erklären, warum trotz des positiven und progressiven Ansatzes unseres Vereins es eine doch eher streitbare Formulierung in meine Überschrift geschafft hat, möchte ich euch gerne einiges erläutern.

Als eigentlich Zugehöriger zur so genannten deutschen „Mehrheitsgesellschaft“ fand ich mich im Laufe meines noch jungen Lebens viel zu oft in einer Minderheitensituation wieder. Ich war „Ossi“! Das sagte nicht ich, sondern es taten andere. Ich selbst empfand mich aber als Friedrichshainer, als Berliner, UND JA, vor allem als Deutscher! Und zwar ganz ohne „Ost“, jedenfalls nicht im politischen Sinne. Die gängigen Vorwürfe und Vorurteile sind euch wahrscheinlich geläufig.

Ossis sind faul, meckern den lieben langen Tag „das System sei schuld“ und „an uns liegt es nicht“, sie tragen nichts zum Bruttosozialprodukt bei, denn sie kassieren nur Arbeitslosengeld, sie sprechen schlechtes Deutsch und wollen sich nicht (an den kapitalistischen Westen) anpassen, sie laufen ständig nackt an Stränden rum, sie kleiden sich geschmacklos und haben noch nichts von der Welt gesehen.Fällt etwas auf? Bis auf das FKK-Thema decken sich doch die Vorwürfe mit denen in Richtung „der Ausländer“. Achtung interessante Parallele!

Aber wenn es nur der „Ossi“ gewesen wäre, der als böser Geist in mir wohnte.

Politik
In meiner Jugend bekannte ich mich zum „nicht links sein“, das heißt zu einer Art Nichtunterstützung linker Lebens- und Gedankenwelten. Dadurch wurde ich an meiner Schule für Einige zum Feindbild in Rekordgeschwindigkeit. „Jung und nicht links? Der hat kein Herz!“

Eines Tages erboste ich mir Freude über die Beseitigung des Taliban-Jochs in Afghanistan zu zeigen. Die wiedergewonnene Freiheit der Afghanen bejubelnd, schrieb ich darüber auch noch frecherweise in der Schülerzeitung. Fortan war ich ein „US-Imperialist“, ein De-Facto-Außenseiter mit Uncle Sam-Brandmarkung auf der Stirn.

Glaube
Im überwiegend heidnischen Osten schickt es nicht, evangelischer Christ zu sein. Das wird skeptisch beäugt und ab und zu wird man etwas a la „Eben ein bisschen weltfremd der Gute!“ belächelt.

In der Klasse wurden drei Schüler (inklusive mir) konfirmiert, der Rest feierte den Ersatz-Ritus der Nichtgläubigen namens „Jugendweihe“. Dieses Nachmachen kam mir damals zu einfach und irgendwie suspekt vor. Selbstverständlich artikulierte der freche Max dies und schon war ich wieder Minderheit.

Sport
Das vielleicht unbrisanteste aller bisherigen Themen, wäre der Fußball. Outest man sich als Bayern-Fan, hat man zwar automatisch ein paar „Freunde“, aber der Rest verachtet dich zwangsläufig.

„Kein wahres Fußball-Herz“ hätte ich, „Erfolgsfan“ und „arrogant wie alle Bayern-Schweine“ sei ich und, und, und … Es ist immer wieder schön zu bemerken, wie viel Freude man mit Bekenntnissen solcher Art auslöst. Dabei kann ich allen versichern, meine Liebe zu „den Roten“ gilt exklusiv im Bereich des Fußballs.

Eine berechtigte Frage stellt sich nach den ersten Absätzen. Wozu quäle ich euch mit so vielen Anekdoten aus meiner Vergangenheit? Klingt das nicht alles lächerlich im Vergleich zu den bereits oben genannten, häufig beklagten Alltagsdiskriminierungen der „People of Color“.

Wenn man Color einmal ins Französische übersetz, sodass es zu „Couleur“ wird und dann ein deutsches Sprichwort hinzunimmt, so erhält diese Bezeichnung eine völlig neue Bedeutung.

Menschen, Typen, Charaktere „verschiedener Couleurs“ werden nicht ausschließlich durch Hautfarbe, Herkunft, besonderem Aussehen etc. charakterisiert, sondern unter anderem durch persönliche Einstellungen, Vorlieben, Handlungsweisen usw. – so jedenfalls nach meinem Verständnis. Ich kann euch an dieser Stelle sagen: Ja, viele Reaktionen auf meine Person haben mich damals gekränkt, gar persönlich getroffen. Ich habe mich ungerecht behandelt und gar ausgestoßen gefühlt. Man wird wegen seiner Überzeugungen, Leidenschaften und Zugehörigkeiten meistens aus niederen Motiven angegriffen und in eine Ecke gestellt. Letztendlich läuft dies fast aufs Selbe heraus, dennoch weiß ich um die besondere Kränkung durch Diskriminierung aufgrund seiner Herkunft.

Was waren die Lehren aus den mir persönlichen widerfahrenen Diskriminierungen? Ausgestattet mit einem gewissen Selbstbewusstsein steckte ich das Meiste einfach weg und ging meinen Weg unbeirrt weiter.

Warum sollte ich auch einfach meinen Glauben ablegen oder den Verein wechseln? Mitnichten! Prinzipientreue und ein innerer roter Faden sind feste Bestandteile meiner Persönlichkeit. Begegne dem anderen mit Respekt, Offenheit aber auch Klarheit und du wirst diese auch wieder zurückbekommen. Was ist jedoch die Moral von der Geschichte? Welche Schlüsse kann man ziehen?

Letzten Endes muss dies jeder für sich selbst beantworten. Blaupausen oder Guidelines gibt es im Leben nicht. Meine Botschaft ist dennoch: Lasst euch nicht beirren! Glaubt an eure Chance und eine Zukunft – für euch, für andere, für dieses Land. Es wird immer Menschen geben, die euch nicht mögen, weil ihr eben seid, wie ihr seid. Und das ist gut so! Denn Antipathie ist oftmals ein verstecktes Kompliment. „Viel Feind, viel Ehr“ macht zwar nicht immer Freude, hilft aber, das ein oder andere Mal sich persönlich weiter zu entwickeln.

Deutschland kann und muss gestaltet werden, am besten von uns allen zusammen. Von all denjenigen, die wollen, dass unsere Kinder und deren Kinder in einem ähnlich schönen oder vielleicht noch schönerem Land leben. Reagiert auf Ablehnung nicht mit weiterer Ablehnung und ihr werdet die auch die trübsten Geister irgendwann erhellen, auch das sagt (indirekt) die christliche Botschaft. Wir leben in einem schönen Land mit vielfältigen Persönlichkeiten. Lasst es uns gemeinsam noch schöner machen.

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Ein Kommentar
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  1. MoBo sagt:

    Grundsätzlich ein sympathischer Artikel, nur darf man nicht vergessen, dass „People of Color“ zu jedem Zeitpunkt außerhalb der eigenen vier Wände Diskriminierung ausgesetzt sind, während die Eigenschaft „Bayern Fan“ oder „Evangelisch“ doch eher selten wahrgenommen wird, von Schulerfahrungen einmal ausgenommen (aber die sind auch nur temporärer Natur).



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